Drachen nach Drontheim

Eine Wikingergeschichte von Gerd Lobin

 

Neuntes Kapitel

Olaf stürzt die alten Götter

 

In diesem Frühjahr hält Pater Sigurd, der es gerne hört, wenn man ihn Bischof des Nordens nennt, auf Hitra jeden Tag Gottesdienst in der kleinen Kirche, die jetzt auf dem Odinshügel steht. Nicht nur die Häuptlinge und ihre Krieger hören ihm zu, wenn er von der Macht Gottes predigt und mit lauter Stimme gegen die alten Götter wettert; auch die Inselbauern, ihre Frauen und Kinder kommen immer häufiger in die Kirche. Dort ist auch Olaf Tryggvason oft zu sehen, der jeden Besuch auf dem Kirchenberg zum Anlass nimmt, seine Augen forschend hinüber zum Festland schweifen zu lassen. Mit Befriedigung stellt er fest, dass sich der Winter mehr und mehr in die Berge zurückzieht. Vor dem letzten Mondwechsel war die Landschaft weiß, jetzt hat nur noch der Todalskjolen, der alles überragt, eine Kappe aus Eis und Schnee. Die Fischer fahren wieder hinaus, die ersten Fischschwärme abzupassen, und die Jungmänner nehmen mit den leichten Schuten das Pendeln zwischen Hitra und Smola wieder auf, denn drüben, auf der anderen Insel, sind die Mädchen hübscher.

Thorleif hat zweimal die Fahrt über das winterliche Nordmeer gewagt und ist dafür von Olaf gelobt worden. Die Toledo-Klingen haben das Entzücken des Seekönigs hervorgerufen, und er hatte Thorleif gebeten, ihm davon gleich noch einmal eine Ladung zu beschaffen. Da Olaf nicht nur mit schönen Worten, sondern auch mit klingendem Silber nicht geizt, hatte Thorleif seine Absicht aufgegeben, noch im Herbst nach Haithabu zurückzukehren und den Winter bei Björnhild und den Kindern zu verbringen. Ein Jahr nach Torstein, dem Erstgeborenen, hatte sich in dem Haus am Noor ein zweiter Junge eingestellt, der auf Björnhilds Wunsch Thorfin genannt worden war. Als Thorleif im letzten Sommer Haithabu verlassen hatte, um die von den Wikingern eingekesselte Stadt London mit Fleisch zu versorgen, waren bei Björnhild Anzeichen für eine dritte Schwangerschaft unverkennbar gewesen, und er hatte sich vorgenommen, so bald als möglich zu ihr zurückzukehren. Seitdem ist nun fast ein dreiviertel Jahr vergangen. „Das Kind ist längst geboren“, denkt Thorleif. „Ob es wohl wieder ein Junge ist? Oder ein Mädchen? Wenn ich noch länger mit meinen Geschäften ausbleibe, kann es laufen, bevor ich es zu Gesicht kriege.“

Jetzt segelt sein Knorr wieder auf Südkurs. Den Aufenthalt auf Hitra hat er dazu benutzt, seine Geschäftspartner im Norden zu besuchen. Bei steifem Südwestwind war er wieder fünf Tage lang nordwärts gesegelt, an Steuerbord stets die Berge und Buchten der Küste in Sichtweite, und hatte erst bei den finnischen Jägern hoch im Norden seinen Knorr an Land gezogen. Voll beladen mit Walbein, Seehundshäuten, Wolfs- und Marderfellen war er nach einer Reihe von Tagen wieder auf Südkurs gegangen in der Absicht, mit dieser Ladung seine Handelsfreunde in London aufzusuchen und dort wieder Tuche einzukaufen, mit denen er schon einmal in Malaga gute Geschäfte gemacht hat.

Thorleif ertappt sich dabei, dass er mehr an Malaga als an Haithabu denkt. In Malaga hatte er bei seinem zweiten Aufenthalt einen seiner Sklaven, der sich als sprachgewandt und anstellig erwiesen hatte, mit dem Auftrag zurückgelassen, seine Geschäfte im Mittelmeer zu überwachen. Denn es hatte sich schnell gezeigt, dass Knut zwar ein sehr guter Schiffsführer ist, sich als Handelsmann aber leicht übervorteilen lässt, und dass Selim, der arabische Händler, bei allen Geschäften mehr an seinen als an Thorleifs Vorteil denkt. Da hatte ihm Knut vorgeschlagen, dem Sklaven Ibrahim, der in seiner Heimat schon erfolgreich Handel getrieben hatte, die Vertretung seiner Interessen in Malaga zu übertragen, und Thorleif hatte schnell feststellen können, dass sich das zum Segen seiner Mittelmeergeschäfte auswirkte.

Während er am Steuerruder steht, kommt ihm plötzlich Berta von Langford in den Sinn, die er noch nie gesehen hat, und Thorleif nimmt sich vor, seinen Aufenthalt in London zu benutzen, um sie zu besuchen, wie er es Ingolf schon im letzten Herbst versprochen hat. Den nächsten Fernhändler, der seinen Kurs mit Richtung Haithabu kreuzt, will er bitten, Björnhild zu verständigen, dass seine Geschäfte ihn nach London geführt haben und er noch nicht wisse, wann er heimkommen könne.

 

Zu dieser Stunde sitzt Ingolf in seinem Haus am Fjord auf dem Hochsitz und blickt düster ins Feuer. Morgen werden die drei Drachenboote Segel setzen und auf Nordkurs gehen; nach Hitra, denn das Thing hat zu seinen Gunsten entschieden. Dennoch ist er nicht froh darüber. Die heftigen Auseinandersetzungen, die der knappen Entscheidung vorangegangen sind, bewegen den jungen Häuptling stark. Nur eine einzige Stimme - wäre sie für Vilgard gefallen, hätten die Schiffe morgen Drontheim ansteuern müssen, hätte er niemals mehr vor Olaf Tryggvason hintreten können. Im Herdfeuer knistern die Buchenscheite, und Ingolf fragt sich, was er falsch gemacht hat. Hat er allzu selbstherrlich seine Ziele verfolgt, ohne daran zu denken, dass in der Siedlung am Fjord Familien auf die Männer warteten, die er ihnen in Olafs Gefolge allzu lange entzogen hatte? Hat er über die Köpfe seiner Männer hinweg Entscheidungen getroffen und dabei in erster Linie seinen Vorteil im Auge gehabt? Ingolf nimmt sich vor, in Zukunft mehr an die zu denken, die hinter ihm stehen. Und er ist froh darüber, dass nach dem Thing bei dem Gelage in dieser Halle, das an alte Zeiten unter dem Seekönig Erik erinnerte und bei dem viel Bier getrunken worden war, schon bald wieder Einmütigkeit unter den Männern herrschte.

Viel Bier wird auch am Drontheimfjord getrunken, auf der Burg des alten Jarl. Hakon vergnügt sich mit seinen Mannen, als stünde der Weltuntergang bevor. Abend für Abend ruft er nach den Tänzerinnen, und wenn er trunken auf sein Lager wankt, lässt er sich jede Nacht von einer anderen Frau begleiten. Nicht nur Tänzerinnen sind es, nach denen gierig seine Hand greift. Er begehrt die Frauen und Töchter seiner Gefolgsmänner, und Kark, sein Sklave und Handlanger, muß dem lüsternen Alten immer wieder neue Beischläferinnen zuführen. In vielen Fällen muß er dabei Gewalt anwenden, weil die Auserwählte sich den Wünschen des Jarl widersetzt und sich trotz aller Versprechungen weigert, ihm auf die Burg zu folgen. Wie ein hungriger Wolf dringt er mit einer Handvoll Krieger in die Frauenhäuser ein, reißt brutal die Frauen und Töchter von ihren Lagern, und einige Male ist er bei den blutigen Auseinandersetzungen, zu denen es immer wieder mit Vätern und Ehemännern kommt, beinahe erschlagen worden. Kehrt er aber erfolglos und mit leerer Sänfte zum Jarl zurück, so bekommt er dessen Zorn zu spüren und darf sich tagelang vor den Augen des Alten nicht blicken lassen.

Während auf Hitra Olaf auf seine Beute lauert wie der Polarfuchs vor dem Kaninchenbau, wächst im Lande der Unmut über die Herrschaft des Jarl. Olaf folgt Ingolfs Rat und schürt ihn noch, indem er auf den Kopf des Jarl einen hohen Preis aussetzt. Wer den Alten bringt, tot oder lebendig, soll zweihundert Pfund Silber bekommen, lässt er durch die Fischer und Händler verbreiten. Als der Jarl davon hört, lacht er und setzt seinerseits fünfhundert Pfund auf Olafs Kopf aus, aber die Gefolgsleute und die Bauern fragen sich, woher er bei seinem aufwendigen Leben das Geld wohl nehmen wolle, falls tatsächlich ein Verräter Anspruch darauf erheben sollte.

Das Ledingsgebot des Jarl hat sich als ein Misserfolg erwiesen. Nur wenige Hundertschaften sind ihm gefolgt und mit ihren Langschiffen weisungsgemäß nach Drontheim gesegelt. Angekommen sind dort noch weniger. Ingolf und die anderen Unterführer machen sich einen Spaß daraus, die Anhänger des Jarl vor dem Erreichen des Fjordes abzufangen und vor die Wahl zu stellen, es auf einen Kampf mit der Übermacht ankommen zu lassen oder lieber die Fronten zu wechseln. Sie brauchen kaum zum Schwert zu greifen. So wächst die Streitmacht Olafs schnell an, während Jarl Hakon kaum Zuwachs erhält, weil Ingolf mit zehn Schiffen nach Norden gesegelt ist und die Zufahrt im Boldfjord blockiert.

So stößt die Streitmacht des Eroberers auf keinen nennenswerten Widerstand, als Olaf eines Tages den Befehl gibt, die Drachenboote zu besteigen und gen Drontheim zu segeln. Er selber kommt mit der Hauptmacht von Süden her, Ingolf nähert sich dem Fjord aus Norden. Vor Agdenes vereinigen sie sich und gehen an Land. Es ist der Tag, an dem der Sommer beginnt.

Olaf küsst das schwere Holzkreuz, bevor er es zum Zeichen der Landnahme in den Boden rammen lässt. Dann befiehlt er seinen Knechten, sein Zelt zu errichten. Die Krieger ziehen die Drachenboote an Land und schlagen in einem großen Halbkreis ihre Lagerstätten auf. Im Nu ist der Platz befestigt. Wachen gehen die Runde und achten darauf, dass sich kein Unbefugter dem Lager nähert.

Menschen strömen in Scharen herbei. Die Männer kommen nicht mit dem Schwert in der Hand, sondern lassen die Waffe in der Scheide stecken; wenn sie das Schwert vor Olaf ziehen, tun sie es nicht, um gegen ihn zu kämpfen, sondern um ihm zu huldigen. Die Frauen tragen in geflochtenen Weidenkörben Salz und Brot herbei, stellen sie als Willkommensgruß vor den Füßen Olafs nieder. Als einige vor ihm auf die Knie sinken, befiehlt ihnen der Seekönig, aufzustehen.

„Da drüben steht das Kreuz Christi“, ruft er ihnen zu. „Kniet vor ihm nieder, vor dem allmächtigen Gott!“

Gegen Abend nähert sich dem Lager ein Mann, der kostbare Kleidung trägt und dennoch an seinem geschorenen Haar unschwer als Sklave zu erkennen ist. Er trägt ein kurzes Schwert in der Scheide und unter dem rechten Arm einen Weidenkorb von der Art, mit denen die Frauen Früchte, Salz und Brot gebracht haben. Im Zuge der allgemeinen Huldigungen hindert ihn niemand, zu Olaf Tryggvason vorzudringen.

„Du bist ein Sklave, doch du trägst Kleider wie ein Herr, und an deiner Linken hängt ein Schwert“, spricht Olaf ihn an. „Wer bist du und was bringst du mir, sprich!“

Der Sklave mustert den Seekönig mit halb forschendem, halb unterwürfigem Blick und hält mit der linken Hand den Deckel auf seinem Weidenkorb fest.

„Ich bin Kark, der Sklave des Jarl“, sagt er langsam. „So sendet dich Hakon?“ ruft Olaf und springt von seinem Sitz auf. „Was schickt mir der Alte, was bringst du mir da, rede!“ Ehe der Sklave etwas sagen kann, hat Olaf sein Schwert aus der Scheide gerissen und will mit der Spitze den Deckel des Korbes lüften. Aber Kark hält ihn fest.

„Was ich dir bringe, hat seinen Preis“, sagt er mit halblauter Stimme. „Seinen hohen Preis !“

„Seinen Preis?“ erkundigt sich Olaf und sieht sein Gegenüber fragend an. „Was redest du von einem Preis? Drücke dich deutlicher aus!“

„Ich rede von zweihundert Pfund Silber“, sagt der Sklave unerschrocken. „Du hast doch verkünden lassen, dass du sie dem zahlen willst, der dir den Jarl bringt! Tot oder lebendig. Nun, hier ist er!“

Kark reißt den Deckel vom Korb unter seinem Arm und kippt ihn vor den Füßen Olafs aus. Der blutige Kopf Jarl Hakons rollt in den Sand.

„Du hast ihn erschlagen?“ herrscht Olaf den Knecht mit blitzenden Augen an. „Du, ein Sklave, hast deinen Herrn getötet?“

„Hätte ich es nicht getan, dann hätten sich die Drontheimer Bauern ihre Hände mit seinem Blut beschmutzt“, brüstet sich Kark. „Sie sind in die Burg eingedrungen, als Nachricht von deiner Landung hierher nach Lage gedrungen war und die beiden Jarl-Söhne mit ihren letzten Getreuen durch Stjordalen nach Schweden geflüchtet waren. Sie wollen nach Uppsala zu deinem Namensvetter Olav, der dort seit kurzem herrscht. Der alte Jarl aber flüchtete vor den wütenden Bauern jammernd in den Schweinestall. Er forderte mich auf, ihn vor ihrer Rache zu retten. Ich habe seiner zitternden Angst ein Ende gemacht. Hier, mit diesem Schwert habe ich ihm den Kopf abgeschlagen. Und jetzt fordere ich von dir den Preis, den du für ihn ausgesetzt hast.“

„Du wagst es, etwas von mir zu fordern?“ fährt Olaf den Sklaven an. „Doch du sollst deinen Lohn bekommen! Hier auf der Stelle will ich ihn dir auszahlen! Da, nimm, was du verdient hast mit deiner Schandtat! Ein Knecht, der seinen Herrn erschlägt, hat nichts als den Tod verdient!“

Olaf Tryggvason tritt einen Schritt auf den Sklaven zu, sein Schwert blitzt in der Sonne. Doch ehe er zuschlagen kann, fällt Ingolf ihm in den Arm.

„Halt ein!“ ruft er. „Ein König sollte kein Sklavenblut vergießen. Dies zu tun, ist die Aufgabe des Geringsten unter deinen Dienern.“

„Du hast recht“, stimmt ihm Olaf zu und stößt sein Schwert zurück in die Scheide. Dann winkt er ein paar Sklaven herbei, von denen einer eine Axt trägt. Ein paar Augenblicke später liegt der Kopf des Sklaven Kark neben dem seines Herrn im Ufersand. Olaf und Ingolf wenden sich wortlos ab. Die Krieger und die Männer und Frauen von Drontheim verharren schweigend.

 

Ohne dass es einer Anordnung Olafs bedurft hätte, ruft der Lagmann von Drontheim alle Männer zum Thing zusammen. Zehn Tage nach der Landung Olafs bei Agdenes versammeln sie sich unter der großen Linde an der Mündung des Nid in den Fjord, dicht bei der Burg der Jarle, um Olaf Tryggvason zum König auszurufen.

Es ist ein warmer Sommertag. Die Bauern aus Drontheim sind so zahlreich gekommen, dass längst nicht alle Schatten unter dem riesigen Baum finden. In dem Blätterdach summen die Bienen, und es duftet süß aus gelblichen Blüten.

Olaf Tryggvason hat ein prächtiges Gewand angelegt. Er trägt Hosen aus blauer Seide, eine goldbestickte rote Jacke und einen mit Goldplättchen beschlagenen breiten Gürtel. Sein Haar hat er mit einem Goldband hochgebunden, und als er auf seinem Schimmelhengst dahergeritten kommt, da blinken seine Waffen in der Sonne. Dreißig Häuptlinge und Großmänner, ebenfalls prächtig gekleidet und gut beritten, bilden sein Gefolge. Die Schwerter klirren, als sie am Fuße des Thinghügels von den Pferden steigen.

Die Bauern im Rund schlagen mit ihren Schwertern an die Schilde. Am Stamm der Linde lässt Olaf sich auf dem für ihn vorbereiteten Sitz nieder. Ingolf und Grimolf, seine ersten Gefolgsmänner, stehen hinter dem Stuhl, die eine Hand an der Lehne, die andere am Griff des Schwertes.

Der Lagmann als Vorsitzender des Things führt das Wort. Die Drontheimer Bauern seien entschlossen, wieder einen König zu wählen, sagt er. Seit dem Erstarken des Jarl und seinem Sieg im Hjörundfjord seien sie zwischen der Oberherrschaft des Dänenkönigs und dem Machtanspruch des Jarl oft in Zweifel gestürzt worden. „Doch nun ist der Jarl tot, und Dänemark ist weit“, sagt der Lagmann. „Wir wollen, dass ein Norweger über uns herrscht. Deshalb rufen wir dich, Olaf Tryggvason, zum König aus !“

Nach den Worten des Lagmann bricht der Beifall los, dass die Äste der Thinglinde zu zittern scheinen. Hochrufe auf den König schallen über den Drontheimfjord. Dann spricht König Olaf: „Männer von Drontheim, ich bin gekommen, um König von Norwegen zu werden und nicht Gaukönig von Drontheim. Tryggve, mein Vater, hat auf Iringstal nahe Tönsberg gesessen, doch das Gebiet, das er beherrscht hat, war mit einem guten Pferd in einem Tagesritt zu durchqueren. Dort unten am Skagerrak fühlt sich jeder Häuptling als König. Doch ich werde nicht ruhen noch rasten, bis ich sie mir alle unterworfen habe. Herrschen will ich über das ganze Land, wie einst Harald Schönhaar über Norwegen geherrscht hat!“

Wieder brechen die Männer unter der Thinglinde in Beifall aus. Der Lagmann aber nimmt abermals das Wort.

„So bist du jetzt unser König“, sagt er. „Und wir wollen dir gehorsam sein, wie es sich für Gefolgsleute geziemt. Doch sage uns, König Olaf, was es mit der neuen Religion auf sich hat, die du aus England mitgebracht hast? Was hast du gegen unsere alten Götter? Warum willst du sie uns nehmen?“

Die Männer schlagen mit den Schwertern gegen die Schilde und bekunden damit, dass der Lagmann mit ihrem Einverständnis so gesprochen hat. Der alte Hjalti Finnson, einer der angesehensten Großmänner am Drontheimfjord, deutet mit der Hand auf das Kreuz auf Olafs Brust und ruft: „Warum trägst du nicht den Thorhammer wie wir alle? Warum lässt du überall gekreuzte Balken in die Erde rammen und behauptest, dies sei das Zeichen Gottes?“ Seine Stimme zittert, und das weiße Haar des Alten weht im Sommerwind.

Da erhebt sich Olaf, zieht das Schwert aus der Scheide und fasst es so, dass seine rechte Hand den Griff, die linke die Spitze hält. Seine Stimme klingt verhalten, doch seine Augen sprühen Feuer, als er zu reden anhebt: „Es ist noch nicht viele Winter her, da habe ich gedacht wie du“, sagt er. „Ich habe die Götter verehrt, und ich habe ihnen Opfer gebracht, nicht nur beim Julfest, sondern auch bei vielen anderen Gelegenheiten. Und als ich fern der Heimat erfuhr, dass mein Vater Tryggve erschlagen worden sei, noch bevor meine Mutter mich geboren hatte, und als man mir sagte, dass meine Mutter später als Sklavin verkauft worden sei, da dachte ich, es sei der Götter Wille. Ich glaubte an die Kraft der Götter, als ich gegen Feinde kämpfte und mit meinem >Kranich< das Nordmeer befuhr, und wenn meine treuesten Gefolgsleute neben mir tödlich getroffen wurden, so sagte ich mir, die Götter wollten es so. So vertraute ich, Olaf Tryggvason, auf die Götter, und niemals ist es mir eingefallen, an ihnen zu zweifeln. Bis zu dem Tage, an dem sie mich im Stich ließen!“

Die Männer unter der Thinglinde haben schweigend zugehört. Olafs Worte sind immer lauter, immer eindringlicher geworden. Leidenschaftlich fährt er fort: „Wir lagen vor Maldon, und der Graf von Essex hatte eine starke Streitmacht, die zudem auf dem Schlachtfeld die günstigere Stellung besaß. Als wir angriffen, gerieten wir schnell in arge Bedrängnis. Pfeile prasselten auf uns hernieder wie Hagelkörner bei einem Sommergewitter. Reihenweise sanken meine Krieger zu Boden; ich selber wurde verwundet. Da habe ich die Götter angefleht, uns beizustehen, doch alles Bitten, alles Flehen blieb vergeblich. Wir alle drohten erschlagen zu werden. In dieser Not habe ich auf dem Schlachtfeld gelobt, mich taufen zu lassen wenn der Gott der Christen mir beistehe. Ich hatte die Worte kaum ausgesprochen, als sich das Schlachtenglück zu unseren Gunsten wendete. Zur Mittagszeit lag der Graf von Essex erschlagen auf dem Schlachtfeld, und ich war der Sieger.“

Es ist totenstill geworden auf dem Thingplatz. In die Stille hinein ruft Hjalti mit brüchiger Stimme: „Und? Wie hat er geholfen, dein Christengott? Hat er auf die Engländer Blitze niederfahren lassen?“

„Er hat mir Ingolf Haraldson zur Verstärkung geschickt! Wie ein Blitz, in der Tat, ist der mit seinen Männern unvermutet über den linken Flügel der Verteidiger hergefallen, hat die Front in Verwirrung gebracht und uns Luft gemacht. Wir konnten zum Gegenstoß ansetzen und mit vereinten Kräften den Feind besiegen. Zwei Tage später ließen wir uns taufen!“

„Glaubst du, dass Ingolf ausgeblieben wäre, wenn du den Christengott nicht um Hilfe angefleht hättest?“ ruft der weißhaarige Bauer hartnäckig.

Olaf ist nur einen Augenblick lang verlegen. „Er ist gerade noch zur rechten Zeit gekommen, und Gott hat ihn mir geschickt. Auf ihn ist Verlass! Was soll ich mit Göttern, die es zulassen, dass der Vater eines ungeborenen Kindes erschlagen wird? Dass seine Mutter in die Sklaverei geführt wird, als das Kind gerade laufen kann? Was soll ich mit Göttern, die dem Feind das Schlachtenglück schenken? Der Christengott hat mich stark gemacht, so stark, dass ihr mich heute zu eurem König gekürt habt! Jetzt, wo ich König bin, werde ich Schluss machen mit den alten Göttern in diesem, meinem Land! Wer meinem Beispiel folgt, den alten Göttern abschwört und die neue Religion annimmt, wird sehr schnell merken, dass ich ein huldvoller König bin, unter dessen Herrschaft es sich gut leben lässt. Wer sich aber gegen mich stellt und zu den alten Göttern betet, wird gut daran tun, außer Landes zu gehen, bevor er meinen Zorn zu spüren bekommt.“

„Und du hast bei alledem keine Angst vor dem Zorn der Götter?“ Hjaltis Stimme zittert bei diesen Worten noch mehr als sonst.

„Angst? Angst vor dem Zorn der alten Götter?“ schreit Olaf und reckt das Schwert. „Ich, der König, soll Angst vor dem Zorn der alten Götter haben? Kommt mit mir, ich will euch zeigen, wie ich mit ihnen verfahre, mit diesen Schwächlingen!“ Mit langen Schritten stürmt er den Thinghügel hinunter, durchmisst das Bachtal, steigt an der anderen Seite den Hügel zum heiligen Hain hinauf, auf dem sich der Göttertempel erhebt. Einem der Knechte, die unten bei den Pferden stehen, entreißt er im Vorbeistürmen die Axt. Der alte Gode stellt sich mit ausgebreiteten Armen vor die Tür des Blothofs, will dem König den Einlass verwehren. Olaf gibt ihm einen Stoß, dass er zu Boden stürzt. Dann schwingt er in rasendem Zorn die Axt, lässt sie auf den heiligen Schrein, auf die Götterbilder niedersausen. Holz kracht und splittert.

Olaf ruft nach einer Fackel, lässt sich Feuer bringen, wirft den Brand in die Trümmer. Die Flammen züngeln, fressen gierig das trockene Holz. Und während das Blothaus hell lodert, wirft Olaf die Axt weg, reckt beide Hände gen Himmel und ruft: „Da seht ihr, was für Schwächlinge die alten Götter sind. Ich zerstöre ihren Tempel, und sie fallen mir nicht in den Arm!“ Da fährt aus heiterem Himmel ein Blitz hernieder, schlägt krachend in die Odinseiche ein, die ein paar Dutzend Schritte entfernt im heiligen Hain steht, spaltet den mächtigen Stamm. Dem grellen Blitz folgt ein Donnerschlag, der die Männer am Fuße des Hügels erzittern lässt.

Olaf aber lacht laut und weist mit ausgestreckter Hand auf den vom Blitz getroffenen Baum.

„Sie zerstören selber ihre Heiligtümer, eure Götter! Wenn sie so stark wären wie ihr glaubt, hätten sie mich vom Blitz erschlagen lassen und nicht den Odin geweihten Baum. Ich will, dass hier auf dem Berg eine Kirche gebaut wird, und zum Beweis des Sieges über die alten Götter soll beim Bau das Holz der Odinseiche verwendet werden, die soeben vor euer aller Augen der Blitz gefällt hat.“

 

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