Drachen nach Drontheim

Eine Wikingergeschichte von Gerd Lobin

 

Zehntes Kapitel

Ingolfs Blutrache

 

In der Siedlung am Fjord ist es endlich Frühling geworden. Auf den Wiesen hinter den Höfen blühen gelb die Schlüsselblumen, und die Knechte und Mägde haben die Kühe und Schafe auf die Sommerweiden in den Bergen getrieben, die zwischen den Gletscherzonen des Jostedalsbreen und des Hardangerjökulen grünen. Die Kälber und die Jungschafe springen ausgelassen umher, als seien sie froh darüber, endlich den Winter hinter sich zu haben. Er hat so viel Schnee gebracht, dass die Knechte jeden Morgen Mühe hatten, die Wege zwischen den Gehöften freizuschaufeln, und die alten Frauen an den Spinnrädern behaupten, einen ähnlich schneereichen Winter habe es lange nicht mehr gegeben.

Die Abwesenheit der Männer ist unter solchen Umständen doppelt schmerzlich empfunden worden. Zum ersten Mal, solange er denken kann, hat Ingolf das Julfest nicht am Fjord verbracht. Als im letzten Herbst die Tage kürzer und die Nächte dunkler wurden und er sich zur Heimfahrt rüsten wollte, hatte König Olaf ihn aufgefordert, den Winter über in seiner Nähe zu bleiben. Noch sei das Bekehrungswerk am Volk der Norweger erst zu einem Teil vollbracht, noch stünden an vielen Fjorden und in unzugänglichen Bergtälern die Männer und Frauen unter dem Einfluss ihrer Goden, als dass der König allzu leichtfertig seine Krieger entbehren könne, hatte Olaf ihn beschworen. So hatte sich Ingolf bereden lassen, mit seinen Männern die Leibwache zu stellen, während der Großteil der Krieger nach Hause entlassen worden war; vor allem jene Männer, die viele Jahre lang, Sommer wie Winter, auf dem Nordmeer und an fremden Küsten verbracht hatten.

Schwer war Ingolf seine Zusage an den König vor allem gefallen, weil er dadurch seine Absicht, über das Nordmeer zu segeln, in Essex Berta von Langford zu heiraten und sie als seine Frau mit nach Norwegen zu nehmen, nicht verwirklichen konnte. Als er dies dem König vorgetragen und um Bedenkzeit gebeten hatte, war Olaf ihm mit der Bemerkung über den Mund gefahren, es wäre ohnehin besser, wenn sein erster Gefolgsmann die Hände und den Kopf frei habe, um sie ganz in den Dienst des Königs zu stellen. Heiraten könne er immer noch, zunächst sei es wichtig, die halsstarrigen Norweger zu Christen zu machen und des Königs Herrschaft zu festigen. „Erst wenn alle Großmänner meine Lehnsleute sind und der letzte Odinsstein gestürzt ist, kann ich dich entbehren“, hatte Olaf Tryggvason entschieden.

Doch jetzt segelt Ingolf südwärts. Nachdem es Olaf gelungen war, bei einem großen Thing auf der Halbinsel Stad am Nordfjord mit der Kraft seiner Rede mehr als ein Dutzend einflussreiche Häuptlinge und Gaukönige für sich zu gewinnen und mit ihren Gefolgsmännern zum Christentum zu bekehren, hatte er ihn ziehen lassen. Ingolf wäre am liebsten auf dem schnellsten Wege zu Berta gesegelt, von der er seit seinem Abschied vor zwei Wintern nichts mehr gehört hat. Doch dann hatte er überlegt, dass er das seinen Männern nicht zumuten könne, die ein volles Jahr ihre Frauen und Kinder entbehrt hatten. So segelt er jetzt an der Küste Norwegens entlang heimwärts in der Absicht, einige Zeit in der Siedlung am Fjord zu verbringen, Haus und Hof für den Empfang der neuen Hausfrau zu richten und erst dann hinüber nach Essex zu segeln, um Berta heimzuholen.

Während die Schiffe bei mäßigem Nordwestwind langsame Fahrt machen, steht Ingolf am Ruder und lässt die Landschaft vorüberziehen. Er sieht weidende Viehherden, und die Fischer haben ihre Netze zum Trocknen aufgestellt. Auf einigen Hügeln entdeckt er Kirchen, auf einzelnen Felsen ragen Kreuze in den Frühlingshimmel. Seit der Landnahme durch Olaf Tryggvason ist noch kein Jahr vergangen, und das Christentum hat dennoch in ganz Südnorwegen, von Tönsberg bis Drontheim, schon starke Bollwerke, denkt Ingolf. An vielen Plätzen haben Kirchen die alten Tempel verdrängt, erheben sich Kreuze statt der Götterbilder. Alten Bräuchen gehen die Leute bestenfalls im geheimen nach, weil es für jeden Norweger verderblich wäre, in der Öffentlichkeit Odin zu huldigen oder den Göttern gar Opfer zu bringen. So beugen sie lieber den Rücken und beten zu dem neuen Gott unter Anleitung englischer und irischer Mönche, die Bischof Sigurd über das ganze Land verteilt hat. „Ich möchte wissen, wie es die meisten halten, wenn sie allein in ihren vier Wänden sind“, denkt Ingolf angesichts der Kreuze da drüben.

Als die drei Drachenboote den Wächterfelsen hinter sich haben und sich dem Landungssteg bei der Siedlung nähern, sieht Ingolf zu seiner Überraschung dort ein Schiff liegen. Im ersten Augenblick denkt er an Thorleif, doch bei näherem Hinsehen entdeckt er, dass es des Bruders Schiff nicht ist. Vermutlich ist es Gunnar, der Wanderhändler, der um diese Zeit immer nach Norden fährt, denkt Ingolf, und er erinnert sich an jenen Frühling vor neun Wintern, als Gunnar die Nachricht brachte, dass Harald, Ingolfs Vater, im Bömlofjord gefangen gehalten werde und der habgierige Lorolf für ihn ein sehr hohes Lösegeld fordere.

Freudenrufe, mit denen die Kinder, die mit den Frauen und den Alten hinunter zum Fjord geeilt sind, als der Wächter die Ankunft der Drachenboote gemeldet hatte, die Ankommenden begrüßen, reißen den jungen Häuptling am Steuerruder des ersten Schiffes aus seinen Träumen. Unter den Wartenden am Ufer erkennt er Gudrun, die seit zehn Wintern seine Ziehmutter ist. Ihr Haar ist grau geworden, doch ihr Rücken ist ungebeugt. Hiltrud, seine leibliche Mutter, entdeckt er nicht, und er hat auch kein sonderlich starkes Verlangen danach, sie zu sehen. Seit sie im Sommer nach Haralds Tod wieder geheiratet hat, ist das ohnehin nicht sonderlich herzliche Verhältnis zwischen ihr und ihrem erstgeborenen Sohn noch mehr getrübt. Sie hat niemals verwinden können, dass Ingolf das Elternhaus verließ, um als Ziehsohn des Seekönigs Erik heranzuwachsen. Ingolf wiederum hat ihr verübelt, dass sie ihren Mann so schnell vergaß, als auf Weisung des Sippenältesten Ragnar ein Verwandter, der noch dazu jünger war als sie, um sie anhielt, weil man, wie Ragnar sagte, eine solche Frau nicht aus der Sippe gehen lassen sollte.

Ingolf hat kaum seinen Fuß an Land gesetzt, da tritt ihm ein Mann entgegen, den er lange nicht mehr gesehen hat.

„Du, Torkil“, ruft er erfreut und umarmt den vertrauten Handelsmann. „Dass du dich wieder einmal hier im Fjord sehen lässt, macht mein Herz froh! Was für Nachrichten bringst du? Weißt du etwas von Thorleif? Wie geht es in Haithabu Björnhild und den Kindern? So rede doch!“

„Du bringst einen alten Mann mit deinen stürmischen Fragen durcheinander“, sagt Torkil lachend. „Immer schön der Reihe nach. Also: Björnhild geht es gut und sie lässt dir Grüße sagen. Sie hat jetzt drei Kinder. Thorstein und Thorfin üben schon tüchtig mit Pfeil und Bogen, und Thorhild, die im letzten Frühjahr geboren wurde, fängt an zu laufen. Du solltest bald mal wieder nach Haithabu kommen, damit du dich an ihnen erfreust, wie ich es tue. Sie sind das Licht meines Alters.“

„Und Thorleif? Was ist mit ihm? Gibt es keine Nachrichten von seinem Knorr?“ Ingolf bedrängt ungeduldig den Alten. Torkil schweigt einen Augenblick und lächelt dann zufrieden. „Von ihm gibt es gute Nachrichten, Ingolf. Thorleif ist ein großer Handelsmann geworden! Er unterhält Niederlassungen in Malaga, auf Gotland, auf Birka und in London. Seine Schiffe segeln auf allen Meeren. Wenn ich richtig unterrichtet bin, fahren derzeit vier Knorren unter seinem Gebot.“

Ingolf hat aufmerksam zugehört, jetzt aber unterbricht er den alten Freund: „Er hat eine Niederlassung in London, sagst du?“

„Ja, an der Themse steht ein großes Lagerhaus, in dem er seine Waren vom Englandhandel umschlägt.“

„Wann werde ich ihn wieder einmal sehen?“

„In wenigen Tagen“, entgegnet ihm Torkil. „Ich bin hier mit ihm verabredet. Wenn Tag und Nacht gleich lang sind, wollen wir uns treffen und unsere Waren austauschen. Ich warte auf eine Sendung guter Tuche, und Thorleif bekommt von mir fünf Kisten Kruzifixe, die der Mönch Sigurd angefordert hat. Sigurd, der sich ja neuerdings mit König Olafs Billigung Bischof nennen darf, hat es sehr eilig mit der Bekehrung der Menschen. Man erzählt sich, dass er in der Wahl seiner Mittel nicht wählerisch ist, genauso wenig wie sein König. >Das Kreuz oder der Tod< soll beider Wahlspruch sein!“

Ingolfs Augen halten dem fragenden Blick Torkils stand. „Es ist wahr, Olaf zwingt den Leuten die neue Religion auf. Er tut es vor allem aber mit seiner unglaublichen Beredsamkeit. Du hättest ihn sehen und hören müssen, wie er unter der Thinglinde zu den Drontheimer Bauern sprach, wie er seine Hinwendung zum neuen Glauben begründet hat. Mitten auf dem Kampffeld, im Angesicht einer drohenden Niederlage, habe er plötzlich erkannt, dass der Christengott der wahre Gott sei, der ihm Rettung aus höchster Not gebracht habe. Dabei hat ihm nicht Gott geholfen, sondern ich habe von der Seite her die Engländer angegriffen und ihn herausgehauen.“

Ingolf lacht dröhnend, als er Torkil schildert, wie geschickt Olaf sein unvermutetes Eingreifen in den Kampf bei Maldon als eine Fügung Gottes darzustellen verstanden hat. Auch Torkil lacht, wird aber sehr schnell wieder ernst.

„Das ist es, was ich meine“, sagt er. „Olaf stellt Gott als einen Schwertgenossen dar, den man bloß zu rufen braucht. Und auch sein Bischof tut nichts, um den Menschen das wirkliche Christentum zu erläutern, in dem nicht von Brand und Schwert, sondern von der Nächstenliebe die Rede ist.“

Da lacht Ingolf abermals und schlägt Torkil ausgelassen auf die Schulter.

„Was glaubst du, was die starrköpfigen Bauern sagen würden, wenn Olaf Tryggvason ihnen riete, ihre Feinde zu lieben, wie die Mönche es predigen! Sie würden ihn auslachen und wieder davonjagen, weil sie keinen Schwächling als König brauchen können. Nein, Torkil, Olaf weiß genau, was er tut! Er ersetzt den Menschen die alten Götter durch einen neuen Gott, und natürlich muß der neue Gott kraftvoller und stärker als die alten Götter sein! Was gäbe es sonst für einen vernünftigen Grund in den Köpfen der norwegischen Dickschädel, sich ihm zuzuwenden. Ein starker neuer Gott und ein mächtiger neuer König. Das begreifen die Bauern und damit hat er Erfolg.“

„So benutzt er das Christentum nur als Mittel bei der Verfolgung seiner Ziele?“ fragt Torkil erstaunt.

„Das will ich nicht sagen! Vielleicht glaubt er sogar an seinen neuen Gott, so wie ich es tue, seit ich das Kreuz trage, das ich zum ersten Mal bei dir gesehen habe, und das zu meiner Freude auch Thorleif genommen hat“, führt Ingolf das Gespräch wieder an seinen Ausgangspunkt zurück. „Es ist schön, dass ich ihn bald hier begrüßen kann.“

„Er will gleich weiter nach Drontheim und dann hinauf in den Norden zu den Finnen, dorthin, wo es im Sommer keine Nacht, im Winter aber kaum das Licht des Tages gibt. Die Felle und die Pelze, die sie erbeuten, sind bei den Mauren im Süden als Handelsware so begehrt, dass Thorleif damit Gold scheffeln kann. Er ist ein reicher Mann geworden, dein Bruder! Sein Name hat einen guten Klang auf allen Handelsplätzen. Und bald wird er noch reicher und noch mächtiger sein.“

„Wie meinst du das?“

„Ich werde alt, und meine Zeit ist bemessen“, sagt Torkil und lässt den Blick über den Fjord schweifen. Während ihres Gespräches sind die beiden Männer den Berg hinan zum Hof gestiegen, den Thorolf, Thorleifs Großvater, errichtet hat, und der nun Ingolf gehört. Sie stehen vor dem Grabhügel des Seekönigs Erik, als Torkil fortfährt: „Die langen Reisen strengen mich immer mehr an. Deshalb habe ich den Entschluss gefasst, beim Mittsommerfest alle meine Habe an Thorleif zu übertragen, meine Häuser in Haithabu, Visby und Ladoga, meine Schiffe und alles sonstige Eigentum, und ich will deinen Bruder und Björnhild bitten, mir einen Altenplatz in ihrem Haus einzuräumen.“

 

Abende später sitzen sie mit Thorleif in der großen Halle. Am Nachmittag hatte der Wächter das Nahen eines Handelsschiffes gemeldet, und Ingolf war hinunter zum Fjord galoppiert, um Thorleif willkommen zu heißen. Die Begrüßung der beiden Männer war kurz ausgefallen, nicht so herzlich wie sonst, und Ingolf hatte bei sich im stillen gedacht, Thorleif sehe aus wie einer, der eine schlechte Botschaft ausrichten muß und den schlimmen Augenblick noch ein bisschen hinausschieben möchte.

Beim Gespräch am Herdfeuer in der großen Halle gibt es nichts mehr zu verzögern, zumal Ingolf gleich eine Frage stellt: „Du kommst von England herüber? Wärst du einige Tage später gekommen, dann hätten wir uns wieder im Fjord treffen können. Denn ich werde bald nach England aufbrechen!“ Thorleif blickt schweigend ins Feuer, greift dann nach seinem Becher, trinkt und sagt kopfschüttelnd:

„Ich glaube nicht, Ingolf, dass du über das Nordmeer segeln wirst.“

„Daran wirst du mich kaum hindern können, Thorleif! Du kennst den Grund, der mich nach England zieht! Ich brenne darauf, sie wiederzusehen! Ich werde sie holen! Dort drüben“, er deutet mit der Hand auf die Querbank der Frauen, „dort drüben wird ihr Platz sein, bis ich ein Haus gebaut habe, das ihrer würdig ist!“

Thorleif schweigt, und es hat den Anschein, als ob er nach Worten sucht. Er legt seine gesunde linke Hand auf Ingolfs Arm.

„Du wirst nicht nach England fahren, Ingolf! Denn es gibt keinen Grund mehr für eine solche Reise!“

„Keinen Grund mehr?“ begehrt Ingolf auf. „Ist Berta von Langford kein Grund, das schnellste Drachenschiff zu bemannen und über das Meer zu ihr zu fliegen? Oder willst du sagen, dass sie mich vergessen hat? Willst du das sagen?“

Ingolf ist vom Hochsitz gesprungen und steht erregt vor Thorleif. Auch der erhebt sich von seinem Sitz, geht den noch fehlenden Schritt auf Ingolf zu, legt ihm den gesunden Arm um die Schultern.

„Berta ist tot“, sagt er dann mit leiser Stimme. „Ihr Vater, der alte Graf, ist tot, und ihr kleiner Sohn ist auch tot! Und Burg Langford ist zerstört!“

„Was redest du da?“ fährt ihn Ingolf an. „Was redest du da von einem Sohn? Berta hatte keinen Sohn! Du musst dich irren! Sicher meinst du eine andere Familie. Ich segle morgen und werde mir Gewissheit verschaffen!“

Ingolf schickt sich an, die Knechte zu rufen und Anweisung zu geben, den >Adler< seeklar zu machen. Aber Thorleif zieht ihn auf seinen Hochsitz zurück.

„Ich irre mich leider nicht“, sagt er. „Vor dem letzten Mondwechsel ist Burg Langford überfallen und niedergebrannt worden. Alle Bewohner wurden niedergemacht, selbst vor dem kleinen Kind schreckten die Täter nicht zurück. In den rauchenden Trümmern lagen viele Leichen. Ich habe sie selbst gesehen. Auch das Kind.“

„Was redest du immer von einem Kind“, begehrt Ingolf auf. „Berta war doch noch nicht Mutter!“

„Sie war es!“ entgegnet ihm Thorleif mit einer Entschiedenheit, die keinen Zweifel lässt.

„Und wer“, fragt Ingolf mit flüsternder Stimme, „wer war der Vater? Sag mir den Namen, damit ich den Kerl erschlagen kann!“

„Der Vater warst du!“

Thorleifs Antwort wirkt auf Ingolf wie ein Keulenschlag. Alles Blut ist aus seinem Gesicht gewichen, bleich lehnt er in seinem Hochsitz.

„Ich?“ stottert er dann. „Ich soll der Vater gewesen sein? Woher weißt du das? Wer hat es dir gesagt?“„Die Mutter natürlich, wer sonst?“ antwortet Thorleif. „Wer anders kann über den Vater eines ungeborenen Kindes sprechen als die Mutter?“

„Was soll das heißen?“ schreit Ingolf ihn an. „Du hast doch soeben gesagt, du habest sie als Leichen gesehen. Und jetzt willst du plötzlich mit der Mutter gesprochen haben?“

„Das eine schließt das andere nicht aus“, räumt Thorleif ein.

„Erinnerst du dich an unsere Begegnung an der Themse vor zwei Wintern? Damals habe ich dir versprochen, Berta von Langford aufzusuchen, wenn ich wieder in England sei. Ich habe mein Wort gehalten. Als ich nach dem Winter wieder in London war, habe ich mir ein Pferd besorgt und bin nach Langford geritten. Sie trat mir schwangeren Leibes entgegen, wartete auf ihre Niederkunft. Als ich ihr sagte, wer ich sei, bat sie mich, dich zu grüßen und dir zu sagen, dass dein Kind auf seinen Vater warte. Und als ich jetzt wieder in Langford war, fand ich Leichen und Trümmer.“

Thorleif schweigt und starrt ins Herdfeuer. Torkil wischt sich mit dem Handrücken über die Augen. Ingolf aber springt auf und packt Thorleif mit beiden Händen an den Schultern, schüttelt ihn hin und her.

„Wer? Wer, meinst du, hat es getan? Wer hat sie umgebracht, sie und mein Kind? Kannst du darüber etwas sagen?“

Thorleif zuckt die Achseln.

„Wenn Englands Küsten verheert werden, wenn ein Haus niedergebrannt, eine Stadt zerstört, Menschen erschlagen werden, wer ist dann daran schuld? Die Wikinger natürlich! Die Wikinger als Urheber alles Bösen! Obwohl ich gehört habe, dass ein Edelmann aus der Nachbarschaft Verwünschungen und wüste Drohungen gegenüber Berta ausgestoßen haben soll. Aber ein englischer Edelmann kann natürlich kein Mordbrenner sein!“

„Kennst du seinen Namen?“ herrscht Ingolf ihn an. „Sag ihn mir!“

„Sir Gerold“, sagt Thorleif. „Doch das ist das, was sich die Marktweiber in Maldon und anderswo erzählen. Tatsache hingegen ist, dass in der fraglichen Zeit an der Mündung des Schwarzwassers Langschiffe gesehen worden sind.“

„Dänen?“ erkundigt sich Ingolf. Er stößt die Worte zwischen zusammengepressten Zähnen hervor.

„Ja“, sagt Thorleif. „Dänen auf Wiking! Niemand hat sie zwar an Land beobachtet, doch wer will ausschließen, dass sie abends im Schwarzwasser ihre Drachen ans Ufer gezogen haben, nach Langford vorgestoßen sind, die Burg zerstört, ihre Bewohner getötet und beraubt haben und mit dem Morgennebel wieder auf dem Meer verschwunden sind?“

„Wer immer das getan hat, er wird es mir mit dem Leben büßen“, zischt Ingolf.

Dann starren die drei Männer schweigend ins Feuer, bis Torkil plötzlich zu reden anhebt: „Ich kannte einen erfolgreichen Handelsmann mit einem großen Haus auf Gotland und Niederlassungen in Haithabu, Truso und an anderen Plätzen. Und er hatte eine Frau und einen kleinen Sohn, der sein ganzer Stolz war und sein Erbe werden sollte. Die Frau bat ihn eines Tages, sie und den Sohn mitzunehmen über das Ostmeer, damit sie in Truso selber Ketten aus Bernstein kaufen könne und in Holmgard seidene Stoffe aus den Ländern Arabiens. Der Mann liebte seine Frau und willigte ein. Wenige Tage später war er Witwer. Räuberische Wikinger hatten den Kauffrieden gebrochen, das Nachtlager überfallen, Frau, Sohn und die Knechte getötet, während der Kaufmann ins Landesinnere geritten war, um neue Verbindungen anzuknüpfen.“

„Wikinger überfallen Wikinger!“ Thorleifs Stimme klingt bitter. „Das habe ich auch schon erlebt! Wenn ich an die Nebelfahrt vor zwei Wintern südlich von Smöla denke!“

„Oder an Lorolf, der einen ganzen Winter lang Harald, meinen Vater, gefangen hielt, um Lösegeld zu erpressen“, sagt Ingolf düster.

„Du kannst dich auch an jenen Tag vor neun Wintern erinnern, als der Seekönig dir deinen Hengst >Wolke< gekauft hat und du mit ihm über die Berge geritten bist“, wirft Torkil ein. „Damals hast du einen Händler, der von einem Häuptling ausgeplündert worden war, vor wütenden Wölfen gerettet.“

„Das warst du“, sagt Ingolf, und zum ersten Mal an diesem Tage spielt ein leises Lächeln um seine Mundwinkel. Gleich darauf wird er wieder ernst. „Sag mir, bist du auch der Händler, dem Räuber Frau und Kind erschlagen haben?“

Torkil nickt und sagt dann langsam, jedes seiner Worte sorgsam betonend: „Durch dich, Ingolf, bin ich dem Leben zurückgegeben worden. Und durch euch habe ich wieder Mut gefasst. Es ist nur recht und billig, dass Eriks Sippe mein Erbe antritt.“ Die drei Männer schweigen und trinken. Ab und zu klingen in ihrer Hand die schweren Silberbecher. Die Glocken der kleinen Kirche, die seit einigen Tagen hinter dem Anwesen steht, läuten zur Abendmesse.

„Die Zeiten haben sich geändert“, sagt Torkil. „Da, wo ich vor neun Jahren herkam, war ich wegen des kleinen Kreuzes auf meiner Brust ausgeplündert worden.“

„Nicht nur deswegen“, belehrt ihn Ingolf. „Habgier war der eigentliche Grund. Im Übrigen ist es drüben am Eidfjord heute noch so. Das erinnert mich an das Versprechen, das ich Olaf gegeben habe. Ich muß Thurgeis unterwerfen, den alten Häuptling. Es wird Zeit, dass auch am Eidfjord das Kreuz aufgerichtet wird. Doch zuerst fahre ich nach Roskilde!“

„Was willst du denn in Dänemark?“ wundert sich Thorleif. „Davon hast du ja bisher kein Wort gesagt.“

„Ich will zu Sven Gabelbart, dem Schwertgenossen König Olafs“, antwortet ihm Ingolf, „um nachzusehen, wie es mittlerweile um die Waffenbrüderschaft bestellt ist. Bei dieser Gelegenheit werde ich herausfinden, welche Dänen in diesem Frühjahr an Englands Küsten geheert haben. Sollte einem von ihnen der Überfall auf Langford anzulasten sein, dann wehe den Dänen!“

Ingolf ist von seinem Hochsitz aufgesprungen. Erregt durchmisst er mit langen Schritten die Halle, stürmt zur Tür. Thorleif folgt ihm, während Torkil auf seinem Stuhl sitzen bleibt.

Nach dem langen Wortwechsel in der rauchigen Halle atmen die Brüder mit vollen Zügen die frische Frühlingsluft, und sie starren mit brennenden Augen hinaus in die Nacht. Im Geäst der alten Eiche schreit der Uhu, und die beiden Männer erinnern sich daran, wie sie vor Jahren, nach dem Erbmahl, hier gestanden und dem Ruf des Nachtvogels gelauscht haben.

„Ob er noch mehr Unglück bringt?“ stößt Ingolf ahnungsvoll hervor. Dann dreht er sich plötzlich um und stürmt wieder zurück in die Halle, greift zum Becher, fest entschlossen, sich mit dem köstlichen spanischen Wein, den Thorleif aus Malaga mitgebracht hat, einen Rausch anzutrinken. Thorleif gibt ihm Bescheid, und selbst Torkil spricht dem Wein an diesem Abend lebhafter zu als sonst seine Art ist.

 

Eigentlich war es Ingolfs Absicht gewesen, mit seinem >Adler< nach Süden zu segeln. Aber dann hatte er sich rechtzeitig überlegt, dass seinen Männern eine Ruhepause gut tun würde, und Ragnar, der alte Schmied und sein Vertrauter von Jugend an, hatte ihn darin bestärkt. „Es ist nicht gut, wenn immer nur Frauen und Knechte die Höfe bewirtschaften“, hatte er vieldeutig gesagt. „Schlimm genug, dass auf deinem Anwesen Gudrun das Regiment führen muß. Sie ist zwar eine tüchtige Frau, wie man sie selten trifft, aber sie wird auch nicht jünger.“

Torkil hatte ihn eingeladen, auf seinem Knorr zu reisen. „Ich habe zwar nicht vor, auf direktem Wege nach Haithabu zu segeln, sondern möchte unterwegs noch ein paar Mal anlegen, doch dir kommt es ja wohl auf einige Tage nicht an. Außerdem lernst du nach all den Kriegsfahrten etwas vom friedlichen Geschäft der Händler kennen.“

So sind sie von Fjord zu Fjord gesegelt, haben Waren ausgeladen und aufgekauft, was die Jäger über Winter an Fellen und Pelzen erbeutet hatten. Sie haben Reisende mitgenommen zur nächsten Ansiedlung, haben Botschaften von einem Großmann zum anderen befördert, und wenn beim Festmachen des Knorr einer den alten, wohlbekannten Handelsmann nach seinem blonden Steuermann fragte, dann antwortete ihm Torkil, er habe ihn angeheuert, weil seine alten Arme nicht mehr Kraft genug hätten, um das schwere Steuerruder zu führen. Und der erste Gefolgsmann König Olafs hatte seine Freude daran gehabt, als unbekannter Handelsfahrer in Tönsberg und in Skiringssal an Land zu gehen, in Schenken mit Seeleuten, Fischern und Bauern zusammenzusitzen und zu hören, was das Volk über König Olaf und die neue Religion redete. Schnell hatte Ingolf erkannt, dass Olaf noch einige Jahre brauchen würde, um sich das Land Norwegen endgültig zu unterwerfen. Und noch länger würde es dauern, um bei den Dickschädeln und Querköpfen die neue Religion durchzusetzen.

Als Torkils Knorr nach zehn Tagen in Haithabu festmacht, stürzen zwei Blondschöpfe lärmend aus einem großen Haus, das in Ufernähe steht. Sie stürmen auf Torkil zu, umhalsen den Alten und wühlen mit flinken Fingern in seinen Taschen, nachzusehen, was er ihnen von seiner Reise mitgebracht habe. Ingolf mustern sie zuerst mit scheuen, dann mit neugierigen Blicken. Endlich stößt der Ältere mutig die Frage hervor: „Wer bist denn du?“

Die Frau, die in diesem Augenblick aus dem Haus tritt, ein kleines Mädchen auf dem Arm, enthebt ihn der Notwendigkeit, die Frage zu beantworten.

„Ingolf“, ruft Björnhild erfreut, umfasst ihn mit dem freien Arm und legt den Kopf an seine Schulter. „Ich preise den Tag, der dich zu uns bringt! Er macht mich glücklich!“

Dann stellt sie ihm ihre drei Kinder vor, die den Vaterbruder lärmend begrüßen, und bittet ihn ins Haus.

„Der Tag wäre noch schöner gewesen, wenn du mit Thorleif gekommen wärst“, sagt Björnhild, als sie an dem großen Eichentisch Platz genommen haben und die Kinder in einer Ecke damit beschäftigt sind, die mitgebrachten Geschenke zu untersuchen. Ingolf will es scheinen, als klinge ihre Stimme bitter.

„Thorleif ist nach Norden gesegelt“, berichtet Ingolf. „Er hat mir aufgetragen, dir und den Kindern seine herzlichen Grüße zu entbieten !“

„Ja, ich weiß“, sagt Björnhild mit leiser Stimme, damit die Kinder nicht aufmerksam werden. „Er segelt nach Norden und er segelt nach Süden; immerfort ist er in Geschäften unterwegs. An mich und die Kinder denkt er nicht! Sein Kopf ist angefüllt mit Preisen für Bernstein und Perlen. Er weiß, wo er die besten Tuche kaufen kann und besonders kunstvoll geschmiedete Schwerter. Aber frage ihn mal nach dem Alter seines jüngsten Kindes. Er wird dir die Antwort schuldig bleiben!“

„Du musst Verständnis haben, Björnhild“, versucht Torkil sie zu besänftigen.

„Verständnis?“ sagt Björnhild bitter. „Die Männer ziehen hinaus auf das Meer, bleiben viele Wochen weg, oft Monate oder gar Jahre. Wir Frauen aber sollen Verständnis haben und allein die Kinder aufziehen. Als ich mich für Thorleif entschied vor vielen Jahren, dann auch deshalb, weil ich an seiner Seite ein friedvolles Leben zu führen hoffte. Was aber ist der Unterschied zwischen der Frau eines Kriegers und der eines Kaufmanns? Beider Leben besteht aus Warten, aus Hoffen und aus Bangen!“

„Lass ihn dennoch ziehen, Björnhild!“ nimmt auch Ingolf für den Abwesenden Partei. „Er ist ein Mann, der das, was er macht, ganz tun muß. Könnte er noch ein Schwert schwingen, würde er sicherlich Drachenboote führen. Sein Schicksal hat es anders gewollt. Dass er in den Geschäften eines Handelsmannes, der über die Meere segelt, Erfüllung findet, sollte dich freuen!“

„Aber die Kinder, Ingolf“, begehrt Björnhild auf. „Thorstein und Thorfin kommen in das Alter, wo sie die straffe Hand des Vaters brauchen.“

„Darüber wollte ich mit dir reden, Björnhild! Torkil hat mir berichtet, dass Thorstein sich heute schon auf den Feldern und den Weiden besonders wohl fühlt. Ich denke, du solltest ihn in solcher Umgebung aufwachsen lassen. Henrik, Vilgards Sohn, ist bei einer Auseinandersetzung am Drontheimfjord verwundet worden und kann das Schwert nicht mehr führen. Ich habe mich entschlossen, ihn zu meinem Pächter zu machen und ihm den Hof am Fjord anzuvertrauen. Gib ihm Thorstein als Ziehsohn, dann wächst der Junge unter den Augen seiner Vatermutter auf dem Land auf, das eines Tages ihm gehören wird.“

Björnhild sieht Ingolf mit großen Augen an.

„Du willst ihn zu deinem Erben machen, Ingolf? Was ist aber, wenn du eines Tages eine Frau findest, die dir einen Sohn gebärt?“

Ingolf legt ihr schwer die Hand auf die Schulter, schüttelt dann den Kopf und sagt: „Eine solche Frau wird es nicht mehr geben, Björnhild! Bis vor wenigen Tagen habe ich geglaubt, dass auch mir das Glück der Ehe beschieden sein werde wie dir und Thorleif. Doch die ich heimführen wollte in mein Haus am Fjord ist tot, und tot ist auch der Sohn, den sie mir geboren hat.“

Björnhilds Augen füllen sich mit Tränen, als Ingolf ihr erzählt, was er an jenem Frühlingsabend von Thorleif in der Halle des Hauses am Fjord erfahren hat. Leise sagt sie: „Vielleicht wird es eines Tages eine andere geben, Ingolf. Wenn erst der Schmerz vergangen ist.“

„Dafür wird keine Zeit mehr bleiben“, antwortet Ingolf düster. „Als Thorleif damals vom Bären geschlagen wurde und schwer getroffen im Wundfieber lag, während ich an der Seite des Seekönigs auf der Back des >Adler< stand, da habe ich ihn bedauert, weil er nicht Krieger werden konnte wie ich. Auf Drachenschiffen über die Meere segeln, kampferprobte Gefährten zur Seite, auf die eigene Kraft und Geschicklichkeit, auf die Schärfe des Schwertes und die Härte des Schildes vertrauend, das erschien mir damals als der Inbegriff eines Manneslebens. Ich habe dieses Leben gelebt, neun Sommer lang, und ich weiß heute, dass es die längste Zeit gewesen ist. Ich werde weiter segeln und weiter kämpfen, doch ich habe erkannt, dass es neben Kriegesruhm auf dieser Welt noch andere Dinge gibt, nach denen zu streben es sich lohnt. Torkil, der zehn Tage lang mit mir von Fjord zu Fjord gesegelt ist, Thorleif, du und eure Kinder, ihr alle habt es mich gelehrt! Mein Leben ist Kampf, ist Tod, Thorleifs Leben ist Leben! Vielleicht war ich es damals, der das schwarze Los gezogen hat, nicht er!“

 

Zwei Tage später lässt sich Ingolf von einem Lohnschiffer mit einem schnellen Boot nach Lolland bringen, besorgt sich nach der Landung ein Pferd und reitet quer über die Insel nach Norden. Noch vor dem Abend erreicht er das Fährboot, mit dem er nach Seeland übersetzt. In einer Schenke findet er Quartier für die Nacht, bricht anderntags in aller Frühe auf. Als sich die Sonne den Baumspitzen nähert, reitet er durch die Tore der neuen Königsstadt Roskilde. Er kommt rechtzeitig, um an der Abendmesse in der kleinen Kirche teilzunehmen, die noch Harald Blauzahn hat errichten lassen, bevor er von Sven Gabelbart entmachtet wurde. Viele Köpfe drehen sich bei seinem Eintreten nach dem Fremden um, neugierige Augen mustern ihn.

Ingolf will nach der Messe gerade wieder sein Pferd besteigen, als ihm jemand auf die Schulter schlägt und „Sehe ich recht, ist das nicht Ingolf Haraldson?“ ruft.

Ingolf erkennt den anderen sofort. „Hemming von Fünen“, ruft er erfreut. „Was machst du hier auf Seeland?“

„Das sollte ich eher dich fragen, Ingolf“, antwortet der Däne. „Ich bin schließlich Sven Gabelbarts rechte Hand, und der König hat seinen Sitz hier in Roskilde. Du aber kommst von Drontheim herunter? Sag, was führt dich hierher?“

„Die Sehnsucht, alte Waffenbrüder wiederzusehen“, gibt Ingolf dem Dänen zur Antwort, doch dieser ist mit der Ausflucht nicht recht zufrieden.

„Ich freue mich auch über deinen Anblick“, lacht er. „Als wir uns zum letzten Male sahen, schwammen wir beide in Silber, nachdem unsere Könige den ratlosen Ethelred und seine Engländer ausgepresst hatten. Ich sehe noch die voll beladenen Ochsenkarren in unser Lager rumpeln, und ich höre das Knarren ihrer Räder und das Klimpern des Silbers. Einen ganzen Tag lang und einen halben hatten wir zu tun, um die Beute auf die Krieger zu verteilen. Aber du musst mir vor allem erzählen, wie es dir seitdem ergangen ist, und König Sven wird begierig sein, etwas mehr über Olaf Tryggvason zu erfahren, von dem man ja Wunderdinge hört. Ich will dir einen Vorschlag machen. Der König kommt morgen nach Trelleborg. Gleich in der Frühe will ich zu ihm reiten. Du solltest mich begleiten. Und damit du Schritt hältst mit mir, wollen wir aus dem Marstall des Königs einen schnellen Hengst für dich aussuchen!“ Hemming wirft einen geringschätzigen Blick auf den Leihgaul, der Ingolf nach Roskilde getragen hat. „Dein Klepper ist ja dem Zusammenbruch nahe!“

 

Am anderen Tage traben sie über die Weiden und Felder Seelands, und Ingolf staunt wie schon tags zuvor über den Reichtum der Insel. Edelleute, die über Scharen von Knechten und Sklaven gebieten, rufen den Vorüberreitenden hier und da einen Gruß zu, zweimal kehrt Hemming mit seinem Gefolge und seinem Gast in einem der großen Bauernhäuser ein, um sich zu erfrischen. Die Landschaft ändert sich, je mehr die Reiter sich der Westküste nähern. Die großen Wälderinseln werden immer seltener, dafür fallen Brandfelder ins Auge.

„Wir haben viel Holz gebraucht beim Bau der Trelleborg“, erklärt Hemming auf den fragenden Blick Ingolfs. „Aber du wirst staunen, wenn du sie siehst.“

Ingolf weiß in der Tat nicht, was er sagen soll, als er gegen Abend in die Trelleborg einreitet. In Norwegen gibt es Vergleichbares nicht. Er steht in einem kreisrunden gewaltigen Kriegerlager, das von einem hohen Wall umgeben ist. Nach allen vier Himmelsrichtungen hat der Ringwall Öffnungen, so schmal, dass nur zwei Reiter nebeneinander passieren können. Auf dem Wall halten Posten Ausschau, an den Toren wachen Krieger darüber, dass kein Unbefugter das Lager betritt. Ingolf bleibt unbehelligt, weil er an der Seite Hemmings, des Vertrauten des Königs, durch das Tor reitet.

Innerhalb des Walles wimmelt es von Kriegern, obwohl ein Teil der Besatzung außerhalb des Ringwalles von erfahrenen Männern in der Handhabung der Waffen unterrichtet wird, und wieder andere auf dem flachen Fjord, der sich im Westen bis an den Wall heran schiebt, mit Drachenschiffen umzugehen lernen.

Ein Ausbildungslager, denkt Ingolf. Sven Gabelbart schult seine Krieger durch erfahrene Anführer. Das muß ich Olaf berichten. Als er beiläufig sagt, in Norwegen lerne jeder Mann schon als Kind, mit Schwert, Schild und Speer umzugehen, ein Boot zu führen, lächelt Hemming überlegen.

„Meinst du, dass es bei uns anders ist? Auch unsere jungen Leute müssen ihre Mannbarkeitsprüfung ablegen und zeigen, was sie können, ehe sie sich Krieger nennen dürfen. Aber seit die Zeit der sommerlichen Wikingfahrten mehr und mehr zu Ende geht, seit die großen Könige bestenfalls alle paar Jahre einen Heerzug unternehmen, verlernen die jungen Krieger rasch die Fertigkeiten, die sie sich als Kinder angeeignet haben. Wer die Pflugschar führt und die Sense handhabt, weiß bald nicht mehr mit dem Schwert umzugehen. Hier, in der Trelleborg und in den anderen Lagern, die der König zur Zeit auf Fünen und in Nordjütland errichten lässt, üben sie sich wieder in der Waffenführung. Sie leben eine Zeitlang in den Häusern da unten, und wenn sie wieder heimkehren auf ihren Hof, können sie dort als Bauern arbeiten, sind aber auch als Krieger einzusetzen.“

Hemming ist mit seinem Gast auf den Ringwall gestiegen. Dort bietet sich ihnen ein weiter Blick über Land und Meer. Er hat seinem Gastgeber geduldig zugehört, obwohl er ihn bei dem Stichwort Wikingerfahrten gerne unterbrochen hätte. Erst als Hemming geendet hat, stößt er mit seiner Frage nach.

„So heert ihr Dänen nicht mehr an Englands Küsten?“ Lauernd blickt er Hemming an.

Der Däne hält dem Blick stand.

„Nicht mehr so häufig, wollen wir mal sagen. Obwohl es Sven, der König, nicht so gerne sieht, gibt es immer noch Häuptlinge, die auf eigene Faust lossegeln und ihr Handeln damit rechtfertigen, dass sie ihren Kriegern Gelegenheit geben müssten, ihr hier in Trelleborg erlerntes Können im Kampf zu erproben. Erst vor wenigen Tagen ist Höskuld zurückgekehrt, einer der wildesten unter unseren jungen Häuptlingen. Mit drei Drachen ist er von Jütland nach Essex gesegelt, hat Städte geplündert und Schiffe versenkt, und er brüstet sich damit, die Burg eines Edelmannes niedergebrannt zu haben. Ehe der Mond ein zweites Mal wechselte, war er wieder zurück, und seine Boote waren beuteschwer.“

Ingolf hat plötzlich das Gefühl, der Boden schwanke unter seinen Füßen. Das Blut weicht aus seinem Gesicht, und Hemming, der sich in diesem Augenblick nach ihm umdreht, fragt besorgt: „Ist dir nicht wohl?“

„Doch, es geht schon wieder“, stammelt Ingolf und wischt sich mit dem Handrücken kalten Schweiß von der Stirn. „Von Jütland, sagst du, ist Höskuld aufgebrochen? Dann will ich ihn besuchen, wenn ich wieder in Haithabu bin. Ich möchte nämlich gerne mehr über sein Unternehmen erfahren!“

„Dazu brauchst du nicht erst nach Jütland zu reisen“, lacht Hemming. „Höskuld ist hier, denn er muß wie jeder dänische Anführer Wikingfahrten vor dem König rechtfertigen. Sieh, dort unten wird Svens Königsschiff gerade an Land gezogen. Der Krieger zu seiner Rechten, das ist der aus Drontheim vertriebene Jarl Erik, der schon seit Wochen hier auf Seeland weilt, und links neben dem König steht Höskuld. Du erkennst ihn leicht an seinem feuerroten Haar. Komm, lass uns die Hengste besteigen und hinunter reiten, den König zu begrüßen.“

Der König und seine Begleiter haben gerade ihre Pferde bestiegen, als Hemming und Ingolf vor ihnen die Hengste zügeln. Sven Gabelbart erwidert den Gruß des Norwegers, Jarl Eriks Gesicht verfinstert sich, als er hört, dass König Olafs Vertrauter vor ihm steht. Seine Rechte fährt zum Griff des Schwertes, er macht Anstalten, es aus der Scheide zu ziehen. Doch der König hebt gebieterisch den Arm: „Halt!“ ruft er. „Keine Auseinandersetzungen in meiner Gegenwart! Wenn ich mir auch vorstellen kann, dass der landflüchtige Drontheimer dem Gefolgsmann des Eroberers gerne das Schwert in die Brust stoßen würde!“

Ingolf beachtet den Jarl nicht, und er hört auch nicht auf das, was der König sagt. Hasserfüllten Auges drängt er den Hengst an das Pferd des Dänenhäuptlings heran. „Du bist Höskuld, hörte ich?“ redete er ihn an. „Und du bist gerade von Wikingfahrt aus England zurückgekehrt?“

„Ich bin Höskuld von Fanö“, sagt stolz der junge Däne. „Und ich bin in der Tat beim letzten Mondwechsel noch auf dem Nordmeer gewesen. Doch weshalb fragst du danach?“

„Weil ich wissen möchte, ob du in Essex geheert hast und ob du Burg Langford kennst?“ Messerscharf stößt Ingolf seine Fragen heraus. König Sven und die anderen hören aufmerksam zu. „Wir haben in Essex gute Beute gemacht“, brüstet sich Höskuld. „Und Burg Langford habe ich zerstört! Wir haben die Engländerbrut nachts überfallen und niedergemacht!“

„So bist du der Mörder meines Weibes und meines Sohnes“, ruft Ingolf, und seine Augen sprühen Feuer. „Das fordert Blutrache! Zieh dein Schwert, Höskuld von Fanö, denn ich will keinen Wehrlosen erschlagen!“

Ingolf reißt sein Schwert aus der Scheide und dringt auf den überraschten Dänenhäuptling ein, der beidhändig die ersten Hiebe pariert. Jarl Erik, Hemming und die anderen Dänen ziehen blitzschnell ebenfalls die Schwerter und machen Anstalten, sich zwischen die Kämpfenden zu werfen, aber ein Handzeichen des Königs bedeutet ihnen, die Widersacher gewähren zu lassen.

Höskuld kämpft geschickt, bringt seinen Hengst immer wieder frontal zu Ingolfs Pferd und entgeht auf diese Weise der Reichweite seiner Schläge. Auf die Dauer aber ist er dem überlegenen Kämpfer nicht gewachsen. Als er sich eine Blöße gibt, trifft Ingolf ihn mit wuchtigem Hieb am Hals, und Höskuld fällt tödlich verwundet vom Pferd.

Mit Wutschreien der Empörung stürzen sich die Dänen auf Ingolf, doch ein Machtwort des Königs ruft sie alle, auch Jarl Erik, zurück.

Sven Gabelbart mustert den Norweger von Kopf bis Fuß. „Du hast einen meiner besten jungen Häuptlinge erschlagen, Ingolf Haraldson! Ist es die Wahrheit, was du vorhin gesagt hast? Überlege dir die Antwort gut, dein Leben könnte von ihr abhängen!“

Ingolf nimmt die Drohung wortlos hin und stößt das Schwert in die Scheide zurück. „Gleich nach Frühlingsbeginn wollte ich über das Nordmeer segeln und Frau und Kind nach Norwegen holen“, berichtet er. „Da brachte mir Thorleif, mein Ziehbruder, die Nachricht, dass beide tot seien. Statt nach England bin ich nach Dänemark gereist, um den Schuldigen zu finden und zu töten. Du warst Zeuge, wie sich Höskuld der Tat gerühmt hat. Ich habe Blutrache geübt!“

„Ich werde dir dafür den Schädel einschlagen“, ruft Erik Jarl mit zornrotem Gesicht. „Höskuld, den du getötet hast, war mein Freund! Außerdem hast du das Gastrecht verletzt, als du die Waffe zogst.“

„Blutrache bricht in besonderen Fällen Gastrecht“, entscheidet der König. „Und wer es wagt, als einzelner Krieger seinen Widersacher an der Seite des Königs herauszufordern und zu erschlagen, ist schon ein besonderer Mann. Ich bedaure, Ingolf Haraldson, dass du nicht mein Gefolgsmann bist und eines Tages vielleicht gar mein Feind sein wirst, aber du sollst als freier Mann diesen Platz verlassen dürfen. Ich, der König, erkläre dich jedoch für friedlos in meinem Reich! Das soll gelten von der Stunde an, in der morgen früh die Sonne aufgeht!“

Ingolf legt zum Zeichen seines Dankes die geballte Faust auf sein Herz. Dann wendet er den Rappen aus des Königs Stall so kurz auf der Hinterhand, dass dieser beinahe einbricht. In gestrecktem Galopp braust er davon, von anerkennenden Blicken verfolgt, aber auch von Drohungen und Verwünschungen. Und während er über Felder und Weiden galoppiert, geben ihm die Worte des Dänenkönigs zu denken. Plant der Gabelbart gar einen Zug gegen Olaf Tryggvason?

 

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