Drachen nach Drontheim

Eine Wikingergeschichte von Gerd Lobin

 

Achtes Kapitel

Das Ledingsgebot

 

In der Halle der Jarlsburg am Drontheimfjord feiert eine fröhliche Gesellschaft. Nach erfolgreicher Jagd auf den Elch hat Jarl Hakon seine Gefolgsleute aufgefordert, sich mit ihm an Trank und Tanz zu ergötzen. Die flinken Hände der Diener tischen köstlichen Lachs, zarte Elchlende und schmackhaften Bärenschinken auf; Kark, sein Sklave, schenkt Hakon und seinen Gästen immer wieder würzigen Wein ein, der unverdünnt die Sinne benebelt und den Gang unsicher macht.

„Tänzerinnen sollen kommen“, lallt der Jarl zu vorgerückter Stunde. „Ich will mich an ihrem Hüftschwung erfreuen und an der Nacktheit ihrer Schenkel!“ Und er schleudert übermütig den schweren Silberbecher gegen die Wand, lässt sich einen randgefüllten neuen reichen.

Auf Karks Geheiß haben in den Ecke der Halle Musikanten Platz genommen, spielen auf zu fröhlichem Tanz. Drei dunkelhäutige Sklavinnen wiegen sich rhythmisch vor dem Tisch, schnalzen dabei mit den Fingern, klimpern mit dem Tamburin. Der Jarl lehnt sich auf seinem Sitz zurück, lacht grölend, hebt den Becher. Die Männer in der Runde trommeln mit den Fäusten den Takt. Immer mehr Tänzerinnen kommen durch die Seitentür in die Halle, immer lauter wird die Musik, immer grölender das Gejohle der trunkenen Männer.

Da springt eine der Tänzerinnen auf den Königstisch, rafft den knappen Rock, lässt die Beine fliegen, versetzt den Jarl in Erregung. Mit der Rechten schwenkt er den Becher, mit der Linken greift er unsicher nach den hübschen Beinen. „Komm“, lallt er. „Komm zu mir, du Schöne!“

Da wird plötzlich die Tür aufgerissen, und ein Mann stürzt in die Halle, ein abgehetzter Bote, schweißüberströmt vom schnellen Ritt.

„Olaf Tryggvason ist da!“ ruft er mit lauter Stimme, die das Dröhnen der Trommeln und das Wimmern der Zupfgeigen ebenso übertönt wie das Lärmen der Männer und das Kichern der Mädchen. „Der Seekönig ist auf Hitra gelandet!“

Atemlose Stille folgt diesen lauten Worten. Die Musikanten packen ihre Instrumente weg und verharren schweigend, die Tänzerinnen entschlüpfen durch die Seitentür. Als die letzte mit dem Tamburin gegen die Wand stößt, bricht der zarte Klang die Stille.

„Was, was hast du gesagt?“ ruft der Jarl und rafft sich von seinem Sitz hoch. Seine Trunkenheit ist mit einem Schlage verflogen.

„Er ist mit einer großen Anzahl Drachenboote über das Nordmeer gekommen wie ein Schwarm Möwen, haben die Bauern auf Hitra erzählt“, berichtet der Bote.

Am Königstisch springt Erik auf, einer der beiden Jarl-Söhne. „Was verstehst du unter einer großen Anzahl?“ herrscht er den verdutzten Boten an. „Drücke dich genauer aus! Mit wie viel Drachenbooten ist er gelandet?“

Nach kurzem Schweigen der Betroffenheit über den herrischen Ton gibt der Bote Antwort: „Die Bauern von Hitra sagen, vierzig Steuerleute und acht Häuptlinge folgen Olafs Wort.“

„Dann stehen zweitausend Mann hinter ihm“, wirft Sven ein, der andere Sohn des Jarls. „Mit diesem Kriegerhaufen sollten wir schnell fertig werden!“

Nach diesen Worten erhebt sich der Jarl und macht zum Zeichen, dass er zu reden wünscht, eine Bewegung mit der Hand.

„Du vergisst, dass wir unsere Krieger erst zusammenrufen müssen“, gibt er zu bedenken. „Hier in Lade und drüben in Drontheim sind bestenfalls ein paar hundert Männer unter Waffen. Der Mond wechselt zweimal, ehe die Männer in den Fjorden dem Ledingsgebot Folge leisten können. Du vergisst, dass wir jeden Tag auf dem Meer mit den Winterstürmen rechnen können und, was noch schlimmer ist, Nebel befürchten müssen. Hier, auf der Burg, wird Olaf uns nicht angreifen. Er ist zu schlau, um Krieger sinnlos verbluten zu lassen. Und er ist zu vorsichtig, um einen Winterkrieg zu führen!“

Nach diesen Worten des Jarls meldet sich abermals der Bote zu Wort.

„Die Bauern auf Hitra sagen, Olaf Tryggvason lasse ein festes Winterlager für tausend Mann bauen. Die andere Hälfte seiner Krieger will er noch vor den dunklen Tagen heimschicken, damit sie das Julfest in ihren Siedlungen bei ihren Frauen und Kindern feiern können.“

„Da hört ihr es“, triumphiert der Jarl. „Es gibt keinen Anlass, unser Fest zu unterbrechen. Die Musikanten sollen wieder aufspielen! Mag sich Olaf auf Hitra verschanzen, mich stört der Fuchs nicht, solange er in seinem Bau bleibt. Im Frühjahr aber, wenn er sich hervorwagt, werde ich ihn in eine Falle locken. Er wird auf ein Heer stoßen, an dem er sich mit seinem Häuflein die Zähne ausbeißt!“

„Du solltest nicht so schnell triumphieren“, warnt Erik den Alten. „Glaube nicht, dass Olaf untätig den Winter verbringt. Er wird Krieger anwerben und danach trachten, sich bis zum Frühjahr so stark zu machen, dass er uns nicht fürchten muß.“

Der Bote hebt die Hand zum Zeichen, dass er noch etwas sagen möchte. Jarl Hakon bedeutet ihm zu reden.

„Die Bauern von Hitra haben den Eroberer wohlwollend aufgenommen“, berichtet der Mann, der sein Pferd beinahe zuschanden geritten hat, um die Nachricht schnell nach Drontheim zu bringen. „Sie bewirten die Krieger wie willkommene Gäste, und Olaf zahlt dafür mit schwerem Silber. Es heißt, er habe viele Truhen voll aus England mitgebracht. Seine Krieger prahlen mit ihrem Reichtum, und wenn Wein und Bier ihre Zungen gelockert haben, brüsten sie sich damit, dass Olaf Geld genug habe, um ein ganzes Heer auszurüsten. König Ethelred habe mehrere Wagenladungen voll Silber bezahlt, um seine Stadt London von den Norwegern und Dänen freizukaufen. Man spricht von sechzehntausend Pfund.“

„Sechzehntausend Pfund?“ Die Stimme des Jarl klingt ungläubig, und durch die Reihen seiner Gefolgsleute geht ein Raunen.

„Die er mit dem Dänenkönig teilen musste! Erzählen jedenfalls die Krieger“, berichtet der Bote weiter.

„So ist Olaf ein Gegner, den man ernst nehmen muß“, gibt Sven, der andere Sohn des Jarl, zu bedenken. „Ich will nicht behaupten, dass freie Nordmänner käuflich sind, doch wenn Olaf ihnen reichen Lohn verspricht, wird vielleicht mancher schwanken, ob er dem Ledingsgebot des Jarl folgen oder dem Herrn zulaufen soll, der mit dem Silber um sich werfen kann wie dieser Olaf Tryggvason.“

„Ich habe keinen Grund, an der Treue meiner Gefolgsleute zu zweifeln“, entgegnet der Jarl stolz. „Sie sind immer herbeigeeilt, wenn ich sie gerufen habe. Und sie werden auch kommen, um mir gegen den Mann beizustehen, der mir den Thron rauben will, den Thron, der mir allein gehört.“

Der Jarl lässt sich von seinem Sklaven Kark einen neuen Becher Wein reichen, hebt ihn und ruft: „Aber jetzt wollen wir uns von einem stinkenden Fuchs die gute Laune nicht verderben lassen. Die Tänzerinnen sollen wieder kommen.“

 

Als Ingolf Haraldson anderntags auf seinen Drachenbooten die Segel setzen lassen will, um endlich heimwärts zu fahren, rührt sich kein Lüftchen. Der Wind hat sich gelegt. Gestern Abend hatte er heftig am Königszelt gerüttelt, als Ingolf mit Olaf beim Abschiedstrunk zusammen saß, und Grimolf hatte einen Wetterumschwung vorhergesagt. „Wir wollen wünschen, dass kein Nebel aufkommt.“

Mit Olaf hat er vereinbart, dass er vor dem Mondwechsel im März wieder auf Hitra eintreffen will. „Ein neues Boot zu bauen wäre sinnlos, weil mir die Krieger fehlen, um es zu bemannen. Wir leiden noch immer unter dem Verlust des Schiffes, mit dem Harald, mein Vater, damals untergegangen ist, als Thorleif und ich noch Knaben waren“, sagt Ingolf. „Doch ich will die Jungkrieger mitbringen, die im letzten Sommer herangewachsen sind.“

„Vergiss nicht, dass ich jeden Mann brauche“, hatte Olaf ihm nachgerufen, als die Männer die Drachenboote ins Wasser geschoben hatten. Und Ingolf hatte sein Schwert gehoben.

Als die Boote Smöla, die Nachbarinsel, passiert haben, kommt der gefürchtete Nebel auf. Eben hat Ingolf die südlichen Klippen noch wahrgenommen, jetzt scheint das Meer sie plötzlich verschluckt zu haben. Der Nebel hüllt die Boote ein, die Rahstange am Mast ist kaum noch zu erkennen; von den beiden anderen Drachenbooten, die von Björn und Vilgard gesteuert werden, sieht Ingolf schon nichts mehr. Ein Fluch entfährt seinen Lippen.

Die Männer rudern mit zusammengebissenen Zähnen. Nebel um diese Jahreszeit bedeutet stundenlanges, möglicherweise tagelanges vorsichtiges Vorantasten, das weiß jeder von ihnen. Das Nordmeer vor der Felsenküste ist tückisch, Buchten und Fjorde wechseln ab mit Landzungen und Felsnasen, verstreuten Schäreninseln. Ein umsichtiger Schiffsführer versucht in solcher Lage irgendwo an Land zu kommen, denkt Ingolf. Doch er zögert, Befehl zum Kurswechsel nach Backbord zu geben, wo er die Küste weiß. Hier, in der Nähe des Drontheimfjordes, muß er fürchten, auf Gefolgsleute des Jarl zu stoßen, die ihn und seine Männer in der ihnen unvertrauten und noch dazu in diesen undurchsichtigen Schleier gehüllten Gegend niedermachen würden, ohne dass sie in einem solchen Kampf eine Chance hätten.

Ingolf entschließt sich deshalb weiterzurudern. Er beordert einen zusätzlichen Ausguck an den Vordersteven, legt die Hände trichterförmig an den Mund und ruft in den nebligen Brei hinein den beiden Bootsführern zu, mit ihren Drachen vorsichtig näherzukommen und auf Rufweite zu fahren. Seine Rufe und die Antworten von den anderen Schiffen klingen seltsam dumpf.

Da erinnert sich Ingolf an eine Nebelfahrt vor vielen Jahren. Damals hatte er neben Erik Thorolfsson, dem alten Seekönig, am Steuerruder gestanden, als sie ausgefahren waren, Lorolf zu überfallen, der Ingolfs Vater Harald gefangen hielt. Auch damals hatte Erik an die beiden anderen Drachenboote Order gegeben, dicht aufzuschließen, gleichmäßig zu rudern und das Steuerruder festzuhalten, um nicht vom Kurs abzukommen. Und er hatte die Boote durch die unbekannten Gewässer zum Bömlofjord geführt, als sei es lichter Tag.

Die Schreie der Möwen, die nach vielen Stunden schweigenden Dahingleitens aus dem Nebelbrei zu hören sind, verraten den kundigen Seeleuten, dass Land in der Nähe sein muß. Damals hat Erik Befehl gegeben, die Dollenlöcher mit Tran zu beschmieren, um jedes Quietschen und Knarren der Riemen zu unterbinden, erinnert sich Ingolf. Ein knapper Ruf, der Trantopf geht auf jedem der drei Boote von Hand zu Hand, und das Dahingleiten durch den Nebel wird noch leiser, noch gespenstischer. Lärm machen allein die Möwen.

Der Nebel verschwindet ebenso plötzlich, wie er aufgezogen ist. Zuerst wird es licht und hell am Himmel, dann spürt Ingolf den leichten Hauch des Windes, schließlich bricht die Sonne durch, und ihre Strahlen blenden die vom Starren angestrengten Augen. Da schlägt der Ausguck am Vordersteven auch schon Alarm, und Ingolf sieht, nur ein paar hundert Ellen entfernt, ein Handelsschiff, das von einem Drachenboot angegriffen wird. Der junge Seekönig braucht nur einen Augenblick, um zu wissen, wen er vor sich hat. Der Kauffahrer da vorne, der sich in höchster Not befindet, weil räuberische Wikinger gerade zum Entern ansetzen, ist niemand anders als Thorleif, sein Bruder.

Ingolf lässt auf den Drachenbooten sofort die Segel setzen und die Föhrenholzriemen einziehen. Statt der Ruder nehmen die Männer Schild und Schwert in die Hände, setzen die Lederhelme auf, wappnen sich zum Kampf. Eines Befehls dazu bedarf es nicht. Doch es kommt zu keinem Kampf. Als der Anführen der Räuber, der eben noch einen schutzlosen Knorr vor sich zu haben glaubte, aus der Nebelwand drei Kriegsschiffe auftauchen und auf sich zukommen sieht, ergreift er rasch die Flucht, sucht den schützenden Fjord zu erreichen. Die Krieger an Bord werfen die Waffen und die Enterhaken weg und greifen zu den Riemen, um den Druck des Segels zu unterstützen. So gelingt es den Fliehenden, die eben noch Angreifer gewesen waren, sich dem Zugriff der Stärkeren zu entziehen. Das Boot verschwindet hinter einer Felsnase, und Ingolf lässt die Verfolgung abbrechen.

Kurze Zeit später liegen der >Adler< und Thorleifs Knorr Bord an Bord. Ingolf springt hinüber, um den Bruder zu begrüßen. Der umschlingt ihn mit seinem gesunden Arm und dankt ihm für die Rettung.

„Das war Hilfe in höchsten Not“, sagt er. „Später hättest du nicht kommen dürfen. Die Räuber haben mir aufgelauert und griffen an, als sich der Nebel lichtete. Mit meinen paar Knechten hätte ich ihnen nicht lange standhalten können. Es wird hohe Zeit, dass einer kommt und mit dem Räubergesindel hier an den Felsenküste aufräumt.“

„Du weißt doch, dass er schon da ist, der starke König“, sagt Ingolf. „Oder bist du nicht auf dem Weg zu ihm, um ihn mit Waffen zu versorgen?“

Thorleif nickt zustimmend. „Komm mit in den Laderaum und sieh dir an, was ich für Olaf Tryggvason eingehandelt habe!“ Thorleif übergibt den Ruderbaum einem den Knechte und geht dem Bruder voran durch den Krappar in den Laderaum. Dort nimmt Ingolf einige von den Damaszenerklingen aus den Kisten, bewundert ihre Geschmeidigkeit, blickt Thorleif an und fragt ihn nach dem Preis. Der schüttelt den Kopf, legt die Schwerter zurück in die Kiste, nimmt aus einer anderen eine Klinge und reicht sie Ingolf.

„Das ist die Waffe, mit der du in Zukunft kämpfen sollst“, sagt er zu ihm. „Es ist das beste Schwert, das ich in Malaga bei den Mauren auftreiben konnte. Nimm es als Geschenk von mir. Es wird hohe Zeit, dass du die alte Klinge, die wir bei Ragnar vor acht Sommern geschmiedet haben, aus der Hand legst. Sie ist mit den Jahren schartig geworden und taugt längst nicht mehr für einen Anführer wie dich. Diese hier soll sie ersetzen bei den Kämpfen, die dir und Olaf bevorstehen.“

Ingolf nimmt erfreut die Waffe entgegen und prüft mit kundiger Hand ihren Schliff. „Die scharfe Klinge wird mir gute Dienste leisten, und ich danke dir für die kostbare Gabe!“ sagt er und legt Thorleif den Arm um die Schulter.

Dann nehmen sie Abschied voneinander, und Ingolf springt hinüber auf das Drachenboot. Als die Schiffe sich voneinander lösen, ruft er: „Gib acht, dass du nicht noch einmal Räubern in die Hände fällst!“

„Beeile dich mit deinem König, damit endlich Ruhe und Ordnung an der Felsenküste einkehrt“, ruft Thorleif zurück. Dann entfernen sich die Schiffe schnell voneinander, und jeder segelt seinem Ziel entgegen.

 

Der Winter vergeht schnell. Gleich am Tag nach seinen Ankunft hat Ingolf hinter dem Hof des Seekönigs ein großes Kreuz aufrichten lassen und so den Platz markiert, an dem einmal, hoch über dem Fjord, eine Kirche stehen soll. Am nächsten Morgen, als er aus dem Haus trat, war das Kreuz verschwunden gewesen. Die alten Götter hätten es gestürzt, hatten sich die Weiber zugeraunt.

Ingolf hatte nur gelacht und war mit einigen Knechten darangegangen, das Kreuz wieder aufzurichten. Doch am nächsten Morgen hatten die Balken wieder am Boden gelegen, und die Weiber hatten angstvoll zum Himmel geblickt und heraufziehende dunkle Wolken als Zeichen des Zornes der Götter gedeutet. Ingolf hatte überlegt, ob er das Kreuz nachts bewachen lassen sollte, davon aber Abstand genommen, weil er befürchtete, damit Auseinandersetzungen herbeizuführen und die Bewohner der Siedlung in zwei Teile zu spalten. So hatte er einstweilen auf das Kreuz verzichtet und stattdessen versucht, die Männer mit Reden zu überzeugen, dass das Christentum die bessere Religion sei. Die Tage und die Wochen waren wie eh und je mit Jagden und Spielen vergangen, und doch verläuft das Leben in den Siedlung am Fjord in diesem Winter anders als sonst. Unzufriedenheit keimt, und eines Tages kommt es, von manchen schon seit langem befürchtet, zum offenen Aufruhr.

Der Hartmond ist vergangen, als der Bote des Jarl den Fjord hinaufgerudert kommt und den Pfeil bringt, mit dem jeder waffenfähige Mann an seine Ledingspflicht erinnert wird. Ingolf nimmt den Pfeil entgegen und bricht ihn vor aller Augen in zwei Stücke.

„Sage dem Jarl, dass er auf die Männer hier nicht zählen kann“, verhöhnt er den Boten. „Sage ihm, dass er damit rechnen muß, uns alle auf der Seite seines Gegners, unter den Gefolgsleuten Olafs, zu finden.“

Ehe der Bote etwas erwidern kann, tritt Vilgard neben Ingolf und ruft unter dem Beifall vieler Krieger: „Du irrst, wenn du glaubst, dass alle sich der Ledingspflicht versagen, Ingolf! Ich stehe treu zum Jarl und die meisten meiner Männer auch. Wir werden die Waffen schärfen und nach Drontheim segeln, so wie das Gesetz es verlangt.“

„Du hast recht, Vilgard, wir werden segeln!“ herrscht ihn Ingolf an. „Doch nicht nach Drontheim, sondern nach Hitra, zu Olaf Tryggvason. Ich, der Seekönig, befehle es!“

Ingolf reißt sein neues Schwert aus der Scheide und hebt es drohend. Auch Vilgard greift nach seinem Schwert, besinnt sich dann eines anderen und lacht laut, so dass die Männer zusammenfahren, die Frauen erschreckt miteinander flüstern, und die Kinder sich ängstlich weinend an die Röcke der Mütter klammern.

„Du befiehlst es?“ verhöhnt Vilgard seinen Rivalen. „Hast du denn überhaupt noch etwas zu befehlen? Hast du nicht vor vier Sommern, auf dem Schlachtfeld von Maldon, alle Befehlsgewalt freiwillig niedergelegt, als du Olaf Tryggvason Gefolgschaft gelobtest, ohne uns, deine Gefolgsleute bis zu diesem Tage, zu fragen?“

Ganz so unrecht hat er mit seinen Vorwürfen nicht, denkt Ingolf betroffen. Laut aber sagt er: „Die Thingversammlung hatte mich gewählt, unsere Drachenboote über das Nordmeer zu führen.“

„Daran brauchst du mich nicht zu erinnern“, entgegnet Vilgard. „Doch hier sind wir an Land, stehen auf norwegischem Boden, der uns freien Männern gehört. Und als freie Männer tun wir das, was uns beliebt. Wir wählen uns unseren Seekönig, und wir folgen auf unseren Fahrten seinem Wort. Du bist nach Eriks Tod zum Anführer gewählt worden, doch wir haben dir damit nicht die Vollmacht gegeben, uns gegen den Jarl zu führen. Wenn du das tun willst, gehst du zu weit!“

Viele Männer in der Runde murmeln Beifall, andere verharren in Schweigen. Ingolf wird in diesem Augenblick bewusst, dass seine Stellung nicht nur bei Vilgard, dem Rivalen aus dem Thing, umstritten ist. Er stößt sein Schwert in die Scheide zurück.

„Weshalb sagst du das erst heute? Warum bist du damals vor Maldon nicht aufgestanden und hast aufbegehrt gegen meine Entscheidung, mich Olaf Tryggvason anzuschließen und an seiner Seite zur Taufe zu gehen? Der einzige, der mich an meine Ledingspflicht dem Jarl gegenüber erinnert hat, war der alte Björn, wenn ich mich recht erinnere.“

„Du täuschst dich nicht“, gibt Vilgard zu. „So wirst du auch wissen, dass ich ebenfalls nicht mit zur Taufe gegangen bin. Solltest du es aber vergessen haben, so fordere ich dich auf, dir meine nackte Brust anzusehen.“ Er reißt das Hemd auf. „Siehst du vielleicht ein Kreuz, wie es auf deiner Brust baumelt?“

„Dass du dich damals abseits gestellt hast, weiß ich noch recht gut“, entgegnet ihm Ingolf. „Aber meine Befehlsgewalt hast du niemals angezweifelt.“

„Ich tue es heute, und das genügt! Damals waren wir in Feindesland, und dich hatten wir zum Seekönig gewählt. Jetzt sind wir hier in Norwegen und entscheiden als freie Männer. Ich folge dem Ledingsgebot des Jarl!“

„So willst du dich gegen Olaf Tryggvason stellen, Vilgard? Gegen den König, mit dem du vier Sommer lang Beutezüge unternommen hast? Unter dem du ein reicher Mann geworden bist? Du willst ihn verraten?“

„Von Verrat sollte der nicht reden, der ihn selber begeht! Ich sage dir noch mal, wir sind nicht mehr in England oder in Schottland, wir sind hier auf norwegischem Boden. Zwei Fürsten stehen sich gegenüber, die Anspruch auf den Thron erheben. Der eine, Jarl Hakon, hat ihn seit fünfundzwanzig Jahren; der andere, Olaf Tryggvason, will ihn sich erobern. Beide stehen sich gegenüber, wie jetzt wir beide. Ich befahre seit vielen Jahren das Nordmeer, und ich führe schon lange ein Schiff. Vergiss nicht, dass ich es war, der dich gelehrt hat, ein Steuerruder zu halten, wie auch ich nicht vergessen werde, dass ich dir mein Leben verdanke, als im Skagerrak die Rahstange brach und meine >Möwe< im Sturm zu versinken drohte. Jetzt aber sage ich dir, dass dem Volk der Norweger die Spaltung droht wie uns hier in unserer kleinen Siedlung. Denn ein Teil unserer Männer steht hinter dir, der andere Teil hinter mir, so wie die einen für Olaf Tryggvason, die anderen für Hakon Jarl sind.“ Die Männer spenden Beifall nach Vilgards Rede. Ingolf lässt ihn schlauerweise verklingen, bevor er zur Antwort anhebt. „Du hast klug gesprochen, Vilgard, doch du irrst, wenn du eine Spaltung befürchtest. Das Gegenteil ist der Fall. Der Jarl sitzt am Drontheimfjord, und er ist dort und in den angrenzenden Jarltümern mächtig, das gebe ich zu. Aber im übrigen Norwegen, in den Wiken, in Jotunheimen, in Breheimen, in Halogaland, wer herrscht da? Hakon Jarl etwa? Nein! Ich will es dir sagen! Dort sind die großen und die kleinen Häuptlinge an der Macht, und jeder von ihnen macht, was er will. Wenn es ihm einfällt, einen Kauffahrer zu überfallen, der gerade vorbeisegelt, dann tut er es, oder er lässt es. Und wenn es ihn gelüstet, sein Mütchen zu kühlen, dann schärft er sein Schwert gegen seinen Nachbarn, ohne Rücksicht darauf, dass dieser gestern noch sein bester Freund gewesen ist. Olaf Tryggvason wird damit Schluss machen! Er wird der Herr des ganzen Landes werden, ein starker Herr, wie sein Vorfahr Harald es war!“

Auch diesmal spenden die Männer Beifall, und es will Ingolf scheinen, als sei er noch lauter als vorhin bei Vilgards Rede. Der alte Schiffsführer ergreift wieder das Wort: „Dir ist die Macht der Rede gegeben, Ingolf. Das muß ich zugeben. Aber du hast etwas vergessen: Wäre das Reich, das Harald Harfagr vor mehr als hundert Wintern errichtet hat, so großartig gewesen wie du sagst, dann hätte es Bestand gehabt, wäre nicht gleich nach dem Tode des Schönhaars wieder zerfallen!“

„So verbietet es sich nach deiner Meinung, einen neuen Versuch zu unternehmen, wenn ein Vorgänger damit gescheitert ist?“ stellt Ingolf die Gegenfrage.

„Ich bin dafür, dass alles beim alten bleibt“, beharrt Vilgard auf seinem Standpunkt. „Ich folge deshalb dem Ledingsgebot des Jarl. Und wer meine Meinung teilt und mit mir zum Jarl nach Drontheim segeln will, der sollte jetzt hinter mich treten.“

Ein großer Teil der Krieger, vornehmlich die älteren Männer, leisten der Aufforderung Folge. Die anderen scharen sich um Ingolf.

„Siehst du!“ ruft Vilgard triumphierend. „Knapp die Hälfte der Krieger steht hinter dir, und du hast selbstherrlich den Pfeil zerbrochen. Nimm deine Jungkrieger und fahre nach Hitra! Der Bote aber soll in Drontheim melden, dass Vilgard und Björn mit ihren Kriegern dem Jarl Gefolgschaft leisten, so wie sie es gelobt haben.“

„Halt ein, Vilgard“, mischt sich da Ragnar ein, der alte Schmied und Lagmann. „Und auch du, Ingolf, treibe die Auseinandersetzung nicht auf die Spitze. Es ist schlimm genug, dass durch Olafs Anspruch auf den Thron ein Keil in das norwegische Volk getrieben wird. Wollt ihr, dass auch wir hier auseinandergerissen werden? Dass diese Männer auf der Seite des Jarl stehen und jene hinter Olaf Tryggvason? Schaut euch die Gesichter an, ihr Hitzköpfe! Dort steht Björn bei Vilgard, und hier, hinter Ingolf, erkenne ich seinen Schwestermann Weland, der für Björns Sippe die Verhandlungen bei der Hochzeit seiner Tochter Björnhild mit Thorleif geführt hat. Und wen sehe ich noch hier bei Ingolf? Henrik, Vilgards Brudersohn! Wollt ihr wirklich, dass Bruder gegen Bruder, Sohn gegen Mutterbruder, Vater gegen Schwestersohn kämpft, dass sie nicht mit stumpfen Waffen wie beim Kampfspiel, sondern mit scharf geschliffenen Schwertern aufeinander eindringen, sich gegenseitig das Leben nehmen. Wollt ihr, dass es zum Bruderkampf kommt?“

Als der Lagmann geendet hat, herrscht Schweigen im weiten Rund. Nur ein paar kleine Kinder beginnen zu weinen. Ihre Mütter trösten sie vergebens.

„Was schlägst du vor, Ragnar?“ bricht Björn die Wortstille. „Wie, meinst du, sollen wir uns verhalten?“

„Das Thing muß entscheiden“, sagt Ragnar. „Jeder waffenfähige Krieger, der durch das Ledingsgebot aufgerufen ist, dem Jarl Schild und Schwert zu leihen, überträgt seine freie Entscheidung, ob er dem Gebot folgen will oder nicht, dem Thing. Die Mehrheit der Versammlung der Männer gibt den Ausschlag; für den Jarl oder für den Seekönig.“

Da jubeln die Krieger, und die Frauen atmen erleichtert auf. „Die Entscheidung fällt unter der Thinglinde“, rufen alle im Chor.

„Da du als Lagmann und Vorsitzender des Thinggerichts den Antrag, die Versammlung einzuberufen, nicht stellen kannst, fordere ich dich auf, die Männer unter der Thinglinde zu versammeln, und jeder, der ein Schwert zu führen imstande ist, soll daran teilnehmen“, ruft Vilgard. „Und ich fordere dich auf, den Seekönig neu wählen zu lassen.“

Rufe der Empörung über Vilgards Worte mischen sich mit zögerndem Beifall. Ingolfs Kopf schwillt vor Zorn rot an.

„Ich widerspreche dem Antrag, was den zweiten Teil betrifft“, ruft Björn, ehe Ingolf etwas sagen kann. Die feuerroten Narben auf der Stirn und seinen beiden Wangen zeigen, wie erregt der alte Steuermann ist. „Falls sich die Mehrheit der Krieger gegen den Jarl entscheidet, ist die Wahl eines Seekönigs gegenstandslos geworden. Denn mit dem Bekenntnis für Olaf Tryggvason sprechen wir uns für die Königsmacht aus. Ingolf, der sich selber als Gefolgsmann Olafs bezeichnet, könnte sich dann gar nicht mehr zur Wahl stellen, ohne sein Gesicht zu verlieren. Er wird uns dann nur noch nach Hitra zu führen haben. Dafür braucht er sich nicht vorher als Seekönig bestätigen lassen.“ Wieder folgt den Worten Schweigen. Ingolf wechselt mit Björn einen kurzen Blick. Er merkt plötzlich, wie weittragend die Entscheidung war, die er nach dem Zweikampf mit Olaf auf dem Schlachtfeld bei Maldon vor vier Wintern spontan getroffen hat. Er ist sein eigener Herr nur noch auf seinem Schiff und in seinen vier Wänden. In allen anderen Dingen hat er sich der Entscheidung eines Größeren zu fügen, und das Seltsame daran ist, dass er es selber so gewollt hat.

„Das Thing soll entscheiden“, sagt er, mehr zu sich selbst als zu den anderen, doch diese hören ihm aufmerksam zu. „Was aus Norwegen wird in dieser Zeit des Umbruchs und der Erneuerung, lässt sich in diesem Augenblick noch nicht absehen! Eines jedoch steht fest: Keine Macht der Welt soll uns hier zu spalten vermögen.“

Der Beifall der Umstehenden braust auf und schallt über den Fjord wie Donnergrollen. Die Krieger umjubeln ihren Anführer, und die jüngeren würden den Häuptling am liebsten emporheben und auf ihren Schultern tragen wie damals, als dem Jungkrieger Ingolf der Königssprung geglückt war.

 

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