Drachen nach Drontheim

Eine Wikingergeschichte von Gerd Lobin

 

Sechstes Kapitel

Berta und Ingolf

 

Des Dänenkönigs Rechnung geht auf. Seit Wochen stöhnen die Grafschaften Essex und Kent unter dem eisernen Zugriff der Wikinger. Doch König Ethelred zögert noch immer, auf die Lösegeldforderung einzugehen. In ganz England sei nicht so viel Silber aufzutreiben, wie die beiden Könige von ihm forderten, hat er als erste Antwort durch seinen Bevollmächtigten ausrichten lassen. Aber Olaf und Sven hatten nur gelacht, und Sven hatte dem König bestellen lassen, er wüsste besser, zu welchen Tributzahlungen England imstande sei. Mittlerweile ist Ethelred mit seinem Gegenangebot schon bei zehntausend Pfund angelangt.

„Wir kitzeln ihn auf sechzehntausend Pfund hoch, wie ursprünglich zwischen uns vereinbart“, flüstert der Dänenkönig seinem norwegischen Waffenbruder ins Ohr, als beide wieder einmal zusammensitzen. „Es war klug von uns, zunächst mal zwanzigtausend Pfund zu fordern. Wenn wir ihm ein bisschen entgegenkommen, glaubt der Engländer, uns zu übervorteilen, und legt zu. Lass mich das nur machen, ich habe darin mehr Erfahrung als du.“

Die Wikinger vertreiben sich in ihren Lagern die Zeit mit Spielen und Jagden, und auf Geheiß der Könige sind stets kleine Trupps der beiden Heere unterwegs, um die Lieferung des Nachschubs durch die Bauern in den Dörfern zu überwachen. Zuerst haben die Dänen und die Norweger das Vieh selber aus den fremden Ställen geholt und dabei widerborstige Knechte geprügelt und sich mit drallen Mägden im Heu gewälzt, so dass die Leute bei ihrem bloßen Anblick das Zittern bekamen. Mittlerweile werden die Bauern von den königlichen Beamten angehalten, freiwillig das Vieh abzuliefern. Und König Sven hat Ethelreds Bevollmächtigten wissen lassen, dass jeder Tag des Zögerns Ethelred neben dem Tribut Geld in Form von Fleisch, Korn und anderen Feldfrüchten koste. So muß der König in London erleben, dass dieselben Untertanen, die sich bisher so hartnäckig geweigert haben, das Danegeld zu bezahlen, ihn plötzlich über die Steuereintreiber drängen, den Tribut zu entrichten, um die Wikinger endlich loszuwerden.

Die Dänen und die Norweger verfallen bei allem Wohlleben nicht der Trägheit, die schon manchem Heer zum Verhängnis geworden ist, wenn es sich im Lager oder im Winterquartier allzu wohl fühlte. Sie stählen Tag für Tag ihren Körper bei kriegerischen Spielen, halten die Muskeln und Gelenke geschmeidig. Olaf Tryggvason ist ein großer Freund solcher Spiele. Er lässt keine Gelegenheit aus, sich mit seinen und den dänischen Kriegern im Schwertkampf, beim Bogenschießen, Speerwerfen und im Schwimmen zu messen, und alle müssen dabei die Überlegenheit dieses großartigen Kämpfers anerkennen.

„Er kämpft wie der Kriegsgott Tyr persönlich“, stöhnt Hemming von Fünen, nachdem er Olaf im Schwertkampf unterlegen ist, und wirft den zerhauenen Schild weg. „Keiner ist ihm gewachsen!“

Olaf Tryggvason aber wird nicht müde, immer wieder neue Gegner herauszufordern. Als er eines Tages von der gewaltigen Sprungkraft des Jütländers Alf Asmundson hört, der über drei Pferderücken springen könne, ordnet er sofort einen Wettkampf an, ohne den Jütländer zu fragen, ob er dazu bereit sei. An diesem Tag ist Olaf Tryggvason seiner ersten Niederlage nahe, denn der Däne fliegt tatsächlich einer Feder gleich über drei Pferde hinweg, während der Seekönig Mühe hat, das Hindernis zu überwinden. Auch den Königssprung, den gewaltigen Satz über vier Pferde, vollbringt Alf auf Anhieb. Olaf aber bleibt mit seinen langen Beinen am Rücken des vierten Pferdes hängen und wäre beinahe gestürzt. Doch es gelingt ihm behände, auf den Beinen zu bleiben, so dass die begeisterten Krieger an diesem Tage zwei Kämpfer umjubeln können, denen der Königssprung gelingt.

„Gut, dass du ein Däne bist“, sagt Olaf Tryggvason gut gelaunt und schlägt Alf Asmundson anerkennend auf die Schulter. „So bin und bleibe ich der einzige Norweger, der den Sprung über vier Pferde beherrscht.“

Da erhebt sich am Feuer aus einer Gruppe von Kriegern ein alter Mann, dessen vernarbtes Gesicht beweist, dass er viele Schwertkämpfe bestanden hat.

„Ich weiß noch einen Norweger, der den Königssprung vollbracht hat“, ruft er zum Königstisch hinüber. Olaf Tryggvason fährt auf.

„Ein Norweger, der mir an Sprungkraft gleich ist? Sage mir seinen Namen. Kenne ich ihn?“

Der alte Björn nickt lächelnd, bevor er Antwort gibt. „Du kennst ihn recht gut“, ruft er so laut, dass alle Krieger es hören können. „Es ist Ingolf Haraldson, dein Gefolgsmann! Er hat den Königssprung bei den Wettkämpfen der Jungkrieger vor vielen Wintern vollbracht. Damals war er dreizehn Jahre alt. Viele der Männer, die hier an den Feuern sitzen, haben mit angesehen, wie er über vier Pferderücken flog.“

„So will ich mich mit ihm messen, sobald er wieder hier im Lager ist“, gibt Olaf misslaunig zurück. „Dann wird sich zeigen, wer von uns beiden der Bessere ist.“

 

Als Olaf Tryggvason am Abend dieses Tages zurück zu seinem Lager auf der anderen Fluss-Seite fährt, wird ihm mitten auf der Themse ein Kauffahrerschiff gemeldet, das flussaufwärts segelt. Das rotweiß gestreifte Segel kommt schnell näher. Es ist ein Knorr, also das Lastboot eines wikingischen Händlers. Olaf gibt Anweisung, das Segel einzuziehen.

„Wir wollen hier auf den Händler warten“, sagt er. „Seine Ladung wird unseren Kriegern genauso willkommen sein wie den hungernden Bürgern in London.“

Als der Knorr in Rufnähe ist, fordert Olaf Tryggvason den Kaufmann auf, zu ihm an Bord zu kommen. Der blondbärtige Riese, der mit der linken Hand das Steuerruder führt, während der rechte Arm kraftlos herabhängt, macht keine Anstalten dazu, und die Knechte ducken sich im Laderaum.

„Komm an Bord meines Schiffes, wenn du ein Anliegen hast“ ruft er selbstbewusst zurück. „Oder gib mir den Weg frei! Ich will noch vor Einbruch der Dämmerung in London anlegen!“

„Ob du nach London kommst oder nicht, bestimme ich“, begehrt Olaf Tryggvason auf. „Hast du nichts davon gehört‘ dass die Stadt belagert wird?“

„Kennst du nicht den alten Brauch, dass Kauffrieden herrscht, wenn sich das Schiff eines Händlers nähert?“ erkundigt sich der Kauffahrer, ohne die Fragen Olafs zu beantworten. „Geh also aus dem Weg, oder komm an Bord!“

„Du sprichst mit Olaf Tryggvason, dem Seekönig!“ ruft Olaf wütend hinüber.

„Und du mit Thorleif Erikson, dem Handelsfahrer!“ schallt es prompt zurück. „Der dich zu einem Becher Wein auf sein Schiff einlädt!“

Die beiden Schiffe sind sich während dieses Wortwechsels so nahe gekommen, dass sie Bord an Bord liegen. Da springt Olaf kurzerhand hinüber und geht auf den Händler zu.

„Ich kenne viele Wanderhändler“, lenkt er ein. „Aber dir bin ich noch niemals begegnet. Woran liegt das?“

„Vermutlich daran, dass ich meine Handelsfreunde überwiegend in den Häfen am Ostmeer habe, während du es vorziehst, die englischen Städte zu plündern!“ entgegnet Thorleif unerschrocken.

„Und was machst du hier auf der Themse, wenn das Ostmeer dein Handelsgebiet ist?“

„Ich habe in Haithabu gehört, dass zwei Wikingerkönige die englische Flotte besiegt haben und London belagern“, entgegnet ihm Thorleif. „Also habe ich auf dem Markt alles Vieh aufgekauft, das ich bekommen konnte. Denn, so sagte ich mir, wo belagert wird, herrscht Hunger, und wo Hunger herrscht, wird Fleisch gut bezahlt!“

Olaf Tryggvasons Augen ruhen mit Wohlgefallen auf dem breitschultrigen Mann, der ihm so aufrecht und widerborstig entgegenzutreten wagt.

„Du gefällst mir!“ sagt er nach einer Weile. „Obwohl ich nicht glaube, dass aus deinem fetten Geschäft etwas wird! Denn ich werde dich auffordern, dein Pökelfleisch drüben bei meinem Lager auszuladen.“

Thorleif schüttelt selbstbewusst den Kopf. „Das wirst du nicht tun!“ sagt er dann. „Du wirst mir vielmehr den Weg freigeben, denn du achtest die Gesetze unserer Völker! Wäre ich Sven Gabelbart begegnet, dann wäre ich nicht so sicher, nach London zu kommen, doch Olaf Tryggvason wird einem Wikinger, der noch dazu ein Norwegen ist, nicht den Weg versperren!“

„Du bist Norweger? Bist du gar der Sohn Eriks, des Häuptlings vom Aurlandfjord?“

„Erik, der vor drei Wintern gestorben ist, war mein Vater, und Ingolf, dein Gefolgsmann, ist mein Ziehbruder“, nickt Thorleif. „So will ich dich weitersegeln lassen und deinen Geschäften nicht hinderlich sein“, gibt der Seekönig nach, und er leert seinen Becher. „Ich könnte dich in mein Lager einladen, doch Ingolf, den du sicherlich gerne wiedersehen würdest, ist unterwegs. Nach hartem Kampf und wilden Spielen gelüstet es ihn wohl nach der Zärtlichkeit einer Frau, und ich habe ihm erlaubt, zu ihr zu reiten.“

Die letzten Worte des Seekönigs klingen spöttisch, und Thorleif meint, nicht richtig gehört zu haben. Ingolf auf Freiersfüßen? Olaf muß wohl aus Thorleifs ungläubig fragendem Blick schließen, dass diese Nachricht den jungen Handelsfahrer überrascht. Lächelnd fügt er hinzu: „Es ist eine bemerkenswert schöne Frau, die Ingolfs Herz gerührt hat: Berta, die Tochter des Grafen von Langford!“

„Eine Engländerin?“ entfährt es Thorleif. „Ingolf fühlt sich zu einer Engländerin hingezogen? Das kann ich nicht glauben!“

„So komm als mein Gast in mein Lager, wenn du deine Geschäfte in London erledigt hast“, sagt Olaf versöhnlich. „Dann kannst du ihn selber fragen. Und wenn du in London den Markt besuchst, gib acht auf das, was die Leute reden. Darüber möchte ich mit dir sprechen, wenn ich dich auf deiner Rückfahrt begrüßen kann!“

 

Um die gleiche Abendstunde traben zwei Pferde durch den Wald bei Burg Langford, ein gutes Dutzend Meilen nördlich des Wikingerlagers an der Themse. Die junge Frau sitzt anmutig im Sattel und lässt ihren Schimmel ausgreifen, so dass der Braune ihres blondbärtigen Begleiters Mühe hat, Schritt zu halten. Der seidene Schal, den die Reiterin um ihr Haar gebunden hat, flattert im Wind wie eine Fahne.

„Ich wollte dir zeigen, Ingolf, dass wir Engländer mindestens ebenso gut reiten können wie ihr Wikinger“, ruft sie lachend, als sie unter einer breitästigen Eiche ihren Schimmel verhält, der feurig auf den Hinterbeinen tänzelt.

„Der Beweis fällt dem nicht schwer, der auf einem Rassepferd sitzt, während der andere eine Mähre reitet“, gibt Ingolf zurück, keineswegs ärgerlich. „Hätte ich >Wolke< hier, meinen roten Hengst, so würdest du nur seine Hinterhand sehen.“

Berta von Langford lässt sich aus dem Sattel gleiten und lockert mit dem sicheren Griff der geübten Reiterin ihrem Pferd die Zügel, damit es grasen kann. Dann geht sie, mit der Reitgerte von Zeit zu Zeit nach einem herabhängenden Ast schlagend, über die Waldwiese. Drüben, hinter einem kleinen Hügel, leuchten die Türme der Burg in der Abendsonne, im Geäst der Bäume zwitschern die Vögel auf der Suche nach einem Schlafplatz für die Nacht.

„So willst du mich wirklich morgen wieder verlassen“, sagt die junge Frau, und ihre Stimme klingt klagend.

Ingolf nickt wortlos. Erst nach einer Weile sagt er: „Die Zeit, die mir Olaf gewährt hat, ist um! Es war eine schöne Zeit, doch ein Heer braucht seine Anführer! Morgen früh bei Sonnenaufgang reite ich.“

Sie gehen schweigend durch das kniehohe Gras, in dem weiß die Margeriten leuchten. Hin und wieder pflückt Berta eine der Blumen und fügt sie dem Strauß zu, den sie in ihrer Rechten hält.

„Es ist schon seltsam mit uns“, bricht sie schließlich das Schweigen. „Ein Heer belagert unsere Hauptstadt und erpresst unseren König. Die Krieger saugen das Land aus. Die Ställe, aus denen morgens das vertraute Muhen zu hören sein sollte, wenn die Mägde die Kühe melken, sind leer. Ich aber, Berta von Langford, gehe an der Seite eines der feindlichen Anführer, lausche dem Gesang der Vögel, teile den Tisch mit ihm und das Bett, und es gibt niemanden, der mir lieber wäre als er, selbst mein alter Vater nicht!“

Wieder gehen sie schweigend, dann bleibt die junge Frau plötzlich stehen, wendet Ingolf das Gesicht zu, blickt ihm in die Augen.

„Was hindert dich daran, hier zu bleiben auf Burg Langford?“ sagt sie und legt Ingolf beide Hände auf die Schultern. „Des Vaters alter Arm erschlafft allmählich. Es wird Zeit, dass ein jüngerer mit fester Hand zugreift. Nach dem Abzug der Wikinger wird mehr zu tun sein als je zuvor.“

„Ich muß reiten“, entgegnet ihr Ingolf mit halblauter Stimme. „Doch ich werde zurückkommen! Sobald Ethelred das Lösegeld gezahlt hat, werde ich mit Olaf Tryggvason über das Nordmeer segeln. Er hat mein Wort, dass ich ihm helfe, den Königsthron in Norwegen wieder aufzurichten. Wenn er Jarl Hakon verjagt hat und in Drontheim herrscht, werde ich auf meinem >Adler< das Segel setzen lassen und zu dir fliegen, dich zu holen. Denn du wirst an meiner Seite als eine der mächtigsten Frauen in Norwegen herrschen, und Burg Langford wird für dich nicht mehr sein als eine Erinnerung an die Kindheit. Deine Zukunft liegt drüben in Norwegen, im Osten, wo jeden Morgen die Sonne aufgeht.“

Ingolf hat sich bei diesen Worten in Feuer geredet. Sein blondes Haar schimmert rot im letzten Sonnenglanz, seine Augen blitzen. Berta weiß jetzt, dass Ingolfs Entschluss unumstößlich ist. „Komm“, sagt sie und wendet ihren Schritt der großen Eiche zu, unter der die beiden Pferde grasen. „Lass uns zur Burg zurück reiten. Die Nacht ist kurz!“

 

Zwei Tage danach überschlagen sich die Ereignisse. Am Morgen wird Ingolf in seinem Zelt von Stimmengewirr geweckt. Der Bevollmächtigte König Ethelreds ist eingetroffen und hat sich gleich zu Olaf führen lassen, dessen Zelt neben dem Ingolfs steht. Ingolf beeilt sich mit dem Ankleiden, denn er weiß, dass wichtige Verhandlungen bevorstehen und Olaf in seiner Unbeherrschtheit gelegentlich Fehlentscheidungen trifft.

Als er seinen Platz eingenommen hat, spürt er sofort, dass der Seekönig nicht die Absicht hat, sich auf lange Verhandlungen einzulassen, und er weiß, dass dies dem von Olaf mit dem Dänenkönig vereinbarten Vorgehen entspricht.

„Was lässt König Ethelred mir ausrichten, sprich!“ fordert er den Gesandten auf.

Dieser will zu einer langen Rede ansetzen, doch Olaf unterbricht ihn barsch: „Erspare dir alle unnötigen Worte! Ich höre!“ herrscht er ihn an.

Da bringt der Bevollmächtigte schließlich heraus, dass sein Herr, der König, nach langen Gesprächen mit seinen Ratgebern nunmehr bereit sei, die Forderung der beiden Wikingerfürsten zu erfüllen und die riesige Summe von sechzehntausend Pfund Silber als Lösegeld zu bezahlen.

Olaf Tryggvason kann nicht verhindern, dass bei den Worten des Engländers ein triumphierendes Lächeln über seine Züge huscht. Doch sogleich verhärtet sich wieder sein Gesicht.

„Wann?“ sagt er. „Wann zahlt dein König?“

Da wird der Gesandte verlegen. „Die erste Rate von fünftausend Pfund soll in sechs Tagen hier eintreffen“, sagt er. „Die nächsten fünftausend Pfund will der König bis zum Mondwechsel zahlen, und für den Rest bittet er um etwas mehr Zeit.“

Ehe Olaf Tryggvason zustimmen oder ablehnen kann, wird ihm vom Fluss her die Ankunft seines dänischen Schwertgenossen gemeldet. Olaf hat, als der Bevollmächtigte eingetroffen war, sofort einen Boten in einem schnellen Boot hinüber zum anderen Flussufer geschickt, um König Sven zu benachrichtigen. Jetzt kommt der Däne mit kurzen Schritten und zornrotem Kopf auf das Königszelt zu.

„Wird hier schon verhandelt?“ herrscht er Freund und Feind an, und Olaf sowie der Engländer sind über diesen Ton gleichermaßen betroffen. „Ich denke, wir sind Bundesgenossen!“ Dieser Hieb trifft Olaf Tryggvason.

„Ich hätte natürlich keine Vereinbarung ohne deine Billigung getroffen“, versucht der einzulenken, doch Sven Gabelbart lässt diese Ausflüchte nicht gelten.

„Du hättest den Bevollmächtigten so lange vor deinem Zelt stehen lassen müssen, bis ich eingetroffen war“, herrscht er Olaf an. „Es erleichtert nur die Verhandlungen, wenn der Gesprächspartner warten muß! Aber nun zur Sache! Wie weit seid ihr gekommen?“

„Ethelred akzeptiert die geforderte Summe, behauptet aber, sie nicht auf einmal bezahlen zu können“, sagt Olaf.

„So soll der Bote zurück reiten nach London und seinem König ausrichten, er möge sich seine Stadt noch einmal sehr genau ansehen. Drei Tage hat er Zeit, das Silber beizubringen. Treffen die ersten Ochsenkarren mit der Silberladung bis zum Abend des dritten Tages nicht ein, brennt in der Nacht darauf London! Das versichere ich ihm, Sven von Dänemark, den sie den Gabelbart nennen!“

Der Bevollmächtigte hebt erschrocken und abwehrend beide Hände. „Aber der König hat das Geld wirklich noch nicht beisammen“, stottert er.

„So soll er sich beeilen“, herrscht ihn König Sven an. „Haben wir ihm nicht genügend Zeit gelassen, um das Silber beizutreiben? Zweimal hat der Mond gewechselt, seit wir seine Flotte besiegt und das Lösegeld gefordert haben. Meint Ethelred, er könne uns hinhalten? Drei Tage hat dein Herr noch Frist, dann brennt London! Sage ihm das! Es ist mein letztes Wort!“

Sven Gabelbart wendet sich brüsk ab und kehrt dem Gesprächspartner den Rücken. Dann geht er mit schnellen Schritten dem Ufer zu, wo sein Schiff liegt, offenbar entschlossen, das Lager der Norweger zu verlassen.

Jetzt müsste ihm Olaf nachgehen, wenn er den Gabelbart nicht als Verbündeten verlieren will, denkt Ingolf. Zwei Bundesgenossen sollten so nicht auseinandergehen. Aber Olaf Tryggvason versucht nicht einzulenken, bleibt ruhig am Tisch sitzen, an dem die Verhandlungen geführt wurden. Mit einer Handbewegung gibt er dem Engländer zu verstehen, dass er den Äußerungen und Forderungen des Dänenkönigs nichts hinzuzufügen habe. Der Gesandte entfernt sich eilends.

Kaum hat der englische Gesandte das Lager verlassen, als am Ufer Thorleifs Knorr anlegt. Ingolf erkennt das Schiff sofort an seinem rotweiß gestreiften Segel und dem Schnitzwerk am Vordersteven. Er springt auf und läuft mit schnellen Schritten hinunter zum Bootssteg, Thorleif mit offenen Armen zu begrüßen. Er wundert sich, als dieser nach kurzem Wortwechsel bittet, ihn zu Olaf Tryggvason zu führen.

„Du kennst den König?“ wundert sich Ingolf.

„Wir sind uns vor ein paar Tagen begegnet, da draußen, mitten auf der Themse“, sagt Thorleif und deutet mit ausgestrecktem Arm auf den Fluss. „Dabei hat er mich eingeladen, ihn in seinem Lager zu besuchen, wenn ich mit meinen Geschäften in London fertig sei. Nun, hier bin ich!“

Ingolf wundert sich über die sichere Art, mit der Thorleif auftritt. Die Jahre als Handelsfahrer haben einen selbstbewussten und erfahrenen Mann aus ihm gemacht, denkt er. Dann stehen sie beide vor Olaf Tryggvason, der sich zunächst mit einem Grußwort an Thorleif wendet und dann Ingolf anherrscht: „Du hast mir deinen Ziehbruder bisher vorenthalten, Ingolf Haraldson! Wenn es einen Grund dafür gibt, so nenne ihn mir!“

Ingolf verschlägt es für einen Augenblick die Sprache. Es ist das erste Mal, dass Olaf Tryggvason mit ihm in dieser Tonart redet, die ein Herr eigentlich nur gegenüber seinem Knecht anzuwenden pflegt. Er beschließt, mit gleicher Münze zurückzuzahlen.

„Seit wann bin ich dir Rechenschaft schuldig über mein Familienleben“, sagt er ebenso barsch. „Ich bin zu dir als freier Großmann und Seekönig gestoßen und habe eingewilligt, dein Gefolgsmann zu werden. Und ich habe dir mehr als hundert Krieger mitgebracht. Alles andere geht dich nichts an! Und lass deinen Ärger nicht an mir aus!“

Thorleif nimmt zufrieden zur Kenntnis, dass Ingolf seine Stellung gegenüber Olaf Tryggvason zu behaupten weiß, obwohl er dessen Vasall ist. Er ist noch der alte, denkt er.

Olaf Tryggvason lenkt nach den harten Worten seines Untergebenen ein. „Begreifst du nicht, wie bedeutsam es für einen Heerführer ist, nicht nur Krieger, sondern auch gute Verbindungen zu den Handelsplätzen zu haben?“ sagt er beschwichtigend. „Du bist wichtig für mich, weil du mir deinen Schwertarm leihst und mir Krieger stellst. Dein Bruder aber soll, wenn er will, meinem Heer den Nachschub liefern. Hier in England verpflegen wir uns aus Beutegütern. Doch ich will, wie du weißt, hinüber nach Norwegen. Dort sind wir in Freundesland und können uns nicht einfach nehmen, was wir brauchen. Dir, Thorleif Erikson, schlage ich vor, dafür zu sorgen, dass mein Heer stets genügend Waffen hat und ausreichend verpflegt wird. Du scheinst mir der rechte Mann dafür zu sein. Wer es wagt, an zwei wikingischen Königen vorbei eine belagerte Stadt mit Fleisch zu versorgen, der ist auch in der Lage, ein Heer mit alledem zu beliefern, was es braucht, um erfolgreich einen Krieg zu führen.“

Olaf Tryggvason streckt Thorleif die Rechte entgegen und fordert ihn auf: „Hier meine Hand! Schlag ein! Es soll dein Schaden nicht sein. In wenigen Tagen werde ich genügend Silber haben, um jede deiner Lieferungen gut zu bezahlen.“

Thorleif blickt dem Seekönig lange in die Augen, macht aber keine Anstalten, die dargebotene Rechte zu ergreifen, schüttelt endlich den Kopf.

„Nein“, sagt er. „Dein Angebot ist zwar verlockend, doch ich kann es nicht annehmen. Ich bin ein freier Kauffahrer und gedenke es zu bleiben. Zum Knecht tauge ich nicht!“

Ingolf fährt bei den Worten des Bruders zusammen wie ein Hund bei einem Peitschenhieb, Olaf Tryggvason aber herrscht seinen Gesprächspartner an: „Wer spricht denn davon, dass du mein Untergebener werden sollst? Ich habe dir lediglich angeboten, mein Zulieferer zu werden. Auf welcher Grundlage dies geschieht, muß noch ausgehandelt werden.“

„Und ich habe dir gesagt, dass ich mein freier Herr bleiben will“, entgegnet Thorleif ruhig dem König. „Wenn du bei mir Waren bestellst, so will ich überlegen, ob ich sie dir liefern kann und zu welchem Preis das geschehen soll. Mit einem Kriegszug aber will ich nichts zu tun haben, auch nicht als Handelsmann.“

„Aber du kannst doch die Rückeroberung Norwegens keinen Kriegszug nennen“, versucht Olaf ihn umzustimmen.

Doch Thorleif lässt sich nicht beirren. Er bleibt bei seiner ablehnenden Haltung: „Wie willst du es denn bezeichnen, wenn du mit drei Dutzend Drachenschiffen über das Nordmeer nach Drontheim segelst und Hakon Jarl verjagen willst, um dir Norwegen zu unterwerfen?“ erkundigt er sich.

„Ich komme mit einem rechtmäßigen Anspruch auf den Thron! Du weißt, dass ich ein Nachkomme Harald Harfagrs bin, des großen Königs! Und du weißt auch, dass Tryggve, mein Vater, auf einem Thron saß, bevor Harald Graumantel ihn erschlagen ließ und dann, zum Dank für diese Schandtat, seine Macht an Hakon verlor. Und sein Leben auch!“

Thorleif steht wie ein Felsblock vor dem Seekönig, dessen Augen blitzen und auf dessen Stirn Zornesadern angeschwollen sind.

„Das alles weiß ich“, sagt Thorleif ruhig. „Aber ich weiß auch, und du weißt es ebenso, dass Throne bei uns in Norwegen nicht erblich sind. Wenn ein Großmann stirbt, erben seine Söhne zwar seinen Besitz, doch Stellung, Einfluss und Ansehen müssen sie sich selber erwerben. Ein Seekönig wird von den freien Kriegern gewählt, und jeder Fürst verfügt in der Runde der Freien nur über soviel Macht und Einfluss, wie er sich auf Grund der Gefolgsleute, die hinter ihm stehen, verschaffen kann. Wenn du also nach Norwegen segelst, dann tust du es mit soviel Kriegern, wie deinem Wort folgen. Was machst du aber, wenn drüben in Drontheim sich die Großmänner und Bauern treu um den Jarl scharen und dir geschlossen entgegentreten? Wirst du dann wieder Segel setzen und davonfahren, oder wirst du die Hörner zum Kampfe blasen lassen? Zum Kampf gegen die Norweger, deine eigenen Brüder?“

Da mischt sich plötzlich Ingolf ein, der dem Wortwechsel seines Bruders mit dem Seekönig ebenso bewundernd wie überrascht zugehört hat, und der jetzt Olaf Tryggvasons Partei ergreift.

„Das alles sagst du, Thorleif, der du vor gar nicht langer Zeit ganz anders gesprochen hast? Erinnerst du dich an unsere Begegnung im Fjord, als ich gerade zum Seekönig gewählt worden war und du von Drontheim kamst. Damals brachtest du die Nachricht mit, dass die freien norwegischen Bauern der Willkürherrschaft des Jarl überdrüssig seien und den Tag herbeisehnten, da einer käme und sie von dem Joch befreie. Warst du es nicht, der berichtete, die Menschen in Drontheim warteten auf Olaf Tryggvason? Nanntest du damals den mächtigen Hakon nicht den bösen Jarl?“

Thorleif nickt und lächelt, als er dem Bruder entgegnet: „Du hast richtig gesprochen, Ingolf, genauso redete ich damals, vor drei Wintern. Aber inzwischen bin ich mehrmals in Drontheim gewesen.“

„Und, hat sich die Lage geändert? Ist die Stimmung wieder umgeschlagen?“ fährt Olaf Tryggvason dazwischen. „So rede doch, berichte!“

Thorleif Erikson schüttelt den Kopf. „Nein“, sagt er dann, „die Stimmung ist nicht umgeschlagen! Der Jarl ist eher noch verhasster geworden, als er es damals war.“

„Na also“, nickt Olaf zufrieden. „Dann ist meine Stunde gekommen, und ich glaube, der Zeitpunkt, die Macht in Norwegen zu übernehmen, war noch nie so günstig wie jetzt.“

„Ich wäre da nicht so sicher“, versucht Thorleif die Zuversicht Olafs zu dämpfen. „Du denkst nur an den alten Hakon. Hast du seine Söhne vergessen, Sven und Erik Jarl? Sie sind herangewachsen und als Anführer geschätzt. Wenn das Ledingsgebot des Jarl ergeht, werden sie an der Spitze des Heeres stehen, und du tust gut daran, Olaf Tryggvason, wenn du sie als Gegner nicht unterschätzt. Das könnte für dich verhängnisvoll sein.“

„Die Jarl-Söhne, diese Milchknaben, meine Gegner?“ prustet Olaf heraus und schlägt sich vor Vergnügen auf die Schenkel. „Mit den beiden würde ich es gleichzeitig aufnehmen, selbst wenn ich, wenn ich...“

„.... Wenn du nur einen Arm hättest wie ich, wolltest du wohl sagen“, setzt Thorleif die Rede fort.

„Du sagst es“, brüstet sich Olaf. „Mit meinem Schwert werde ich sie aus Drontheim verjagen, dass sie für alle Zeiten das Wiederkommen vergessen. Das schwöre ich dir, Thorleif Erikson, und auch dir, Ingolf Haraldson. Ehe an der Felsenküste die Winterstürme toben, werde ich, Harald Schönhaars Nachkomme, Olaf, König in Norwegen sein!“

Die Brüder hören sich schweigend diesen Ausbruch des Seekönigs an, und Thorleif denkt an die Geysire in Island, von denen die Nordmeerfahrer in Haithabu erzählen, wenn sie abends am Herdfeuer beim Bier sitzen. Urplötzlich, mit gewaltigem Druck, sollen Dämpfe und heiße Wasser in die Luft geschleudert werden. Ähnlich plötzlich bricht die Leidenschaft aus Olaf heraus. „Was ist nun?“ wendet sich der Seekönig nach einer Weile an Thorleif. „Nimmst du nun mein Angebot an? Sorgst du für den Nachschub?“

„Sage mir, was du brauchst, und ich werde überlegen, ob ich liefern kann“, entgegnet ihm Thorleif. „Ich will es einrichten, dass mein Knorr das Nordmeer befährt, und ich will ein zweites Schiff kaufen, sobald ich wieder in Haithabu bin. Das mag der alte Knut führen. So werden wir dir viele Ladungen liefern können, ohne dass meine Handelsbeziehungen darunter leiden und alte Kunden vernachlässigt werden müssen. Aber sag, was brauchst du zuerst?“

„Waffen“, sagt Olaf Tryggvason spontan. „Scharfe Schwerter, Speere, Schilde!“

„So will ich mich von hier aus südwärts wenden. Ich habe in London meinen Knorr mit Tuchen beladen. Dafür sollte ich in Malaga Abnehmer finden. Dort, in Andalusien, bei den Mauren, gibt es, wie man hört, Schwertklingen, die an Geschmeidigkeit und Schärfe den Waffen vom Rhein noch überlegen sind. Ich will versuchen, eine Ladung davon nach Drontheim zu bringen.“

„Aber wie lange brauchst du dazu?“ begehrt Olaf ungeduldig auf. „Ich habe die Waffen nötig, sobald ich in Norwegen lande!“

„Beruhige dich“, sagt Thorleif besänftigend. „Du unterschätzt die Geschwindigkeit eines Handelsschiffes. Ehe du hier dein Silber eingestrichen hast und deine Krieger ihren Rausch ausgeschlafen haben, den sie sich antrinken werden, wenn sie Geld in der Hand haben, wird der Bug meines Schiffes schon wieder nordwärts weisen. Wenn du die Männer angeworben hast, werde ich mit den Waffen zur Stelle sein.“

Als Ingolf den Bruder hinunter zum Anlegesteg geleitet, zuckt Thorleif bedauernd mit seiner gesunden Schulter.

„Du siehst“, sagt er mit einem Lächeln, „einem Handelsmann bleibt noch weniger Zeit für seine Neigungen als einem Krieger, aber ich bin doch froh, dass ich nicht an deiner Stelle bin. Übrigens hatte ich gehofft, mit dir nach Langford reiten und dort eine gewisse Berta begrüßen zu können, aber Geschäfte gehen vor, besonders, wenn sie so einträglich sind wie dieses!“

„Was weißt du von ihr?“ entfährt es Ingolf. „Wer hat dir gesagt, dass...“

Thorleif legt ihm lächelnd den Finger der linken Hand auf den Mund.

„Schweig“, sagt er, „und frage nicht weiter. Ein Handelsmann hat seine Wege, die er für sich behält, seine Einkaufspreise, die niemanden etwas angehen, und seine Gewährsleute, deren Namen er nicht nennt! Aber ich brenne darauf, die Frau kennenzulernen, der du dein Herz geschenkt hast! Sobald mein Weg mich wieder nach England führt, werde ich nicht versäumen, ihr einen Besuch zu machen!“

 

Diesen Artikel weiter empfehlen …. href="http://www.manfrieds-trelleborg.de"

zum Inhaltsverzeichnis oder direkt Zum Tor

 

5,985,373 eindeutige Besuche

Top Zum Seitenanfang