Truso, das Atlantis des Nordens

Ein Bericht von Ragnar Skoerungur

 


 

Truso

 

Truso, auch als "Atlantis des Nordens" bezeichnet, war im 9. Jahrhundert ein altpreußischer Ort im Weichseldelta am Frischen Haff bzw. der Ostsee. Er lag unweit der Stelle, an der der damalige Weichselarm Nogat in eine Bucht des Frischen Haffes mündete. Diese Bucht entspricht dem heutigen Druzno (Drausensee, preußisch Drusin), der durch Verlandung vom Haff abgetrennt wurde.

 

Wulfstan

 

Der Wikinger Wulfstan segelte im Jahr 890 im Auftrage des angelsächsischen Königs Alfreds des Großen die Ostsee entlang nach Witland zum baltischen Handelsplatz Truso. Von diesem Ort wusste man nur, dass dort mit Schweden Handel getrieben wurde. Wulfstan schilderte seine Fahrtenroute. Er fuhr von Haithabu bei Schleswig sieben Tage und Nächte unter Segel bei westlichen Winden. Auf Steuerbordseite lag das Wendland. Damit sind Mecklenburg und Pommern gemeint. An Backbord passierte er die Inseln Langeland, Laaland und Falster sowie das Land Schonen, das zu Dänemark gehörte. Dann änderte er seinen Kurs, so dass Bornholm auf der Backbordseite zu sehen war. Wulfstan war hier schon öfter nach Gotland gefahren, dann hatte er aber Bornholm immer auf Steuerbordseite umfahren, so dass er bald die Küste von Blekinge und der Insel Öland sah, die zu Schweden gehörten. Dieses Mal fuhr er aber an der wendländischen pommerschen Küste entlang bis zur Weichselmündung. Der Weichselstrom trennt das Wendland von Widland, das den Prussen gehörte. Die Weichsel kommt aus dem Wendland und fließt in den Ost-Binnensee, das Frische Haff. Wulfstan überquerte das Frische Haff und fuhr zur Elbingmündung. Das waren nach seinen Angaben 22,5km. Im östlichen Teil des westlichen Frischen Haffes kommt der Elbingfluß aus einem See, an dessen Gestaden Truso liegt. Die ganze Fahrt von Schleswig bis Truso war 770 km lang. Das macht eine durchschnittliche Segelstrecke von110 km pro Tag. Wulfstans Reisebericht ist die einzige Überlieferung aus jener Zeit. Die Wikinger gründeten damals von ihrer Heimat Skandinavien aus eine Reihe von Handelsplätzen und Stützpunkten an der Ostseeküste zwischen Haithabu und dem Ladogasee. In Ostpreußen war das Truso, daneben aber auch Wiskiauten bei Cranz und Linkuhnen in der Memelniederung. Der Bericht aus dem Jahre 890 über Wulfstans Fahrt nach Truso wird im britischen Museum in London aufbewahrt.

 

Der Name Truso

 

Die Namensbedeutung des preußischen Handelsort Truso geht vermutlich auf die idg. Wurzel dreu-/ dru-: ablaufen, eilen zurück; andererseits kann man in Altsächsisch, wie in Mittelenglisch trussen, English truss, erkennen, das so viel bedeutet wie zusammenbündeln, umschließen, beim Bau unterstützen, also ein Handels-Wohnstätte, und in der Lautverschiebung wie Duer zu Tür, Tor, Düringer zu Thüringer. Möglich ist ebenfalls eine Ableitung aus prußisch truszas, tružas: Schilf, Rohr.

 

Die Lage

 

Die geographische Lage von Truso

Die geographische Lage von Truso

Wo genau lag Truso?

Truso lag verkehrsgünstig an einem Handelsweg, der von Birka im Norden über Visby auf der Insel Gotland in der Ostsee nach Truso bzw. zur späteren Hansestadt Elbing führte. Von Truso aus zogen die Händler weiter bis Carnuntum in den Alpen. Dieser alte, auch Bernsteinstrasse genannte Handelsweg, führte bis ans Mittelmeer. Der Ost-West-Handel erfolgte von Truso entlang der Ostsee bis Jütland und weiter ins Inland bis Haithabu, das damals eines der größten Handelszentren war. Bei der Suche nach dem alten Handelsort kamen anfangs sogar Danzig und Dirschau in die engere Wahl, das alte Truso zu sein. Aber nirgendwo sind die Funde aus der "Wulfstan-Zeit" so zahlreich wie gerade im Umland der späteren Stadt Elbing. Vor allem die Elbinger Höhe war zu frühen Zeiten ein beliebter Siedlungplatz. Mehrere Orte in der Umgegend Elbings, wie Neuendorf, das bis zum Anfang des 15. Jahrhundert Deutsch-Drusen hieß, sowie Drusenhof zwischen Elbing und Preußisch Holland, weisen zudem auf den Namen "Truso" hin. Umfangreiche Forschungen und Grabungen wurden allerdings erst nach Gründung der Elbinger Altertumsgesellschaft (1873) durchgeführt.

 

Ausgrabungen

 

Menschliche Spuren sind im Raum Elbing seit der mittleren und jüngeren Steinzeit nachweisbar (also vom Ende der Eiszeit bis etwa 2000 v. Chr.). Besonders ergiebig waren Ausgrabungen von Professor Dr. Dorr für die Bronzezeit (2000 – 800 v. Chr.). Im ganzen heutigen Stadtgebiet, aber auch gesamten Elbinger Umland wurden zu allen Zeiten immer wieder aus unterschiedlichen Epochen Siedlungsreste und Gräber gefunden, die stets die Vermutung nahe legten, dass hier oder dort doch Truso gewesen sein könnte. Auf der Elbinger Höhe wurden besonders viele Ausgrabungen erfolgreich durchgeführt. Noch 1936/37 fand man im südlichen Stadtgebiet Elbings ein skandinavisches Gräberfeld. Die dort gefundenen wikingischen Grabausstattungen, Frauenschmuck und Waffen stammten zweifellos aus der Zeit, von der Wulfstans Bericht handelte. Dieses Feld legte auch bei Dr. Neugebauer die Vermutung nahe, der Handelsplatz Truso hätte im heutigen Stadtgebiet gelegen. Dr. Werner Neugebauer, Archäologe und letzter Direktor des Städtischen Museums stellte damals fest: "...dass die am Wasser gelegene Siedlung, deren genaue Lage noch unbekannt ist, gotländisch-schwedischer Art war, bezeugen die Funde des zugehörigen Gräberfeldes…".

Polnische Archäologen orteten Truso (1982-1987) auf den zum Rittergut Hansdorf gehörenden Wiesen am Drausensee kurz vor Kämmersdorf. Die dortigen Funde lassen aber wohl nur einen Teil Trusos dort vermuten; denn möglicherweise war Truso in zwei oder sogar mehrere Teile aufgeteilt. Archäologische polnische Forschungen von 1982 lokalisierten diese Ansiedlung beim heutigen Ort Janów Pomorski - Hansdorf am Drausensee. Man fand hier wie bereits 1925/26 Hausgrundrisse, Scherben, Gerätschaften, Werkstätten und jetzt sogar Bodenverfärbungen durch Eisennieten, die von Booten herrührten.

Bei Ausgrabungen in Elbing fand man am Elbinger Stadtrand große prußische und nordgermanische Gräberfelder mit reichen Grabbeigaben. Hierbei ist anzumerken, dass Wulfstan eingehend über Leichenkult und Bestattungsriten der Prußen berichtete. Die Toten wurden auf Scheiterhaufen verbrannt und die verbleibenden Überreste in flachen Erdmulden beigesetzt, wobei den Männern Waffen wie Schwerter und Lanzenspitzen sowie Schnallen, Sporen etc. beigelegt wurden, den Frauen Schmuck und Haushaltsgeräte. Auch Pferdeskelette fanden sich in einzelnen Gräbern. Die Tiere waren nicht eingeäschert worden.

 

Das Ende von Truso

 

Eine dicke Brandschicht und Pfeilspitzen lassen vermuten, dass die Stadt von Seeräubern zerstört wurde. Die Fläche beträgt etwa 20 Hektar mit zweierlei Gebäuden, einerseits mit den Abmaßen 5x10 Meter sowie Langhäuser mit etwa 6x21 Meter.

 

Quelle:
Praeco Medii Aevi
elbing-land-familienforschung
Gerhard Salemke: Wulfstans Fahrt nach Truso
Bruno Ehrlich: Der preuszisch-wikingische Handelsplatz Truso

 


 

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