Drachen nach Drontheim

Eine Wikingergeschichte von Gerd Lobin

 

Elftes Kapitel

Die Verschwörung

 

Vier Sommer sind vergangen seit Ingolfs Blutrache vor dem Ringwall von Trelleborg, und dreimal ist der Winter aus der Gletscherwelt der Berge herabgestiegen in die Täler. König Olaf hat im Herzen Norwegens, am Drontheimfjord, seine mächtige Königsburg Nidaros errichten lassen und seinen vertrautesten Gefolgsmännern darin Räume zugewiesen. So sind Grimolf und Ingolf immer in der Nähe, einerlei, ob König Olaf durch die Lande zieht oder ob er auf der Burg weilt, den Blick über den Fjord schweifen lässt und voller Stolz auf seine wachsende Flotte schaut, die an der Mündung des Nidflusses ihren Ankerplatz hat.

Des Königs besondere Aufmerksamkeit gehört einem Schiff, das erst vor wenigen Wochen auf Kiel gelegt worden ist, dessen gewaltige Steven aber jetzt schon die aller anderen Drachenboote überragen und die Bewunderung der Betrachter auslösen. Das Schiff, an dem Zimmerleute unter der Aufsicht der erfahrensten Drontheimer Baumeister arbeiten, soll nach dem Willen des Königs das größte und prächtigste Drachenboot werden, das je an den norwegischen Fjorden gebaut worden ist.

In diesem Frühjahr war Olaf mit seinem >Kranich< nach Norden gesegelt, nachdem er in den letzten Sommern den Süden und den Kern des Landes trotz Murren und heimlicher Widerstände vieler Bauern und Großmänner von den Bildern und Heiligtümern der alten Götter gesäubert hatte. Ingolf hatte den König begleitet, und im Vergleich mit dem >Kranich<, einem kräftigen Dreißig-Spanten-Boot, war der in seinem Kielwasser segelnde >Adler< wie eine Ente hinter einer Graugans erschienen. Als sie vor Salten kreuzten, war ihnen der Großmann Raud entgegen gesegelt, um dem König zu huldigen. Olaf war blass geworden, als er Rauds Schiff sah. Die >Schlange< war größer und schöner als des Königs Schiff. Wieder nach Drontheim zurückgekehrt, hatte Olaf Tryggvason die erfahrensten Schiffbaumeister auf die Königsburg beordert und ihnen befohlen, sofort mit den Vorarbeiten für den Bau eines noch größeren Schiffes zu beginnen.

Den ganzen Sommer über hatten die Schiffsbauer über den Plänen gesessen, hatten über die Seetüchtigkeit und Steuerfähigkeit eines noch größeren Schiffes beratschlagt und waren schließlich übereingekommen, ein Schiff mit 35 Rudersitzen auf jeder Seite zu bauen, wie es kein Häuptling und kein König in den nordischen Ländern besaß. So sehr Olaf drängte, der Sommer verging dennoch, ehe das neue Schiff, das den Namen >Große Schlange< tragen sollte, auf Kiel gelegt werden konnte, denn das Bauholz musste von weither geholt werden.

In diesem fünften Winter seit der Eroberung Norwegens geht Olaf Tryggvason nicht seinem gewohnten Zeitvertreib nach. Die meisten Jagden werden ohne den König veranstaltet, und als eine dicke Eisdecke das Wasser des Drontheimfjordes bedeckt, bleibt er selbst seiner Lieblingsbeschäftigung, dem Schlittschuhlaufen, fern. Stattdessen verbringt er die dunklen Tage auf der Baustelle, treibt die Männer an, trotz frostklammer Finger Nägel ins knochenharte Eichenholz zu hämmern und nicht im Arbeitstempo nachzulassen. Im Frühjahr, sobald die ersten milden Winde das Eis brechen lassen, will er mit seiner >Großen Schlange< hinaussegeln auf das Nordmeer.

Ingolf ist umso eifriger bei den Jagden und Spielen. Mit dem Bogen schießt er den flinken Fuchs, stellt mit den anderen Häuptlingen und Kriegern den Wölfen nach, die sich im tiefen Schnee bis in die Nähe der Bauernhöfe wagen, und lockt den Bär aus dem Winterschlaf in seiner Höhle. So vergeht die Zeit schnell. Als der kalte Hornung vorbei ist, werden die Tage wieder länger, und wenn die Sonne scheint, wird es den Männern fast zu warm unter ihrem dicken Pelz.

Thorleif kommt in diesem Jahr früher als sonst aus dem Süden. Er hat es sich zur Gewohnheit gemacht, zweimal im Jahr in Drontheim anzulegen, doch meistens wird es Ostern, wenn Ingolf das rotweiße Segel seines Knorrs gemeldet wird. Ein Händlerschiff vor Beginn des Odinmonats, der auf Anordnung Olafs längst März heißt, ist so ungewöhnlich, dass Ingolf die Nachricht kaum glauben will, als der Turmwächter ihm die Ankunft seines Ziehbruders meldet.

„Bringst du schlechte Nachrichten?“ ruft er ihm entgegen, noch ehe Thorleif seinen Gruß entboten hat.

„In der Tat, ich habe wenig Erfreuliches zu berichten“, nickt der Handelsfahrer. „Doch zuvor soll ich dir einen Gruß von Björnhild sagen, die in diesem Sommer auf ihr viertes Kind wartet. Platz im Haus in Haithabu gibt es genug, denn nach dem Julfest ist Torkil gestorben. Wir hatten am Abend zusammen am Feuer gesessen, und Torkil hatte von seinen Fahrten nach Nowgorod erzählt. Er fühlte sich nicht wohl, als wir schlafen gingen. Am anderen Morgen lag er tot auf seinem Lager.“

„Torkil, der gute Alte“, sagt Ingolf. „Wenn ich noch an meine erste Begegnung mit ihm denke! Er stand an einer Felswand und wehrte sich mit einem Knüppel gegen drei junge Wölfe. Als ich einen erschlagen hatte, rannten die anderen davon. Er war der erste Christ, den ich gesehen habe, und jetzt gibt es hier in Norwegen kaum einen Menschen, der noch an die alten Götter glaubt. Alles hat sich sehr verändert. Aber du, Thorleif, du bist jetzt ein reicher und ein mächtiger Mann.“

„Meine Schiffe fahren auf allen Meeren“, sagt der Kaufmann zufrieden. „Ich führe das Unternehmen von Haithabu aus. Björnhild ist froh darüber, dass ich selber nicht mehr so viel unterwegs bin. Nur die Fahrten nach Norden überlasse ich keinem anderen.“

„Und was macht dein Mittelmeerhandel? Hast du den gar aufgegeben?“ erkundigt sich Ingolf.

„Im Gegenteil, er hat an Bedeutung zugenommen. Aber auch aus Malaga ist Trauriges zu berichten! Der alte Knut ist gestorben. Im Kampf mit Piraten, die sein Schiff überfielen, hat er schwere Verletzungen erlitten, denen er erlegen ist. Er verschied leichten Herzens. Denn obwohl er schon vor vielen Wintern Christ geworden war, hatte er sich doch seinen Glauben an das Weiterleben bei Odin in Wallhall niemals ausreden lassen.“

„Und wer besorgt jetzt deine vielen Geschäfte da unten in Spanien?“

„Drei tüchtige Männer führen die Schiffe und einer meiner Sklaven verwaltet die Niederlassung! Er besorgt das so geschickt und zuverlässig, dass ich keine Klagen führen muß, sondern mich im Gegenteil über reiche Gewinne freuen darf.“

„Auch Henrik hat mein volles Vertrauen“, lobt Ingolf seinen Pächter. „Er entrichtet pünktlich seine Abgaben von den Erträgen der Ländereien am Fjord.“

„Und Gudrun wacht mit vom Alter noch ungetrübten Augen über dem Haus“, pflichtet Thorleif ihm bei. „Es wird Zeit, dass du wieder einmal nach ihr siehst! Du bist lange nicht mehr auf dem Hof gewesen, und sie entbehrt dich schmerzlich, glaube ich.“

„Olaf beabsichtigt, mit seinem neuen Königsschiff nach Polen zu segeln, sobald die >Große Schlange< fertig ist. Morgen früh wollen wir gleich zum Schiffsbauplatz reiten. Ein Schiff wie dieses hast du noch nicht gesehen. Dort wirst du auch den König treffen, er hält sich fast immer bei den Schiffsbauleuten auf.“

„Das ist gut, denn ich habe auch für ihn wichtige Nachrichten“, sagt Thorleif.

Ingolf blickt ihm forschend in die Augen. „Ich brauche nicht erst zu fragen, ob es gute oder schlechte Nachrichten sind. Dein ernstes Gesicht verrät es mir.“

„Es braut sich etwas zusammen gegen Olaf, in der Tat“, nickt Thorleif. „Jarl Erik kann nicht vergessen, wie schimpflich er und sein Bruder vor fünf Wintern geflohen sind. Er arbeitet unermüdlich an einem Bündnis gegen Olaf.“

„Ein Bündnis gegen den König? Wer sollte sich gegen ihn verbünden?“

„Die Jarl-Söhne rühren unaufhörlich! Sven ist der Eidam des schwedischen Olav in Uppsala, und Erik hat die Tochter des Gabelbart geheiratet. Es heißt, dass vor dem letzten Winter ein Geheimtreffen stattgefunden habe. Die beiden Könige und die Jarle seien sich einig geworden, Olaf Tryggvason niederzuwerfen und das Land Norwegen unter sich aufzuteilen.“

Ingolf hat seinem Ziehbruder aufmerksam zugehört: „Ich habe dem Gabelbart noch nie getraut, auch wenn er mich nach meiner Blutrache vor Erik Jarl und den anderen beschützt hat. Aber schon damals machte er aus seiner Feindschaft kein Hehl, obwohl er unser Waffenbruder war!“

„Die beiden Jarle wollen Drontheim zurückhaben“, sagt Thorleif. „Und Sven war immerhin der Lehnsherr der norwegischen Fürsten, bevor Jarl Hakon sich auflehnte. Alte Waffenbrüderschaft zählt da nicht viel! Der schwedische Olav aber sieht einfach die Möglichkeit, sich zu bereichern. Und schließlich schaffen sie sich alle zusammen mit Olaf Tryggvason einen gefährlichen Widersacher vom Hals. Erik Jarl liegt dem Gabelbart, wie ich zuverlässig erfahren habe, ständig mit der Warnung vor

Olaf im Ohr. Er behauptet, Norwegen sei für den König erst der Anfang. Sobald er sich hier seiner Macht und seiner Krone sicher sei, werde er unter dem Vorwand, den Menschen das Christentum bringen zu müssen, seine Hand nach Schweden und Dänemark ausstrecken.“

„Aber Olav Schoßkönig in Schweden will sich doch auch taufen lassen, und Sven Gabelbart verfolgt längst nicht mehr die Christen in seinem Lande wie in der ersten Zeit nach dem Sturz seines Vaters Harald. Er erlaubt sogar, dass wieder Kirchen gebaut werden.“

„Ich gebe nur wieder, was Jarl Erik behauptet. Er kennt die Verhältnisse in Schweden besser; dorthin ist er schließlich mit seinem Bruder geflohen, als Olaf Tryggvason seinen Vater stürzte. Wenn der König auch das Kreuz nehmen will, die Goden in Uppsala schlachten auf den Altären noch unentwegt Rosse und hängen Menschen als Opfer für Odin in die Bäume.“

„Es kann keine Rede davon sein, dass Olaf Tryggvason sich Schweden unterwerfen will“, widerspricht Ingolf beharrlich seinem Bruder. „Ich habe ihn nie ein solches Wort sagen hören, und ich bin schließlich sein engster Vertrauter.“

„Das glaubst du, Ingolf! Erliegt dein König aber nicht längst den Einflüsterungen des Mönches Sigurd, den er zum Bischof gemacht hat? Wenn Olaf auch seine Zunge zähmt, der Pfaffe redet ungeniert über Pläne, nach Norwegen auch Schweden christlich zu machen. Du willst mir morgen die >Große Schlange< zeigen. Ich habe schon von ihr gehört, und der Nordwind hat mir auch zugetragen, dass König Olaf seine Flotte schnell vergrößert. Er verfügt bereits über sechzig Drachenschiffe, darunter einige, die in ihren Ausmaßen nur wenig hinter dem neuen Königsschiff zurückbleiben. Wofür, meinst du, tut er das?“

„Nicht, um die Schweden oder die Dänen zu überfallen, sondern nur, um gewappnet zu sein, falls er angegriffen wird“, beteuert Ingolf.

„Das erzählt er dir! Sind das aber seine wahren Absichten? Kennt überhaupt jemand seine wahren Absichten? Ingolf, der du sein Vertrauter zu sein glaubst, weißt du, was dein König in Wahrheit denkt? Doch ich kann dich verstehen. Ein aufrechter Krieger wie du vertraut den Worten eines Mannes! Als Handelsmann habe ich es jedoch gelernt, die Wahrheit aus den Mienen der Menschen und ihren Handlungen herauszulesen, ihrer Zunge aber zu misstrauen und stets auf Ränke gefasst zu sein.“

Ingolf stützt das Kinn auf die flache Hand, blickt versonnen in das Feuer. Die Antwort bleibt er schuldig.

„Komm“, sagt er nach einer Weile, „ich will dir eine Kammer anweisen lassen. Wir wollen uns zur Ruhe begeben. Ich muß das, was du gesagt hast, überschlafen. Morgen früh wollen wir mit Olaf Tryggvason darüber reden.“

Am anderen Morgen reiten Ingolf und Thorleif in aller Frühe hinunter zum Schiffsbauplatz, wo die gewaltige >Große Schlange< liegt, zu Ingolfs Erstaunen schon nahezu fertig. Noch größer aber ist seine Verwunderung, als er bei den Schiffsbauern nicht den König findet. Er muß hingegen erfahren, dass Olaf heute und auch morgen nicht erwartet wird, vielmehr mit dem >Kranich< fjordeinwärts gerudert ist. Am allermeisten aber wundert er sich darüber, dass er Grimolf begegnet, der also den König auch nicht begleitet.

„Wohin ist er gefahren?“ wendet er sich an Olafs zweiten Gefolgsmann.

„Er hat es mir nicht gesagt“, knurrt Gnimolf. „Ich kann nur vermuten, dass der Schwarzrock Sigurd ihn wieder einmal überredet hat, irgendwo an einem Seitenfjord eine Kirche zu stiften oder mit seinem königlichen Gebet einzuweihen. Er wird einige Tage abwesend sein, denke ich !“

Mit den Augen des erfahrenen Seemanns betrachtet Thorleif dann das gewaltige Drachenboot, schreitet seine Länge von achtzig Ellen ab, schätzt die Höhe der Bordwand, die seinen Scheitel um ein gutes Stück überragt, und steht staunend vor den ragenden Steven.

„Ein großartiges Schiff, meinst du nicht auch?“ fordert Ingolf das Urteil Thorleifs heraus.

Der wiegt den Kopf hin und her, betrachtet die Dicke der Planken, nickt dann und sagt: „Es wird schwer sein, ein solches Schiff zu entern! Doch wenn es von Schniggen und leichten Drachen angegriffen wird, dann werden die Steuerleute Mühe haben, das große Schiff zu lenken. Als Königsschiff und Mittelpunkt der Flotte mag es angehen, als Kampfschiff ist mir dein >Adler< lieber.“

„Gut, dass König Olaf dich nicht hört!“ lacht Ingolf. „Er ist davon überzeugt, dass er nicht nur das größte und schönste Kriegsschiff des Nordens hat bauen lassen, sondern auch das kampfstärkste.“

„Ich werde keine Gelegenheit haben, dem König mein Urteil über sein Schiff zu sagen“, entgegnet Thorleif. „Sieh dort hinten meinen Knorr! Die Knechte haben ihn schon wieder beladen. Um die Mittagsstunde werde ich ablegen.“

„Du willst schon fort?“ versucht Ingolf ihn umzustimmen. „Ich hatte mich auf einige Tage mit dir gefreut. Doch ich bin froh, dass du gekommen bist. Wohin wird dich der Weg von hier aus führen?“

„Zurück nach Haithabu und dann das Ostmeer hinauf nach Ladoga und Nowgorod. Ich muß mich um die Niederlassungen kümmern, die ich von Torkil übernommen habe. Vielleicht begegnen wir uns, wenn du mit deinem König nach Polen segelst!“

„Das hängt nicht von meiner Entscheidung ab. Ein Handelsmann kann selbst bestimmen, welchen Weg sein Schiff nehmen soll. Ein Krieger muß dem Wort des Königs folgen.“

„So willst du nicht den Fjord hinauffahren und Gudrun begrüßen? Das bedauere ich! Du würdest dort nämlich einen tüchtigen jungen Bauern zu sehen bekommen.“

„Du meinst Thorstein, deinen Sohn?“

„Ihn meine ich! Obwohl er noch nicht acht Lenze zählte, hat er mir bei meinem letzten Besuch dort gezeigt, dass er schon allein die Pferde anspannen und mit dem Pflug schnurgerade Furchen pflügen kann.“ Und Thorleif erzählt voller Stolz, dass der Junge ihm den Pflug in die Hand gedrückt habe und dass er nicht imstande gewesen sei, die Furchen so gerade zu ziehen wie sein Sohn.

„So wird der Hof bei ihm in guter Hand sein“, sagt Ingolf, und ein Lächeln erhellt seine Züge. „Ich bin immer nur ein Krieger gewesen, nie ein Bauer! Ein Hof aber braucht einen Herrn!“

„Henrik ist ein zuverlässiger Pächter!“

„Das ist er!“ nickt Ingolf. „Und er ist der Ziehvater Thorsteins dazu! Er wird den Hof bewahren, bis der Junge alt und stark genug ist, ihn selbst zu bewirtschaften!“

„Du redest düstre Worte, Ingolf. Hast du trübe Ahnungen?“

„Als ich auf meinem Lager lag, letzte Nacht, und den Schlaf entbehrte, habe ich nachgedacht über das, was du von der Verschwörung der Könige und Jarle berichtet hast. Mein Schicksal ist mit dem Olafs verbunden. Ich sonne mich in seinem Glanze, seit er aufgestiegen ist. Wenn aber sein Stern erlischt, falle auch ich!“

 

Diesen Artikel weiter empfehlen …. href="http://www.manfrieds-trelleborg.de"

zum Inhaltsverzeichnis oder direkt Zum Tor

 

6,100,453 eindeutige Besuche

Top Zum Seitenanfang