Drachen nach Drontheim

Eine Wikingergeschichte von Gerd Lobin

 

Zwölftes Kapitel

Der letzte Kampf

 

Ein paar Tage später stehen Olaf und Ingolf im Licht der untergehenden Sonne am Fenster der Königsburg und lassen die Blicke über den Fjord schweifen. Unter ihnen liegt Olaf Tryggvasons Flotte, und der König mustert mit Wohlgefallen und Befriedigung die Steven seiner Großschiffe.

„Meine Macht wächst von Tag zu Tag!“ sagt er selbstgefällig. „Und der neue Gott verdrängt die alten Götter mehr und mehr aus dem Land! Bald habe ich Norwegen völlig in meiner Hand!“

Ingolf sieht angesichts der Selbstzufriedenheit des Königs den Augenblick gekommen, ihm von dem Besuch Thorleifs zu berichten und ihm dessen Warnungen zu überbringen.

„Aber du bist in Gefahr!“ sagt er. Olaf blickt ihn mit fragenden Augen an, und Ingolf fährt fort: „Thorleif glaubt, deutliche Anzeichen für eine Verschwörung der Könige von Dänemark und Schweden und der Jarl-Söhne Erik und Sven gegen dich entdeckt zu haben. Er sagt, sie rüsten eine gewaltige Streitmacht aus!“ Gellendes Lachen ist Olaf Tryggvasons Antwort auf die besorgten Worte seines Vertrauten. Es klingt so schaurig, dass die Möwen, die im Segelflug die Burg umkreisen, erschreckt mit schnellem Flügelschlag davon flattern.

„Sie rüsten gegen mich“, lacht Olaf und schlägt sich vor Vergnügen auf die Schenkel. „Sollen sie es doch mit mir aufnehmen! Sieh da unten meine Schiffe, sieh den Kranich, die Kleine Schlange, und da hinten die Große Schlange! Was, glaubst du, können sie gegen mich ausrichten? Die Dänen, die Hasenfüße, die vor London damals Reißaus genommen hätten, wenn wir nicht gewesen wären? Kein Pfund Silber hätten sie bekommen! Und die Schweden können Rosse schlachten und Menschen in die Bäume hängen, aber einem richtigen Kampf Mann gegen Mann weichen sie aus. Die beiden Jarl-Söhne mit ihrem Häuflein Norweger aber wirst du doch wohl nicht ernst nehmen wollen. Mit denen nehmen es zwei Helden wie du und ich doch allein auf. Wenn es zum Kampf kommt, wird sich sehr bald zeigen, dass wir die tapfersten Krieger sind und dass nicht Eriks Bartschiff, sondern die Große Schlange da unten das beste Kriegsschiff auf den Meeren ist!“

Olaf Tryggvason deutet mit ausgestrecktem Arm auf sein Königsschiff, legt dann den anderen Ingolf um die Schulter und steigt mit ihm hinab in den Burghof, zieht ihn in die Schenke. Als sie sich mit gefüllten Bechern in der Hand gegenübersitzen, macht der König plötzlich ein Zugeständnis:

„Ich danke dir trotzdem für deine Warnung, Ingolf“, sagt er. „Wenn es dich beruhigt, will ich gleich morgen früh Kundschafter nach Süden schicken, die herausfinden sollen, was mein alter Waffenbruder Sven Gabelbart und die anderen gegen mich im Schilde führen. Jetzt aber wollen wir uns nicht mit trüben Gedanken die Köpfe schwer machen, sondern dem Wein zusprechen, den uns dein Bruder aus dem Süden gebracht hat. Er ist auf jeden Fall besser als seine Nachrichten!“

 

Dreimal wechselt der Mond, ehe einer der Kundschafter mit der Nachricht von der Ansammlung vieler Schiffe nach Burg Nidaros zurückkommt. Er berichtet, überall auf den Märkten und in den Schenken rede man davon, dass die Könige von Dänemark und Schweden und die beiden Jarle entschlossen seien, gegen Olaf Tryggvason in den Krieg zu ziehen.

König Olaf sitzt mit seinen Ratgebern in der großen Halle, als ihm der Kundschafter gemeldet wird. Er lässt den Mann kaum ausreden, springt von seinem Königssitz auf, reißt das Schwert aus der Scheide und zerbricht die Klinge über seinem Knie, um anzudeuten, wie er mit den Herausforderern verfahren werde. „Ich werde ihnen zeigen, was es heißt, sich mit mir anzulegen“, ruft er mit donnernder Stimme. „Der Bär wird mit seinen scharfen Zähnen und starken Tatzen die Meute der kläffenden Hunde zerfleischen!“

In der gleichen Stunde noch gibt der König Anweisung, alle waffenfähigen Männer Norwegens aufzubieten und damit die Kriegsschiffe zu bemannen, und bald galoppieren die Boten aus dem Burgtor von Nidaros, um den Pfeil des Ledingsgebotes hinauszutragen in das Land.

„Ich werde nicht warten bis sie kommen, sondern ich werde ihnen entgegensegeln und sie überraschen“, entscheidet Olaf, als er mit seinen engsten Vertrauten beim Kriegsrat zusammensitzt. Einige pflichten ihm lärmend bei, andere, auch Ingolf, raten ihm, die Auseinandersetzung in den vertrauten Gewässern des Drontheimfjordes zu führen.

„Lass sie kommen mit ihrer Streitmacht“, rät ihm Ingolf. „Sie können ja nicht mit allen Schiffen gleichzeitig in den Fjord einfahren! Wir werden von der Seite her mit unseren Großschiffen ihre Kiellinie durchbrechen und die Schiffe in mehrere Gruppen aufspalten. Die einzelnen Drachen rammen wir dann in Grund und Boden !“ Der König denkt eine Zeitlang über Ingolfs Vorschlag nach, schüttelt dann aber den Kopf.

„Nein, Ingolf, für eine Seeschlacht ist die Große Schlange nicht wendig genug. Wir müssen den Kampf in einer großen Bucht austragen, wo wir alle Schiffe miteinander vertäuen und auf diese Weise den Kriegern für den Kampf Mann gegen Mann und Streitmacht gegen Streitmacht eine Plattform geben können.“ „Und du fürchtest dabei nicht der Feinde Überzahl?“

„Je mehr Feinde der Mann hat, desto größer ist sein Ruf als Krieger und die Furcht vor ihm“, lacht Olaf hochmütig. Dann gibt er Befehl, die Schiffe für das Auslaufen zu rüsten, ohne das Eintreffen der aufgebotenen Krieger abzuwarten.

„Wir lassen die Drachen mit halber Bemannung auslaufen und nehmen die Hundertschaften aus dem Süden erst in Tönsberg an Bord“, verscheucht er alle Bedenken. „So sparen wir Zeit. Während unsere Feinde uns noch im Drontheimfjord wähnen, segeln wir mit unseren sechzig Schiffen schon durch das Skagerrak. Wir werden sie in ihren Schlupfwinkeln aufspüren und vernichten!“

Olaf Tryggvasons Worte klingen wie ein Schwur. Die Häuptlinge klopfen beifällig mit den Schwertern an ihre Schilde.

 

Die Sonne steht hoch über dem Ostmeer, und Thorleif Erikson segelt bei gutem Wind westwärts. Er hat Glück gehabt auf dieser Reise. Die Niederlassungen in Nowgorod und Ladoga hat er unversehrt vorgefunden, und die beiden Verwalter haben ihm berichtet, dass der innerrussische Handel mit Kiew guten Gewinn abwirft. In Truso hat er auf der Rückfahrt bei den Bernsteinhändlern günstig einkaufen und die letzten noch freien Winkel des Schiffes mit Weizen beladen können, der im Tal der Weichsel von den Kaschuben angebaut wird. Gestern hat Thorleif in Vineta festgemacht, an der Mündung eines anderen breiten Stromes, den die Leute, die dort leben, die Oder nennen. Die kleinen Punkte weit voraus auf dem glitzernden Meer müssten eigentlich die Kreidefelsen der Insel Rügen sein, denkt Thorleif. Dort will er, wenn der Wind ihm weiter günstig ist, die Nacht verbringen. Vor ein paar Jahren noch hätte es kein Händler wagen können, sein Schiff in Rügen an Land zu ziehen, erinnert sich der Handelsfahrer, und er denkt zurück an seine erste Fahrt auf dem Ostmeer. Dreizehn Jahre ist das her, als er an Torkils Seite von Handelsplatz zu Handelsplatz fuhr, um das Geschäft des Händlers kennenzulernen. In Vineta hatte Torkil damals einen Handelsfreund an Bord genommen, der von Piraten überfallen und ausgeraubt worden war. Die Räuber, die Kauffahrern auflauerten, sie niedermachten und mit ihrer Beute in ihren Schlupfwinkeln verschwanden, gibt es nicht mehr, murmelt Thorleif in seinen blonden Bart. Es hat sich doch manches geändert in den Fjorden und an den Küsten; die Welt ist friedlicher geworden.

Die weißen Felsen mit ihren grünen Kappen wachsen vor dem Bug schnell aus dem Meer. Thorleif überlässt das Steuerruder einem der Knechte und klettert selber über aufgetürmte Kästen und Säcke nach vorn, um vom Bug aus Ausschau nach einer geeigneten Bucht zu halten, in der er die Nacht verbringen könnte. Er findet sie schnell und gibt dem Knecht am Steuerruder Anweisung, sie anzusteuern. Geraume Zeit später lassen sie das schwerbeladene Schiff im weichen Sand der Bucht auflaufen. Thorleif befiehlt den Knechten, das Lager für die Nacht herzurichten. Er selber erklimmt die steile Klippe, von der aus er sich einen Ausblick auf die andere Seite der Insel erhofft.

Was Thorleif Erikson, oben angelangt, in der Abendsonne sieht, lässt ihn beinahe den Atem anhalten. Da unten, in der weiten Bucht, liegt die größte Schiffsstreitmacht, die er je gesehen hat. Thorleif erinnert sich noch an das beklemmende Gefühl, das ihn beschlichen hatte, als er damals auf der Themse zwischen den Schiffen Sven Gabelbarts und Olaf Tryggvasons hindurchgesegelt war, um Fleisch in die belagerte Stadt London zu bringen. Damals wurde von hundert Langschiffen gesprochen, die die Stadt belagerten. Die Zahl der Schiffe dort unten in der Bucht schätzt Thorleif auf mindestens hundertfünfzig, wenn nicht mehr. Die tief stehende Sonne blendet ihn so, dass er Einzelheiten nicht erkennen kann, doch das Königsschiff Sven Gabelbarts und das Bartschiff Jarl Eriks macht er in der Mitte aus. Und da weiß er schlagartig, was diese gewaltige Ansammlung von Drachenschiffen zu bedeuten hat: er hat den Aufmarsch gegen Olaf Tryggvason vor sich. Und ihm kommt in diesem Augenblick der Gedanke, dass er, Thorleif Erikson, aufgerufen sein könnte, Zeuge der Schlacht zu werden, mit der die verbündeten Könige und Jarle den Vernichtungsschlag gegen Olaf Tryggvason führen wollen. Sie liegen hier auf der Lauer, denkt Thorleif.

 

Ein paar Stunden nördlich von Rügen segeln in breiter Dwarslinie Drachenboote südwärts, passieren die Insel Moen, die Lolland und Seeland vorgelagert ist. Die Boote sind ausgeschwärmt wie eine Meute Jagdhunde, scharen sich mit prallen Segeln um das prächtige Königsschiff in ihrer Mitte, dessen Steven so hoch ragen, dass sie fast die Mastspitzen der kleineren Langschiffe erreichen. Die Back des Schiffes wirkt wie ein Turm. Darauf steht in blinkender Rüstung mit funkelndem Goldhelm Olaf Tryggvason. Der König genießt es, mit seiner Großen Schlange vor dem Wind dahinzurauschen, und er lässt seinen Blick stolz über seine Streitmacht schweifen, mit der er aufgebrochen ist, um seine Feinde zu überraschen und zu schlagen.

Ingolf segelt mit seinem Adler voraus. Er hat den König gebeten, die Lage der gegnerischen Schiffe erkunden zu dürfen. So ist er der erste, der die Insel Svolder zu Gesicht bekommt, und Thorleif, der in seiner Bucht geblieben ist, weil er es für ein selbstmörderisches Unterfangen hält, mit einem Handelsschiff den Weg zweier Kriegsflotten zu kreuzen, sieht von seinem Beobachtungsfelsen aus den Adler seines Bruders hart vor dem Wind segeln. Er würde Ingolf am liebsten warnen, aber er sieht bei der großen Entfernung dafür keine Möglichkeit. Einen Augenblick lang überlegt er, ob er Rauchzeichen geben sollte, doch er verzichtet darauf, weil er nicht sicher ist, dass Ingolf sie verstehen würde. Als Thorleif sich gerade mit diesen Gedanken beschäftigt, sieht er, wie drei Drachenboote die Bucht verlassen, offenkundig in der Absicht, dem Vorhutschiff des Gegners den Weg abzuschneiden. Alle anderen Schiffe haben die Masten umgelegt.

Doch Ingolf ist auf der Hut. Kaum bekommt er die dänischen Drachen zu Gesicht, als er zu Thorleifs Freude auch schon das Steuerruder herumwirft und seinen Adler auf Gegenkurs bringt. Das Schiff zittert zwar, als es auf den Wellen rollt, bleibt aber im Ruder. Da sieht man erst, welch vorzügliche Arbeit Gisli beim Bau dieses Schiffes geleistet hat, denkt Thorleif, und er freut sich, dass Ingolf das Kreuzen gegen den Wind so gut gelingt. Als dieser dabei weit hinausgetragen wird auf die offene See, kann er einen Blick in die Bucht werfen. Ihm fährt der Schrecken in die Glieder, denn was er da sieht, ist geeignet, auch dem tapfersten Mann den Mut zu nehmen. Schiffssteven ragt neben Schiffssteven, Waffen blinken in der Sonne, eine gewaltige Streitmacht wartet auf ihren Gegner.

Der wendige Adler entkommt seinen Verfolgern. Thorleif auf dem Felsen sieht mit Freude, wie die drei Drachenboote die Verfolgung aufgeben. Und er sieht auch die vielen Segel, die sich von Norden her nähern, fünf Dutzend Schiffe in Dwarslinie, ein furchterregender Anblick.

Mit einem abermaligen Wendemanöver bringt Ingolf seinen Adler neben die ragende Bordwand des Königsschiffes. Einen Augenblick lang muß er daran denken, wie Thorleif und er als Kinder versucht haben, einen Palisadenzaun zu überklettern, der vor ihnen aufragte. Ein Schiffsknecht der Großen Schlange wirft ihm ein Tau zu. Augenblicke später steht Ingolf neben Olaf Tryggvason, berichtet dem König.

Olaf hört sich die Schilderung seines Vertrauten an, legt Ingolf die Hand auf die Schulter und fragt ihn:

„Was würdest du tun, Ingolf Erikson, wenn du jetzt an meiner Stelle wärst?“

Ingolf zögert keinen Augenblick mit der Antwort:

„Ich würde den Schiffsführern Befehl geben, in Dwarslinie an der Bucht mit dem lauernden Feind vorbeizusegeln! Ehe die gegnerischen Schiffe ihre Segel aufgezogen haben, sind wir auf hoher See!“

Olaf Tryggvason sagt kein Wort der Erwiderung, dreht sich zu Grimolf um und fragt diesen Gefolgsmann:

„Und du, Grimolf, wie würdest du entscheiden, wenn du Befehlshaber wärst?“

„Ich würde handeln, wie Ingolf es vorgeschlagen hat“, sagt der erfahrene Häuptling.

„So würdet ihr beide der Schlacht ausweichen, die schmähliche Flucht vorziehen?“ wundert sich Olaf. „Ich habe euch bisher für mutige Männer gehalten.“

„Mut ist eine, Selbstmord eine andere Sache!“ entgegnet Ingolf dem König unter dem beifälligen Nicken Grimolfs. „Oder wie soll ich es nennen, wenn wir uns mit einer derart überlegenen Streitmacht anlegen würden, bei der auf jedes Schiff von uns drei gegnerische Drachen kommen, auf jedes Schwert drei Schwerter!“ Statt einer Antwort winkt Olaf Tryggvason dem Lurenbläser:

„Gib das Schlachtensignal“, fordert er ihn auf. „Die Schiffe sollen eng auffahren und ihre Vordersteven miteinander vertäuen. Dann legen wir die Segel um und rudern mit voller Kraft auf den Feind zu.“

ngolf und Grimolf sind betroffen über die Entscheidung des Königs, doch sie äußern kein Wort des Widerspruchs, als Olaf Tryggvason ihnen Anweisung gibt, mit ihren Schiffen die beiden Flügel zu sichern.

„Ich bilde mit der Großen Schlange das Zentrum, der Kranich und Rauds Kleine Schlange bleiben neben mir. Mit diesen Großschiffen in der Mitte wollen wir die gegnerischen Linien aufbrechen! Die Männer sollen die Brustwehren aufrichten und sich bereithalten!“

Hörnerrufe, Lurensignale und Kampfgesänge klingen den Besatzungen der Schiffe der vereinigten Könige und Jarle entgegen, und auch Thorleif auf seinem Beobachtungsfelsen vernimmt den aufkommenden Schlachtenlärm. Er sieht Olaf Tryggvason unter der Königsfahne auf dem Achterdeck seines mächtigen Schiffes, die vergoldete Rüstung blinkt in der Sonne, und als er das Schwert aus der Scheide zieht und über seinem Kopf reckt, ist es, als fahre aus heiterem Himmel ein Blitz nieder. Holz splittert krachend, als das hochgebaute Königsschiff in das gegnerische Zentrum vorstößt und das Boot des Dänenkönigs in arge Bedrängnis bringt. Ein Hagelsturm der Pfeile prasselt von oben auf die dänische Besatzung nieder, und den Pfeilen folgt ein donnerndes Steingewitter. Zu Dutzenden sinken dänische Krieger getroffen zu Boden, und selbst Thorleif kann von seinem entfernten Ausguck erkennen, dass die Verluste der Dänen bei diesem ersten Ansturm der Norweger beträchtlich sind. Doch Thorleif sieht auch, dass Sven Gabelbarts Berserker auf der Back des Schiffes eine Schildburg um den König bilden und dieser unverletzt den Ansturm übersteht.

Schließlich bemerkt der Beobachter aber auch, wie sich der Schwerpunkt der Schlacht auf die Flügel verlagert. Dort, wo Ingolf und Grimolf das Kommando haben, greifen die Jarle an. Eriks gewaltiges Bartschiff legt sich Bord an Bord mit dem leichten Adler Ingolfs. Der spürt in diesem Augenblick den großen Nachteil, von unten gegen einen Berg kämpfen zu müssen. Das eisenbeschlagene Schiff des Jarl ist kaum verwundbar, und die aus Norwegen ihres Glaubens wegen vertriebenen oder geflüchteten Männer kämpfen wie die Löwen. Sie überschütten die Besatzung des Adler mit Pfeilen und Steinen, töten ihre Gegner reihenweise, dringen auf das gegnerische Schiff vor. Als auf dem Halbdeck achtern nur noch ein halbes Dutzend Krieger, um den Häuptling geschart, Widerstand leistet, gibt Ingolf den Befehl, sich auf das Nachbarschiff zurückzuziehen.

Hinter den Brustwehren des Falken hat der alte Björn, der diesen Drachen führt, die Bogenschützen postiert. Zielsicher lassen die Männer die Pfeile fliegen, auf dem von ihnen geenterten Adler sinken viele Feinde getroffen zu Boden. Doch so treffsicher Björns Krieger auch schießen, sie können nicht verhindern, dass immer mehr Krieger über die Bordwand des Adler auf ihr Schiff vordringen. Als Ingolfs Drachenboot ausgeräumt ist, schlagen es die Jarl-Leute aus den Tauen, die es mit dem Falken verbinden, so dass der Adler steuerlos in der Bucht treibt. Der Jarl aber legt sich mit seinem Bartschiff neben den Falken, und Ingolf muß, bleich vor Wut, mit ansehen, wie machtlos er gegen diese Form des Flügelangriffs ist, weil Jarl Erik dank der großen zahlenmäßigen Überlegenheit auf diese Weise immer neue, ausgeruhte Krieger in den Kampf führen kann, während er und seine eigenen Leute mit schartig gehauenen Schwertern kämpfen müssen und ihr Häuflein immer kleiner wird.

Ingolf zur Seite kämpft Björn. Die Anstrengung und die Hitze des Kampfes haben die vielen Narben in seinem Gesicht blutig-rot anschwellen lassen; der Alte bietet einen furchterregenden Anblick, während er kraftvoll wie ein Junger das Schwert schwingt.

„Zieh dich mit den Männern auf das Königsschiff zurück, wir können die kleinen Drachen nicht länger gegen die Übermacht halten“, ruft er Ingolf zu. „Ich decke euren Rückzug!“ Und er stürzt sich, schrecklich brüllend und das Schwert schwingend, einem Haufen Feinde entgegen.

Thorleifs lahme Rechte zuckt unwillkürlich, will nach dem Schwert greifen, als er sieht, wie sein Schwiegervater sich den Feinden entgegen wirft, um seine Männer zu retten. Als sein Eidam müsste ich jetzt an seiner Seite sein, denkt Thorleif, der dazu verurteilt ist, tatenlos mit anzusehen, was sich da unten in der Bucht, zu seinen Füßen, abspielt. Er sieht Björn, von einem Speer in die Brust getroffen, niedersinken, und er sieht, wie Ingolf, der schon zum Sprung auf das Nachbarschiff bereit auf der Bordwand steht, sich umdreht und mit dem blutigen Schwert mitten zwischen die Feinde springt, gewaltige Hiebe austeilend. Drei, vier Gegner fallen unter seinen Streichen, dann springt er mit mächtigem Satz auf die Bordwand und von dort auf das nächste Schiff.

Auch auf den großen Schiffen sind die Besatzungen längst in Bedrängnis geraten; die Übermacht des Gegners ist einfach zu gewaltig. So gelingt es den Kriegern der Jarle, auch diese auszuräumen, bis nur noch des Königs Schiff, die Große Schlange, Widerstand leistet.

Der Wind hat das mächtige Schiff gegen das Ufer getrieben, es schwimmt jetzt genau unter dem Felsen, von dem aus Thorleif Zeuge der Schlacht ist. Das Kampfgetümmel da unten ist so nahe, dass er die Schreie der Krieger verstehen, das Schwerterklingen hören kann. Thorleif sieht, wie Ingolf sich mit Vilgard und wenigen Männern zum Halbdeck durchschlägt, wo der König mit der Kraft eines Bären kämpft. Er sieht auch die Speere fliegen, so dicht, dass sich des Königs Männer kaum dagegen schützen können. Immer mehr Krieger fallen, immer mehr Angreifer entern die Große Schlange.

Jetzt steht Ingolf neben Olaf Tryggvason, und Thorleif sieht, wie er seinen goldbeschlagenen Schild hebt, um dem König Schutz zu bieten. In diesem Augenblick trifft ein Speer Olafs Schildarm, und der Königsschild fliegt über Bord. Ingolf zögert keinen Augenblick, dem König den eigenen Schild zuzuwerfen. Er selber ist auf diese Weise ohne Schutz, als Jarl Erik mit dem Schwert auf ihn eindringt.

„Jetzt räche ich Höskuld, der mein Freund war, bevor du ihn erschlugst“, ruft Erik und greift Ingolf hart an, trifft ihn an der Hüfte. Doch der junge Häuptling weiß sich zu wehren. Mit dem Schwert, das ihm Thorleif aus Toledo mitgebracht hat, pariert er die Hiebe des Drontheimers, mit seinen schnellen Ausfällen bringt er den Gegner ein paar Mal arg in Bedrängnis. Der Zweikampf wogt hin und her. Da gelingt es Ingolf plötzlich, mit einem schnellen Hieb den Jarl am Hals zu verwunden. Blut spritzt ihm ins Gesicht. Das sieht Hemming von Fünen, der in Ingolfs Rücken kämpft. Als der Häuptling zum todbringenden Schlag gegen Erik ausholt, stößt Hemming zu, trifft den einstigen Freund und Waffenbruder neben dem Schulterblatt ins Herz.

Thorleifs Herz schlägt schneller, als er den Bruder da unten in tödlicher Bedrängnis sieht. Ein paar Schläge lang steht Ingolf wie erstarrt, versucht noch einmal den Schwertarm in die Höhe zu recken, bricht dann tot zusammen.

Der Jarl wendet sich jetzt gegen den König, bedrängt ihn mit seiner Übermacht. Da Ingolf an seiner Seite gefallen ist, auch Vilgard von einem Speer tödlich getroffen wurde, Grimolf und die wenigen übrigen Getreuen von den Feinden ergriffen worden sind, ist Olaf Tryggvason plötzlich allein. Ingolfs Schild bietet gegen die Masse der Gegner nur wenig Schutz, sein Schwert wütet unter den Angreifern, die jetzt von allen Seiten kommen, auf ihn einhauen, nach ihm greifen. Die einst gold schimmernde Rüstung des Königs trieft von Blut, Schritt um Schritt muß er zurückweichen, steht plötzlich mit dem Rücken an der Bordwand, kämpft mit dem Mut und der Kraft der Verzweiflung seinen letzten, einsamen Kampf. Da ruft Jarl Erik seinen Männern zu, die Schwerter ruhen zu lassen, damit der Todfeind lebend in seine Hand falle. Gellendes, höhnisches Lachen ist Olafs Antwort. Und ehe sie seiner habhaft werden können, schwingt er sich auf die Bordwand, wirft den Schild über sich und springt in die Tiefe.

Thorleif sieht im Glanz der Nachmittagssonne Olafs Goldhelm blitzen, ehe er im Wasser versinkt, und auf den Wellen neben der Großen Schlange schwimmt noch einige Augenblicke Ingolfs weißer Königsschild, der eigentlich den Dänenkönig Harald Blauzahn schützen sollte und nun mit Olaf Tryggvason untergeht. Oben, an der Bordwand, tauchen ratlose Gesichter vieler Krieger auf, starren in grenzenloser Verwirrung in die Fluten. Die Schlacht ist zu Ende.

Thorleif Erikson steht einen Augenblick lang wie betäubt auf dem weißen Kreidefelsen, lässt seine Augen über die Bucht schweifen, in der aller Schlachtenlärm verhallt ist. Brennende Drachenboote treiben auf dem Wasser, Besatzungen siegreicher Schiffe suchen die Boote und das Wasser nach Beutestücken und nach Toten und Verwundeten ab, die auf den Wellen treiben. Mit Enterhaken bergen sie, was zu bergen ist.

Thorleif weiß jetzt plötzlich, was er zu tun hat. Er verlässt seinen Ausguck, läuft eilenden Schnittes hinunter zur Bucht, ruft schon von weitem den Knechten zu, den Knorr seeklar zu machen. Es dauert nicht lange, dann biegt das Handelsschiff um die Felsnase, auf der Thorleif vor kurzer Zeit noch gestanden hat, in die Bucht ein, den Schauplatz der großen Schlacht. Er hält direkt auf Olaf Tryggvasons Königsschiff zu.

Auf der Großen Schlange haben sich die Sieger versammelt, und der Jarl gibt Anweisung, die Leichen der Feinde über Bord zu werfen und die feierliche Bestattung der eigenen Gefallenen vorzubereiten. Während sich die Schiffsleute ans Werk machen, empfängt Erik, der sich mit seinem Bruder Sven künftig die Krone Mittelnorwegens teilen wird, als Gewinner der Schlacht auf dem Halbdeck Sven Gabelbart, der sich rühmt, den ersten Stoß Olaf Tryggvasons aufgefangen zu haben. Auch Olav Schoßkönig, der Schwede, ist erschienen, obwohl sein Beitrag am Ausgang des Kampfes bescheiden ist. Die Könige beglückwünschen sich gegenseitig und geloben einander feierlich, ihre Beute, das Land Norwegen, so aufzuteilen, wie sie es vor langer Zeit besprochen haben.

Da tritt einer der Männer vor die Könige und meldet ihnen, ein Handelsmann habe mit seinem Knorr an Backbord festgemacht und wünsche sie zu sprechen.

„Ein Kaufmann?“ wundert sich der Gabelbart. „Will er vielleicht Beutestücke aufkaufen? Er soll kommen, der Mann, wir wollen ihn anhören!“

Dann steht Thorleif vor den Königen, nennt seinen Namen, sagt, dass er auf der Fahrt nach Haithabu sei, wo sein Haus steht, und trägt sein Anliegen vor:

„Ich möchte euch um die Gunst bitten, einen toten Krieger an Bord nehmen zu dürfen!“

„Nenne uns seinen Namen“, fordert ihn der Dänenkönig auf. „Wie willst du ihn finden unter den vielen Toten, die an Bord der Schiffe liegen oder im Ostmeer schwimmen?“

„Es ist Ingolf Haraldson, und er liegt hier auf dem Halbdeck!“ „Du nennst den Namen des ersten Gefolgsmannes Olaf Tryggvasons?“ wundert sich Erik Jarl. „Aus welchem Grunde willst du seine Leiche haben? Ich bin dafür, dass sie ins Wasser geworfen wird wie alle toten Krieger des Tryggvason!“

„Er ist mein Ziehbruder, und nach norwegischem Recht habe ich einen Anspruch darauf, ihn bestatten zu dürfen.“

„Das Recht mache ich dir streitig“, widersetzt sich Erik. „Er ist im Kampf gegen mich gefallen. Ich entscheide, wo der Tote bleibt.“

„Vielleicht ist der Kaufmann bereit, den Toten mit Silber aufzuwiegen“, schlägt Olav Schoßkönig vor, geldgierig wie immer. „Darüber ließe sich reden“, nickt Thorleif stolz. „Nennt die Summe !“

Ehe einer der Könige etwas sagen kann, drängt sich Hemming von Fünen vor, Sven Gabelbarts Gefolgsmann. Er wendet sich an Thorleif.

„Nimm deinen Bruder und bestatte ihn am Platz deiner Wahl“, sagt er. „Ich, Hemming von Fünen, gestatte es dir, denn ich bin es, durch dessen Hand Ingolf, mein Freund und früherer Waffenbruder, gefallen ist!“

„Wieso rühmst du dich dieser Tat?“ begehrt Erik Jarl auf. „Ich habe mit ihm gekämpft, ihn gleich zu Beginn verwundet und ihn schließlich nach hartem Kampf besiegt. Obwohl ich zugeben muß, dass er, der mir ohne Schild gegenüberstand, sich tapfer geschlagen hat!“

Da wendet sich Hemming abermals an Thorleif. „Gehe hin und nimm die Leiche deines Bruders. Wenn du sie aufhebst, dann tue es so, dass die Schwertwunde in seinem Rücken zu sehen ist, die ich ihm zugefügt habe und derer ich mich schämen muß. Erik Jarl war durch Ingolfs Schwert in tödlicher Bedrängnis. Um ihn zu retten, habe ich Ingolf von hinten angegriffen und ihm die Wunde zugefügt, die ihr alle sehen könnt. An ihr ist er gestorben und nicht an den Wunden von der Hand Erik Jarls. Wäre sein Herz nicht von meinem Schwert durchbohrt worden, dann hätte Norwegen an diesem Tag zwei Könige verloren, Olaf Tryggvason und Erik Hakonson.“

 

Die Sonne steht schon tief über dem Meer, als Thorleif mit seinem Knorr die Bucht verlässt, über der noch immer der schwarze Qualm der brennenden Schiffe steht und beißend die Augen rötet. Es riecht nach verkohltem Fleisch.

Im Scherenraum hat der Schiffsführer für seinen toten Bruder ein Lager richten lassen, die Leiche mit einer Decke aus Schafswolle zugedeckt. Er steht am Ruder und steuert bei aufkommendem leichtem Wind das Schiff auf das offene Meer hinaus. Während er den schweren Ruderbaum bewegt, ziehen die Ereignisse dieses Tages noch einmal an ihm vorüber. Er sieht die Männer, mit denen er in der Siedlung am Fjord gelebt hat und aufgewachsen ist, ihren letzten Kampf kämpfen, ruft sich die Namen der Toten ins Gedächtnis zurück. Vilgard hat er fallen sehen, den selbstbewussten Schiffsführer, der zuerst Ingolfs Freund und Gönner, später sein Rivale gewesen war. Unter seinen Augen sind die Krieger gestorben, mit denen Ingolf und er als Jungen im Wettstreit um einen Platz im Drachenboot gekämpft haben: Henrik, Egbert, Bjarni und Ulf der Starke, der mit seinem Schwert unter den Feinden gewütet und viele niedergemacht hat, bevor er selbst todwund zu Boden sank. Und Thorleif sieht noch einmal den alten Björn kämpfen, Björnhilds Vater, wie er sich mit dem Mute der Verzweiflung auf die Feinde stürzt, um den Freunden und vor allem Ingolf, dem Seekönig, den Rückzug zu ermöglichen.

„Tot sind sie, alle tot“, murmelt Thorleif. „Es wird in der Siedlung am Fjord an Männern mangeln, und auch auf vielen Höfen in Norwegen, Dänemark und Schweden werden die Frauen um die erschlagenen Krieger trauern.“

Thorleifs Gedanken wandern zurück zu jenem Tag vor dreizehn Jahren, als er mit Ingolf auf dem Wächterfelsen am Fjord stand und den heimkehrenden Drachenbooten entgegen bangte. Er sieht Ingolf blass und ratlos hinaus auf den Fjord starren, weil die Seeschwalbe, seines Vaters Boot, ausblieb. Und ihm kommt Hiltruds trauererfülltes Gesicht in Erinnerung, als der Seekönig Erik auf sie zutrat und ihr berichtete, dass Harald, ihr Mann und Ingolfs Vater, verschollen sei. „Es wird viele Tränen am Fjord geben“, murmelt Thorleif. „Und es wird an mir liegen, den Frauen zu berichten, wie ihre Männer in diesem Kampf gestorben sind.“

Der Knorr hat das offene Meer erreicht, der Wind weht stärker. Thorleif gibt den Knechten Order, das Segel zu setzen. Die schäumende Bugwelle zeigt, dass das Schiff gute Fahrt macht. Die Gewässer zwischen Lolland und Fehmarn sind ihm vertraut, so dass er die Nacht durchfahren kann. Morgen Abend, so rechnet er sich aus, wird er am Kai von Haithabu festmachen, Björnhild und die Kinder in die Arme schließen. Und tags darauf wird er gleich wieder das Segel setzen und hinauf zum Aurlandsfjord fahren, zu Gudrun und zu Thorstein, seinem Ältesten, und zu all den Familien, die nach dem Tod der Männer und Väter jetzt Beistand brauchen werden.

Thorleif drückt einem der Knechte den Ruderbaum in die Hand und geht zu Ingolf in den Scherenraum, lässt sich auf einem Ballen neben dem Toten nieder. Das Segel knattert leise im Wind, das voll beladene Schiff ächzt und knarrt auf den Wellen. Gischt schäumt weiß. So fährt der erfolgreiche Handelsmann mit dem toten Krieger dem Hafen entgegen.

 

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