Drachen nach Drontheim

Eine Wikingergeschichte von Gerd Lobin

 

Drittes Kapitel

Zwei Seekönige

 

Auf dem Markt zu Maldon, nur knapp vierzig Meilen von London entfernt, halten die Bauern von Essex die ersten Sommerfrüchte feil. Das Frühjahr hat diesmal spät eingesetzt an der englischen Südküste, und so ist das Angebot spärlich. Umso zahlreicher sind die Gerüchte, die von Mund zu Mund eilen und von einer Marktfrau der anderen ins Ohr geraunt werden. Die Leute auf dem Markt in Maldon reden nicht gut von ihrem König Ethelred, der in London Hof hält und den sie den Ratlosen nennen, weil er sich gegen die Wikinger, die Englands Küsten verheeren, nicht anders als mit Tributzahlungen zu helfen weiß. Er hat das Danegeld eingeführt, eine Sonderabgabe, die seine Steuereintreiber aus den Bauern, Handwerkern und Händlern herauspressen müssen. Damit kauft er sich frei, und der Unmut im Land über solch schmähliche Feigheit ist noch größer als die Angst vor den Wikingern, die mit ihren Drachenbooten urplötzlich vor den Küsten aufzutauchen und mit ihren Kurzschwertern alles niederzumachen pflegen, was sich ihnen in den Weg stellt.

An dem Stand eines Fleischers scharen sich viele Neugierige um einen fahrenden Sänger, der vorgibt, einen solchen Wikingerüberfall miterlebt zu haben.

„Sie kamen mit ihren Langschiffen aus dem Morgendunst über dem Wasser, ein Dutzend oder noch mehr Boote“, berichtet er, und die Frauen stellen ihre Körbe ab und hören ihm mit offenen Mündern zu. „Dann stürmten sie mit ihren Schwertern in der Hand in die Stadt, stürzten sich in die Häuser, machten die aufgeschreckten Männer nieder und warfen sich auf die schreienden Weiber, die noch in ihren Betten lagen. Ehe die Sonne richtig schien, hatten die Berserker ihre Schiffe mit Beute beladen, die Häuser der Stadt angezündet und segelten grölend und berauscht von Bier, Wein und Blut davon .... “

„Dann ist es doch gut, wenn der König ihnen Silber gibt, damit sie das Land verschonen“, wirft ein grauhaariger Alter ein, der dem Sänger ebenfalls zugehört hat.

Ein jüngerer Mann wehrt ab, und viele der Umstehenden stimmen ihm zu, als er sagt: „Ja, aber mit der Nachgiebigkeit ermuntert er immer neue wikingische Räuberhorden, unsere Küsten zu verheeren. Es heißt bereits, in England könne man schon mit Kriegsgebrüll zu Gold und Silber kommen. Da müssen sich die Wikinger ja eingeladen fühlen! Neuerdings kommen nicht nur die beutegierigen Dänen, sondern auch die Seekönige aus Norwegen, und man weiß nicht mehr, wer es schlimmer treibt.“

Eine dicke Matrone, die gerade Schinken und Fleisch eingekauft hat, mischt sich in das Gespräch ein: „Man sagt, einer ihrer Anführer kommt von fern aus dem Osten her und ist so blutgierig, weil er von Wölfen abstammt“, sagt sie unter dem Gelächter der anderen.

„Da gibt es nichts zu lachen“, sagt eine andere Frau. „Ich habe auch schon von einem Seekönig gehört, groß, blond und von schöner Gestalt, aber hart und unerbittlich Feinden gegenüber. Niemand weiß, woher er kommt, aber er soll von einem norwegischen König abstammen, den sie Harald Schönhaar nennen.“

„Die Legende von dem schönen Wikingerkönig spukt in den Köpfen vieler Frauen“, spottet der Alte, der vorhin König Ethelreds Friedfertigkeit gerühmt hat. „Ich wette, dass er nur ein Hirngespinst ist.“

Er hat die Worte kaum ausgesprochen, als ein langgezogenes Hornsignal die Menschen aufschreckt. Jeder von ihnen weiß sofort, was es bedeutet, wenn dieses Signal geblasen wird: Wikinger sind im Anzug.

Das Signal wird auch bei den Truppen vernommen, die der Graf von Essex versammelt hat, um seine Stadt Maldon und seine Grafschaft zu schützen. Die Bogenschützen haben sich auf einem Hügel hoch über dem Ufer des Schwarzwasserflusses postiert, die Ritter halten sich mit ihren Pferden im Hinterhalt, und ein Erlenwald bietet ihnen Sichtschutz vom Fluss her. Sie sollen sich bereithalten und die Wikinger über den Haufen reiten, wenn der Augenblick zum Angriff gekommen ist.

Die Langschiffe kommen in breiter Front den Schwarzwasserfluss heraufgesegelt, der sich an der Mündung mit seinen Nebenarmen buchtartig verbreitert. Von den Bastionen der Stadt aus bieten die hart unter dem Wind segelnden Drachenschiffe ein ebenso prachtvolles wie furchterregendes Bild.

Eine Abteilung Bogenschützen - der Graf von Essex hat für diese Aufgabe seine treffsichersten Männer ausgewählt -‚ erwartet die Wikinger gleich unten am Ufer, um sie zu überraschen, wenn sie ihre Schiffe an Land ziehen. Der Pfeilregen, den diese Schützen abfeuern, fügt den aus der sumpfigen Tiefe bergan stürmenden Angreifern schwere Verluste zu.

Immer wieder wirft Olaf, der Seekönig, neue Angriffswellen gegen die Verteidiger, immer aufs Neue scheitern seine Krieger am Pfeilregen der Bogenschützen. Die Pfeile fallen so dicht, dass die zur Abwehr erhobenen Schilde nicht genug schützen. Reihenweise sinken getroffene Wikinger nieder.

Der Anführer hebt sein Schwert und stürmt seinen Kriegern voran, doch schon nach wenigen Schritten verspürt er einen stechenden Schmerz im Oberarm: Ein Pfeil hat ihn getroffen. Das ist der Augenblick, wo der Graf von Essex seiner Reiterei das Zeichen gibt, zum Sturmritt auf die Angreifer anzusetzen. Das ist aber auch der Augenblick, in dem Olaf, der Seekönig, mit seinen Göttern hadert. Inmitten seiner Kriegerhaufen. die sich nur zögernd für einen neuen Ansturm sammeln, plagen ihn Zweifel.

„So helft mir doch, 0din, Thor!“ ruft er. „Oder habt ihr keine Kraft mehr, wie die Mönche sagen? Stimmt es, dass eure Zeit vorbei ist? Dass die Zeit eines anderen Gottes gekommen ist, der stärker ist als ihr? So soll er mir doch helfen, der Gott der Christen! Wenn er mir beisteht, mir zum Sieg verhilft, so will ich den alten Göttern abschwören und das Kreuz nehmen! Ja, ich, Olaf Tryggvason, gelobe es!“

Die Häuptlinge und die Krieger, die in der Nähe sind und des Seekönigs Worte hören, glauben ihren Ohren nicht zu trauen. Aber da steht, mitten auf dem Kampffeld, umgeben von tot oder verwundet niedergesunkenen Kriegern, Olaf Tryggvason, ihr Anführer, ihr König, ein Tuch um die Pfeilwunde am linken Arm geschlungen, streckt mit der Rechten sein kurzes Schwert in die Höhe und fleht den fremden Gott an, ihm den Sieg zu geben.

Der Wikingerfürst fleht nicht vergebens, denn in diesem Augenblick kommt unerwartet Hilfe. Durch den Lärm der Schlacht von den Kämpfenden unbemerkt, hat sich, gedeckt durch die sich aus dem Flussbett erhebende Nordinsel, Ingolf mit seinen Booten dem Kampfplatz nähern und an Land gehen können. Lange ehe die Reiterei heran ist, greifen er und seine Mannen mit lautem Kriegsgebrüll den linken Flügel der Verteidiger an. Die Schützen von Essex haben keine Zeit, die Bogen wegzuwerfen und zu den Schwertern zu greifen, so blitzschnell sind die Gegner unter ihnen. Ingolfs Königsschild. der eigentlich für den Dänen Harald Blauzahn bestimmt war, glänzt in der Sonne, sein Schwert wütet unerbittlich unter den Feinden. Die Schlacht wendet sich zugunsten der Angreifer.

Olaf erkennt sofort die günstige Lage. Er greift die Kriegerhaufen auf dem Hügel an, stiftet bei ihnen Verwirrung. Die Reiterei schwenkt, um dem bedrängten Grafen Hilfe zu bringen, und macht damit ihren Rücken für Ingolf und seine Männer frei. Die stoßen nach, und in dieser Wikingerzange werden die Verteidiger zermalmt. Als die Sonne ihren Gipfelpunkt erreicht hat, ist die Schlacht entschieden und Maldon schutzlos den Angreifern ausgeliefert. Der Graf von Essex, der sich eben noch als Sieger wähnen durfte, liegt erschlagen auf dem Schlachtfeld, und viele seiner Krieger sind ebenfalls tot oder verwundet. Olafs Sieg ist vollkommen. Er weiß, dass sich gleich die Stadttore öffnen und die Bürger von Maldon Tribut anbieten werden. Und seine beutegierigen Männer wissen das auch. Während sich die siegreichen Kämpfer Schweiß und Blut aus dem Gesicht wischen, blicken ihre Augen lüstern und begehrlich hinüber zu den Türmen und Mauern, die sich ihnen jetzt nicht mehr widersetzen können.

Aber Olaf Tryggvason, ihr Anführer, weiß auch, dass er mit seinen Männern allein diesen stolzen Sieg niemals erfochten hätte. Nachdem er die Pfeilwunde im Arm hat neu verbinden lassen, geht er auf Ingolf zu, legt ihm die Rechte um die Schultern und blickt ihm in die Augen.

„Dir verdanke ich meinen Sieg. Sage mir, wer du bist, und woher du kommst!“

Ingolf nimmt den ledernen Helm vom Kopf und sieht den anderen verwundert an. Erstaunt stellt er fest, dass sein Gegenüber nur wenig älter als er selber ist. Da stellt er stolz und selbstbewusst die Gegenfrage: „Sage du mir zuerst, wer du bist, und woher du kommst!“

Ein Raunen der Umstehenden begleitet diese kühnen Worte. Keiner von Olafs Gefolgsleuten hätte je gewagt, so mit dem Seekönig zu reden. Dass der fremde Häuptling es tut, lässt darauf schließen, dass er entweder ein großer Anführer ist oder ein Ahnungsloser, der nicht weiß, mit wem er es zu tun hat.

Ingolfs Worte treiben Zornesröte auf Olafs Stirn. Er reißt sein vom Kampf noch blutbeflecktes Schwert aus der Scheide und streckt es drohend dem fremden Anführer entgegen: „Wer als unbekannter Krieger vor den König tritt, hat sich auszuweisen“, herrscht er ihn an.

„Du sagst es“, antwortet Ingolf ihm seelenruhig. „Bin ich nicht Seekönig, und bist du nicht soeben vor mich getreten? Also nenne mir deinen Namen! Ich habe Anspruch darauf zu erfahren, wem ich mit meinen tapferen Kriegern die Schlacht und das Leben gerettet habe!“

Von hinten tritt der alte Björn an Ingolf heran und raunt ihm zu: „Treibe das Spiel nicht zu weit, Ingolf! Der da vor dir steht, ist kein anderer als Olaf Tryggvason. der Nachfahr von König Harald Harfagr. Er ist der Größere!“

Doch Ingolf schiebt den Alten mit einer Handbewegung zur Seite. „Wenn er behauptet, der Größere zu sein, so soll er es mir beweisen. Dazu muß er mit mir kämpfen! Hier stehen sich zwei Seekönige gegenüber, die soeben gemeinsam eine Schlacht geschlagen und sie gewonnen haben. Das Schwert mag entscheiden, wer von beiden der Bessere ist. Der Kratzer an seinem Arm wird ihn wohl nicht hindern, sich mit mir zu messen!“

Ingolfs Worte werden von seinen Kriegern beifällig aufgenommen. Die Männer schlagen mit ihren Schwertern zum Zeichen der Zustimmung an ihre Schilde, obwohl sie gegenüber den Scharen Olafs in der Minderheit sind.

Olaf Tryggvason hat noch immer sein Schwert in der Hand, misst den Herausforderer mit einem geringschätzigen Blick, wendet sich seinen Männern zu und wählt mit Bedacht die beiden Gefolgsleute aus, die ihm bei diesem Zweikampf zur Seite stehen sollen.

Ingolf folgt seinem Beispiel. Zum Beweis seines Ranges ruft er den alten Björn und Vilgard, die beiden Unterführer, zu sich. Dann dringt er mit dem Schwert auf den Gegner ein, und dieser hebt Schild und Schwert zur Abwehr des ersten Angriffs. Olaf und Ingolf kämpfen verbissen. Funken stieben, wenn ihre Schwerter aufeinanderprallen, dumpf klingen die Hiebe, wenn sie mit den Schilden abgefangen werden. Zuerst ist Ingolf im Vorteil, bringt Olaf, der ihn fast um Haupteslänge überragt, mit seinen blitzschnellen Attacken mehrmals in Verlegenheit. Doch es gelingt Ingolf nicht, den Gegner zu verwunden und so nach dem Zweikampfgesetz die Auseinandersetzung für sich zu entscheiden. Immer wieder fängt der Gegner die Hiebe mit dem Schild ab.

Dann wendet sich das Blatt. Jetzt ist es Ingolf, der in die Verteidigung gedrängt wird, sich gegen kraftvolle Streiche schützen muß. Und dann steht er plötzlich ohne seinen Schild da, den ihm Olaf mit einem gewaltigen Hieb aus der Hand geschlagen hat. Anstatt jedoch weiter auf den nun schutzlosen Gegner einzudringen, lässt der das Schwert sinken und sagt einlenkend: „Lass uns diesen Kampf beenden! Ich weiß, dass du Ingolf Haraldson bist, der Ziehsohn des tapferen Seekönigs Erik, und du erkennst in mir Olaf Tryggvason. Du hast mir die Schlacht gerettet, und ich schulde dir Dank.“

Olaf stößt sein Schwert in die Scheide zurück und legt Ingolf die Hand auf die Schulter. Seine Stimme klingt drohend und verlockend zugleich, als er fortfährt: „Ich bin der Nachfahr Harald Harfagrs und erhebe Anspruch auf den norwegischen Thron! Hilfst du mir ihn aufzurichten, so will ich dich zu meinem ersten Gefolgsmann machen. Stellst du dich aber gegen mich, Ingolf Haraldson, so muß ich dich töten! Denn ich kann auf meinem Wege keinen Rivalen neben mir dulden!“

Auch Ingolf hat das Schwert sinken lassen. Die letzten Worte Olafs treiben ihm das Blut in die Stirn. Im ersten Augenblick hat er Lust, sich abermals mit dem Schwert auf den anderen zu stürzen. Doch dann denkt er noch einmal über das nach, was Olaf eben gesagt hat. Und er findet plötzlich, dass es eigentlich verlockend wäre, unter einem solchen Fürsten, der nur ein paar Jahre älter als er selber ist, eine führende Rolle am Königshof zu spielen.

„Na, was ist?“ ruft Olaf Tryggvason ungeduldig. „Was sagst du zu meinem Angebot? Entscheide dich, ich wiederhole es nicht!“ Ingolf stößt sein Schwert zurück in die Scheide: „Es soll so sein, wie du gesagt hast! Ich will dir helfen, den Thron zu gewinnen, mit aller Macht, über die ich gebiete. Und ich vertraue darauf, an deiner Seite Ruhm zu erlangen und Ansehen!“

Da geht Olaf Tryggvason auf Ingolf zu und zieht ihn an seine Brust.

„Die heutige Schlacht hat gezeigt, was zwei Helden zusammen vermögen“, sagt er. „Ich denke, es wird noch viele erfolgreiche Schlachten geben, die wir gemeinsam schlagen.“

Auf einen Wink Olafs kommt ein Sklave mit einem Krug Wein und zwei goldenen Bechern. Er füllt den einen und reicht ihn seinem Herrn, gibt dann den anderen Becher Ingolf in die Hand.

„Auf unseren Bund!“ sagt Olaf. Ingolf ahnt in diesem Augenblick, dass sein Schicksal von nun an unlösbar mit dem Olafs verknüpft ist und dass er künftig im Schatten eines Größeren stehen wird. Aber das kümmert ihn jetzt nicht.

Am Abend bedrängen die Häuptlinge den Seekönig, die Stadt Maldon den Kriegern zur Plünderung zu überlassen.

„Hinter den Mauern sind Schätze, Bier und Weiber, nach denen es die Männer gelüstet“, sagt auch Grimolf, ein vertrauter Ratgeber Olafs. „Lass die Tore öffnen!“

Ingolf wundert sich, dass Olaf Tryggvason den Kopf schüttelt und anordnet, die Tore der Stadt geschlossen zu halten.

„Ich will nach Drontheim und den Jarl Hakon verjagen“, sagt er. „Mir geht es um den Königsthron und nicht um eine englische Stadt. Was soll ich mit Maldon? Wenn wir die Stadt plündern, werde ich mir den Ruf einhandeln, Anführer einer Räuberbande zu sein.“

„So willst du die Engländer ungeschoren lassen“, begehrt Grimolf auf.

„Ich denke nicht daran“, sagt Olaf in einem Ton, der keinen Widerspruch duldet. „Morgen werde ich einen Boten zu Ethelred nach London schicken und für Maldon Lösegeld fordern. Das Geld, das wir durch Plündern erbeuten würden, soll mir der König zahlen. Und bei den Göttern, ich werde es bekommen, ohne dass mein Ruf als tapferer Krieger und edler Fürst darunter leidet!“

Olaf merkt zu spät, dass er wieder seine alten Götter angerufen hat, denen er eigentlich abschwören wollte. Und während er darüber nachdenkt, kommt ihm ein tollkühner Gedanke. Wie wäre es, wenn er nicht nur den König, sondern auch die Kirche schröpfen würde? Als er mit Ingolf und seinen anderen Häuptlingen in das Zelt geht, das Sklaven für ihn vor den Toren der Stadt errichtet haben, und dort zum Becher greift, beschließt Olaf Tryggvason, darüber noch ein wenig nachzudenken.

Lärm vor dem Zelt weckt anderntags König und Gefolgsleute. Olaf erhebt sich mit weinschwerem Kopf von seinem Lager, das er mit einer braunhäutigen Sklavin geteilt hat, tritt vor das Zelt und kommt gerade rechtzeitig, um zu verhindern, dass die Wachen einem Kirchenmann die Hände binden.

„Er sagt, er kommt als Abgesandter des Königs und bringe eine Nachricht für dich“, sagt der Anführer der Krieger, denen Olaf seinen Schlaf und sein Leben anvertraut hat.

„So führt ihn doch zu mir“, ordnet der Seekönig an. „Ich will hören, was Ethelred der Ratlose mir zu sagen hat. “

Als er vor dem Wikingerfürsten steht, holt der Bischof einen Handschuh hervor und reicht ihn Olaf. „König Ethelred schickt ihn dir als Beweis meiner Vollmacht, und hier ist der Siegelring des Herrschers über Insel- und Seekönige.“

Olaf erkennt mit einem Blick, dass es das Königssiegel ist. „Er führt einen stolzen Titel, dein König“, verhöhnt er den Abgesandten. „König über Insel- und Seekönige! Er sollte sich besser König über Hasen und Kaninchen nennen! Doch rede, was lässt Ethelred mir ausrichten?“

„Er bietet dir Frieden an und bittet dich, die Stadt Maldon zu verschonen“, sagt der Bischof.

„Und was will er mir dafür geben?“ erkundigt sich Olaf gelassen. „Wie viel will er dafür zahlen, dass ich sein Land in Ruhe lasse, dein Ethelred von Wessex, der sich König über Insel- und Seekönige nennt? Sag, wie viel will er zahlen?“

„Er bietet fünfhundert Pfund Silber“, sagt der Unterhändler und blickt dabei seinem Gesprächspartner erwartungsvoll ins Gesicht.

Olaf Tryggvason bricht in lautes Gelächter aus. „Fünfhundert Pfund Silber“, höhnt er und schlägt sich dabei auf die Schenkel. „Fünfhundert Pfund Silber? Und dafür soll ich Maldon und sein Land verschonen? Weißt du was? Du reitest zurück zu deinem König, sagst ihm, er soll sein Silber behalten, und ich gebe Befehl, die Stadttore zu öffnen. Meine Krieger brennen schon darauf, über die fetten Bürger und ihre drallen Weiber herzufallen!“

Grimolf nickt beifällig, und die umstehenden Häuptlinge und Krieger johlen und grölen bei den Worten ihres Anführers. Der Unterhändler blickt furchtsam in die Runde, und die Vorstellung, was diese Männer der Stadt und ihren Bewohnern antun würden, macht ihn nachgiebig.

„Ich könnte den König überreden, dir sechshundert Pfund zu zahlen“, beeilt er sich zu versichern.

Olaf Tryggvason kneift die Augen zusammen, und seine Mundwinkel umspielt höhnisches Lächeln.

„Sieh mal an, ein Kirchenmann, der zum Feilschen gekommen ist! Aber gut, so soll es sein! Wie wäre es, wenn dein König mir tausend Pfund Silber zahlen würde?“

Ein lauernder Blick Olafs und beifälliges Gemurmel der Umstehenden begleiten diese Forderung.

Der Unterhändler erschrickt, hebt abwehrend beide Hände. Es sieht so aus, als wollte er den Wikingerfürst segnen.

„Sechshundert ist Ethelreds äußerstes Angebot“, sagt er nach einer Pause und merkt im gleichen Augenblick, dass er einen Fehler gemacht hat.

„Das letzte Angebot deines Hasenkönigs?“ begehrt Olaf auf. „Ich lehne es hiermit ab! Aber ich will Ethelred und dir entgegenkommen. Sag ihm, dass er achthundert Pfund Silber zu zahlen hat und dass die Wagen mit dem Geld heute in drei Tagen bei Sonnenuntergang hier zu sein haben. Kommen sie nicht, lasse ich bei Einbruch der Dämmerung die Tore öffnen, und er kann in der Nacht von den Zinnen seiner Burg die Flammen Maldons lodern sehen!“

Die Häuptlinge und die anderen Krieger schlagen beifällig mit ihren Schwertern an die Schilde.

„Gott sei mit dir“, stottert der Bischof.

„Ja“, ruft Olaf unter dem Gejohle seiner Männer. „Er ist mit mir, dein Gott! Er hat mich schon die Schlacht gewinnen lassen, und er gefällt mir recht gut! Vielleicht lasse ich mich sogar taufen!“

Bei den letzten Worten Olafs fährt der Kirchenmann zusammen. Was hat der Seekönig da angedeutet? Ein Wikingerfürst im Taufhemd, unvorstellbar, was das in den Augen des gemeinen Volkes bedeuten würde!

„Du willst dich taufen lassen?“ erkundigt er sich zaghaft, weil er fürchtet, einem Scherz Olafs aufgesessen zu sein.

„Ja, ich will mich taufen lassen“, nickt Olaf, blickt sich unter seinen Gefolgsleuten um und zwinkert ihnen Aufmunterung zu. „Und viele meiner Häuptlinge wollen auch das Kreuz nehmen.“

Ingolf nickt bei diesen Worten Olafs zustimmend, während Grimolf nicht geneigt zu sein scheint, zur Taufe zu gehen. „Bei Thor, ich will von diesem Christengott nichts wissen“, flucht er.

„So wollen wir gemeinsam zum Tisch des Herrn treten“, sagt der Bischof erfreut, Grimolfs Fluch überhörend. „Ich selber will dir das Taufhemd überstreifen und deinen Häuptlingen auch.“ Olaf nickt zu diesen Worten, und auch die Umstehenden nicken schweigend.

„Nur eine Kleinigkeit ist noch zu erledigen“, sagt der Seekönig dann und hebt die Hand. „Wir haben noch nicht den Umfang des Geschenkes festgelegt!“

„Welchen Geschenkes?“ sagt der Bischof erfreut. „Das ihr der Kirche geben wollt?“

Olaf schüttelt den Kopf. „Du hast mich falsch verstanden“, ruft er so laut, dass auch die im Hintergrund Stehenden ihn gut hören können. „Ist es nicht üblich, dass Täuflinge beschenkt werden, wenn sie zu euch kommen? Wir wollen euch die Sache einfach machen. Ihr zahlt uns als einmalige Abgeltung für unsere Bereitwilligkeit, euer Kreuz zu nehmen, tausend Pfund Silber. Oder sagen wir, achthundert Pfund, damit euer König nicht beleidigt ist, wenn ihr mehr als er zahlen dürft.“

Olafs Worte lösen einen unbeschreiblichen Tumult unter den Wikingern aus. Die Männer grölen und johlen, trommeln auf ihre Schilde, so dass kein Wort mehr zu verstehen ist.

„Das ist unmöglich“, stottert der Bischof. „Woher soll die Kirche achthundert Pfund nehmen?“

„Das ist eure Sache“, entgegnet ihm Olaf, und seine Worte klingen sehr ernst. „Versilbert von mir aus die Altarschätze in euren Kirchen und lasst euch den Rest von eurem König geben. Er ist mit achthundert Pfund billig genug davongekommen.“

 

König Ethelred und der Bischof halten sich an die Abmachung, die sie mit Olaf getroffen haben. Am Abend des vereinbarten Tages treffen schwerbeladene Ochsenkarren, die von bewaffneten Knechten geleitet werden, am Flussufer ein, wo die Wikinger ihr Lager aufgeschlagen haben. Und mit den Fuhrleuten und den Bewaffneten kommen Männer und Frauen aus der freigekauften Stadt Maldon, die sich die Übergabe des Lösegeldes ansehen wollen. Tausendsechshundert Pfund - einen solchen Haufen Silber hat noch keiner von ihnen gesehen!

Seekönig Olaf steht breitbeinig auf einem kleinen Hügel und lässt die knarrenden Wagen an sich vorüberrumpeln. Einem seiner Gefolgsleute gebietet er mit einem Zuruf, eine Waage herbeischaffen zu lassen. „Willst du nachwiegen?“ erkundigt sich Ingolf, der das kleinlich findet. „Glaubst du, dass der König oder der Bischof es wagen werden, dich zu betrügen?“

„Diesmal stimmt das Gewicht“, entgegnet ihm Olaf lachend. „Doch wenn ich das Nachwiegen verabsäume, muß ich damit rechnen, dass ich beim nächsten Mal übers Ohr gehauen werde, weil jedermann glaubt, ich sei allzu vertrauensselig. Ich aber will auf diese Weise noch mehr Geschäfte machen. In England gibt es viel Silber, und ich brauche es, wenn ich nach Norwegen zurückkehre und um den Thron kämpfe. Durch Tapferkeit und Klugheit allein ist noch niemand König geworden; Gold und Silber spielen dabei allemal eine Rolle.“

Als die Übergabe des Schatzes vollzogen ist, winkt Olaf ein paar der Männer aus Maldon herbei, die staunend das Schauspiel begafft haben. „Lauft zurück in die Stadt und bringt euren Bürgermeister her“, befiehlt er ihnen. „Sagt ihm, Seekönig Olaf wolle heute Abend noch das Lösegeld unter seine Krieger verteilen. Die Männer hätten großen Durst. Der Bürgermeister möge dafür sorgen, dass die Schankwirte in der Stadt volle Fässer bereithalten, um ihre wohlhabenden Gäste bewirten zu können.“

Einer der Männer blickt dem Seekönig kühn ins Gesicht, während die anderen eilfertig die Köpfe ducken und Anstalten machen, sich der Anordnung zu fügen.

„Will der Wikingerfürst sein Wort brechen?“ sagt der junge Mann. „Hat er nicht zugesichert, die Stadt zu verschonen, wenn das Lösegeld gezahlt wird?“

Da lacht Olaf laut, und auch die umstehenden Gefolgsleute stimmen in das Lachen ein.

„Rede ich denn von Plünderung?“ herrscht er den kühnen Bürger an. „Oder wollt ihr Gästen die Tür verbieten, die ihre Zeche mit gutem Silber bezahlen können? Aber wenn die Wirte von Maldon die Gäste nicht in der Stadt bewirten wollen, können sie natürlich auch hier bei uns im Lager die Zapfhähne in die Spundlöcher der Fässer schlagen. Nur schnell muß es gehen, denn durstige Männer sind unberechenbar.“

So kommt es, dass bald darauf, als gerade die Dämmerung hereinbricht, abermals die Tore geöffnet werden und drei Ochsenkarren, mit Fässern hochbeladen, hinunter zum Fluss rollen, wo alsbald ein fröhliches Zechen anhebt. Die Krieger jubeln und trinken ihrem Seekönig zu, indem sie den Krug schwenken und mit dem Beutel klimpern. In dieser Nacht wird noch lange gezecht und gesungen, und die Lieder der Wikinger sind in den Häusern der Stadt zu hören, hinter deren Mauern Männer und Frauen darum beten, auch künftig vor dem wüsten Haufen verschont zu bleiben.

Am anderen Morgen lässt sich Seekönig Olaf von dem Bischof taufen, und auch Ingolf und viele andere Häuptlinge, auch der widerborstige Grimolf, streifen das linnene Taufhemd über. Es wird ein großes Ereignis. Schon bei Sonnenaufgang sind fast alle Männer und Frauen, auch viele Kinder, hinunter zum Fluss gelaufen, wo der Bischof die Taufe vollzieht. Seine ursprüngliche Absicht, die Taufe in der Kathedrale in Maldon vorzunehmen, hatte der Kirchenmann schnell wieder aufgegeben. Dazu hätten den Wikingerscharen die Tore geöffnet werden müssen, und das wollten weder der Bischof noch der Bürgermeister riskieren. Auch Olaf ist es lieber, in seinem Lager getauft zu werden, weil ihm wenig daran liegt, diesen Akt als Triumph der neuen Kirche feiern zu lassen. Dass der Bischof ihn überlisten und mit einem Aufruf von der Kanzel fast alle Bürger auf die Beine bringen würde, hat der Seekönig nicht erwartet.

Ingolf, der auf dem Weg zur Taufstelle am Fluss dicht hinter Olaf geht, mustert mit forschendem Blick das Spalier der Leute. Er blickt in nackte und bärtige Gesichter junger und alter Männer, schaut runzlige und feste Frauenwangen an, sieht verängstigte und freche Kinderaugen. Auch die Zuschauer starren neugierig die Nordmänner an und mancher Blick ruht wohlgefällig auf den hochragenden Gestalten der vorbeigehenden Wikingerhäuptlinge: auf Olaf, Ingolf, Grimolf.

Dicht bei dem Kreuz, das der Bischof aus zwei Eschenspeeren hat errichten lassen, steht eine zierliche junge Frau neben einem weißbärtigen Alten. Ihre sorgsam ausgewählten Kleider, das Geschmeide um ihren Hals und die weißen Hände verraten Ingolf, dass sie von Adel sein muß. Dafür spricht auch die Ehrerbietung, mit der die anderen Zuschauer Abstand wahren. Ingolfs Augen ruhen lange auf der Schönen, die unter seinem forschenden Blick errötet. Ihre anmutige Erscheinung, ihre traurigen Augen lassen ihn nicht los, als Ingolf nach Olaf die Taufe empfängt.

Beim Gastmahl, das Olaf später für den Bischof und dessen Gefolge ausrichtet, sieht Ingolf sie wieder. Er kann es so einrichten, dass ihm der Platz neben ihr zugewiesen wird, und während des Mahles wechselt er manches Wort mit Berta von Langford, deren alter Vater ganz in der Nähe seine Burg besitzt. Dabei wird er von ihrer Schönheit und ihrem anmutigen Wesen immer mehr gefesselt, und auch Berta und der Graf finden Gefallen an dem jungen Wikingerhäuptling.

Olaf Tryggvason hebt den Becher, trinkt seinem neuen Gefolgsmann zu.

„Auf den Helden, der vor Maldon den Kampf entschieden hat!“ ruft er. „Ich glaubte bisher, du liebtest dein Drachenboot, Schwert und Schild, sonst aber nichts auf der Welt“, fügt er scherzend hinzu. „Und jetzt sehe ich, dass du drauf und dran bist, dich an die blauen Augen einer schönen Frau zu verlieren. Ein Held sollte sich vor nichts so sehr hüten wie vor der Liebe! Sie schwächt den Arm und trübt den Blick!“

Die Wikinger im Zelt trampeln vor Begeisterung. Berta schlägt verlegen die Augen nieder, Ingolf lächelt gequält. Zum ersten Mal spürt er die Abhängigkeit, in die er sich begeben hat. Olaf aber wendet sich dem jungen Priester zu, den der Bischof in das Gefolge des Seekönigs beordert hat, damit diesem die Kirche stets mit Trost und Beistand zur Seite stehe, sobald er ihrer bedürfe. Und während er sich über den Tisch neigt, wird auf seiner Brust das goldene Kreuz sichtbar, das ihm der Bischof vorhin als Zeichen seiner Aufnahme in die Christengemeinschaft um den Hals gehängt hat. Ingolf sieht es und greift unwillkürlich an seine Brust, um sich zu vergewissern, dass auch sein Kreuz noch da ist, das ihn mehr mit Olaf als mit dem Christentum verbindet.

 

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