Haithabu – Einst und Jetzt

Ein Bericht von Ragnar Skoerungur


 

Von Ribe, der alten Wikingerstadt in Dänemark, kommend besuchen wir Haithabu. Und so stehe ich nun hier auf dem 1000-jährigen Ringwall von Haithabu und schaue fast ehrfürchtig hinab auf die Wiesen- und Ackerfläche, die einst ein bedeutendes Handelszentrum der Geschichte gewesen ist.

 

 

Haithabu zur Wikingerzeit

Haithabu zur Wikingerzeit

Wahrscheinlich im 8. Jahrhundert von friesischen Händlern gegründet wird Haithabu erstmals im Jahre 804 schriftlich genannt. Im Jahre 808, also vier Jahre später, verschleppt der dänische König Göttrik Kaufleute aus dem Handelsplatz Reric (vermutlich bei Wismar gelegen) nach Haithabu, und nun begann die fast dreihundertjährige Erfolgsgeschichte eines der wichtigsten Handelszentren des Frühmittelalters: Haithabu.

Der Ort war gut gewählt, lag er doch auf der Cimbrischen Halbinsel, die wir heute als Jütland kennen, an einer Stelle, an der Wasserwege von Nord- und Ostsee kommend weit ins Landesinnere hineinreichten und die Handelswege zwischen den Meeren die größtmögliche Annäherung auf dem Seeweg boten. Von der Ostsee aus führte die Schlei ca. 40 km weit ins Landesinnere, von der Nordsee konnten Schiffe über die Flüsse Eider und Treene ca. 60 km herankommen. Es verblieb lediglich ein 18 Kilometer langer Landweg. So entstand Haithabu an der Schleswiger Landenge an einem Seitenarm der Schlei, dem Haddebyer Noor, wie es heute genannt wird.

Stadt war nie frei und unabhängig, sondern unterstand zumeist dem dänischen König, zeitweise wohl auch fränkischen Herrschern, und war somit nicht nur Warenumschlagplatz, sondern auch herrschaftliches Zentrum und, nicht zuletzt bedingt durch seine Lage im Grenzgebiet zwischen Dänen, Sachsen, Franken, Friesen und Slawen militärisches Zentrum von strategischer Bedeutung, geschützt durch einen Ringwall, der ein Gelände von 25,5 Hektar Größe umfasst und auch durch das in unmittelbarer Nähe liegende 30 Kilometer lange Wallsystem des Danewerks, der größten Befestigungsanlage Skandinaviens.

 

Haithabu war aber nicht nur ein bedeutender Handelsplatz, es war auch ein Standort vieler Handwerkszweige, wie Funde belegen. Das Handwerk war untrennbar mit dem Handel verbunden, denn aus importierten Rohwaren aus fast allen Gebieten Europas wurden qualitätvolle Produkte hergestellt, die vor Ort und durch den Handel ihren Absatz fanden. Archäologische Funde belegen das hohe Niveau handwerklicher Kunstfertigkeiten der Bewohner Haithabus.

Die Bebauung Haithabus war mit Holzhäusern dicht strukturiert. Bezeichnend für den frühstädtischen Charakter sind eine Parzellierung des Areals und ein umfangreiches System befestigter Wege.

Der dänische König ließ hier um 825 die erste Münzprägestätte Skandinaviens entstehen. Es wurde eigenes Silbergeld nach karolingischem Vorbild der schweren Denare geprägt.
Die erste Kirche Dänemarks wurde in Haithabu gebaut, und bereits im Jahre 948 wurde die Stadt Bischofssitz und ein wichtiges religiöses Zentrum des Christentums im Norden.

 

Aber das Herz von Haithabu war der Hafen, im Frühmittelalter der größte Seehafen Nordeuropas, über den die Warenströme umgeschlagen wurden, denen die Stadt ihren Reichtum verdankte. Seine hölzernen Landungsbrücken, die ab der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts entstanden und die bis ins 11. Jahrhundert immer weiter ausgebaut wurden, waren Anlegestelle und Marktplatz zugleich. Große Plattformen ragten weit ins Noor hinaus, die das Anlegen und Be- und Entladen einer großen Zahl von Handelsschiffen und Kriegsschiffen ermöglichten. Händler aus Nord- und Osteuropa segelten nach Haithabu und trafen auf Kaufleute mit Waren aus Westeuropa.

Im 10. Jahrhundert hatte Haithabu seine Blütezeit, 1500 Menschen lebten und arbeiteten dort.

Im Jahr 1050 wurde das durch Ringwall und Palisade gut geschützte Haithabu in einer Schlacht von dem norwegischen König Harald Hardrada – Harald dem Harten – erobert und verbrannt. Die Stadt wurde nach diesem Krieg teilweise wieder aufgebaut, bevor sie dann im Jahre 1066 durch slawische Truppen endgültig zerstört und aufgegeben wurde. Hier endet die Geschichte Haithabus, dessen Funktion das nahe Schleswig übernahm.

 

 

Haithabu heute

Wikingermuseum in Haithabu heute

Für einen modernen Wikinger wie mich ist es schon ein eigenartiges Gefühl, auf dem Ringwall zu stehen und über das alte Siedlungsgelände zu gehen. Es ist wie heiliger Boden. Doch es gibt auch Ernüchterndes. Kühe auf Stacheldrahtgeschützten Weiden säumen den Weg zu den nachgebauten Häusern. Touristen mit Fotoapparaten kommen und gehen. Ein nicht recht passender Kassenbungalow, dort kann man für das Freigelände und das Museum bezahlen. Wir erzählen, dass wir von Ribe, der Wikingerstadt in Dänemark, kommen, die Dame an der Kasse ist ahnungslos, weiß wohl nicht mal, was Ribe ist…

 

Einige Häuser und ein Landungssteg sind gebaut worden, sie stehen recht dicht, dazwischen die typischen Bohlenwege. Ein paar gewandete Wikinger-Darsteller, Männer, Frauen und Kinder, bevölkern das Dörflein. Manche betätigen sich als Handwerker, andere sitzen oder laufen mehr oder weniger motiviert herum. Das Langhaus ist innen kaum ausgebaut und für meinen Geschmack lustlos möbliert. Die Türen der Häuser fallen durch ihre Normalhöhe auf, das kann so nicht stimmen. Das Dorf der Wikinger der „Schlechten Saat“ in Alfeld wirkt wesentlich authentischer. Einige Zelte mit Händlern wikingischer Produkte, ein arbeitender Schmied und ein Brotbäcker bringen einen Hauch der alten Haithabu- Atmosphäre, wie es gewesen sein könnte. Interessant war es, dem Perlenmacher zuzuschauen. Freundlich und geduldig erläutert er sein Handwerk und zeigt, wie damals in Haithabu Glasperlen hergestellt wurden. Wir haben viel gelernt. Natürlich verkauft er auch schöne Exemplare, unter Anderen an uns….

Das Wetter ist schlecht, es ist kalt und immer wieder regnet es in diesem September 2010, und es zieht uns in das neu erbaute Museumsgebäude. Nur ungern verlasse ich das historische Haithabu, etwas will mich hier festhalten, vielleicht die Ahnen?

Das Museumsgebäude ist neu und modern. Architektonisch erinnert einiges, zum Beispiel die Dachform, entfernt an frühmittelalterliche Wikingerhäuser. Drinnen finden wir eine wahre Fülle von Grabungsfunden, von der kleinen Glasperle über das Schwert und den Runenstein bis zum teilweise rekonstruierten Langschiff, dessen Überreste im alten Hafen Haithabus gefunden wurde. Unmöglich alle Fundgegenstände zu nennen, die in überwältigender Menge modern präsentiert werden. Immer wieder unterbrechen laufende Fernseher die Reihen der Exponate. Einige Fundbeschreibungen sollen nicht stimmen, die Diskussion hierzu möchte ich aber anderen überlassen, ich möchte mir da kein Urteil erlauben. Vom Museum aus hat man einen Blick übers Noor.

 

Einfach faszinierend und für den Wikingerfreund Pflicht. Beeindruckt verlassen wir schließlich das Museum. Und bei unserem folgenden Besuch im nahen Schleswig entdecken wir im Yachthafen zu unserem Erstaunen ein vertäutes Langschiff, ein abschließender Höhepunkt unseres Besuches in Haithabu.

 

Quelle:
Praeco Medii Aevi
Birgit Maixner: Haithabu – Fernhandelszentrum zwischen den Welten
Historisches Museum der Pfalz Speyer: Die Wikinger

 


 

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