Gylfaginnîng - Gylfis Verblendung

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Übersetzung von Karl Joseph Simrock

 

 

22.

Da sprach Gangleri: Ich möchte auch von den andern Asen Kunde hören. Har sprach: Odhins anderer Sohn ist Baldur. Von ihm ist nur Gutes zu sagen: es ist der beste und wird von allen gelobt. Er ist so schön von Antlitz und so glänzend, daß ein Schein von ihm ausgeht. Ein Kraut ist so licht, daß es mit Baldurs Augenbrauen verglichen wird, es ist das lichteste aller Kräuter: davon magst du auf die Schönheit seines Haars sowohl als seines Leibes schließen. Er ist der weiseste, beredteste und mildeste von allen Asen. Er hat die Eigenschaft, daß Niemand seine Urtheile schelten kann. Er bewohnt im Himmel die Stätte, welche Breidablick heißt. Da wird nichts unreines geduldet, wie hier gesagt wird:

Die siebente ist Breidablick, da hat Baldur sich
Die Halle erhöht
In jener Gegend, wo ich der Greuel
Die wenigsten lauschen weiß.
23.

Der dritte Ase ist Niördr genannt, er bewohnt im Himmel die Stätte, welche Noatun heißt. Er beherscht den Gang des Windes und stillt Meer und Feuer; ihn ruft man zur See und bei der Fischerei an. Er ist so reich und vermögend, daß er allen, welche ihn darum anrufen, Gut, liegendes sowohl als fahrendes, gewähren mag. Er ward in Wanaheim erzogen, und die Wanen gaben ihn den Göttern zum Geisel und nahmen dafür von den Asen zum Geisel den Hönir: so verglichen sich durch ihn die Götter mit den Wanen. Niörds Frau heißt Skadhi und ist die Tochter des Riesen Thiassi. Skadi wollte wohnen, wo ihr Vater gewohnt hatte, nämlich auf den Felsen in Thrymheim; aber Niördr wollte sich bei der See aufhalten. Da verglichen sie sich dahin, daß sie neun Nächte in Thrymheim und dann andere neun (drei) in Noatun sein wollten. Aber da Niördr von den Bergen nach Noatun zurück kam, sang er:

Leid sind mir die Berge; nicht lange war ich dort,
Nur neun Nächte.
Der Wölfe Heulen dauchte mich widrig
Gegen der Schwäne Singen.

Aber Skadi sang:

Nicht schlafen konnt ich am Ufer der See
Vor der Vögel Lärm;
Da weckte mich vom Waßer kommend
Jeden Morgen die Möve.

Da zog Skadi nach den Bergen und wohnte in Thrymheim. Da jagt sie oft auf Schrittschuhen mit ihrem Bogen nach Thieren. Sie heißt (nach den Schrittschuhen) Öndurdis. Von ihr heißt es:

Thrymheim heißt die sechste, wo Thiassi hauste,
Jener mächtige Jote;
Nun bewohnt Skadi, die scheue Götterbraut,
Des Vaters alte Veste.
24.

Niörd in Noatun zeugte seitdem zwei Kinder. Der Sohn hieß Freyr und die Tochter Freyja. Sie waren schön von Antlitz und mächtig. Freyr ist der trefflichste unter den Asen. Er herscht über Regen und Sonnenschein und das Wachstum der Erde und ihn soll man anrufen um Fruchtbarkeit und Frieden. Freyja ist die herlichste der Asinnen. Sie hat die Wohnung im Himmel, die Folkwang heißt und wenn sie zum Kampfe zieht, gehört die Hälfte der Gefallenen ihr und die Hälfte Odhin, wie hier gesagt ist:

Folkwang ist die neunte: da hat Freyja Gewalt
Die Sitze zu ordnen im Saal.
Der Walstatt Hälfte hat sie täglich zu wählen;
Odhin hat die andre Hälfte.

Ihr Saal Sessrumnir ist groß und schön. Wenn sie ausfährt, sind zwei Katzen vor ihren Wagen gespannt. Sie ist denen gewogen, welche sie anrufen und von ihr hat der Ehrenname den Ursprung, daß man vornehme Weiber Frauen nennt. Sie liebt den Minnesang und es ist gut, sie in Liebessachen anzurufen.

25.

Da sprach Gangleri: Groß scheint mir die Macht dieser Asen und nicht zu verwundern ist es, daß so viel Gewalt euch beiwohnt, da ihr so gute Kunde habt von den Göttern und wißt, wen von ihnen man in jedem Falle anzurufen hat. Sind aber nicht noch mehr Götter? Har versetzte: Da ist noch ein Ase, der Tyr heißt. Er ist sehr kühn und muthig und herscht über den Sieg im Kriege: darum ist es gut, daß Kriegsmänner ihn anrufen. Wer kühner ist als Andere und vor nichts sich scheut, von dem sagt man sprichwörtlich, er sei tapfer wie Tyr. Er ist auch so weise, daß man von Klugen sagt, sie seien weise wie Tyr. Ein Beweis seiner Kühnheit ist dieß: Als die Asen den Fenriswolf überredeten, sich mit dem Bande Gleipnir binden zu laßen, traute er ihnen nicht, daß sie ihn wieder lösen würden, bis sie zum Unterpfande Tyrs Hand in seinen Mund legten. Und als die Asen ihn nicht wieder lösen wollten, biß er ihm die Hand an der Stelle ab, die nun Wolfsglied heißt. Seitdem ist Tyr einhändig, gilt aber den Menschen nicht für einen Friedensstifter.

26.

Ein anderer Ase heißt Bragi. Er ist berühmt durch Beredsamkeit und Wortfertigkeit und sehr geschickt in der Skaldenkunst, die nach ihm Bragur genannt wird, sowie auch diejenigen nach seinem Namen Bragurleute heißen, die redefertiger sind als andere Männer und Frauen. Seine Frau heißt Idun: sie verwahrt in einem Gefäße die Äpfel, welche die Götter genießen sollen wenn sie altern, denn sie werden alle jung davon, und das mag währen bis zur Götterdämmerung. Da sprach Gangleri: Mich dünkt die Götter haben der Treue und Sorgsamkeit Iduns große Dinge anvertraut. Da sprach Har und lächelte: Beinahe wäre es einsmals schlimm damit ergangen: ich könnte dir davon wohl erzählen; aber du sollst erst die Namen der andern Asen hören.

27.

Heimdall heißt einer, der auch der weiße As genannt wird. Er ist groß und hehr und von neun Mädchen, die Schwestern waren, geboren. Er heißt auch Hallinskidi und Gullintanni, weil seine Zähne von Gold sind. Sein Pferd heißt Gulltopp. Er wohnt auf Himinbiörg bei Bifröst. Er ist der Wächter der Götter und wohnt dort an des Himmels Ende, um die Brücke vor den Bergriesen zu bewahren. Er bedarf weniger Schlaf als ein Vogel und sieht sowohl bei Nacht als bei Tag hundert Rasten weit; er hört auch das Gras in der Erde und die Wolle auf den Schafen wachsen, mithin auch Alles was einen stärkern Laut giebt. Er hat eine Trompete, die Giallarhorn heißt und bläst er hinein, so wird es in allen Welten gehört. Heimdalls Schwert heißt Haupt. Von ihm heißt es:

Himinbiörg ist die achte, wo Heimdall soll
Der Weihestatt walten.
Der Götterwächter schlürft in schöner Wohnung
Selig den süßen Meth.

Auch sagt er selbst in Heimdalls Gesang:
Ich bin neun Mütter Sohn und von neun Schwestern geboren.
28.

Hödur heißt Einer der Asen. Er ist blind, aber sehr stark, und möchten die Götter wohl wünschen, daß sie seinen Namen nicht nennen dürften, denn nur allzulange wird seiner Hände Werk Göttern und Menschen im Gedächtniss bleiben.

29.

Widar heißt einer, der auch der schweigende Ase genannt wird. Er hat einen dicken Schuh, und ist der stärkste nach Thor. Auf ihn vertrauen die Götter in allen Gefahren.

30.

Ali oder Wali heißt Einer der Asen, Odhins Sohn und der Rinda. Er ist kühn in der Schlacht und ein guter Schütze.

31.

Uller heißt ein Ase, Sohn der Sif und Thors Stiefsohn. Er ist ein so guter Bogenschütze und Schrittschuhläufer, daß Niemand sich mit ihm meßen kann. Er ist schön von Angesicht und kriegerisch von Gestalt. Bei Zweikämpfen soll man ihn anrufen.

32.

Forseti heißt der Sohn Baldurs und der Nanna, der Tochter Neps. Er hat im Himmel den Saal, der Glitnir heißt, und alle, die sich in Rechtsstreitigkeiten an ihn wenden, gehen verglichen nach Hause. Das ist der beste Richterstuhl für Götter und Menschen. Es heißt von ihm:

Glitnir ist die zehnte: auf goldnen Säulen ruht
Des Saales Silberdach.
Da thront Forseti den langen Tag
Und schlichtet allen Streit.
33.

Noch zählt man Einen zu den Asen, den Einige den Verlästerer der Götter, den Anstifter alles Betrugs, und die Schande der Götter und Menschen nennen. Sein Name ist Loki oder Loptr, und sein Vater der Riese Farbauti; seine Mutter heißt Laufey oder Nal; seine Brüder sind Bileistr und Helblindi. Loki ist schmuck und schön von Gestalt, aber bös von Gemüth und sehr unbeständig. Er übertrifft alle andern in Schlauheit und jeder Art von Betrug. Er brachte die Asen in manche Verlegenheit; doch half er ihnen oft auch durch seine Klugheit wieder heraus. Seine Frau heißt Sigyn, und deren Sohn Nari oder Narwi.

34.

Loki hatte noch andere Kinder. Angurboda hieß ein Riesenweib in Jötunheim: mit der zeugte Loki drei Kinder: das erste war der Fenriswolf, das andere Jörmungandr, d. i. die Midgardschlange, das dritte war Hel. Als aber die Götter erfuhren, daß diese drei Geschwister in Jötunheim erzogen würden, und durch Weißagung erkannten, daß ihnen von diesen Geschwistern Verrath und großes Unheil bevorstehe, indem sie Böses von Mutter-, aber noch Schlimmeres von Vaterswegen von ihnen erwarten zu müßen glaubten, schickte Allvater die Götter, daß sie diese Kinder nähmen und zu ihm brächten. Als sie aber zu ihm kamen, warf er die Schlange in die tiefe See, welche alle Länder umgiebt, wo die Schlange zu solcher Größe erwuchs, daß sie mitten im Meer um alle Länder liegt und sich in den Schwanz beißt. Die Hel aber warf er hinab nach Niflheim und gab ihr Gewalt über neun Welten, daß sie denen Wohnungen anwiese, die zu ihr gesendet würden: solchen nämlich, die vor Alter oder an Krankheiten starben. Sie hat da eine große Wohnstätte; das Gehege umher ist außerordentlich hoch und mit mächtigen Gittern verwahrt. Ihr Saal heißt Elend, Hunger ihre Schüßel, Gier ihr Meßer, Träg (Ganglat) ihr Knecht, Langsam (Ganglöt) ihre Magd, Einsturz ihre Schwelle, ihr Bette Kümmerniss und ihr Vorhang dräuendes Unheil. Sie ist halb schwarz, halb menschenfarbig, also kenntlich genug durch grimmiges, furchtbares Aussehen.
Den Wolf erzogen die Götter bei sich und Tyr allein hatte den Muth zu ihm zu gehen und ihm zu Eßen zu geben. Und als die Götter sahen, wie sehr er jeden Tag wuchs, und alle Vorhersagungen meldeten, daß er zu ihrem Verderben bestimmt sei, da faßten die Asen den Beschluß, eine sehr starke Feßel zu machen, welche sie Läding (Leuthing) hießen. Die brachten sie dem Wolf und baten ihn, seine Kraft an der Kette zu versuchen. Der Wolf hielt das Band nicht für überstark und ließ sie damit machen was sie wollten. Aber das erstemal, daß der Wolf sich streckte, brach das Band und er war frei von Läding. Darauf machten die Asen eine andere noch halbmal stärkere Feßel, die sie Droma nannten. Sie baten den Wolf, auch diese Kette zu versuchen, und sagten, er würde seiner Kraft wegen sehr berühmt werden, wenn ein so starkes Geschmeide ihn nicht halten könnte. Der Wolf bedachte, daß dieses Band viel stärker sei, daß aber auch seine Kraft gewachsen seit er das Band Läding gebrochen hatte; zugleich erwog er, daß er sich entschließen müße einige Gefahr zu bestehen, wenn er berühmt werden wolle. Er ließ sich also das Band anlegen. Als die Asen damit fertig waren, schüttelte sich der Wolf und reckte sich und schlug das Band an den Boden, daß die Stücke weit davon flogen. So brach er sich los von Droma. Das ward hernach sprichwörtlich, sich aus Läding zu lösen, oder aus Droma zu befreien, wenn von einer schwierigen Sache die Rede ist. Darnach fürchteten die Asen, daß sie den Wolf nicht würden binden können. Da schickte Allvater den Jüngling Skirnir genannt, der Freys Diener war, zu einigen Zwergen in Schwarzalfenheim, und ließ das Band Gleipnir verfertigen. Dieß war aus sechserlei Dingen gemacht: aus dem Schall des Katzentritts, dem Bart der Weiber, den Wurzeln der Berge, den Sehnen der Bären, der Stimme der Fische und dem Speichel der Vögel. Hast du auch diese Geschichte nie gehört, so magst du doch bald befinden, daß sie wahr ist und wir dir nicht lügen, denn da du wohl bemerkt hast, daß die Frauen keinen Bart, die Berge keine Wurzeln haben und der Katzentritt keinen Schall giebt, so magst du mir wohl glauben, daß das Übrige eben so wahr ist, was ich dir gesagt habe, wenn du auch von einigen dieser Dinge keine Erfahrung hast. Da sprach Gangleri: An den Dingen, die du zum Beispiel anführst, kann ich allerdings die Wahrheit erkennen; aber wie war das Band beschaffen? Har antwortete: Das kann ich dir wohl sagen: das Band war schlicht und weich wie ein Seidenband und so stark und fest wie du sogleich hören sollst. Als das Band den Asen gebracht wurde, dankten sie dem Boten für das wohl verrichtete Geschäft und fuhren dann auf die Insel Lyngwi im See Amswartnir, riefen den Wolf herbei, zeigten ihm das Seidenband und baten ihn es zu zerreißen. Sie sagten, es wäre wohl etwas stärker als es nach seiner Dicke das Aussehen habe. Sie gaben es Einer dem Andern und versuchten ihre Stärke daran, allein es riß nicht. Doch sagten sie, der Wolf werde es wohl zerreißen mögen. Der Wolf antwortete: Um dieses Band dünkt es mich so als wenn ich wenig Ehre damit einlegen möchte, wenn ich auch eine so schwache Feßel entzweireiße; falls es aber mit List und Betrug gemacht ist, obgleich es so schwach scheint, so kommt es nicht an meine Füße. Da sagten die Asen, er möge leicht ein dünnes Seidenband zerreißen, da er zuvor die schweren Eisenfeßeln zerbrochen habe. Wenn du aber dieses Band nicht zerreißen kannst, so haben die Götter sich nicht vor dir zu fürchten und wir werden dich dann lösen. Der Wolf antwortete: Wenn ihr mich so fest bindet, daß ich mich selbst nicht lösen kann, so spottet ihr mein und es wird mir spät werden, Hülfe von euch zu erlangen: darum bin ich nicht gesonnen mir dieß Band anlegen zu laßen. Eh ihr mich aber der Feigheit zeiht, so lege Einer von euch seine Hand in meinen Mund zum Unterpfand, daß es ohne Falsch hergeht. Da sah ein Ase den Andern an, die Gefahr dauchte sie doppelt groß und Keiner wollte seine Hand herleihen bis Tyr zuletzt seine Rechte darbot und sie dem Wolfe in den Mund legte. Und da der Wolf sich reckte, da erhärtete das Band und je mehr er sich anstrengte, desto stärker ward es. Da lachten alle außer Tyr, denn er verlor seine Hand. Als die Asen sahen, daß der Wolf völlig gebunden sei, nahmen sie den Strick am Ende der Kette, der Gelgia hieß, und zogen ihn durch einen großen Felsen, Giöll genannt, und festigten den Felsen tief im Grunde der Erde. Auch nahmen sie noch ein anderes Felsenstück, Thwiti genannt, das sie noch tiefer in die Erde versenkten und das ihnen als Widerhalt diente. Der Wolf riß den Rachen furchtbar auf, schnappte nach ihnen und wollte sie beißen; aber sie steckten ihm ein Schwert in den Gaumen, daß das Heft wider den Unterkiefer, und die Spitze gegen den Oberkiefer stand: damit ist ihm das Maul gesperrt. Er heult entsetzlich, und Geifer rinnt aus seinem Munde und wird zu dem Fluß, den man Wan nennt. Also liegt er bis zur Götterdämmerung. Da sprach Gangleri: Wahrlich, üble Kinder zeugte Loki, und dieß ganze Geschlecht ist furchtbar. Aber warum tödteten die Asen den Wolf nicht, da sie doch Übels von ihm erwarteten? Har antwortete: die Asen halten ihre Heiligtümer und Freistätten so sehr in Ehren, daß sie mit dem Blute des Wolfs sie nicht beflecken wollten, obgleich Weißagungen verkündeten, daß er Odhins Mörder werden solle.

35.

Da fragte Gangleri: Welches sind die Asinnen? Har antwortete: Frigg ist die vornehmste: Ihr gehört der Pallast, der Fensal heißt, und überaus schön ist. Eine andere heißt Saga, die Söckwabeck bewohnt, das auch eine große Halle ist. Die dritte ist Eir, die beste der Ärztinnen. Die vierte Gefion: sie ist unvermählt und ihr gehören alle, die unvermählt sterben. Fulla, die fünfte, ist auch Jungfrau, und trägt loses Haar und ein Goldband ums Haupt. Sie trägt Friggs Schmuckkästchen, wartet ihrer Fußbekleidung und nimmt Theil an ihrem heimlichen Rath. Freyja ist die vornehmste nach Frigg; sie ist einem Manne vermählt, der Odhur heißt. Deren Tochter heißt Hnoss: die ist so schön, daß nach ihrem Namen Alles genannt wird, was schön und kostbar ist. Odhur zog fort auf ferne Wege, und Freyja weint ihm nach und ihre Zähren sind rothes Gold. Freyja hat viele Namen: die Ursache ist, daß sie sich oft andere Namen gab, als sie Odhur zu suchen zu unbekannten Völkern fuhr. Sie heißt Mardöll, Hörn, Gefn und Syr. Freyja besitzt den Halsschmuck, Brisinga Men genannt. Sie heißt auch Wanadis (Wanengöttin). Die siebente heißt Siöfn; sie sucht die Gemüther der Menschen, der Männer wie der Frauen, zur Zärtlichkeit zu wenden, und nach ihrem Namen ist die Liebe Siafni genannt. Die achte, Lofn, ist den Anrufenden so mild und gütig, daß sie von Allvater oder Frigg Erlaubniss hat, Männer und Frauen zu verbinden, was auch sonst für Hinderniss oder Schwierigkeit entgegenstehe. Daher ist nach ihrem Namen der Urlaub genannt, so wie Alles was Menschen loben und preisen. Die neunte ist Wara; sie hört die Eide und Verträge, welche Männer und Frauen zusammen schließen und straft diejenigen, welche sie brechen. Wara ist weise und erforscht Alles, so daß ihr nichts verborgen bleibt; daher kommt die Redensart, daß man eines Dinges gewahr werde, wenn man es in Erfahrung bringt. Die zehnte ist Syn, welche die Thüren der Halle bewacht und denen verschließt, welche nicht eingehen sollen; ihr ist auch der Schutz deren befohlen, die bei Gericht eine Sache in Abrede stellen, daher die Redensart: Abwehr (Syn) ist vorgeschoben, wenn man die Schuld läugnet. Die eilfte ist Hlin, die Solchen zum Schutz bestellt ist, welche Frigg vor einer Gefahr behüten will. Daher das Sprichwort: Wer sich in Nöthen retten will, lehnt sich an (hleinir). Die zwölfte ist Snotra; sie ist weis und feinsinnig: nach ihr heißen alle snotr, sowohl Männer als Frauen, die klug und feinsinnig sind. Die dreizehnte ist Gna, welche Frigg in ihren Geschäften nach allen Welttheilen schickt. Sie hat ein Pferd, das durch Luft und Flut rennt und Hofhwarfnir heißt. Einst geschah es, daß sie von etlichen Wanen gesehen ward, da sie durch die Luft ritt. Da sprach einer:

Was fliegt da, was fährt da,
Was lenkt durch die Luft?

Sie antwortete:

Ich fliege nicht, ich fahre nicht,
Ich lenke durch die Luft
Auf Hofhwarfnir, den Hamskerpir
Zeugte mit Gardrofwa.

Nach Gnas Namen gebraucht man den Ausdruck gnäfa von allem Hochfahrenden. Auch Sol und Bil zählen zu den Asinnen. Ihres Ursprungs ist zuvor gedacht.

36.

Noch andere sind, die in Walhall dienen, das Trinken bringen, das Tischzeug und die Älschalen verwahren sollen. In Grimnismal wird ihrer so gedacht:

Hrist und Mist sollen das Horn mir reichen;
Skeggiöld und Skögul,
Hlöck (Hlanka) und Herfiötr, Hildr und Thrudr,
Göll und Geirahöd,
Randgrid und Radgrid und Reginleif
Schenken den Einheriern Äl.

Diese heißen Walküren. Odhin sendet sie zu jedem Kampf. Sie wählen die Fallenden und walten des Sieges. Gudr und Rota und die jüngste der Nornen, welche Skuld heißt, reiten beständig den Wal zu kiesen und des Kampfs zu walten. Auch Jörd, die Mutter Thors, und Rinda, Walis Mutter, zählen zu den Asinnen.

37.

Gymir hieß ein Mann, und seine Frau Örboda; sie war Bergriesengeschlechts. Deren Tochter ist Gerdr, die schönste aller Frauen. Eines Tages war Freyr auf Hlidskialf gegangen und sah über alle Welten. Als er nach Norden blickte, sah er in einem Gehege ein großes und schönes Haus. Zu diesem Hause ging ein Mädchen, und als sie die Hände erhob, um die Thüre zu öffnen, da leuchteten von ihren Händen Luft und Waßer, und alle Welten stralten von ihr wieder. Und so rächte sich seine Vermeßenheit an ihm, sich an diese heilige Stätte zu setzen, daß er harmvoll hinwegging. Und als er heim kam, sprach er nicht, auch mochte er weder schlafen noch trinken und Niemand wagte es, das Wort an ihn zu richten. Da ließ Niörd den Skirnir, Freys Diener, zu sich rufen und bat ihn, zu Freyr zu gehen, mit ihm zu reden und zu fragen, warum er so zornig sei, daß er mit Niemand reden wolle. Skirnir sagte, er wolle gehen, aber ungern, denn er versehe sich übler Antwort von ihm. Und als er zu Freyr kam, fragte er, warum Freyr so finster sei und mit Niemand rede. Da antwortete Freyr und sagte, er habe ein schönes Weib gesehen und um ihretwillen sei er so harmvoll, daß er nicht länger leben möge, wenn er sie nicht haben solle: „Und nun sollst du fahren und für mich um sie bitten, und sie mit dir heimführen ob ihr Vater wolle oder nicht, und will ich dir das wohl lohnen.“ Da antwortete Skirnir und sagte, er wolle die Botschaft werben, wenn ihm Freyr sein Schwert gebe. Das war ein so gutes Schwert, daß es von selbst focht. Und Freyr ließ es ihm daran nicht mangeln und gab ihm das Schwert. Da fuhr Skirnir und warb um das Mädchen für ihn und erhielt die Verheißung, nach neun (drei) Nächten wolle sie an den Ort kommen, der Barri heiße und mit Freyr Hochzeit halten. Und als Skirnir dem Freyr sagte, was er ausgerichtet habe, da sang er so:

Lang ist Eine Nacht, länger sind zweie,
Wie mag ich dreie dauern?
Oft daucht’ ein Monat mich minder lang
Als eine halbe Nacht des Harrens.

Das ist die Ursache, warum Freyr kein Schwert hatte, als er mit Beli stritt und ihn mit einem Hirschhorn erschlug. Da sprach Gangleri: Es ist sehr zu verwundern, daß ein solcher Häuptling, wie Freyr ist, sein Schwert hingab ohne ein gleich gutes zu behalten. Ein erschrecklicher Schade war ihm das, als er mit jenem Beli kämpfte, und ich glaube gewiss, daß ihn da seiner Gabe gereute. Da antwortete Har: Es lag wenig daran, als er dem Beli begegnete, denn Freyr hätte ihn mit der Hand tödten können; aber es kann geschehen, daß es den Freyr übler dünkt, sein Schwert zu missen, wenn Muspels Söhne zu streiten kommen.

38.

Da sprach Gangleri: Du sagtest, daß alle die Männer, die im Kampf gefallen sind von Anbeginn der Welt, zu Odhin nach Walhall gekommen seien. Was hat er ihnen zum Unterhalt zu geben? Denn mich dünkt, das muß eine gewaltige Menge sein. Da antwortete Har: Es ist wahr, was du sagst: eine gewaltige Menge ist da, und noch viel mehr müßen ihrer werden; aber doch wird es scheinen, ihrer seien viel zu wenig, wenn der Wolf kommt. Und niemals ist die Volksmenge in Walhall so groß, daß ihr das Fleisch des Ebers nicht genügen möchte, der Sährimnir hieß. Jeglichen Tag wird er gesotten und ist am Abend wieder heil. Doch dünkt mich wahrscheinlich, daß dir Wenige auf die Frage, die du jetzt gefragt hast, richtig Bescheid sagen werden. Andhrimnir heißt der Koch und der Keßel Eldhrimnir, wie hier gesagt ist:

Andhrimnir läßt in Eldhrimnir
Sährimnir sieden,
Das beste Fleisch; doch erfahren Wenige
Wieviel der Einherier eßen.

Da fragte Gangleri: Genießt Odhin von derselben Speise wie die Einherier? Har antwortete: Die Speise, die auf seinem Tische steht, giebt er seinen beiden Wölfen, welche Geri und Freki heißen, und keiner Kost bedarf er; Wein ist ihm Trank und Speise, wie es heißt:

Geri und Freki füttert der krieggewohnte
Herliche Heervater,
Da nur von Wein der waffenhehre
Odhin ewig lebt.

Zwei Raben sitzen auf seinen Schultern und sagen ihm ins Ohr alle Zeitungen, die sie hören und sehen; sie heißen Hugin und Munin. Er sendet sie Morgens aus, alle Welten zu umfliegen, und Mittags kehren sie zurück und so wird er manche Zeitungen gewahr. Die Menschen nennen ihn darum Rabengott. Davon wird gesagt:

Hugin und Munin müßen jeden Tag
Über die Erde fliegen.
Ich fürchte, daß Hugin nicht nach Hause kehrt;
Doch sorg ich mehr um Munin.
39.

Da fragte Gangleri: Was haben die Einherier zu trinken, das ihnen so genügen mag als ihre Speise? Oder wird da Waßer getrunken? Da antwortete Har: Wunderlich fragst du nun, als ob Allvater Könige, Jarle und andere herliche Männer zu sich entbieten würde und gäbe ihnen Waßer zu trinken. Ich weiß gewiss, daß Manche nach Wallhall kommen, die meinen sollten, einen Trunk Waßers theuer erkauft zu haben, wenn ihnen da nichts Beßeres geboten würde, nachdem sie Wunden und tödliche Schmerzen erduldet haben. Aber viel Anderes kann ich dir davon berichten. Die Ziege, die Heidrun heißt, steht über Walhall und weidet an den Zweigen des vielberühmten Baumes, der Lärad genannt wird, und von ihrem Euter fließt so viel Meth, daß sie täglich ein Gefäß füllt, das so groß ist, daß alle Einherier davon vollauf zu trinken haben. Da sprach Gangleri: Das ist eine gewaltig treffliche Ziege und ein ausbündig guter Baum muß das sein, an dem sie weidet. Da versetzte Har: Noch merkwürdiger jedoch ist der Hirsch Eikthyrnir, der in Walhall steht und an den Zweigen desselben Baumes nagt; und von seinem Gehörn fallen so viel Tropfen herab, daß sie nach Hwergelmir fließen, und daraus folgende Ströme entspringen, Sid, Wid, Sekin, Ekin, Swöl, Gunnthro, Fiörm, Fimbulthul, Gipul, Göpul, Gömul, Geirwimul; diese umfließen der Asen Gebiet. Aber noch diese werden genannt: Thyn, Win, Thöll, Böll, Grad, Gunnthrain, Nyt, Naut, Nönn, Hrönn, Wina, Wegswin, Thiodnuma.

40.

Da sprach Gangleri: Dieß sind wunderliche Dinge, die du mir da sagst. Ein furchtbar großes Haus muß Walhall sein und ein großes Gedränge mag da oft an den Thüren entstehen. Da versetzte Har: Warum fragst du nicht, wie viel Thüren an Walhall seien, und von welcher Größe? Wenn du das sagen hörst, wirst du gestehen, daß es wunderlich wäre, wenn nicht ein Jeder aus- und eingehen könnte wie er wollte. Auch das mag mit Wahrheit gesagt werden, daß es nicht schwerer ist, Platz darin zu finden als hineinzukommen. Hier magst du hören, wie es in Grimnismal heißt:

Fünfhundert Thüren und viermal zehn
Weiß ich in Walhall.
Achthundert Einherier gehn aus je Einer,
Wenn es dem Wolf zu wehren gilt.
41.

Da sprach Gangleri: Eine gewaltige Menge ist in Walhall und ich muß wohl glauben, daß Odhin ein gewaltiger Häuptling ist, wenn er so großem Heere gebeut. Aber was ist der Einherier Kurzweil, wenn sie nicht zechen? Har antwortete: Jeden Morgen, wenn sie angekleidet sind, wappnen sie sich und gehen in den Hof und kämpfen und fällen einander. Das ist ihr Zeitvertreib. Und wenn es Zeit ist zum Mittagsmal, reiten sie heim gen Walhall und setzen sich an den Trinktisch, wie hier gesagt ist:

Die Einherier alle in Odhins Saal
Streiten Tag für Tag;
Sie kiesen den Wal, und reiten vom Kampf heim
Mit Asen Äl zu trinken;
Dann sitzen sie friedlich beisammen.

Aber wahr ist was du sagtest, Odhin ist ein großer Häuptling: dafür giebt es Beweise genug. So heißt es hier mit der Asen eigenen Worten:

Die Esche Yggdrasils ist der Bäume erster,
Skidbladnir der Schiffe,
Odhin der Asen, aller Rosse Sleipnir,
Bifröst der Brücken, der Skalden Bragi,
Habrok der Habichte, der Hunde Garm.
42.

Da fragte Gangleri: Wem gehört das Ross Sleipnir? Oder was ist von ihm zu sagen? Har antwortete: Nicht magst du von Sleipnir Kunde haben, wenn du nicht weist bei welcher Veranlaßung er erzeugt wurde, und das wird dich wohl der Erzählung werth dünken. Es geschah früh bei der ersten Niederlaßung der Götter, als sie Midgard erschaffen und Walhall gebaut hatten, daß ein Baumeister kam, und sich erbot, eine Burg zu bauen in drei Halbjahren, die den Göttern zum Schutz und Schirm wäre wider Bergriesen und Hrimthursen, wenn sie gleich über Midgard eindrängen. Aber er bedingte sich das zum Lohn, daß er Freyja haben sollte und dazu Sonne und Mond. Da traten die Asen zusammen und riethen Rath und gingen den Kauf ein mit dem Baumeister, daß er haben sollte was er anspräche, wenn er in Einem Winter die Burg fertig brächte; wenn aber am ersten Sommertag noch irgend ein Ding an der Burg unvollendet wäre, so sollte er des Lohnes entrathen; auch dürfte er von Niemanden bei dem Werke Hülfe empfangen. Als sie ihm diese Bedingung sagten, da verlangte er von ihnen, daß sie ihm erlauben sollten, sich der Hülfe seines Pferdes Swadilfari zu bedienen, und Loki rieth dazu, daß ihm dieß zugesagt wurde. Da griff er am ersten Wintertag dazu, die Burg zu bauen und führte in der Nacht die Steine mit dem Pferde herbei. Die Asen dauchte es groß Wunder wie gewaltige Felsen das Pferd herbeizog; und noch halbmal so viel Arbeit verrichtete das Pferd als der Baumeister. Der Kauf aber war mit vielen Zeugen und starken Eiden bekräftigt worden, denn ohne solchen Frieden hätten sich die Jötune bei den Asen nicht sicher geglaubt, wenn Thor heimkäme, der damals nach Osten gezogen war Unholde zu schlagen. Als der Winter zu Ende ging, ward der Bau der Burg sehr beschleunigt, und schon war sie hoch und stark, daß ihr kein Angriff mehr schaden konnte. Und als noch drei Tage blieben bis zum Sommer, war es schon bis zum Burgthor gekommen. Da setzten sich die Götter auf ihre Richterstühle und hielten Rath und Einer fragte den Andern wer dazu gerathen hätte, Freyja nach Jötunheim zu vergeben und Luft und Himmel so zu verderben, daß Sonne und Mond hinweggenommen und den Jötunen gegeben werden sollten. Da kamen sie alle überein, daß der dazu gerathen haben werde, der zu allem Übeln rathe: Loki, Laufeyjas Sohn, und sagten, er sollte eines übeln Todes sein, wenn er nicht Rath fände, den Baumeister um seinen Lohn zu bringen. Und als sie dem Loki zusetzten, ward er bange vor ihnen und schwur Eide, er wolle es so einrichten, daß der Baumeister um seinen Lohn käme, was es ihm auch kosten möchte. Und denselben Abend, als der Baumeister nach Steinen ausfuhr mit seinem Hengste Swadilfari, da lief eine Stute aus dem Walde dem Hengste entgegen und wieherte ihm zu. Und als der Hengst merkte, was Rosses das war, da ward er wild, zerriß die Stricke und lief der Mähre nach, und die Mähre voran zum Walde und der Baumeister dem Hengste nach, ihn zu fangen. Und diese Rosse liefen die ganze Nacht umher, und ward diese Nacht das Werk versäumt und am Tage darauf ward dann nicht gearbeitet, wie sonst geschehen war. Und als der Meister sah, daß das Werk nicht zu Ende kommen möge, da gerieth er in Riesenzorn. Die Asen aber, die nun für gewiss erkannten, daß es ein Bergriese war, der zu ihnen gekommen, achteten ihre Eide nicht mehr und riefen zu Thor, und im Augenblick kam er und hub auch gleich seinen Hammer Miölnir und bezahlte mit ihm den Baulohn, nicht mit Sonne und Mond; vielmehr verwehrte er ihm das Bauen auch in Jötunheim, denn mit dem ersten Streich zerschmetterte er ihm den Hirnschädel in kleine Stücke und sandte ihn hinab gen Niflhel. Loki selbst war als Stute dem Swadilfari begegnet und einige Zeit nachher gebar er ein Füllen, das war grau und hatte acht Füße und dieß ist der Pferde Bestes bei Göttern und Menschen. So heißt es in der Wöluspa:

Da gingen die Berather zu den Richterstühlen,
Hochheilge Götter hielten Rath
Wer mit Frevel hätte die Luft erfüllt
Oder dem Riesenvolk Odhurs Braut gegeben.

Da schwanden die Eide, Wort und Schwüre,
Alle festen Verträge jüngst trefflich erdacht.
Das schuf von Zorn bezwungen Thor;
Er säumt selten, wenn er Solches vernimmt.
43.

Da fragte Gangleri: Was ist von Skidbladnir zu berichten, welches das beste der Schiffe sein soll? Gibt es weder ein ebenso gutes Schiff als dieses, noch ein ebenso großes? Har antwortete: Skidbladnir ist das beste Schiff und das künstlichste; aber Naglfari, das Muspel besitzt, ist das gröste. Gewisse Zwerge, Iwaldis Söhne, schufen Skidbladnir und gaben das Schiff dem Freyr: es ist so groß, daß alle Asen mit ihrem Gewaffen und Heergeräthe an Bord sein können, und sobald die Segel aufgezogen sind, hat es Fahrwind, wohin es auch steuert. Und will man es nicht gebrauchen, die See damit zu befahren, so ist es aus so vielen Stücken und mit so großer Kunst gemacht, daß man es wie ein Tuch zusammenfalten und in seiner Tasche tragen kann.

44.

Da sprach Gangleri: Ein gutes Schiff ist Skidbladnir und gar große Zauberei mag dazu gehört haben, es so kunstreich zu schaffen. Aber ist es dem Thor auf seinen Fahrten nie begegnet, daß er so Starkes und Mächtiges fand, das ihm an Kraft und Zauberkunst überlegen war? Har antwortete: Wenige, glaube ich, wißen davon zu sagen und große Gefahren hat er doch bestanden; aber wenn es sich je begab, daß etwas so stark oder mächtig war, daß es Thor nicht besiegen konnte, so ist es beßer nicht davon zu reden, denn es giebt viele Beispiele dafür und Gründe genug zu glauben, daß Thor der Mächtigste sei. Da sprach Gangleri: So scheint es ja als hätt ich euch nach einem Dinge gefragt, worauf Niemand antworten könne. Da sprach Jafnhar: Wir haben von Begebenheiten sagen hören, deren Wahrheit uns kaum glaublich dünkt; aber hier sitzt der in der Nähe, welcher getreuen Bericht davon geben mag, und du darfst glauben, daß er jetzt nicht zum erstenmal lügen wird, der nie zuvor gelogen hat. Da sprach Gangleri: Hier will ich stehen und hören ob ich von diesen Geschichten Bescheid erhalte, denn im andern Fall erkläre ich euch für überwunden, wenn ihr keine Antwort wißt auf meine Frage. Da sprach Thridi: Offenbar ist es nun, daß er diese Geschichten wißen will, obwohl uns bedünkt, es sei nicht gut davon zu sprechen. Du hast also zu schweigen. Der Anfang dieser Erzählung ist nun, daß Thor ausfuhr mit seinem Wagen und seinen Böcken und mit ihm der Ase, der Loki heißt. Da kamen sie am Abend zu einem Bauern und fanden da Herberge. Zur Nacht nahm Thor seine Böcke und schlachtete sie; darauf wurden sie abgezogen und in den Keßel getragen. Und als sie gesotten waren, setzte sich Thor mit seinem Gefährten zum Nachtmal. Thor bat auch den Bauern, seine Frau und beide Kinder, mit ihm zu speisen. Des Bauern Sohn hieß Thialfi und die Tochter Röskwa. Da legte Thor die Bocksfelle neben den Heerd, und sagte, der Bauer und seine Hausleute möchten die Knochen auf die Felle werfen. Thialfi, des Bauern Sohn, hatte das Schenkelbein des einen Bocks, das schlug er mit seinem Meßer entzwei, um zum Mark zu kommen. Thor blieb die Nacht da, und am Morgen stand er auf vor Tag, kleidete sich, nahm den Hammer Miölnir und erhob ihn, die Bocksfelle zu weihen. Da standen die Böcke auf; aber dem Einen lahmte das Hinterbein. Thor befand es und sagte, der Bauer oder seine Hausgenoßen müsten unvorsichtig mit den Knochen des Bocks umgegangen sein, denn er sehe, das eine Schenkelbein wäre zerbrochen. Es braucht nicht weitläufig erzählt zu werden, da es ein Jeder begreifen kann wie der Bauer erschrecken mochte als er sah, daß da Thor die Brauen über die Augen sinken ließ, und wie wenig er auch von den Augen noch sah, so meinte er doch vor der Schärfe des Blicks zu Boden zu fallen. Thor faßte den Hammerschaft so hart mit den Fingern an, daß die Knöchel davon weiß wurden. Der Bauer gebehrdete sich, wie man denken mag, so, daß alle seine Hausgenoßen entsetzlich schrieen und Alles was sie hatten zum Ersatze boten. Als Thor ihren Schrecken sah, ließ er von seinem Zorn, beruhigte sich und nahm ihre Kinder Thialfi und Röskwa zum Vergleich an: die wurden nun Thors Dienstleute und folgten ihm seitdem überall.

45.

Er ließ seine Böcke dort zurück und setzte seine Reise ostwärts nach Jötunheim fort bis an das Meer, fuhr dann über die tiefe See, und als er die Küste erreichte, stieg er ans Land und mit ihm Loki, Thialfi und Röskwa. Da sie eine Weile fortgegangen waren, kamen sie an einen großen Wald, durch den gingen sie den ganzen Tag bis es dunkel ward. Thialfi, aller Männer fußrüstigster, trug Thors Tasche; aber Speisevorrath war nicht leicht zu erlangen. Als es dunkel geworden war, suchten sie ein Nachtlager und fanden eine ziemlich geräumige Hütte. An einem Ende war der Eingang so breit wie die Hütte selbst: die wählten sie zum Nachtaufenthalt. Aber um Mitternacht entstand ein starkes Erdbeben, der Boden zitterte unter ihnen und die Hütte schwankte. Da stand Thor auf und rief seinen Gefährten; sie suchten weiter und fanden in der Mitte der Hütte zur rechten Hand einen Anbau: da gingen sie hinein. Thor setzte sich in die Thüre; die andern hielten sich innerhalb hinter ihm und waren sehr bange. Thor hielt den Hammerschaft in der Hand und gedachte sich zu wehren. Da hörten sie groß Geräusch und Getöse. Und als der Tag anbrach, ging Thor hinaus und sah da einen Mann nicht weit von ihm im Walde liegen, der war nicht klein; er schlief und schnarchte gewaltig. Da glaubte Thor zu verstehen, welchen Lärm er in der Nacht gehört hatte und umspannte sich mit den Stärkegürteln. Da wuchs ihm die Asenstärke. Indem erwachte der Mann und stand hastig auf. Und da wird gesagt, daß Thor dieß eine Male nicht gewagt habe, mit dem Hammer nach ihm zu schlagen. Er fragte ihn aber nach seinem Namen und er nannte sich Skrymir. Und nicht brauche ich, sagte er, dich um deinen Namen zu fragen: ich weiß, daß du Asathor bist. Aber wohin hast du meinen Handschuh geschleppt? Da streckte Skrymir den Arm aus und hob seinen Handschuh auf. Nun sah Thor, daß er den in der Nacht zur Herberge gehabt, und der Anbau war der Däumling des Handschuhs gewesen. Skrymir fragte, ob ihn Thor zum Reisegefährten haben wolle, und Thor bejahte es. Da fing Skrymir an, seinen Speisesack zu lösen und gab sich dran, sein Frühstück zu verzehren, und Thor seinerseits that mit seinen Gefährten ein Gleiches. Skrymir schlug vor, ihren Speisevorrath zusammenzulegen und Thor willigte ein. Da knüpfte Skrymir all ihr Eßen in einen Bündel und legte ihn auf seinen Rücken. Er ging den Tag über voran und stieg große Schritte; am Abend aber suchte er ihnen Nachtherberge unter einer mächtigen Eiche. Da sprach Skrymir zu Thor, er wolle sich schlafen legen: nehmt ihr den Speisebündel und bereitet euch ein Nachtmal. Darauf schlief Skrymir ein und schnarchte mächtig und Thor nahm den Speisebündel und wollte ihn öffnen, und das ist zu berichten, wie unglaublich es dünken möge, daß er keinen Knoten losbrachte: auch nicht Einer der zusammengeknüpften Riemen ward loser. Und als er sah, daß seine Arbeit nicht fruchtete, ward er zornig, faßte seinen Hammer Miölnir in beide Hände, schritt mit Einem Fuß dahin vor, wo Skrymir lag, und schlug ihn auf das Haupt. Und Skrymir erwachte und frug, ob ihm ein Blatt von dem Baum auf den Kopf gefallen sei? Auch fragte er, ob sie jetzt gegeßen hätten und bereit wären, sich zur Ruhe zu begeben? Thor antwortete, sie wollten eben schlafen gehen. Sie gingen unter eine andere Eiche, wagten es aber, die Wahrheit zu sagen, nicht zu schlafen. Aber um Mitternacht hörte Thor den Skrymir im Schlafe so laut schnarchen, daß der Wald widerhallte. Da stand er auf und ging zu ihm, schwang den Hammer hastig und heftig und schlug ihn mitten auf den Wirbel, so daß er merkte, wie das Hammerende ihm tief ins Haupt sank. In dem Augenblick erwachte Skrymir und fragte: Was ist mir? Ist mir eine Eichel auf den Kopf gefallen? Oder was ist mit dir, Thor? Thor trat eilends zurück und antwortete, er sei eben aufgewacht, und fügte hinzu, es sei Mitternacht und also noch Zeit zu schlafen. Da gedachte Thor, wenn er es zuwege brächte, ihm den dritten Schlag zu schlagen, so sollte er ihn niemals wiedersehen. Er legte sich und wartete bis Skrymir fest entschlafen wäre. Und kurz vor Tag hörte er, daß Skrymir entschlafen sein müße. Da stand er auf und ging zu ihm und schwang den Hammer mit aller Kraft und traf ihn auf die Schläfe, welche nach oben gekehrt war, und der Hammer drang ein bis auf den Schaft. Da richtete Skrymir sich auf, strich sich die Wange und sprach: Sitzen Vögel über mir auf dem Baume? Es kam mir vor, da ich erwachte, als fiele mir von den Ästen irgend ein Abfall auf den Kopf. Wachst du, Thor? Es wird Zeit sein, aufzustehen und sich anzukleiden, obwohl ihr nun nicht mehr weit habt zu der Burg, die Utgard heißt. Ich hörte, wie ihr untereinander sprachet, daß ich kein kleiner Mann sei von Wuchs; aber dort sollt ihr größere Männer sehen, wenn ihr nach Utgard kommt. Nun will ich euch heilsamen Rath geben: überhebt euch da nicht zu sehr, denn nicht werden Utgardlokis Hofmänner von solchen Burschen stolze Worte dulden; in anderm Fall wendet lieber um: der Entschluß wird euch beßer bekommen. Wollt ihr aber doch eure Reise fortsetzen, so haltet euch ostwärts; mein Weg geht nun nordwärts nach diesen Bergen, die ihr jetzt werdet sehen können. Da nahm Skrymir den Speisebündel und warf ihn auf den Rücken und wandte sich quer hinweg von ihnen in den Wald, und nicht ist gemeldet, daß die Asen gewünscht hätten ihn gesund wiederzusehen.

 

 

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