Drachen nach Drontheim

Eine Wikingergeschichte von Gerd Lobin

 

Siebtes Kapitel

Olaf Tryggvasons Heimkehr

 

Der Seekönig Olaf wäre am liebsten sofort über das Nordmeer nach Drontheim gesegelt, um Jarl Hakon in seiner Stadt zu überraschen und zu schlagen. Einige seiner Ratgeber, vor allem Grimolf, bestärken ihn in diesem Vorhaben, und auch König Sven, mit dem er sich, als die ersten Ochsenkarren voller Silber bei den Belagerern eintrafen, schnell wieder versöhnt hatte, rät ihm zu unverzüglichem Aufbruch.

„Je überraschender du kommst, desto größer sind deine Aussichten, den Jan zu besiegen“, sagt er hintergründig, als er mit Olaf zusieht, wie norwegische und dänische Großmänner das Silber nachwiegen. In der Tat geht es dem Gabelbart darum, Olaf möglichst schnell loszuwerden. Er beschließt deshalb, ihn auszuzahlen. Mit väterlichem Ton in der Stimme fährt er fort: „Ich bin sicher, dass der Jarl da drüben längst deine Pläne kennt. Das Meer steckt oft voller Geheimnisse, die nur schwer zu ergründen sind; doch wer dem Rauschen des Windes vertraut, dem werden Nachrichten ins Ohr geraunt. Je mehr Zeit der Jarl hat, sich vorzubereiten, desto schwerer wirst du es haben. Die Zahl deiner Langboote ist stattlich, aber begrenzt. Hakon kann die doppelte Anzahl zusammenrufen, dir in den ihm besser vertrauten Fjorden auflauern und dich vernichtend schlagen, bevor du auf norwegischem Boden richtig Fuß gefasst hast!“

Ingolf, der neben Olaf steht, durchschaut die Hintergründe dieser Rede. Gestern Abend, als er mit dem Seekönig und Grimolf allein im Königszelt saß, hatte er Olaf geraten, entweder die Fahrt über das Nordmeer bis zum Frühjahr aufzuschieben oder aber vor der Felsenküste eine Insel zu besetzen, dort zu überwintern und unter den Häuptlingen an den Fjorden weitere Gefolgsleute anzuwerben.

„Jeder Großmann, der sich dir anschließt, leistet dem Ledingsgebot des Jarl keine Folge und wird ihm deshalb in seinem Heer fehlen! Du solltest die verlässlichsten deiner Großmänner und Häuptlinge mit ihren Männern für die dunkle Winterzeit entlassen, damit sie heim segeln können zu ihren Siedlungen, ihren Weibern und ihren Kindern. Gib ihnen den Auftrag, von dem gewonnenen Silber Drachenboote zu bauen. Im Frühjahr, wenn die Sonne das Eis auf den Bergen schmelzen lässt, werden sie mit mehr Schiffen zu dir zurückkehren und deine Flotte noch stärker machen, als sie schon ist.“ So hatte Ingolf den Seekönig beschworen und ihm angeboten, als sein Gast den Winter in der Siedlung am Fjord zu verbringen. Doch diesen Vorschlag hatte Olaf abgelehnt.

„Bei dir im Fjord säße ich in den Falle wie den Bär in seiner Höhle, falls Hakon auf den Gedanken kommen sollte, seine Drachenboote zu bemannen und gegen mich zu ziehen. Nein, Ingolf, nein! Dein Vorschlag, von einer Insel aus Gefolgsleute anzuwerben, ist gut, und ich will auch die Männer ziehen lassen, die ich entbehren kann. Doch ich muß meine Bewegungsfreiheit behalten, um jederzeit losschlagen zu können.“

So war Ingolf ohne sein Zutun zum Verbündeten des Königs Sven geworden, der in dieser Stunde das Angebot macht, von den ersten Lösegeldzahlungen der Engländer die Ansprüche der Norweger zu befriedigen, damit Olaf seine weiteren Ziele verfolgen könne.

„Ich warte, bis der Rest des Silbers eingetroffen ist“, sagt er und lacht meckernd. „Denn ich habe Zeit, und meine Krieger haben auch nichts dagegen, wenn sie weiter die Gastfreundschaft der Bauern von Kent genießen können.“

Die beiden Könige kommen überein, jedem Krieger zwei Pfund Silber zu zahlen, jedem Schiffsführer fünf Pfund und jedem Häuptling fünfzig Pfund. In die königlichen Kassen aber sollen je zweitausend Pfund Silber fließen. „Du hast viermal zehn Langschiffe gehabt und eines davon verloren“, sagt Sven gutgelaunt. „Ich will großzügig sein und es dir nicht anrechnen. Das sind also zweitausend Krieger, vierzig Schiffsführer und acht Häuptlinge, macht viertausendsechshundert Pfund. Hinzu kommen zweitausend Pfund für dich. Ich hoffe, dass Ethelred schon genügend Silber geliefert hat, damit du gleich die Beute an deine Männer verteilen kannst.“

„Aber dann bekommst du ja viel mehr als ich. Neuntausendvierhundert gegen sechstausendsechshundert Pfund.“

„Du vergisst, dass ich mehr Krieger und Drachenschiffe habe als du“, versucht Sven abzulenken.

„Wenn du deine Krieger und Schiffsführer auszahlst wie ich, brauchst du sechstausenddreihundert Pfund. Deine zwölf Häuptlinge bekommen sechshundert Pfund“, rechnet Olaf dem Gabelbart vor und nimmt dabei seine Finger zu Hilfe. „Das sind zusammen sechstausendneunhundert Pfund. Dir stehen zweitausend Pfund zu wie mir. Wo aber bleiben die restlichen fünfhundert Pfund Silber?“

Der dänische König schweigt eine Weile, streicht sich dann nach seinen Gewohnheit die beiden Zipfel seines Bartes und sagt, listig lächelnd: „Die bekomme ich dafür, dass ich bereit bin, hier auf meinen Anteil zu warten, während du bevorzugt ausgezahlt wirst und, wenn du willst, schon morgen Segel setzen lassen kannst, um über das Nordmeer zu fahren und dir Norwegen zu erobern!“

Noch von dritter Seite wird Olaf Tryggvason, wiederum aus anderen Beweggründen, in seinen Absicht bestärkt, das Nordmeer von dem Winter zu überqueren. Sigurd, den Priester, der ihm seit seiner Taufe am Schwarzwasserfluss nicht mehr von den Seite weicht, liegt ihm schon seit langem mit der Forderung im Ohr, auf norwegischem Boden eine Kirche zu bauen und damit ein Zeichen zu setzen.

„Die Griphöla-Insel bietet sich dafür an“, sagt er. „Sie liegt vor dem Eidfjord wie der Spund in der Öffnung des Fasses. Jedes Schiff, das von Süden kommt und nach Drontheim will, muß an ihr vorbei. Dort, auf felsiger Höhe, sollten wir das Haus Gottes bauen, und jeder, der es sieht, wird wissen, dass Olaf Tryggvason heimgekehrt ist, der große König, um den Norwegern das Christentum zu bringen.“

Die Worte des Schmeichlers gefallen Olaf wohl. Dennoch wehrt er mit einer Handbewegung ab: „Man merkt, dass du ein Priester bist und kein Krieger, auch wenn du mit deinen breiten Schultern und den muskelbepackten Armen ebenso gut an das Steuerruder eines Drachenbootes passen würdest und Schwert und Schild führen könntest. Aber wo, sag mir, sollen auf dem kleinen Eiland Griphöla vierzig Drachenschiffe anlegen? Und wo sollen auf diesem Felsen meine Männer lagern, auch wenn ich Ingolfs Rat befolge und einen Teil der Häuptlinge mit den Kriegern über Winter heim zu ihren Frauen und Kindern schicke? Sage es mir.“

Der Priester schüttelt wortlos den Kopf. „Das habe ich nicht bedacht“, sagt er. „Mir ist es nur um einen guten Platz für die Kirche gegangen! Was willst du tun?“

„Ich habe mich schon entschieden“, entgegnet ihm Olaf. „Wir wollen nach Hitra segeln. Grimolf, der alte Fuchs, kennt die Insel und hat sie mir vorgeschlagen. Dort, vor Drontheim, soll die Hälfte der Krieger überwintern. Ich will während der kalten Monde die Zeit nutzen, um den Norwegern zu zeigen, dass ich ihnen ein besserer Herr bin als der alte Jarl in Drontheim!“

 

Viele Segeltage weiter im Süden geht an diesem Tage der Fernhändler Thorleif Erikson durch die schmalen Gassen der maurischen Hafenstadt Malaga. Der leicht ansteigende Weg zwischen den flachdächigen Steinhäusern strengt ihn an, die ungewohnte Hitze treibt den Schweiß aus den Poren. Alle paar Schritte bleibt Thorleif stehen, um sich mit dem Handrücken über die Stirn zu wischen.

Der Kaufmann aus dem Norden lässt seine Blicke wandern, beobachtet mit Staunen die für ihn fremde Welt. Die weißen Steinhäuser sind neu für ihn, er wundert sich über die verhüllten Frauen, die auf den Köpfen große Krüge tragen und nackten Fußes an ihm vorübertrippeln. Fremd sind ihm auch die seltsam kehligen Laute der Sprache, die an sein Ohr klingen, und es bereitet ihm Mühe, sich verständlich zu machen, obwohl er als weitgereisten Händler im Umgang mit Anderssprachigen geübt ist. Ein braunhäutiger junger Mann mit roter Kappe führt ihn schließlich zum Haus des Kaufmanns Omar. Diesen Handelsmann, der seit vielen Sommern die Meere befährt, hatte er von zwei Wintern bei Torkil in Haithabu getroffen. Damals hatte ihn Thorleif nach Malaga am Südmeer ausgefragt, und er hatte von ihm erfahren, dass nordische Händler sich nur sehr selten so weit nach Süden wagen. „Sie kommen über die See von Aletha kaum hinaus“, hatte ihm Oman erzählt. „Umschifft aber in der Tat einer die bretonische Halbinsel, dann kehrt er schnell wieder um, denn das Meer von Vizcaya ist immerfort stürmisch, und seine gierigen Wellen haben schon viele Seeleute verschlungen.“

Seit dieser Begegnung mit Omar hatte sich Thorleif vorgenommen, einmal mit seinem Knorr weit nach Süden zu segeln. Die fremde Welt, von den ihm der Handelsmann erzählte, hatte ihn gelockt, und es war seitdem sein Wunsch gewesen, das Volk der Mauren kennen zu lernen, die vor mehr als zweihundert Wintern an der Südküste des Südmeeres entlang aus dem Osten gekommen waren, die Meerenge von Gibraltar überquert und auf iberischem Boden das Reich Andalusien gegründet hatten. Aus ihrer alten Hauptstadt Damaskus hatten sie nicht nur kostbare Seidenstoffe mitgebracht und weiches Leder, sondern auch eine besondere Technik, scharfe und geschmeidige Schwerterklingen zu verzieren, die seither überall begehrt sind. Bereitwillig war Thorleif auf Olaf Tryggvasons Forderung eingegangen, ihm Schwerter für seinen Feldzug in Norwegen zu liefern, weil ihm dieser Auftrag einen Anlass bot, nach Malaga zu segeln und sich damit selber einen Wunsch zu erfüllen. Auf der Fahrt nach Süden hatte er sich, wie Omar ihm geraten hatte, zuerst nach Dorestad begeben, dem friesischen Handelsplatz, war dann weitergesegelt entlang der normannischen Küste, hatte auf der Insel Adreni einen Handelsfreund Omars aufgesucht und sich bei ihm mit frischem Fleisch und Wasser versorgt, und war schließlich in das Meer von Vizcaya gelangt, das sich während der Überfahrt bemerkenswert ruhig zeigte. Als eines Morgens an der Backbordseite eine felsige Küste aufgetaucht war, hatte er geglaubt, in einer anderen Welt zu sein. Land und Meer lagen unter einem tiefblauen Himmel, von dem die Sonne ihre warmen Strahlen sandte, und den Männern im Boot war so heiß geworden, dass sie ihre Kleider ablegten und sich nur mit ihren Leinenhemden gegen die Sonne schützten. Viele Tage waren sie in der Sonnenglut bei gutem Wind südwärts gesegelt, hatten außer den Möwen fremdartige Vögel bei der Jagd auf Fische beobachtet, die Meerenge durchquert und endlich Malaga liegen sehen.

Omar, der maurische Handelsmann, empfängt den Weitgereisten herzlich. Er sitzt über einem großen Buch und kritzelt mit spitzer Feder Zeichen hinein, die Thorleif nicht kennt.

„Du hier, Thorleif“, begrüßt er den norwegischen Handelsfahrer. „Ich wusste gleich, dass nur du es sein könntest, als mir ein Fremder mit einem hellen Bart und gold schimmernden Haaren gemeldet wurde. Du hast Händlerblut in dir, und es treibt dich immer wieder hinaus auf der Suche nach neuen Plätzen für gute Geschäfte. Sag gleich, was hast du geladen? Aber nein, zuerst will ich dich bewirten!“

Als Thorleif später Omar gegenübersitzt und aus kleinen Gefäßen, die Omar Tassen nennt, einen wohlschmeckenden Trank genießt, der aus getrockneten Blättern bereitet worden ist, reden die beiden Handelsmänner nur von Geschäften. Thorleif berichtet, dass er englische Tuche geladen hat und in Malaga für Olaf Tryggvason Schwerter kaufen möchte, und Omar nennt ihm gleich Abnehmer für seine Ware und einen Lieferanten für Schwertklingen.

„In letzter Zeit fahren immer mehr Händler von hier aus bis nach Byzanz und weiter durch das Schwarze Meer und den Dnjepr hinauf nach Kiew. Sie zahlen gute Preise für Tuche aus England. Schwertklingen kaufe ich selber in Toledo. Niemand versteht sie so geschmeidig zu schmieden wie die Schwertfeger dort. Dein König wird begeistert sein!“

„Er ist nicht mein König, er ist mein Kunde“, schränkt Thorleif ein. „Ein Kunde allerdings, der sehr gut bezahlt.“

„Wer so leicht sein Geld verdient wie der Anführer einer wikingischen Räuberhorde, der braucht beim Einkauf guter Waren nicht mit Silber geizen“, entgegnet Omar. „Doch ich will dich nicht kränken, denn du bist ja selber ein Wikinger, wenn auch einer, der sein Brot auf redliche Weise verdient.“

„Und das Salz dazu“, lacht Thorleif. „Ich muß schon sagen, dass ich mit meinen Geschäften zufrieden bin. Und es kränkt mich durchaus nicht, wenn du mich an Untaten erinnerst, die von Wikingern begangen werden. Ich schäme mich vielmehr für manche Häuptlinge, die noch immer fremde Küsten verheeren!“

„Du schämst dich und willst ihnen Waffen liefern?“ wundert sich Omar.

„Olaf ist keiner von denen, die nach dem Eigentum anderer greifen. Er will Norwegen erobern, und dabei ist ihm jedes Mittel recht.“

„Was für ein Unterschied ist denn zwischen einem Häuptling der eine Siedlung ausraubt und niederbrennt, und einem Seekönig, der ein ganzes Land in seinen Besitz bringen will?“

„Olaf Tryggvason begründet seinen Anspruch auf Norwegen mit seiner Abstammung von Harald Schönhaar, dem großen König. Und er bedient sich des Christentums, um seinen Anspruch zu verwirklichen“

Omar schweigt und schaut sein Gegenüber lange an. „Es ist schon seltsam“, sagt er endlich. „Olaf Tryggvason will mit Gewalt das Christentum und das Kreuz im Norden verbreiten und wir Mauren haben die grüne Fahne des Propheten und die Lehren Mohammeds nach Südeuropa gebracht. Auch wir haben dabei viel Blut vergossen und uns der gleichen Waffen bedient, die du jetzt Olaf liefern willst und die ihm helfen sollen, die Norweger zu unterwerfen. Doch jetzt wollen wir wieder von Geschäften reden, wie es sich für redliche Handelsleute geziemt.“

 

Nun ist Thorleif schon vier Tage in Malaga, genießt die Gastfreundschaft Omars, bestaunt das geschäftige Leben am Hafen, in dem Schiffe aus vielen Richtungen festmachen oder die bunten Segel zur Ausfahrt setzen. Seine Tuche aus England haben längst auf einer Dau Malaga Richtung Osten verlassen, und der eigene Knorr ist mit Schwertklingen beladen worden, soviel Omar beschaffen konnte. Die schwergewichtige Ware bewirkt, dass Thorleifs Boot tief im Wasser liegt, obwohl noch viel Stauraum frei ist.

„Du brauchst noch eine Beiladung“, hat Omar ihm an diesem Morgen geraten, und er hat versprochen, sie ihm zu zeigen. So geht Thorleif nun neben dem alten Araber durch die Gassen Malagas. Sie kommen nicht schnell voran, denn immer wieder wird Omar in der melodisch klingenden Sprache angesprochen, von Händlern, die vor ihren Häusern hocken und ihre Waren feilbieten, aber auch von Entgegenkommenden, die stehenbleiben und neugierig das ungleiche Paar mustern: den gebeugten alten Araber und den ihn beinahe um zwei Köpfe überragenden blondbärtigen Norweger. Aus den Blicken, die fragend auf ihm ruhen, schließt Thorleif, dass die meisten Fragen ihm gelten. Omar scheint recht gehabt zu haben, als er schon vor zwei Wintern in Haithabu berichtete, dass sich nur sehr selten ein Handelsmann aus dem Norden nach Malaga verirre.

„Du erregst Aufsehen“, sagt er im Weitergehen zu Thorleif. „Und ich glaube, viele der Händler hier würden mit dir gerne Geschäfte machen.“

Als sich die beiden Handelsmänner in der Nähe des Hafens einem Platz nähern, der rings von Gebäuden umstanden ist, fällt Thorleif eine Menschenansammlung auf, und er vernimmt schrille Schreie und dazwischen immer wieder seltsames Klatschen.

Beim Näherkommen merkt Thorleif plötzlich, was er vor sich hat. Das Klatschen stammt von Lederpeitschen, mit denen muskelbepackte Männer auf unduldsame Rücken schlagen, die Schreie stoßen junge Frauen aus, wenn grobe Hände nach ihnen greifen. Thorleif ist auf einem Sklavenmarkt. Hilflos und unsicher sieht sich der wikingische Kaufmann nach seinem Begleiter um, doch Omar fordert ihn auf weiterzugehen. So bahnt er sich einen Weg durch die Gassen, in denen sich zwischen wie Vieh angebundenen Männern und Frauen Kauflustige und Neugierige drängen, die nur zum Gaffen gekommen sind. Thorleif sieht verhärmte und stolze Gesichter, gebeugte Buckel und aufrechte Rücken. Er blickt in abweisende Augen und solche, die ihn anzuflehen scheinen. Beim Weitergehen wird er Zeuge des Feilschens um Preise, die von den einen gefordert und von den anderen geboten werden. Und er sieht, wie prüfende Hände Muskeln und Schenkel abtasten, bei Frauen über die Brust fahren. Er wendet sich nach Omar, seinem Begleiter, um. „Wozu hast du mich hierhergeführt?“ herrscht er ihn unwillig an. „Du weißt, dass ich keine Sklaven kaufe!“

Der arabische Händler schüttelt lächelnd den Kopf, hebt dann besänftigend die linke Hand: „Ich hoffte, du hättest es dir anders überlegt“, sagt er dann. „Mit keiner Ware sind so einträgliche Geschäfte zu machen wie mit dieser.“ Er bleibt auf einem erhöhten Platz neben einem Brunnen stehen und deutet mit der Hand auf einen Mann, der gerade mit einem Kunden feilscht und dabei ab und zu einen Blick auf vier Sklaven wirft, drei Männer und eine Frau, die hinter ihm an einer Mauer stehen.

„Sieh meinen Handelsfreund Selim da drüben“, sagt Omar. „Er hält nur allerbeste Ware feil, starke junge Männer, gut gewachsene Frauen. Von ihm kannst du einen Sklaven für siebzig Dirhem kaufen, das ist etwa eine Silbermark! Was meinst du, was im Norden für diese junge Frau da drüben bezahlt wird? Sicherlich drei, wenn nicht gar vier Silbermark! Wenn du klug bist, kaufst du als Beiladung zu deinen Schwertern noch ein Dutzend Sklaven. Leichter kannst du dein Geld nicht verdienen!“

„Ich handle nicht mit Sklaven, es bleibt dabei“, antwortet ihm Thorleif und schüttelt abermals den Kopf.

„Aber du solltest es tun, gerade wenn du vorhast, dein Geschäft zu vergrößern. Du willst doch, wie du mir erzählt hast, ein zweites Schiff kaufen, sobald du wieder in Haithabu bist. Weshalb willst du so lange warten? Ich weiß ein seetüchtiges Boot, das drunten im Hafen feilgeboten wird. Zufällig gehört es mir. Wenn du willst, kann es noch heute für dich die Segel setzen.“

„Aber ich habe weder das Geld, um hier ein Schiff zu kaufen, noch die Männer, um es zu bemannen“, entgegnet Thorleif. „Wie stellst du dir das vor?“

„Über den Preis werden wir uns einigen, und Geld brauche ich von dir hier nicht! Wenn ich im nächsten Sommer wieder in Haithabu anlege, kaufe ich dort auf deine Rechnung meine Ladung zusammen. Und Männer für die Riemen und zum Segelsetzen? Weshalb, meinst du, habe ich dich hierhergeführt? Du kaufst Sklaven und hast damit gleich die Schiffsleute für dein zweites Boot. Dann machst du ein doppeltes Geschäft, denn wenn sie dir dein neues Schiff nach Haithabu gebracht haben, kannst du sie dort noch mit hohem Gewinn verkaufen!“

Thorleif denkt eine kleine Weile nach, schüttelt dann abermals den Kopf. „Nein, ich kaufe keine Menschen“, sagt er dann, doch seine Ablehnung klingt nicht mehr so bestimmt wie vorhin. „In deiner Rechnung ist ein Fehler. Woher, frage ich dich, sollen die Männer mit Ruder und Segel umzugehen lernen? Du vergisst, dass die Reise nach Norden keine Spazierfahrt ist. Vor uns liegt das gefährliche Meer von Vizcaya! Da kann ich an Bord meines Schiffes nur die allerbesten Seeleute brauchen!“

„Wenn das deine Sorge ist“, sagt Omar und lächelt dabei hintergründig, „die kann ich schnell zerstreuen. Wer hier auf dem Markt in Malaga Sklaven kauft, bekommt die besten Seeleute, die er sich wünschen kann! Was meinst du, woher die Männer kommen, die hier mit Stricken um den Hals und um die Beine angeliefert werden? Es sind Seeleute, die von Piraten gefangen und auf den Sklavenmarkt getrieben werden. Wer sie kauft, um sie an Bord seines Schiffes zu nehmen, macht ihnen die größte Freude. Also, überlege nicht lange, sondern greife zu! Lange werden die Sklaven nicht mehr zu haben sein, und wann die nächste Lieferung kommt, ist unbestimmt.“

Omar scheint recht zu haben. Thorleif beobachtet, dass immer mehr gefangene Männer und Frauen den Besitzer wechseln. Die Nachfrage nach dieser besonderen Art von Ware scheint groß zu sein.

Ungeachtet von Thorleifs Zögern hat Omar mit Selim ein Verkaufsgespräch begonnen, das in der Sprache geführt wind, die der wikingische Händler nicht versteht. Er sieht nur, wie Omar den Kopf schüttelt, wenn Selim immer wieder dasselbe Wort, offenbar den Preis, sagt. Dann wiederholt Omar die Zahl und deutet dabei gleichzeitig auf das Mädchen neben den drei Männern, die an der Mauer hinten dem Sklavenhändler stehen. Thorleif sieht, wie dieser nickt, offenbar zum Zeichen seines Einverständnisses. Und er sieht auch, wie Omar seine goldbestickte Börse zückt und ihr eine Anzahl Silbermünzen entnimmt.

„Hast du die Sklaven gekauft?“ wundert er sich.

„Ich tat es für dich“, sagt Omar und nickt lächelnd. „Und ich beglückwünsche dich zu dem guten Geschäft. Es ist mir gelungen, den Preis auf zweihundert Dirhems für alle vier herunterzuhandeln. Und ich denke, du wirst mir dankbar sein, wenn du erst das Schiff gesehen hast, das ich dir verkaufen will. Die Dau wird dafür sorgen, dass sich dein Wohlstand schnell mehrt.“

Omar gibt seinem Diener, der den beiden Handelsleuten die ganze Zeit in gebührendem Abstand gefolgt ist, Anweisung, die Sklaven zu seinem Haus zu führen. Thorleif sieht, wie sie erleichtert ihr Bündel aufnehmen und wie das Mädchen leichtfüßig hinter den Männern hertrippelt.

 

„Wenn du die Frau nicht willst, so behalte ich sie in meinem Haus“, sagt Omar, der den Blick Thorleifs beobachtet hat. „Die Männer aber sollten dir unbedingt willkommen sein. Du hast, hörte ich dich sagen, in dem alten Knut einen erfahrenen Schiffsführer und vertrauten Freund. So stelle doch unter seiner Führung eine Besatzung zusammen und lass ihn damit die Handelsstädte hier im Süden besuchen. Du hast die Ladung, die du aus dem Norden mitgebracht hast, an einen Händler verkauft, der mit seinem Schiff nach Byzanz und weiter nach Kiew will. Wenn du die Zahl der Schiffe im deinem Besitz vergrößerst und sie, wie ich selber das seit langem tue, auf verschiedene Meere verteilst, kannst du alle Gewinne selber einstreichen. Ein Schiff ernährt seinen Mann, sagt man bei uns, eine Flotte aber macht ihn reich.“

 

Der Odalbauer Ingwar auf Hitra ist der erste Norweger, der den Seekönig Olaf Tryggvason zu Gesicht bekommt. Den ganzen Tag über hat er den schweren Boden der Insel gepflügt, hat Furche um Furche gezogen, schnurgerade, und das kreischende Volk der Möwen hatte sich flatternd um Würmer und Käfer gebalgt, die von der scharfen Pflugschar aus der Ende gerissen wurden. Jetzt, wo die Sonne rot im Meer versinkt, wischt er sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn, wuchtet ächzend den Pflug auf den zweirädrigen Karren, spannt die dampfenden Pferde davor und zockelt heimwärts, seinem Hof entgegen. Der Weg führt bergan, und die beiden Braunen müssen sich tüchtig ins Geschirr legen. Oben auf dem Hügel, beim Odinsstein, wird der Bauer ihnen wie immer eine Verschnaufpause gönnen, bevor der Wagen leicht bergab rumpelt und die Pferde von allein in den Trab fallen werden.

Ingwar liebt diesen Blick von der höchsten Stelle der Insel über das im Abendlicht glitzernde Nordmeer. Von hier aus kann er die leichten Pramen und Schuten beobachten, mit denen die Männer von Hitra hinüber nach Smola rudern, von hier aus hat er schon oftmals den mit vollem Laderaum tief im Wasser liegenden Knorr eines der Wanderhändler entdeckt, nach denen die Frauen sehnsüchtig Ausschau halten, wenn im Küchenhaus die Gewürze ausgegangen sind.

Ingwar blinzelt im Licht der Abendsonne und reibt sich ungläubig die Augen. Was er dort hinten auf dem Meer sieht, ist nicht das leichte Boot eines Jungmannes, der von Smola herüberkommt, um sein Mädchen auf Hitra zu besuchen, und auch nicht der schwerbeladene Knorr eines Händlers; auf dem glitzernden Meer taucht ein rotes Rahsegel auf, kommt schnell näher, und hinter ihm erkennt der Odalbauer drei weitere Segel. Während er den Segeln entgegenstarrt, werden aus ihnen Drachenboote, vier zunächst, die schnell näher kommen, doch ganz hinten, in der Ferne, tauchen weitere Punkte auf. Die vier Boote der Vorhut halten schnurgerade Kurs auf die Insel, ihre Kiele pflügen Furchen in den Meeresspiegel, ähnlich jenen, die Ingwar tagsüber auf seinem Acker gezogen hat.

Der Odalbauer zögert nicht. Er wendet sein Gespann, treibt die beiden Braunen mit den Peitsche zu schnellerer Gangart an und fährt im Trab hinunter zum Strand, wo das erste Schiff aufläuft und ein blonder Krieger mit dem blanken Schwert in der Rechten und einem weißen Schild in der Linken an Land springt. Ingwar hält sich im Schutz einer Baumgruppe und kann alle Einzelheiten gut beobachten, ohne selber gesehen zu werden. Er sieht, wie die Krieger den Befehlen ihres blonden Anführers folgen, wie sie ihre vier Boote an Land ziehen und dann im Halbkreis ausschwärmen, das Gelände zu sichern. Ingwar kennt keine Angst, doch sehr behaglich ist ihm nicht zumute, als die Reihe der fremden Krieger immer näher kommt. Sein Stangenpferd schnaubt ängstlich, der Laut verrät ihn. Selbst wenn er fliehen wollte, wäre es jetzt zu spät. So bleibt er neben seinem Wagen stehen und wartet, bis die Krieger heran sind. Vertraute Laute klingen ihm entgegen. Erleichtert atmet der Odalbauer auf.

Dann berichtet er von dem Hof hinter dem Hügel, den er von seinem Vater geerbt hat, und von den Höfen der anderen Odalbauern, die wie er auf der Insel Ackerbau und Viehzucht betreiben. Von Ingolf Haraldson erfährt Ingwar, dass seine Schiffe die Vorhut der Streitmacht von Olaf Tryggvason bilden, der gekommen ist, Norwegen zu erobern. Und während er Ingolfs Worten lauscht, sieht er Drachenboote in großer Zahl im Ufersand auflaufen, und bald wimmelt es auf Hitra von wikingischen Kriegern.

In der Abenddämmerung steht der Odalbauer Ingwar vor Olaf Tryggvason. Der Seekönig macht ihn mit der Absicht vertraut, auf Hitra sein Winterlager anzulegen, das den Kriegern Unterkunft bieten und gleichzeitig als Bollwerk gegen die trutzige Jarlsburg am Drontheimfjord dienen soll, ein festes Lager also. „Dir und den anderen Bauern auf Hitra fällt eine wichtige Aufgabe zu. Ihr werdet mit dem Korn in euren Scheunen und den Schweinen in den Ställen meine Männer verpflegen, und ich, Olaf Tryggvason, versichere euch, dass jedes Gerstenkorn mit Silber bezahlt wird, so wie es unter Freunden üblich ist.“

„Du wirst Schwierigkeiten haben, Bauholz zu beschaffen“, dämpft Ingwar den Übermut des Seekönigs. „Hier auf der Insel wachsen nur die paar Bäume, die bei den Höfen angepflanzt worden sind. Die wirst du doch wohl nicht umhauen lassen wollen, um Palisaden zu errichten?“

„Wir werden das Bauholz vom Festland herbeiholen, aus den Wäldern an den Fjorden“, sagt Olaf. Er versichert ausdrücklich, dass Ingwar und die anderen Inselbauern für Leib und Gut von den Eindringlingen nichts zu befürchten haben. „Ich setze dabei voraus, dass niemand von euch mir und meinen Kriegern feindselig gegenübertritt. Denn wir sind Norweger wie ihr und kommen als Freunde zu euch. Und als Beweis unserer Freundschaft bringen wir euch eine neue Religion, die viel besser ist als die alte. 0din, Thor und alle die anderen Götter taugen nichts mehr; in Norwegen wind bald der Gott der Christen herrschen. Ich, Olaf Tryggvason aus dem Stamme Harald Harfagrs, des großen Königs, werde ihm dazu verhelfen!“

Der Seekönig hat sich in Eifer geredet. Er ruft Sigurd herbei und bestimmt, dass die Kirche für den neuen Gott oberhalb der Stelle errichtet werden soll, wo Olaf mit seinen Drachenbooten an Land gegangen ist. An der Spitze seiner Häuptlinge steigt er den Hügel hinan. Ingwar, der Odalbauer, wendet wieder sein Gespann und folgt ihm. Oben, auf dem Hügel, neben dem verwitterten Odinsstein, bleibt der Seekönig stehen und breitet seine Arme aus.

„Ich bin zurückgekehrt in das Land meiner Väter, aus dem ich nach dem Tod meines Vaters Tryggve als kleines Kind vertrieben wurde“, ruft er, und seine Stimme übertönt das Rauschen des Seewindes, der hier oben auf dem Hügel die Haare der Männer flattern lässt und die Augen feucht macht. Mit dem Fuß tritt er gegen den Stein. „Stürzt das Odinbild und errichtet hier das Kreuz Gottes, und jeder, der an der Insel vorbeisegelt, wird es sehen! Du aber, Sigurd, sollst der erste Bischof Norwegens sein, wenn deine Kirche steht und ich König bin!“

 

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