Drachen nach Drontheim

Eine Wikingergeschichte von Gerd Lobin

 

Viertes Kapitel

Das Haus in Haithabu

 

Thorleif Erikson steht am Hafenkai und überwacht das Ausladen seines Schiffes. Am Abend vorher ist er von einer längeren Reise zurückgekommen, die ihn weit über das Ostmeer geführt hat. Zum ersten Mal ist er in Holmgard gewesen, das neuerdings Nowgorod genannt wird, ist dort mit Händlern zusammengetroffen, die Silberschmuck und Perlen aus Byzanz anzubieten hatten und seidene Tücher. Thorleif hat mehrere randgefüllte Truhen gegen Bernstein getauscht, den er in Truso eingehandelt hatte, wo er die Tuchballen und die Fässer voller Wein, mit denen er vor der Abreise den Knorr in Haithabu beladen hatte, mit gutem Gewinn verkaufen konnte.

Bei allen diesen Geschäften waren ihm die Empfehlungen nützlich gewesen, die ihm Torkil, sein alter Lehrmeister und Handelsfreund in Haithabu, mit auf den Weg gegeben hatte. Der Name Torkil hatte ihm bei allen Händlern Tür und Tor geöffnet, und Thorleif ist froh, dass er den Rat des Alten befolgt hat, auf der Rückreise in Birka anzulegen und dann in Visby auf Torkils gotländischen Besitzungen nach dem Rechten zu sehen. So konnte er dem alten Händler berichten, und Torkil hatte ihm dankbar die Hände geschüttelt.

„Ich bin alt, und meine Tage sind gezählt“, hatte er gestern Abend vieldeutig gesagt. „Da ist es gut zu wissen, dass das Haus bestellt ist und ein Nachfolger sich um die Hinterlassenschaft kümmert.“ Und er hatte mit seinen trüben Augen lange Thorleif und dann Björnhild angeblickt, und Thorleif wusste gleich, dass er mit der Nachfolge nicht nur ihn, sondern auch das Kind meinte, das Björnhild nach dem Julfest gebären würde. Denn als sein Weib ihn gestern am Anlegesteg begrüßt hatte, da war ihm gleich aufgefallen, dass ihr Gang nicht mehr so leicht und anmutig war und ihr blauer Leinenrock sich über dem Bauch spannte.

Es wird Zeit, ein Haus zu bauen, denkt Thorleif, während er Knut und den Knechten Anweisungen gibt, wo sie im Lagerhaus die Waren verstauen sollen. Noch heute will ich Torkil bitten, sich mit mir nach einem geeigneten Grundstück umzusehen. Und wenn die Knechte mit dem Ausladen fertig sind, können sie hinaus in den Wald gehen und Bauholz fällen. Für eine große Seereise sind die Herbststürme schon zu nahe, und Landhandel kann ich hier in Haithabu betreiben, ohne dass mich der Hausbau dabei allzu sehr stört.

Thorleif hat sich in Haithabu gut eingelebt, und auch Björnhild scheint sich hier wohl zu fühlen. Für Handelsleute ist die Siedlung an der Schlei ein ebenso günstiger wie sicherer Platz. Ein Wall von doppelter Mannshöhe umgibt im Halbrund die Häuser an der Bachmündung. Als er vor langer Zeit angelegt wurde, sollte er lediglich den Handelsplatz begrenzen, auf dem Marktfrieden herrschte. Seitdem ist er mehrmals erhöht worden, und die bewaffneten Männer, die dort oben auf dem Posten sind, sorgen dafür, dass sich die Handelsleute aus allen Ländern in Haithabu sicher fühlen können.

„Wir haben aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt“, erzählt Torkil, als Thorleif ihm am Abend dieses Tages am knisternden Buchenholzfeuer seine Baupläne unterbreitet. „Heute ist der Handelsplatz sicher, aber in der Vergangenheit ist er mehrmals erobert worden. Vor vielen Jahren kam der Sachsenkönig Heinrich mit einem mächtigen Heer über die Eider und unterwarf Knuba, der hier herrschte. Ich selber habe erleben müssen, wie vor siebzehn Wintern Kaiser Otto II. das Danewerk, die alte Befestigungslinie, durchbrach und Haithabu seinem Reich eingliederte. Seit König Harald es zurückerobert hat, herrscht Ruhe, und die bei den Kämpfen zerstörten Häuser beiderseits der Bohlendämme sind größer und schöner wiederaufgebaut worden.“

„Wo soll ich mich niederlassen, was rätst du mir?“ will Thorleif wissen. Torkil blickt eine Weile in das Feuer, kratzt sich hinter dem Ohr und schlägt dann vor, das Haus entweder im Westen der Siedlung zu errichten, an der Straße, die über die schmale Landbrücke zur Treene und Eider und damit zum Nordmeer führt, oder aber direkt am Wasser, am sandigen Ufer des Noor, das den Zugang zum Ostmeer bildet.

„Ich bin Händler und Schiffer“, sagt Thorleif mit Bedacht. „Ein Schiffer aber sollte so wohnen, dass er seine Knorren im Auge hat, wenn sie im Hafen festmachen.“

„Deine Wahl ist gut“, stimmt ihm Torkil zu. „Wenn du deine Knechte in den Wald schickst, um Bauholz zu holen, so weise sie an, mehr Stämme zu schlagen, als du brauchst. Denn ich rate dir, von deinem Haus aus durch die sumpfige Niederung zur Handelsstraße einen Bohlendamm anzulegen, damit deine hochbeladenen Wagen auf dem Weg zu den Lagerhäusern und den Schiffen nicht durch die Siedlung rollen müssen. Du weißt selber, wie schmal die Gassen sind.“

Thorleif nickt zustimmend. Torkil aber fährt fort: „Du solltest mit dem Bau beginnen, sobald sich das Wetter gebessert hat. Und du solltest dir den Rat eines erfahrenen Mannes holen. Nils, der Zimmermann, wird schon in wenigen Tagen nach Seeland aufbrechen. Ich habe gehört, dass König Sven ihn gerufen hat, beim Bau der Trelleborg zu helfen. Der Gabelbart plant wohl Beutezüge gegen England und gegen Städte im Reich Ottos, und er lässt auf Seeland, Fünen und in Jütland große Heereslager anlegen. Dort will er ständig Krieger unter Waffen halten, um sie jederzeit verfügbar zu haben, denn dem Ledingsgebot des Königs kommen viele nur sehr zögernd nach. Es heißt, dass in jedem dieser Lager achthundert Mann gehalten werden sollen, so dass Sven Gabelbart jederzeit fünfzig Drachenboote bemannen kann.“

Als Thorleif am anderen Morgen aus dem Haus tritt, empfängt ihn strahlender Sonnenschein; nach den langen Regenwochen dieses Herbstes ein wohltuender Anblick. Der junge Kaufmann zögert deshalb nicht, unverzüglich Nils, den Zimmermann, aufzusuchen, der sein Haus im Süden der Siedlung hat. Mit ihm will er den Hausbau besprechen, während Knut und die Mehrzahl der Knechte im Wald mit dem Holzeinschlag beginnen.

Der Zimmermann begrüßt den Handelsfahrer mit einem freundlichen Schlag auf die Schulter.

„Ich habe mit deinem Besuch gerechnet, denn noch gestern Abend war Torkils Sklave Ali hier und hat mich über dein Vorhaben unterrichtet. Du hast Glück, Thorleif Erikson. In zehn Tagen will ich nach Seeland aufbrechen, wo der König meinen fachlichen Rat braucht. Wenn wir uns aber sputen, ist bis dahin dein Haus so weit fertig, dass du die restlichen Arbeiten mit Knut und deinen Knechten ohne mich bewerkstelligen kannst.“ Nils greift nach dem schon bereitgelegten Werkzeugsack, steckt noch ein Ellenmaß hinein und begleitet Thorleif zum vorgesehenen Bauplatz. Er nickt zustimmend, als der junge Bauherr ihm berichtet, wie die Gebäude angeordnet werden sollen.

Sein Anwesen soll vorerst aus einem Herrenhaus, einem Frauenhaus, einem Haus für das Gesinde und einem großen Lagerhaus bestehen. An den Bau eines Schlafhauses will Thorleif später denken, ebenso an die Erstellung weiterer Lagerhäuser, wenn seine Geschäfte so an Umfang zunehmen, wie er hofft.

Der Zimmermann steckt auf dem mit mannshohem Adlerfarn bewachsenen Baugelände, wo drei seiner Knechte seit Sonnenaufgang dabei sind, wucherndes Gestrüpp zu beseitigen, die Grundflächen der vier Häuser ab.

„Wenn du das Herrenhaus zehn Ellen breit und zwanzig Ellen lang baust, wie du es planst, hast du zwar genügend Raum für eine große Halle, in der du viele Handelsfreunde empfangen kannst, doch dir fehlen Nebenräume“, sagt der erfahrene Zimmermann. „Du solltest deshalb in der Länge fünf Ellen zulegen. Frauenhaus und Gesindehaus können kleiner werden, das Lagerhaus wollen wir so groß bemessen, dass du nicht gleich ein zweites bauen musst, wenn deine Geschäfte zunehmen.“

Als der Tag sich seinem Ende neigt, zeichnen sich auf dem Bauplatz schon deutlich die Umrisse der Gebäude ab. Auf Geheiß des Zimmermanns haben die Knechte die Erde zwei Fuß tief ausgehoben. Dort hinein will Nils die Häuser stellen, und die stärksten Knechte haben schon begonnen, die roh zugehauenen Eckpfeiler in den Boden zu graben.

Mit Ausnahme des Lagerhauses hat jedes Gebäude in der Mitte Platz für eine Feuerstelle, für die im Oval eine Steinlage geschichtet und mit Lehm verstrichen wird. Darüber befindet sich ein Windauge; ansonsten lässt Nils nur Querbalken über zwei Türöffnungen legen, durch die jedes Haus betreten und verlassen werden kann.

Thorleif sieht mit Vergnügen, mit welch sicherer Hand der Zimmermann die Balken miteinander verbindet. Auch Torkil verbringt in den nächsten Tagen jeden freien Augenblick auf der Baustelle, die von gaffenden Kindern, aber auch geschäftigen Männern und Frauen, die beim Vorbeieilen für kurze Zeit stehen bleiben, umsäumt wird. Am Abend des vierten Tages ist das Herrenhaus so weit, dass Knut mit einem anstelligen Jungknecht hinaufsteigen und das Reet befestigen kann. Am siebenten Tag richtet Björnhild im Frauenhaus die fellbedeckten Lagerstätten ein und fordert Thorleif auf, mit ihr die erste Nacht unter dem eigenen Dach zu verbringen.

Am nächsten Abend nimmt Nils Abschied, von Thorleif mit Silber reichlich belohnt: „Morgen will ich mich auf die Reise nach Seeland vorbereiten. Ich werde lange abwesend sein, denn es braucht seine Zeit, ehe ein großes Lager für viele hundert Krieger fertig ist, auch wenn zahlreiche Hände tätig sind. Wenn ich zurückkehre, wird es auf Seeland kaum noch einen Baum geben, denn wir brauchen nicht nur viel Holz für die sechzehn Unterkunftshäuser, sondern auch für die Palisaden und den Wall, der das Lager umgeben soll.“

 

Am Abend des übernächsten Tages pocht eine kräftige Faust an Thorleifs Tür, und Gunnar steht vor ihm, der Wanderhändler, den er schon von Jugend auf kennt, weil der regelmäßig die Siedlung droben am Fjord mit Waren und mit neuesten Nachrichten versorgt hat. Diesmal bringt Gunnar Grüße von Ingolf, dem jungen Seekönig. „Er ist mir begegnet, als er mit den Drachenbooten von England heimkehrte“, erzählt der Händler. „Als er hörte, dass ich auf dem Weg nach Haithabu sei, forderte er mich auf, dich daran zu erinnern, dass das Erbmahl für Erik noch vor Beginn des Winters gehalten wenden soll. Und ich erfuhr, dass Ingolf Gefolgsmann des Seekönigs Olaf Tryggvason geworden ist, von dem man sich erzählt, er wolle den norwegischen Thron seiner Vorfahren zurückerobern.“

„Ingolf ein Vasall?“ staunt Thorleif. „Das überrascht mich sehr. Er hat sich doch nie einem anderen unterworfen!“

„Es muß sein Schaden nicht gewesen sein“, berichtet der Händler weiter. „Man erzählt sich, Olaf und Ingolf hätten gemeinsam an der englischen Küste eine Schlacht geschlagen und so viel Lösegeld hinausgepresst, dass jeder Krieger einen Beutel voll Silber heimgebracht hat.“

„Dann muß Ingolf ein reicher Mann sein“, mutmaßt Thorleif.

„Das kann man sagen“, bestätigt Gunnar. „Und er hat noch etwas, das dich genauso überraschen wird! Auf seiner Brust hängt ein Kreuz!“

„Er ist Christ geworden?“ ruft Thorleif und springt von seinem Sitz auf. „Wäre es ein anderer, der diese Nachricht brächte, ich würde ihn einen Lügner nennen! Aber deinen Worten muß ich ja glauben!“

„Er hat mit Olaf Tryggvason zusammen das Taufhemd übergestreift. Und fast alle Männer haben es ihnen nachgemacht!“ Björnhild hat sich bisher am Kuppelofen zu schaffen gemacht und die Männer reden lassen. Bei den letzten Worten Gunnars ist sie aufmerksam geworden und tritt näher.

„Was ist mit Björn, meinem Vater?“ mischt sie sich in das Gespräch ein. „Hat er auch das Kreuz genommen?“

„Nein!“ Gunnar schüttelt den Kopf. „Björn ist überhaupt nicht mit dem einverstanden, was Ingolf macht. Er hat ihn bei einer Auseinandersetzung an seine Ledingspflicht Jarl Hakon gegenüber erinnert, aber Ingolf hat nur gelacht und ausgerufen: Wenn Olaf erst König in Norwegen ist, werde ich mehr Macht haben als der Jarl in Drontheim!“

Als Gunnar gegangen ist, um das Ausladen seines Schiffes zu überwachen, wendet sich Björnhild an Thorleif: „Wann wirst du fahren?“

„Morgen früh, falls der Wind so günstig bleibt. Ich muß diese Reise unternehmen, damit das Erbmahl gehalten werden kann, wie der Brauch es verlangt. Der Hof bliebe herrenlos, wenn Ingolf und ich den Seekönig beerbten, ohne das festliche Mahl für die Sippe und alle Freunde auszurichten. Außerdem will ich nach dem, was ich heute von Gunnar gehört habe, mit Ingolf reden. Dass du wegen deines Zustandes nicht dabei sein kannst, ist schlimm genug; doch du kannst die Beschwerden einer solchen Reise nicht auf dich nehmen, und jeder wird dafür Verständnis haben. Ich lasse Knut bei dir zurück. Er und Torkil werden dich während meiner Abwesenheit in ihre treue Obhut nehmen.“

Ein paar Tage später sitzen sie alle in der großen Halle der Siedlung am Fjord. Vom Wasser her kriecht feuchter Nebel herauf, und schnell fällt die Dämmerung ein. Das Feuer in der Mitte des Raumes strahlt behagliche Wärme aus. Ab und zu stieben Funken, wenn einer der Knechte die dicken Buchenscheite nachschiebt. Durch das Windauge im Dach fällt vom letzten Licht des Tages ein heller Schimmer auf den leeren Hochsitz. Sechsmal hat der Mond gewechselt, seit Erik dort zum letzten Mal gesessen und seinen Gästen zugetrunken hat. Die Männer haben sich versammelt, um das Erbmahl zu halten. Ingolf hatte, wie der Brauch es verlangt, in Begleitung der beiden Zeugen Björn und Ragnar den eschenen Sippenspeer um die Ländereien getragen, die Erik am Fjord besessen hat. Auf einem Hügel hatte er das Feuer der Landnahme entzündet, und an jeder Ecke hatte er zum Zeichen, dass er jetzt Herr des Landes sei, eine Handvoll Erde und ein Büschel Gras in die Hand genommen. Damit war der Sitte in diesem Fall Genüge getan. Nachdem der Umgang beendet war, hatte Ingolf mit Thorleif lange vor dem Hügel hinter dem Haus gestanden und an Erik gedacht, dessen letzter Wille heute vollzogen werden soll. Und jetzt sitzen sie mit den Männern schweigend in der Halle, und auch Gudrun und Hiltrud, Ingolfs leibliche Mutter, sagen kein Wort.

Endlich steht Ingolf von seinem Platz vor dem Hochsitz auf, hebt den Becher mit Met und ruft: „Ich trinke auf Erik, den Seekönig, der Herr dieses Hauses gewesen ist, bis er ins Totenreich gerufen wurde!“ Auch Thorleif und die anderen Männer haben sich erhoben. Ingolf trinkt seinen Becher in einem Zug aus und lässt sich dann auf dem Hochsitz nieder.

„Du bist zum Erbe gekommen!“ ruft jetzt Ragnar, der Lagmann, Ingolfs Mutterbruder, und hebt seinen Becher. „Auf Ingolf, den neuen Herrn, unseren Seekönig!“

Thorleif, Eriks leiblicher Sohn, ist mit den anderen aufgestanden und trinkt, wie sie, Ingolf zu. Ihn beseelen in diesem Augenblick seltsame Gefühle, obwohl er Eriks Entscheidung seit langem kennt und billigt. Auf dem Hochsitz sitzt ein Sippenfremder als neuer Herr, und ihm ist sein Erbe verwehrt. Sein Blick fällt auf Gudrun, seine Mutter, die ihn unentwegt anschaut. Täuscht er sich, oder schimmern Tränen in ihren Augen?

Mit einer Handbewegung versucht Thorleif die trüben Gedanken zu verscheuchen. Was soll er noch hier am Fjord, wo doch sein neues Haus in Haithabu steht? Dort wartet Björnhild, dort sind seine Geschäfte, und dort wird bald sein Kind in der Wiege liegen.

Als Gudrun auftischen lässt und die Knechte immer neue Krüge voll Bier und Met hereintragen, bemächtigt sich der Männer in der Runde bald lärmende Fröhlichkeit. Sie erzählen sich gegenseitig Geschichten von Erik, dem toten Seekönig, von Abenteuern, die sie zusammen mit ihm erlebt haben, sie lachen und grölen, je mehr die Getränke ihre Köpfe benebeln.

Die ersten Männer sind schon berauscht zu Boden gesunken, als sich Thorleif erhebt und mit staksigem Gang die Halle verlässt. Die Kühle der Nachtluft lockt ihn, und er atmet tief. Der Nebel hat sich wieder verzogen, schmal steht die Sichel des Mondes über den schwarzen Bergen. In einem der alten Eichbäume sitzt ein Uhu. Der Ruf des Nachtvogels klingt unheimlich.

Plötzlich steht Ingolf neben Thorleif, legt ihm in alter Vertrautheit den Arm um die Schultern. Thorleif blickt ihn von der Seite an, erkennt in der Dunkelheit nur mit Mühe die Umrisse des bärtigen Gesichtes.

„Morgen reise ich zurück nach Haithabu“, sagt Thorleif. „Das Wetter scheint sich zu halten, und Björnhild braucht mich mehr als sonst.“

„Ist sie guter Hoffnung?“ erkundigt sich Ingolf. Es fällt ihm schwer, sich das schmalhüftige Mädchen als Mutter vorzustellen. Und er wundert sich, dass er Mühe hat, sich an ihr Gesicht, an die blauen Augen und die schmale Nase unter dem blonden Haar, an ihren spöttischen Mund zu erinnern. Ein anderes Gesicht schiebt sich dazwischen, und er weiß im Augenblick nicht, wem diese anmutigen Züge, diese stolzen Augen gehören. Thorleifs Antwort reißt ihn aus den Träumen.

„Nach dem Julfest wird unser Kind geboren werden, und ich hoffe, dass es ein Sohn sein wird.“

Wieder bemächtigt sich Ingolfs die Erinnerung an vergangene Tage. Er sieht sich hinter Thorleif auf der alten Stute sitzen, hört Björnhilds spöttische Bemerkungen, findet sich plötzlich am Rande einer Schlucht wieder, erblickt das Mädchen, angstvoll an den Stamm eines Baumes geklammert, und Thorleif mit einem fauchenden Bären ringend, lässt den Speer gegen die Bestie fliegen. Und dann sieht er sich im Taufhemd durch das Spalier einer gaffenden Menge schreiten, und abseits des gemeinen Volkes steht eine Frau von zierlicher Gestalt. Jetzt weiß Ingolf plötzlich, wen er sieht, wenn er an Björnhild denkt, die nun bald Mutter sein wird: Berta von Langford, die Tochter des weißhaarigen sächsischen Grafen da drüben in England.

„Du hast den alten Göttern abgeschworen, hörte ich“, bricht Thorleif das Schweigen. „Und du bist Gefolgsmann Olaf Tryggvasons? Was hätte wohl Erik zu diesem doppelten Treuebruch gesagt?“

„Erik ist tot, Jarl Hakon in Drontheim ist alt, und auch die alten Götter sind nicht mehr das, was sie einmal waren“, begehrt Ingolf auf. „Eine neue Zeit ist angebrochen! Du solltest ihn einmal sehen, Olaf Tryggvason, den großen Seekönig! Er ist auf dem Wege, der wirklich starke Mann in Norwegen zu werden. Er wird Schluss machen mit den vielen kleinen Gaukönigen, die an jedem der Fjorde sitzen und sich gegenseitig bis aufs Blut bekämpfen. Er wird den Jarl verjagen und den Thron Harald Schönhaars wieder errichten. Und er wird den Norwegern das Christentum bringen. Je eher auch du das Kreuz nimmst, desto besser ist es für dich, für Björnhild und für deine Kinder!“

Bei diesen Worten ist Thorleif nachdenklich geworden. Er muß an Torkil denken, der vor fünf Jahren des kleinen Kreuzes auf seiner Brust wegen als gehetzter Flüchtling da hinten über die Berge kam, deren schwarze Umrisse sich im Licht des Mondes abheben, und der damals von Ingolf aufgegriffen worden war. Und ihm fällt ein, dass in der Nacht nach Torkils Ankunft eine der Vorratsscheunen niederbrannte und viele Männer darin den Fluch der Götter sahen. In diesen Jahren hat sich manches geändert, denkt Thorleif. Ingolf hat schon recht, das Christentum breitet sich aus. Auch wenn Sven Gabelbart die Mönche aus Dänemark wieder vertrieben hat und die Schweden in Uppsala als Opfer für 0din noch immer Menschen in die Bäume hängen, die neue Religion lässt sich nicht aufhalten.

„Für Torkil wäre es die größte Freude, wenn du das Kreuz nehmen würdest“, sagt Ingolf nach einer Weile erneuten Schweigens. „Hier am Fjord wirst du schon bald der letzte sein, der dem alten Glauben anhängt.“

Thorleif hebt abwehrend die gesunde Linke. „Ich werde nur noch hierher zurückkehren, wenn meine Geschäfte es erfordern, und das wird wohl nicht mehr oft der Fall sein“, sagt er. „Mein Haus steht in Haithabu, und Eriks Haus ist jetzt dein Haus.“

„Das auch ich bald wieder verlassen werde“, entgegnet ihm Ingolf, und er blickt hinauf zum Himmel. „Mit Olaf Tryggvason ist ein strahlender Stern aufgegangen, der bald über ganz Norwegen leuchten wird. Wenn er mich ruft, werde ich ihm mit allen meinen Männern folgen, und wenn ich mitten im Winter, bei den schlimmsten Stürmen, über das Nordmeer segeln muß! “

Die beiden jungen Männer stehen sich schweigend gegenüber. So sehr hat sich Ingolf nicht verändert, denkt Thorleif. Er war schon immer leicht zu begeistern, ohne dabei an die Folgen zu denken.

In der großen Halle ist das Poltern und Gegröle der Trunkenen verstummt. „Lass uns hineingehen“, fordert Ingolf den Bruder auf. „Es ist Schlafenszeit. “

In der blätterlosen Krone der alten Eiche ruft wieder der Nachtvogel. „Buuuhhh,uuuuhhhh.“ Der dumpfe Schrei geht durch Mark und Bein.

 

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