Drachen nach Drontheim

Eine Wikingergeschichte von Gerd Lobin

 

Fünftes Kapitel

Hundert Drachen vor London

 

Über die frühlingsgrünen Weiden zwischen Chelmsford und Langford in Essex trabt eine fröhliche Jagdgesellschaft. Die warme Sonne lässt die feuchtkalten und nebeligen Wintertage vergessen. Vor den Reitern springt ein Hase auf, sucht sein Heil in rascher Flucht. Mit langen Sätzen jagt er davon. Die junge Frau an der Spitze verhält ihren Schimmel, streift dem Falken auf ihrer Faust die Kappe ab, wirft den Vogel in die Luft. Mit schnellem Flügelschlag streicht er fast lautlos dem Hasen nach. Der versucht, als der Schatten des fliegenden Jägers über ihn fällt, mit einem verzweifelten Haken sich in einen nahen, weiß blühenden Schlehdornbusch zu retten, doch diesem krallenbewehrten Verfolger ist er nicht gewachsen. Blitzschnell stößt der Falke zu, bricht dem Hasen das Genick.

Die junge Jägerin zieht eine Flöte aus ihrer Tasche und pfeift den Greifvogel zurück, streicht ihm, als er sich wieder auf ihrer lederbehandschuhten Faust niedergelassen hat, mit der linken Hand über das Gefieder, stülpt ihm die Kappe über die scharfen Augen. „Brav, mein Vogel“, sagt sie. „Gut gemacht!“

Die übrigen Mitglieder der kleinen Jagdgesellschaft spenden ihr Beifall, während ein Hund schwanzwedelnd und kläffend die Beute apportiert. Ein schwarzbärtiger Begleiter drängt seinen hochbeinigen Fuchs dicht an den Schimmel heran. „Wer hat sie Euch gelehrt, die Kunst mit dem Falken zu jagen, Berta? “ sagt er, und seine Augen blicken lauernd. „Oh, ich vergaß, dass Euch im letzten Sommer der Wikingerhäuptling besucht hat, dem ich damals bei Maldon allzu gern den Schädel gespalten hätte. Habt Ihr mit ihm nur gejagt? “

„Ihr solltet Euch schämen, Gerold“, entrüstet sich Berta von Langford und bringt ihren Schimmel mit einem sanften Peitschenschlag wieder auf Trab.

Doch der schwarzbärtige Reiter lässt sich so leicht nicht abschütteln. Ein paar Galoppsprünge seines Pferdes, und schon ist er wieder neben ihr.

„Ihr, Berta, solltet Euch schämen, nicht ich“, entgegnet er zornig. „Wie konntet Ihr als sächsische Gräfin und gute Christin Euch nur mit einem solchen Heiden einlassen? Habt Ihr denn gar keinen Stolz? “

„Ihr wisst genau, dass Ingolf Haraldson Christ ist wie Ihr und ich, Gerold. Ihr habt seiner Taufe beigewohnt, damals, vor drei Jahren, drunten am Schwarzwasserfluss. “

Ihr Begleiter peitscht mit der Reitgerte die Luft und lacht dabei dröhnend.

„Die Taufe Olafs und Ingolfs, ja, die Taufe! “ prustet er heraus. „Das war die gelungenste Täuschung, die ich je erlebt habe! Nicht nur, dass die Banditen sich ihren angeblichen Übertritt zum Christentum mit Silber haben aufwiegen lassen; nein, als Christen mit dem Kreuz auf ihrer haarigen Brust verheeren sie nach wie vor Englands Küsten, plündern unsere Städte, morden Männer, schänden Frauen. Und solchen Unholden öffnet Ihr Euer Haus! “

Bei diesen Worten Gerolds ist Berta von Langford blass geworden. Mit einem Ruck zügelt sie ihren Schimmel, hebt drohend die Reitpeitsche.

„Sagt so etwas nicht noch einmal“, ruft sie zornig. „Ihr wisst genau, dass ein deutlicher Unterschied zwischen den räuberischen Dänen und den Norwegern zu machen ist. Die einen plündern unter ihren beutegierigen Häuptlingen, die anderen lassen sich Lösegeld zahlen, verschonen aber unsere Städte und die Menschen. “

Wieder lacht der schwarzbärtige Baron an ihrer Seite höhnisch, ehe er antwortet: „Dänen oder Norweger, das bleibt sich gleich. Wikinger sind sie alle, und damit Gesindel, das man erschlagen sollte wie einen räudigen Hund, anstatt sie zu beherbergen, mit ihnen auf die Jagd zu gehen, am Feuer zu sitzen oder...“

Gerold kommt nicht dazu, seinen Satz zu vollenden. Der Reiterin neben ihm ist Zornesröte ins Gesicht gestiegen. Sie hebt die Reitgerte und schlägt dem Spötter damit ins Gesicht. Dann versetzt sie ihrem Schimmel einen Schlag, treibt ihn damit unvermittelt an und galoppiert davon, ohne sich ein einziges Mal nach den anderen umzusehen.

Der Gemaßregelte wischt sich mit dem Handrücken über das Gesicht, wendet sich wortlos von der restlichen Jagdgesellschaft ab und murmelt erst, als sein Fuchs in den Galopp fällt: „Das sollt Ihr mir büßen, Berta! Den Schlag werdet Ihr noch bereuen! “

 

Ein paar Reitstunden südlich von Burg Langford hat Seekönig Olaf Tryggvason auf einer Flußinsel am Nordufer der Themse die Drachenschiffe an Land ziehen und sein Lager aufschlagen lassen. Inseln sind bevorzugte Lagerplätze des Norwegers, dessen Streitmacht während der letzten drei Winter durch Zulauf aus den norwegischen Tälern, wo das Land knapp ist und die wachsende Bevölkerung mehr schlecht als recht ernährt, noch größer geworden ist. Die Vordersteven von mehr als drei Dutzend Drachenbooten heben sich gegen den grauen Himmel ab, und die Zahl der Zelte und Schilfhütten, in denen die Krieger hausen, ist groß. Im Königszelt sitzen sich Olaf und Ingolf gegenüber und beraten das weitere Vorgehen.

„Ich kann dir deine Bitte nicht erfüllen, Ingolf“, sagt der König und schüttelt den Kopf. „Das liegt nicht nur daran, dass ich wenig davon halte, wenn einer meiner Anführer den Röcken nachstellt; ein Wikingerführer sollte allezeit kühlen Kopf bewahren. Du bist von mir ausersehen worden, mit Sven Gabelbart zu verhandeln, der drüben am anderen Flussufer mit sechzig Langschiffen und dreitausend Kriegern lagert. Ihm will ich vorschlagen, sich mit mir gegen König Ethelred zu verbünden. Der Gabelbart wäre tödlich beleidigt, wenn er erfahren würde, dass mein erster Gefolgsmann, statt mit ihm zu verhandeln, auf Brautschau gegangen ist. Nein, ich kann dich nicht entbehren! “ Ingolf kann seine Enttäuschung über Olafs Entscheidung nicht verbergen. So entschieden ist ihm noch niemals ein Wunsch abgeschlagen worden.

„Du wirst noch viele günstige Gelegenheiten finden, um zu deiner Berta zu reiten“, sagt Olaf und klopft ihm aufmunternd auf die Schulter. „Alles hängt nur von deinem Verhandlungsgeschick ab. “

„So willst du dem Dänenkönig wirklich anbieten, ihm bei seinem Zug gegen London zu helfen? Fürchtest du nicht, dass dein Ruf leidet, wenn du mit den Dänen gemeinsame Sache machst? “

Olaf stochert mit einem Stock im Feuer, an dem die beiden Seekönige sitzen, und schüttelt dann den Kopf.

„Mein Ziel ist Norwegen, und um es zu erreichen, brauche ich Geld“, sagt er dann. „Viel Geld sogar! Mache ich mit Sven Gabelbart gemeinsame Sache, dann kann ich das nötige Silber auf einmal gewinnen. Der Däne wird zwar ungern mit mir teilen wollen, doch die Aussicht, dass ich ihm England überlasse, wenn ich mich nach Norwegen wende, wird ihn gefügig machen. Er ist beutegierig und wird froh sein, wenn ich ihm nicht mehr in die Quere komme. Was später wird, ist eine andere Sache. Zuerst brauche ich die Dänen, und alles hängt davon ab, wie geschickt du die Sache einfädelst. Jetzt verstehst du hoffentlich, weshalb ich dich nicht nach Langford reiten lassen kann. Grimolf, der alte Polterer, würde schon nach den ersten Wortwechseln mit den Dänen Streit bekommen und in der Wut alles verderben. “

Die Abendsonne spiegelt sich schon rot im Fluss, als sich Ingolfs Drachenboot dem Lagerplatz der Dänen nähert. König Sven hat ihn ebenso umsichtig ausgewählt wie Olaf Tryggvason den seinen, denkt der junge Anführer, während er die große Zahl der Boote bewundert und lodernde Feuer bemerkt, soweit das Auge reicht. Seine Männer haben Mühe, im Seichtwasser den flachgängigen Adler an Land zu ziehen. Ungeduldig springt Ingolf über Bord und watet ans Ufer. König Ethelreds schwere Kriegsschiffe wären hier kaum manövrierfähig.

Ein vornehm gekleideter Däne begrüßt ihn und führt ihn zu seinem König. Sven Gabelbart lädt ihn ein, an seinem Feuer Platz zu nehmen: „Du kommst mit einer Botschaft Olaf Tryggvasons? “ sagt er und streicht sich zufrieden seinen Bart, der sich in zwei Spitzen gabelt. Ingolf nickt und wirft fragende Blicke auf die dänischen Unterführer. Wollen wir nicht unter vier Augen reden, soll das heißen. Doch der König macht keine Anstalten, die Gefolgsleute wegzuschicken. „So sage, was Olaf mir ausrichten lässt. Aber nimm zuvor einen Begrüßungstrunk. Wein löst die Zunge; es redet sich leichter.“

Dann hört Sven Gabelbart aufmerksam zu, was Ingolf ihm zu sagen hat. Seinen Unterführern, die einige Male unwillig murmeln, gebietet er mit einer Handbewegung, den Gesandten reden zu lassen.

Als Ingolf geendet hat, blickt der König lange schweigend ins Feuer. Ingolf und auch die Dänen hängen gebannt an seinen Lippen. Endlich hebt er zu reden an.

„Sage Olaf Tryggvason, dem Seekönig, dass ich mit seinem Vorschlag einverstanden bin. Nicht billigen kann ich hingegen die Aufteilung der Beute, denn er hat weniger Langschiffe als ich, und die Zahl seiner Krieger ist weit geringer. Wir wollen also die Beute pro Mann berechnen, und wenn du Vollmacht hast, mir zuzustimmen, darf Olaf mich von dieser Stunde an als seinen Bundesgenossen betrachten. “

Ingolf zögert nach des Königs Rede eine Weile, ehe er zustimmend nickt.

„Es soll so sein, wie du sagst! Nur der Anteil, der auf beide Könige entfällt, soll gleich sein. Darauf besteht Olaf. “

Die Unterführer murren, und einige von ihnen erheben lauthals Einwände. Doch König Sven streicht sich seinen Gabelbart und lacht versöhnlich.

„Eine kühne Forderung, das muß ich schon sagen! Dein Seekönig Olaf stellt sich auf eine Stufe mit dem König der Dänen, der nicht nur über fünf Dutzend Langschiffe und dreitausend Krieger, sondern über ein großes Reich gebietet. Aber es soll so sein! Besteige dein Boot und fahre zurück zu ihm. Morgen, wenn der Tag anbricht, wollen wir gemeinsam gegen London segeln und Ethelred das Fürchten lehren! “

Als Ingolf das Dänenlager verlassen hat und zufrieden nordwärts segelt, bestürmen die dänischen Häuptlinge den König mit Vorwürfen wegen seiner Nachgiebigkeit. Doch Sven Gabelbart lacht listig: „Er glaubt, mich übervorteilt zu haben, dieser Seekönig Olaf, der gerne König von Norwegen wäre. Soll er es glauben! Je eher er seine Schatztruhen voll mit Silber hat, desto schneller wird es ihn nach Norwegen ziehen. Dort aber wartet Jarl Hakon auf ihn, der sich seit acht Wintern weigert, mir den schuldigen Tribut zu zahlen. Was kann mir Besseres passieren, als wenn sich die beiden Norweger gegenseitig ihre harten Schädel einschlagen. Ich habe Geduld und kann auf meine Stunde warten. Dass sie eines Tages kommt, ist ganz sicher. Einstweilen aber halten wir uns in England schadlos. Hier ist mehr zu holen als an den felsigen Küsten Norwegens! “

 

Die Morgendämmerung liegt noch über dem Fluss, als auf den Drachen der Norweger die Segel gesetzt werden. Bei leichtem Ostwind setzt sich die Flotte in Bewegung, fährt den Themsefluss hinauf, der hier so breit ist, dass Ingolf von der Schanze des Adler aus das Südufer kaum erkennen kann. Wären die Feuer nicht gewesen, so wüsste Ingolf, der auf Geheiß Olafs an der Spitze fährt, nicht, dass die Drachen schon auf der Höhe des Lagerplatzes der Dänen sind. Aber König Sven hat die Schilfhütten in Brand stecken lassen, und die lodernden Feuer dienen nicht nur den Norwegern als Wegzeichen, sie sollen auch die Menschen in den Siedlungen an den Flussufern in Angst und Schrecken versetzen.

Der Fluss ist so breit, dass die Schiffe gestaffelt nebeneinander fahren können. Als er einen scharfen Knick nach Süden macht und auf beiden Seiten die Ufer näherkommen, sieht Ingolf voraus die Streitmacht der Dänen segeln, die einen Vorsprung vor Olafs Drachenschiffen hat. Er sieht nicht die Großschiffe der Engländer, die hinter der nächsten Flussbiegung, bei Tilbury, den Wikingern auflauern. Ihre Anführer bekommen zuerst die dänische Flotte zu Gesicht. Sie lassen, obwohl in der Minderzahl, im Vertrauen auf die Größe und Kampfstärke ihrer Schiffe Segel setzen, um dem Feind in die Seite zu stoßen. Hörner blasen zum Angriff, Schwerbewaffnete ducken sich hinter den hohen Bordwänden, so rauschen die gewaltigen Schiffe auf die Langboote der Dänen zu.

Doch die Engländer haben die Rechnung ohne die Wendigkeit der Drachen gemacht. Lange bevor sie nahe genug heran sind, um die Wikinger mit ihrem Pfeilregen eindecken zu können, lässt König Sven die Segel einholen und die Männer zu den Rudern greifen. Er bindet auf diese Weise zwar einen Teil seiner Kampfkraft, weil die Männer nicht gleichzeitig die Riemen handhaben und den Bogen bedienen können, aber ihm gelingt eine blitzschnelle Schwenkung der gesamten Streitmacht, die jetzt den Engländern entgegenrudert. Die Bootsführer auf den Schanzen sind umgeben von ausgewählten Bogenschützen. Kaum dass sich die Schiffe einander auf Schussweite genähert haben, stecken die Wikingerschützen Brandpfeile auf die Bogensehnen und schießen diese in die knatternden Segel der Großschiffe, während die Ruderer ihre Schilde auf die Bordwände der Schiffe gesteckt haben und deshalb für die Pfeile der englischen Schützen kaum erreichbar sind.

Als Olaf Tryggvasons Flotte sich dem Kampfort nähert, stehen schon zwei der englischen Großschiffe in hellen Flammen. Dennoch haben die Dänen Mühe, die höherbordigen Gegner zu entern. Sie müssen dazu so nahe an die Großschiffe heranrudern, dass ihnen ihre Schilde und Brustwehre nur unzureichenden Schutz gegen die Pfeile und Speere bieten, die von oben auf sie niederprasseln. Der Kampf wogt hin und her, deutliche Vorteile hat noch keiner der beiden Gegner errungen. Das ändert sich schlagartig, als die Norweger herankommen. Hart unter Land segelnd, nehmen sie die englischen Schiffe in die Zange. Als Olaf Tryggvason die Segel einziehen lässt, brauchen in jedem der an der Spitze fahrenden Boote nur wenige Männer zu den Riemen zu greifen, die Drachen schieben sich, von der Gezeitenflutwelle getrieben, die des Flusses Strömungskraft aufhebt, von hinten an die Großschiffe heran.

Ingolf steht mit dem Enterhaken in der Hand am Bugsteven seines Drachens. Als das Heck eines feindlichen Schiffes in Reichweite ist, haut er den Haken in die Bordwand. Er muß sich dabei mächtig strecken, schafft es aber dennoch, das Schiff zu entern, weil die Aufmerksamkeit der gesamten Besatzung auf die Backbordseite gerichtet ist, von der her die Dänen angreifen.

Mit einem Satz springt Ingolf von der Bordwand auf die Schanze des Engländers, reißt dabei das Schwert aus der Scheide und wirft sich mitten zwischen die Feinde, die von dieser Seite keinen Angriff erwartet haben. Zwei, drei seiner Krieger folgen dem Anführer, decken ihm den Rücken mit ihren Schwertern, wüten blutig unter den Gegnern. Die Zahl der Norweger an Bord des Engländers wird schnell größer, und da sich immer mehr Verteidiger dem neuen Gegner zuwenden, der plötzlich mitten unter ihnen ist, können auch die Dänen an Backbord ihre Enterhaken einsetzen. Es dauert nicht lange, und an Bord wird mit blanken Schwertern Mann gegen Mann gekämpft. Dabei wendet sich das Blatt sehr schnell zugunsten der Wikinger, die ganz offensichtlich eine schärfere Klinge als die Engländer schlagen.

Als sich auf der Schanze kein Widerstand mehr regt, springt Ingolf hinunter auf den Hecksteven und bemächtigt sich des Steuerruders. Das große Schiff steht noch immer unter Segel, und es gelingt ihm, es auf nördlichen Kurs zu zwingen. Ingolfs Rechnung geht auf; im Seichtwasser nahe dem Ufer läuft das schwere Schiff auf Grund.

Die Sonne hat ihre Gipfelhöhe noch nicht erreicht, da ist der Kampf entschieden. Nur drei der englischen Großschiffe haben sich ohne Feindberührung in Sicherheit bringen können, alle anderen sind entweder verbrannt, gestrandet oder erbeutet worden. Im Wasser der Themse treiben viele tote Engländer stromabwärts, doch auch die Dänen haben herbe Verluste erlitten, während die Norweger nur eine Reihe von Kriegern zu beklagen haben, die beim erbitterten Kampf Mann gegen Mann verwundet worden sind. Sie haben ein einziges Drachenboot verloren. Es ist vom eisenbewehrten Vordersteven eines der englischen Schiffe gerammt worden.

 

Am Abend findet sich König Sven mit seinen Gefolgsleuten im Lager seines Waffenbruders Olaf Tryggvason ein, um mit ihm den gemeinsamen Sieg zu feiern. Die Dänen haben ihr Lager im Angesicht der Wälle Londons am Südufer der Themse aufgeschlagen, während die Norweger am Nordufer lagern.

Der Seekönig begrüßt seinen Gast, den er um Haupteslänge überragt, und lässt ihm Wein in einem goldenen Becher reichen. Olaf Tryggvason hat sich für diese Begegnung herausgeputzt. Er trägt eine blaue Hose und ein rotes Hemd, und sein Wams ist mit Goldplättchen verziert.

„Ich freue mich, dich zu sehen“, sagt Sven als Antwort auf den Gruß Olaf Tryggvasons. „Einen Schwertgenossen wie dich habe ich mir immer schon gewünscht! “

„Wenn es dunkel wird, wollen wir in beiden Lagern große Feuer anzünden lassen, damit wir den Engländern Angst machen“, schlägt Olaf vor, als sie am Königstisch Platz genommen haben. „Das wird nicht nötig sein“, entgegnet ihm Sven Gabelbart. „Sieh nur die Steven der vielen Drachenschiffe an beiden Ufern. Ich bin sicher, dass Ethelreds Gewährsleute sie längst gezählt und ihrem Herrn Mitteilung gemacht haben. Und wenn er trotzdem nicht weiß, was ihm und seiner Stadt London droht, dann soll er die Großschiffe zählen, die ihm verblieben sind. Wir beide haben zusammen die größte Streitmacht, die je die Themse hinaufgesegelt ist. Ethelred wird keinen neuen Kampf mit uns wagen, dessen bin ich sicher. Er wird zahlen, damit wir abziehen, ohne seine Stadt London zu plündern. Also lassen wir ihn zahlen! “

Beim Festmahl wird viel getrunken. Die Krieger sprechen dem Gerstenbier zu, am Königstisch lässt Olaf seinem Gast zu Ehren Wein ausschenken. Er selber trinkt wenig, aber Sven Gabelbart lässt sich seinen Becher immer wieder von neuem füllen.

Berauscht vom Wein redet er auf Olaf ein. „Du hast bei Maldon Ethelred und die schwarzen Langröcke um 1600 Pfund Silber geschröpft, hörte ich“, sagt er halblaut und lacht dabei anerkennend.

„Diesmal muß Ethelred das Doppelte zahlen, damit jeder von uns auf seine Kosten kommt“, schlägt Olaf vor.

„Das Doppelte? Hör‘ ich recht?“ lallt Sven mit schwerer Zunge. „Wir werden ihm das Zehnfache abknöpfen, denke ich, und er wird es zahlen!“

„Das Zehnfache ist zuviel“, gibt Olaf zu bedenken. „Soviel Silber hat Ethelred nicht!“

Wieder lacht Sven Gabelbart. Ist er wirklich so betrunken oder gibt er nur vor, berauscht zu sein, denkt Ingolf, der als erster Gefolgsmann mit am Königstisch sitzt. Olaf scheint von alledem nichts zu merken. Oder spielt er etwa den Ahnungslosen?

 

„Ethelred der Ratlose ist so ratlos nicht, wenn es um die Geldbeschaffung geht“, lallt Sven. „Oder glaubst du, er nimmt das Silber aus seinen eigenen Truhen? Er schröpft seine Untertanen, und wir schröpfen ihn, das ist der Lauf der Welt. Der Stärkere bleibt Sieger, und stärker als wir beide zusammen ist niemand.“

Er hebt den Becher und trinkt Olaf zu, der ihn nachdenklich ansieht und dann seinen Kopf schüttelt.

„Es wird Monate dauern, ehe er das viele Silber zusammengebracht hat“, sagt er dann. „Soviel Zeit habe ich nicht! Ich muß hinüber nach Norwegen. Noch in diesem Sommer will ich Jarl Hakon verjagen und den Thron Harald Schönhaars wieder aufrichten.“

Sven Gabelbart macht eine abwehrende Bewegung mit der linken Hand, mit der rechten zwirbelt er abwechselnd die beiden Spitzen seines Bartes. Er ist doch nicht so betrunken, wie er tut, denkt Ingolf.

„Übe dich in Geduld“, lallt der König. „Wer Erfolg haben will, sollte sich Zeit lassen! Du hast hier an der Themse ein gutes Lager, und ich habe ein gutes Lager. Ohne unseren Willen kann niemand die Themse hinauf- und niemand den Fluss hinunterfahren. Die Engländer sitzen in der Falle wie die Maus in ihrem Loch, wenn die Katze davor lauert. Die Bauern von Essex müssen dein Heer versorgen; die Bauern von Kent haben das meine zu beliefern. Was meinst du, wie schnell die ihre Geduld verlieren werden, wenn sie alle paar Tage eine Herde Schweine und ein paar Dutzend Ochsen zu uns ins Lager treiben müssen? Wikingerkrieger sind für ihren Hunger bekannt, hahaha!“

König Sven lacht dröhnend, Olaf Tryggvason und die Gefolgsleute der beiden Könige werden davon angesteckt. Bald lacht die ganze Tischrunde, und mancher Krieger blickt verwundert hinüber zum Königstisch, kann nicht begreifen, was die Anführer so lustig macht.

„So glaubst du, dass Ethelred unsere Forderungen schnell erfüllen wird? “ sagt Olaf Tryggvason zweifelnd.

„Er hat gar keine Wahl“, lacht Sven. „Er muß, wenn er nicht Gefahr laufen will, dass wir sein Land ausplündern. Auf jeden Ochsen, der in unseren beiden Lagern geschlachtet wird, warten außerdem die hungernden Menschen in London vergebens.“

Das berechnende Vorgehen des Dänenkönigs leuchtet Olaf ein. Die Unzufriedenheit eines Volkes ist ein guter Verbündeter, denkt er bei sich. Was aber macht die Menschen schneller unzufrieden als der Hunger? Laut sagt er, seinen Becher hebend und dem Gabelbart zutrinkend: „Du hast recht, Waffenbruder! Ich bewundere deine List! Auf ein paar Tage mehr oder weniger soll es mir nicht ankommen.“

„Gut gesprochen, Olaf, Schwertgenosse!“ lallt der König. „Nach Drontheim kommst du noch früh genug! Der Jarl spielt sich seit mehr als dreißig Wintern als Herr der Norweger auf. Lass ihm noch eine Gnadenfrist, während wir hier Ethelred und die englischen Betbrüder auspressen! Doch für heute ist genug geredet und genug getrunken. Morgen ist ein neuer Tag, an dem ich dich drüben in meinem Lager erwarte. Und ich denke, dass wir mit Ethelreds Angebot rechnen dürfen. Damit der Ratlose nicht vergisst, es uns zu unterbreiten, wollen wir uns ihm brennend in Erinnerung bringen!“

Sven steht schwankend auf und geht mit staksigen Schritten, auf einen seiner Unterführer gestützt, hinunter zum Ufer, wo sein Königsschiff auf ihn wartet. Er hat kaum auf der Schanze Platz genommen und Olaf letztmals zugewinkt, als alle Trunkenheit von ihm abfällt. Nachdenklich zwirbelt er seinen Bart, winkt mit einer Handbewegung Hemming von Fünen, seinen Vertrauten, an seine Seite.

„Mein Plan geht auf“, sagt er zu dem Gefolgsmann. „Der Tryggvason kann nicht schnell genug hier wegkommen. Sorge dafür, dass Nachrichten von seinen Absichten nach Drontheim gelangen. Es wäre mir lieb, wenn er den Jarl nicht unvorbereitet anträfe. Erik Jarl und Sven Jarl, die Söhne des alten Hakon, sind mir treu ergeben. Sie werden Olaf erbitterten Widerstand leisten. Wer im Kampf die Oberhand behält, ist mir gleich! Der geschwächte Sieger wird für mich kein ebenbürtiger Gegner sein, denn ich werde hier in England soviel Silber gewinnen, dass ich die Zahl meiner Drachenboote noch verdoppeln kann? Und ich werde mir Norwegen wieder tributpflichtig machen, das schwöre ich bei meinem Barte!“

Hemming hat seinem König bewundernd zugehört. Als Sven die Faust ballt und hinüber zum Lager der Norweger droht, blickt auch der Gefolgsmann über den Fluss. Abseits der nur noch glimmenden Lagerfeuer züngeln helle Flammen. Das brennende Tilbury leuchtet wie ein Fanal. Nachdem das Königsschiff im Ufersand aufgelaufen und Sven an Land gesprungen ist, gibt er Befehl, die Ingress-Abtei anzuzünden, die ihm schon gleich nach der Schlacht am Morgen ein Dorn im Auge gewesen ist. Als die Dänen mit den lodernden Fackeln lärmend in das Kloster eindringen, rotten sich die Mönche betend in der Sakristei zusammen. Bald schlagen Flammen aus dem Dach, erhellen die Nacht.

„Jetzt weiß Ethelred, was die Stunde geschlagen hat“, murmelt Sven Gabelbart, ehe er sich in sein Schlafzelt zurückzieht.

 

Diesen Artikel weiter empfehlen …. href="http://www.manfrieds-trelleborg.de"

zum Inhaltsverzeichnis oder direkt Zum Tor

 

5,530,168 eindeutige Besuche

Top Zum Seitenanfang