Drachen nach Drontheim

Eine Wikingergeschichte von Gerd Lobin

 

1.Kapitel

Begegnung im Fjord

 

Über dem Nordmeer weht ein steifer Nordwest. Er bläht das rot-weiß gestreifte Segel des schwerfälligen Kauffahrerschiffes, und er wühlt das grünschwarze Wasser auf. Das voll beladene Schiff fährt an der norwegischen Küste hart unter Land auf Südkurs, liegt tief im Wasser, und die Brecher spritzen über die Bordwand. Der hochgewachsene, breitschultrige Mann, der mit der linken Hand das Ruder führt, während die rechte kraftlos herabhängt, wischt sich mit dem Handrücken die salzige Nässe aus dem noch jugendlichen Gesicht und dem blonden Bart, stemmt sich dabei mit der Schulter gegen den Ruderbaum. Es ist Thorleif anzusehen, dass er zufrieden ist. Sein Schiff macht gute Fahrt, und bei anhaltendem Nordwestwind kann er hoffen, noch bei Tageslicht die ruhigeren und vertrauten Gewässer des heimischen Fjordes zu erreichen.

Die Wintermonate da oben im Norden waren hart gewesen für den Wikinger und seine Knechte. Doch Entbehrungen sind auch die unfreien Männer gewohnt. Sie haben jetzt alle Hände voll zu tun, das im Laderaum verstaute Gut gegen das über die Bordwand schwappende Spritzwasser zu schützen. Ein Lächeln huscht über das Gesicht des jungen Schiffsführers. So prall gefüllt sind die Laderäume seines Knorr noch nie gewesen. Dabei hat er einen Teil der im kalten Halogaland erstandenen Waren, vor allem die begehrten Taue aus der zähen Haut der Wale, für einen guten Preis an die Schiffsbauer in Drontheim verkauft. Den stattlichen Rest, vornehmlich die Felle und Pelze von Marder, Zobel, Fuchs, Bär und Rentier, die er den finnischen Jägern abgehandelt hat und die besonders dicht und deshalb kostbar sind, weil sie im bitterkalten Polarwinter erbeutet wurden, will er seinem alten Handelsfreund Torkil in Haithabu bringen. Der zahlt an den Küsten des Ostmeeres die besten Preise, wenn ihm erstklassige Ware angeboten wird.

Thorleif muß seine ganze Kraft einsetzen, um das seitwärts am Heck des Knorr angebrachte Ruder zu bewegen, denn das Schiff droht unter dem Druck des Windes abzudriften. Er vermisst dabei seinen rechten Arm, der seit jenem Frühlingstag vor fünf Jahren lahm ist, als er der tödlichen Umklammerung eines Bären nur durch einen verzweifelten Messerstich ins Herz der Bestie entgangen war. Viele Wochen hatte Thorleif damals auf dem Krankenlager gelegen. Gudrun, die Mutter, und Erik, sein Vater, hatten um sein Leben bangen müssen, bis es den weisen Frauen endlich gelungen war, das Wundfieber zu vertreiben und die zerfetzte Schulter des Jungen zu heilen. Aber sein rechter Arm ist seitdem ohne Kraft.

Nach seiner Gesundung war der Dreizehnjährige deshalb zu seinem Vater gegangen und hatte dem Seekönig vorgeschlagen, Handelsfahrer zu werden. „Ein Krieger, der nur den Schildarm bewegen, nicht aber das Schwert führen kann, ist nur ein halber Mann“, hatte er seinen Vorschlag begründet, und Erik hatte ihm beigepflichtet.

Als Torkil, der Handelsmann, ein paar Wochen später von Haithabu heraufgekommen war, hatte Erik den vertrauten Freund bei der Hand genommen, seine Schatztruhe geöffnet und ihn aufgefordert, daraus so viel Gold und Silber zu nehmen, wie er brauche, um Thorleif in die Geschäfte eines Händlers einzuführen und ihn dann mit einem eigenen Handelsschiff auszurüsten. Tags darauf war Torkil mit Thorleif fortgesegelt, und als der Junge von seinem Vater, seiner Mutter und von Ingolf, seinem Ziehbruder, Abschied nahm, hatte Erik den alten Knut herbei gewunken und den Knecht aufgefordert, seinen Sohn zu begleiten. „Knut war schon deinem Großvater ein treuer Knecht“, hatte Erik zu Thorleif gesagt, „und mir hat er viele Jahre lang Haus und Hof gehütet, wenn ich mit den Männern auf Wiking war. Jetzt soll er deine rechte Hand sein, die du selber seit deinem Kampf mit dem Bären nicht mehr zu führen vermagst. Du brauchst den Alten nötiger als ich.“

Der junge Schiffsführer blickt hinüber zum Ufer, wo die schwarzen Berge noch die weißen Kappen des Winters tragen, während auf den Wiesen drunten am Wasser schon die ersten Kühe und Schafe weiden.

„Noch vor Einbruch der Dämmerung werden wir am Fjord sein“, ruft Thorleif den Knechten zu, die mit ihrer Arbeit im Laderaum fertig sind und schwitzend zu ihm an Deck treten. „Seit dem Verlassen des Drontheim-Fjordes haben wir gute Fahrt gemacht. Wir wollen deshalb zuerst heimwärts fahren, bevor wir weiter nach Haithabu segeln. Ein paar Tage Ruhe werden uns gut tun. Und es kann auch nichts schaden, wenn unsere Angehörigen uns wieder einmal zu Gesicht bekommen. Lange waren wir unterwegs, zu lange, so dass mancher uns für verschollen halten wird.“

Die Knechte murmeln Zustimmung. „Zwölf mal hat der Mond gewechselt, seit wir die Halteleinen gekappt haben“, nickt der alte Knut.

Die Sonne steht schon tief im Westen, und der Horizont über dem dunklen Wasser beginnt sich rot zu färben, als an Backbord die vertraute Bergkuppe in Sicht kommt. Sie markiert die Einfahrt zum Fjord. Thorleif weist einen der jüngeren Knechte an, den Platz im Bug einzunehmen und seine Augen offenzuhalten, denn es ist dämmerig geworden, und an manchen Stellen ist die Fahrrinne sehr schmal.

„Wenn du den günstigen Wind ausnutzen und in der Dunkelheit weitersegeln willst, dann lass mich am Bug stehen“, bittet ihn der alte Knut. „Ich kenne den Fjord besser, und meine Augen sind noch scharf genug.“

„Ich hätte es eigentlich lieber gesehen, wenn du dich ausruhen würdest“, sagt Thorleif. „Doch wenn es dein Wunsch ist, dann sollst du das Schiff führen. Ich will mich nach deinen Zurufen richten.“

Es dunkelt schnell. Vom Ufersaum ist kaum mehr als ein schwarzer Strich zu sehen. Nur die Bugwelle des Schiffes schimmert hell. Knut starrt angestrengt hinaus in die Finsternis, sucht Markierungspunkte. Die Fahrrinne zwischen den Schären wird wieder breiter, und da er Thorleif zuruft, das Schiff backbord hart unter Land zu halten, wo das Ufer steil ansteigt, liegt viel Wasser zwischen dem Knorr und dem Steuerbordufer. Irgendwo da drüben, denkt der alte Knecht, muß die bewaldete Ebene mit dem Bach liegen, an dem der Seekönig zum letzten Mal seine Schiffe an Land zu ziehen und mit seinen Männern zu übernachten pflegt, bevor er hinaus auf das Nordmeer segelt. Knut reibt sich seine Augen. Täuscht er sich oder flackern da Lagerfeuer? Knut starrt hinüber. Kein Zweifel, er hat sich nicht geirrt.

„Steuerbord voraus lodern Feuer“, ruft er Thorleif zu. „Wenn das nicht Erik, dein Vater, ist! Es ist sein Lagerplatz, und es ist auch die Zeit, wo er nach langen Wintermonden am Fjord zur Beutefahrt aufzubrechen pflegt.“

„Meinst du wirklich?“ Thorleifs Frage klingt zweifelnd. Über die Bergkuppe an Backbord schiebt sich in diesem Augenblick die Spitze der Mondsichel, wirft einen fahlen Streif auf das schwarze Wasser. Je höher der Mond in den Nachthimmel steigt, desto schärfer zeichnen sich drüben die Konturen des Ufers ab. Thorleif erkennt die ragenden Steven dreier Drachenboote und viele Männer, die sich um die Feuer geschart haben. „Kein Zweifel“, ruft er Knut zu. „Es ist Erik, der Seekönig, mit unseren Männern.“ Er stemmt sich gegen den Ruderbaum und lenkt so das schwere Handelsschiff nach Steuerbord. „Wir wollen bei ihnen die Nacht verbringen.“

Auch die Männer an den Feuern sind aufmerksam geworden. Die vorsorglich aufgestellten Posten haben das Nahen des Schiffes bemerkt, aber auch gemeldet, dass es sich um einen Knorr, also ein Handelsschiff, handelt, von dem Kriegern keine Gefahr droht. Dennoch greifen die Männer, ohne dass es einer Weisung des Anführers bedurft hätte, zu ihren Schwertern, die griffbereit neben ihnen liegen, springen auf und laufen hinunter zum Ufer, bereit, im Notfall schnell in die Schiffe zu springen.

Als das Schiff in Rufweite kommt, ist an Bord wie am Ufer die Freude groß. Die Männer neben den Drachenbooten haben erkannt, dass es Thorleif ist, der da näher kommt, und der junge Schiffsführer lässt den Knorr im weichen Ufersand auflaufen, geht behänden Fußes nach vorn und springt mit gewaltigem Satz an Land.

„Ingolf, mein Bruder“, ruft er mit einem Freudenlachen und umarmt mit der gesunden Hand den blondbärtigen Mann, der ihn willkommen heißt. „Doch weshalb ist dein Blick so düster? Freust du dich nicht, mich nach so langer Zeit wiederzusehen? Wo ist Erik, mein Vater?“

Thorleifs Fragen sprudeln heraus, und er blickt sich forschend unter den Männern um. Die hünenhafte Gestalt des Vaters entdeckt er nirgendwo. „Sag, wo ist der Seekönig?“ Mit fragenden Augen blickt Thorleif den Mann an, der als Kind sein Freund war, dann sein Blutsbruder wurde, dabei aber auch stets sein Rivale gewesen ist, vor allem, nachdem sich der Seekönig Erik des ältesten Sohnes seines toten Freundes angenommen und ihn als seinen Ziehsohn zu sich in sein Haus geholt hatte: „Der Seekönig steht vor dir, Thorleif!“ gibt Ingolf zur Antwort. „Ich führe unsere Männer hinaus auf das Nordmeer. Erik, dein Vater, ist tot!“

Thorleif starrt Ingolf ins Gesicht. Er ist bei dessen Worten bleich geworden, und die Spitzen seines Bartes zittern.

„Tot?“ murmelt er, und seine Lippen haben Mühe, das schwerwiegende Wort zu formen. Erik tot, dieser kraftstrotzende, vor Gesundheit schier berstende Mann? Auch die abseits stehenden Knechte sind betroffen. Knut, der Alte, wischt sich über die Augen.

Thorleif gewinnt schnell die Fassung zurück, obwohl ihn die Nachricht, die er kaum begreifen kann, erschüttert hat.

„Tot, sagst du? Wie ist das geschehen?“

Ingolf legt ihm den Arm um die Schultern, führt ihn vom Ufer weg zu den Feuern, die ein paar Schritte entfernt lodern.

„Setz dich nieder und iss und trink mit mir, mein Bruder“, fordert er Thorleif auf. „Dabei will ich dir erzählen, wie Erik nach Walhall gefahren ist.“

Die anderen Männer verharren schweigend und machen den Söhnen des verstorbenen Seekönigs auf ihrem Weg zum Feuer Platz. Im Vorbeigehen nickt Thorleif dem einen oder anderen Vertrauten einen Gruß zu. Als er dem alten Björn auf die Schulter klopft, will es ihm scheinen, als entdecke er in dessen vernarbtem Gesicht Spuren neuer Schwerthiebe. Nach Björnhild, seiner Tochter, will er den Alten später fragen. Jetzt ist er begierig zu erfahren, wie Erik, der Seekönig, gefallen ist. Denn dass ein Held wie er auf der Lagerstatt verschieden, wie eine Kuh im Stall den Strohtod gestorben sein könnte, kann sich Thorleif nicht vorstellen.

„Im letzten Sommer sind wir unter Eriks Führung an Englands und Irlands Küsten besonders erfolgreich gewesen“, beginnt Ingolf zu erzählen, nachdem sich alle Männer an den Feuern niedergelassen haben und er Thorleif den Becher zum Willkommenstrunk gereicht hat. „Gleich, nachdem du zu deiner Handelsfahrt nach Norden aufgebrochen warst, auf der dich viele verschollen wähnten, als bis zum Beginn des Winters kein Lebenszeichen von dir eingetroffen war, sind wir mit unseren Drachenbooten losgesegelt. Um nicht den Dänen ins Gehege zu kommen, die unter König Sven und seinen beutegierigen Häuptlingen die Ostküste der großen Insel heimsuchten und bis hinunter nach Norfolk, Suffolk und Essex vorgestoßen waren, sind wir zwischen den Hjaltland-Inseln und den Orkaden hindurch gefahren, haben die Nordküste Schottlands umrundet und sind dann bis in die Irische See gelangt.“

„Aber Irland ist doch in der Hand der Nordmänner, was habt ihr da gesucht?“ wirft Thorleif ein.

„Es war ein Schachzug Eriks, unseres Vaters“, berichtet Ingolf weiter. „Der alte Fuchs hat darauf gebaut, dass sich die Städte an der schottischen und englischen Westküste, die mit den sesshaft gewordenen Nordmännern auf Irland Handel treiben, sicher vor Überfällen wähnen, und er hat recht damit gehabt. Wir haben Beute gemacht wie kaum jemals zuvor, und unsere Schatztruhen waren voll des Silbers, so viel Lösegeld haben wir herausgepresst. Aber uns ist ein Fehler unterlaufen! Auf der Rückfahrt haben wir an der irischen Küste angelegt, um uns für die bevorstehenden Strapazen auszuruhen, ohne zu ahnen, dass König Brian von Munster längst die Normannen aus seinem Land vertrieben hat und der erbitterte Feind aller Wikinger ist. Er fiel mit seinen Männern über uns her, als wir im tiefen Schlaf in den Zelten lagen. Wären nicht unsere Wachen so aufmerksam gewesen, hätten uns die Iren alle niedergemacht. So gelang es nach blutigem Kampf mit unseren beuteschweren Booten zu entkommen, aber wir mussten zahlreiche Männer tot an Land zurücklassen.“

„Auch den Seekönig Erik, unseren Vater?“ wirft Thorleif ein. „Den Seekönig nicht“, sagt Ingolf und schüttelt den Kopf. „Doch Erik, der im Kampf der Turm gewesen war, gegen den immer wieder die Feinde anrannten, blutete aus vielen Wunden. Als er im Scherenraum des Adler lag, winkte er mich an seine Seite und warf mir vor, dass ich ihn an Bord geschleppt hatte, anstatt ihn auf dem Kampfplatz zurückzulassen. Dort wäre er mit dem Schwert in der Hand gestorben. Meinen Einwand, dass kein Wikinger den Kampfplatz ohne seinen Häuptling verlasse, ließ er nicht gelten, und ich vermochte ihn auch nur schwerlich davon zu überzeugen, dass seine Wunden zwar schlimm, doch nicht todbringend seien“, sagte Ingolf.

„Aber er ist doch daran gestorben?“

„Nein“, sagt Ingolf ohne Zögern auf Thorleifs Frage. „Daran ist er nicht gestorben! Erik erholte sich langsam, aber stetig. Ein paar Wochen nach unserer Heimkehr konnte er schon wieder gehen, und nach dem Julfest erwachte in ihm sogar das Jagdfieber. Keiner von uns konnte wissen, dass es seine letzte Jagd werden würde.“

„Es war ein Jagdunfall?“ Thorleifs Frage klingt zweifelnd.

„Ja“, nickt Ingolf. „Es war ein Jagdunfall! Wir hatten einen mächtigen Keiler vor uns, wie damals nach dem Julfest vor mehr als fünf Wintern, als wir beide, du und ich, ihn mit dem Seekönig zusammen zur Strecke brachten. Der verwundete Keiler verkroch sich auch diesmal in ein Gebüsch. Als wir ihn umzingelt hallen, brach er plötzlich hervor. Erik hatte im hüfttiefen Schnee nicht die Kraft, zur Seite zu springen, kam zu Fall, und der waidwunde Keiler stieß ihm die Hauer in die Seite. Das Blut des Seekönigs vermischte sich im Schnee mit dem des Wildes, und als wir den Keiler erlegt hatten, lag Erik tot neben ihm.“

Es ist nach dieser Schilderung Ingolfs totenstill an den Feuern. Die Flammen züngeln und werfen gespenstisches Licht auf die Gesichter der Männer. Schweigend hebt Ingolf den Becher, Thorleif und die anderen tun es ihm nach. Sie trinken auf Erik, ihren toten Seekönig.

Ingolf, der neue Anführer, ist es, der das Schweigen bricht, indem er weiter erzählt.

„Wir haben ihn nach Hause getragen und sind tags darauf in den tief verschneiten Wald gezogen, um die Bäume für sein Totenschiff zu fällen. Und während Erik in seinem vorläufigen Grab lag, haben wir ihm sein endgültiges gebaut. Wenn du morgen Abend heimkehrst, wirst du hinter dem Haus deines Vaters einen Hügel finden. Wir haben ihn über seinem Schiff aufgehäuft, mit dem Erik nach Walhall gefahren ist. Sein Blick ist nach Westen gerichtet, zum Nordmeer hin, das er so viele Jahre lang befahren hat. Sein Schimmelhengst Blitz und sein Lieblingshund begleiten ihn auf seiner letzten Reise. Erik, unser Vater, ist bestattet worden, wie es einem großen Fürsten und einem Seekönig geziemt.“

„Und du bist sein Nachfolger geworden!“ Thorleifs Worte klingen bitter.

„Ja“, sagt Ingolf. „Ich bin zum neuen Anführer gewählt worden. Auf dem Thing trat Vilgard gegen mich mit der Begründung an, ich sei noch nicht zwanzig und damit zu jung, um die Krieger zu führen, aber ich habe die meisten Stimmen bekommen.“

„Weil viele der älteren Männer an der Küste von Munster geblieben waren“, ruft vom nächsten Feuer eine Stimme herüber. Es ist Vilgard. Der Anführer der Möwe ist aufgestanden: „Die Jungmänner, die erstmals im Kreis der Krieger reden durften, haben dich gewählt. Das hat den Ausschlag gegeben!“

Thorleif spürt, dass über die Nachfolge Eriks noch nicht die letzte Entscheidung gefallen ist. Ingolf trägt zwar den Titel, doch das Ansehen des Seekönigs wird er sich erst noch erwerben müssen.

„Du warst ja nicht dabei, um die Wahl beeinflussen zu können“, sagt Ingolf vieldeutig zu seinem Bruder.

Thorleif macht eine abweisende Bewegung mit der linken Hand, deutet auf seine kraftlose Rechte: „Du weißt doch genau, weshalb ich kein Krieger mehr bin! Im Thing aber reden nach altem Brauch nur Männer, die ein Schwert führen können. Krüppel wie ich haben zu schweigen! Ihr Platz ist bestenfalls am Steuerruder eines Handelsschiffes. Im Drachenboot haben sie nichts zu suchen.“

Thorleif senkt nach diesen bitteren Worten den Kopf, blickt schweigend in das prasselnde Feuer. Dass Ingolf ihn in der Stunde des Wiedersehens an die noch immer schmerzende Wunde erinnert hat, enttäuscht ihn. Ingolf aber beschließt, gleich reinen Tisch zu machen.

„Als er sich nach unserer Heimkehr aus der Irischen See auf dem Sterbelager wähnte, hat Erik vor Zeugen verfügt, dass ich den Hof übernehmen soll. Für dich steht aus seinem Nachlass eine große Truhe voll Silber bereit!“

„So habt ihr das Erbmahl schon gehalten?“, herrscht Thorleif ihn an und springt auf.

Noch bitterer als vorher klingen seine Worte, als er sagt: „Der Pelz des Bären ist verteilt worden, ohne die Rückkehr des blutsmäßigen Sohnes oder wenigstens eine Nachricht von ihm abzuwarten. Das hast du fein eingefädelt!“

„Was willst du damit sagen?“ schreit Ingolf empört. Auch er ist aufgesprungen. Die beiden jungen Männer stehen sich im Schein der flackernden Feuer wie zwei Feinde gegenüber, und ihre blonden Bärte scheinen zu glühen. Die Männer an den anderen Feuern erheben sich gleichfalls und bilden einen Kreis um die beiden Widersacher. Thorleif macht wieder eine abweisende Bewegung mit der linken Hand.

„Noch habe ich dich keinen Erbschleicher genannt“, sagt er dann, und seine Augen blicken hasserfüllt. Doch er rührt sich nicht vom Fleck, als Ingolf sein Schwert aus der Scheide reißt und Anstalten macht, es dem Bruder in die Brust zu stoßen.

„Stoß zu!“ ruft er ihm entgegen. „Du weißt ja, dass ich mich nicht wehren kann!“

Da steht plötzlich der alte Björn zwischen ihnen, mit Zornesfalten auf der vernarbten Stirn und dem blanken Schwert in der Hand.

„In Eriks, eures Vaters Namen!“ ruft er und hebt drohend sein Schwert.

Ohne Respekt vor dem jungen Anführer herrscht er Ingolf an: „Der tote Seekönig hat dich nicht zu seinem Sohn und Erben gemacht, damit du seinen leiblichen Sohn umbringst.“

Einen Augenblick lang sieht es so aus, als würde Ingolf mit dem Schwert auf Björn eindringen, dann stößt er die Waffe in die Scheide zurück und streckt Thorleif die Hand entgegen. Der zögert nur einen kurzen Augenblick, ehe er sie mit der gesunden Linken ergreift und sich dann wieder bei den anderen am Feuer niederlässt. Doch auf die herzliche Verbundenheit der beiden Brüder ist ein Schatten gefallen. Schweigend kauen sie am Brot, löffeln stumm den dicken Abendbrei.

„Jetzt ist die Reihe zu berichten an dir, Thorleif“, bricht Ingolf nach einer Weile die lähmende Stille. „Eigentlich sollten wir uns zur Ruhe begeben, denn morgen erwartet uns ein anstrengender Tag, doch nach alledem, was geschehen ist, werden wir kaum schlafen können. So lass uns also trinken und reden, und wir wollen unser Wiedersehen feiern, wie es sich für Brüder geziemt.“

Dann erzählt Thorleif. Er berichtet von seiner ersten großen Fahrt im letzten Frühjahr als verantwortlicher Schiffsführer, als sein Knorr von stürmischen Südwestwinden immer weiter nach Norden getrieben wurde.

„Wir hatten in Drontheim angelegt und uns bei meinen Handelsfreunden dort mit salzigem Fleisch und Frischwasser versorgt“, sagt Thorleif. Er wischt sich mit der Hand über die Augen, als wollte er die trüben Gedanken verscheuchen und Erinnerungen hervorholen. „Dann fuhren wir fünf Tagesreisen an der wilden und felsigen Küste entlang nordwärts. Der Küstenstreifen wurde immer schmaler, schließlich türmte sich schon wenige Schritte vom Ufer entfernt kahles Felsgestein zu Bergen auf, deren Spitzen mit Schnee und Eis bedeckt sind und fast ständig in den Wolken liegen. Es wurde täglich schwieriger, sichere Plätze zu finden, an denen wir unser Schiff an Land ziehen und wärmende Feuer für die Nacht entfachen konnten, denn auch an Holz herrschte in der Felswüste Mangel.“

„Warum bist du nicht umgekehrt?“ wundert sich Ingolf. „Ich verstehe nicht, was ein Kauffahrer in einer Felswüste sucht, die noch dazu menschenleer ist?“

„Warte ab“, setzt Thorleif seinen Bericht fort. „Als an Backbord Inseln auftauchten, wurde das Land wirtlicher, und es gab Menschen, die dort leben und in den Bergen und den Mooren jagen. Sie nennen sich Finnen, und sie sind kühne Jäger. Sie pirschen dem Bären nach und dem Wolf, sie machen sich aus den Rippen und den Fellen erlegter Tiere kleine Boote, mit denen sie im eisigen Wasser gewaltigen Tieren nachstellen, die sie Wale nennen und aus deren Fleisch und Speck sie ihre Nahrung bereiten, während sie aus der ledernen Haut Taue flechten.“

Ingolf und die anderen Männer an den Feuern hören aufmerksam zu. Thorleifs Erzählung wird nur unterbrochen, wenn Ingolf Bier nachschenken lässt oder Funken gen Himmel stieben, weil einer der Krieger ein frisches Holzscheit ins Feuer geworfen hat.

„Weil ich ihnen Messer, Äxte und Speerspitzen brachte, die härter geschmiedet und schärfer als ihre eigenen waren, bin ich ihnen willkommen gewesen. Und als der Winter hereinbrach mit einer Dunkelheit, die auch tagsüber nicht wich, erschien es mir nicht ratsam, mit dem schwerbeladenen Knorr über das tobende Nordmeer zu fahren. So habe ich ihre Einladung angenommen und bin bei ihnen in der Finnmark geblieben. Ich habe mit ihnen zusammen Eisbären gejagt und Seehunden nachgestellt, und sie brachten mir die schönsten und kostbarsten Felle. Wenn du morgen früh zu mir an Bord kommst, will ich dir meinen Reichtum zeigen. Die Laderäume waren zum Bersten voll, als ich mich von meinen finnischen Gastgebern verabschiedete.“

Ingolf macht eine abwehrende Handbewegung mit der Linken und schüttelt den Kopf. „Wenn die Sonne hinter den Bergen hervorkommt, wird keine Zeit sein, deine Waren zu bestaunen“, sagt er dann. „Wir wollen in aller Frühe die Drachenboote besteigen und die Segel aufziehen. Bei Sonnenaufgang werden wir schon auf dem hohen Meer sein.“

„Willst du dich wieder mit unseren Männern zur Irischen See wenden, wo ihr im letzten Sommer unter Eriks Führung die Küsten verheert habt?“

Ingolf schüttelt den Kopf. „Nein, diesmal ist Südengland das Ziel. Wir haben es auf dem Thing beschlossen, auch wenn wir Gefahr laufen, dort den Dänen in die Quere zu kommen.“ Thorleif sieht Ingolf fest in die Augen. Ein Lächeln umspielt seine Mundwinkel. „Sieh zu“, sagt er dann, „dass du mit den Drachenbooten nicht einem anderen ins Gehege kommst.“

„Einem anderen? Was willst du damit sagen? Wen meinst du? Drücke dich deutlich aus!“

Ingolf ist gespannte Erwartung, und auch die anderen Männer hängen mit ihren Augen an Thorleifs bärtigen Lippen. „An Englands Küsten heert nicht nur Sven Gabelbart mit seinen dänischen Häuptlingen“, sagt Thorleif. Seine Stimme hat einen seltsamen Klang, als er fortfährt: „In Drontheim erzählt man sich, dass Ethelreds Untertanen einen anderen mehr zu fürchten hätten.“

„Und wer ist dieser andere?“ Ingolf spricht die Frage langsam aus, sorgsam jedes Wort betonend.

„Olaf Tryggvason!“ Die Antwort aus Thorleifs Mund kommt wie ein Peitschenhieb. „Olaf Tryggvason? Wer ist das?“ Ingolf lehnt sich gelassen zurück, schwenkt mit der Rechten den Becher und hält in der linken Hand einen Stock, mit dem er in der Glut des Feuers stochert.

„Du kennst den großen Seekönig nicht? Den Nachkommen Harald Schönhaars?“ Thorleifs Stimme klingt zweifelnd. „Was geht er mich an?“, sagt Ingolf. „Hier bin ich Seekönig und nicht jener Olaf!“

Jetzt stochert auch Thorleif mit einem Stock in der Glut des Lagerfeuers, dass die Funken stieben. Es klingt geringschätzig, als er sagt: „Ja, hier bist du Seekönig! Aber was bist du gegen Olaf? Deinem Wort folgen die Männer in drei Drachenbooten, er gebietet über ein Heer von Kriegern. Man sagt in Drontheim, die Häuptlinge aus den Fjorden liefen ihm nur so zu, und er habe schon beinahe tausend Krieger hinter sich. Auf jedes deiner drei Drachenboote kommen bei ihm zehn.“

Nach den letzten Worten Thorleifs wird es still auf dem Lagerplatz. Nur die Feuer knistern.

„Das alles erzählt man sich in Drontheim!“ bricht Ingolf, von Thorleifs Worten offensichtlich bestürzt, das Schweigen. Es soll selbstbewusst klingen.

„Ja“, entgegnet ihm der Bruder, „das erzählt man sich in Drontheim! Dort, in der Hauptstadt, gibt es viele Leute, die in Olaf Tryggvason den kommenden König sehen, den König aller Norweger, wie Harald Harfagr, sein großer Vorfahr, der vor mehr als hundert Wintern die norwegischen Stämme geeint und die übermütigen Häuptlinge gezähmt hat.“

Thorleif blickt Ingolf vielsagend in die Augen. Der junge Seekönig hält dem Blick stand.

„Und was sagt Hakon dazu, der mächtige Jarl? Meinst du in der Tat, Jarl Hakon wartet auf seiner Burg bei Drontheim, bis Olaf Tryggvason kommt und ihm seine Jarltümer abnimmt? Glaubst du wirklich, dass der Jarl, der die Jomswikinger besiegt und seitdem in ganz Norwegen keinen Rivalen zu fürchten hat, sich Olaf Tryggvason unterwirft?“

Ingolf lächelt wie einer, der seiner Sache sehr sicher ist. Doch auch Thorleif lächelt: Über den Bruder, dem es offenbar schwerfällt, eines anderen Überlegenheit anzuerkennen!

„Du solltest nicht zu fest auf den Jarl bauen“, sagt Thorleif schließlich. „Hakon ist ein alter Mann geworden. Sein Kopf ist weiß wie der Gipfel des Jostedalsbreen, doch die Weisheit des Alters ist nicht hinter seiner Stirn eingezogen. Er zieht sich mehr und mehr den Unmut der Bauern zu, weil er ihren Frauen und Töchtern nachstellt wie ein Hahn den Hennen. Kein Rock in Drontheim ist vor ihm sicher, und viele nennen ihn nicht mehr den mächtigen, sondern den bösen Jarl.“

 

Die Feuer auf dem Lagerplatz sind niedergebrannt. Vom Fjord weht eine kühle Brise herauf, lässt die Männer trotz der Decken, die sie um ihre Schultern gelegt haben, frösteln. Im Osten kündigt ein heller Streifen am Himmel das Nahen des Tages an. Ingolf erhebt sich, wirft die wärmende Decke ab, reckt die Glieder.

„Auf, ihr Männer“, ruft er seinen Kriegern zu. „Bringt die Drachenboote zu Wasser! Dort kommt der junge Tag. Lasst uns zu den Rudern greifen und die Segel setzen! An Englands Küsten warten Ruhm auf uns und Beute! Wir wollen uns beides holen!“

Er legt Thorleif zum Abschied beide Hände auf die Schultern, blickt ihm fest in die Augen. Thorleif schaut den Seekönig fragend an.

„Und Björnhild, was ist mit Björnhild?“, will er wissen.

Ingolf macht eine abwehrende Bewegung mit der Hand. „Ein Krieger, der auf Wiking fährt, sollte keine Gedanken an die Zurückbleibenden verschwenden. Ich bin der Seekönig, Thorleif! Meine Zukunft liegt auf dem Meer, Drachenboot und Schwert sind meine Begleiter!“

Nach den letzten Worten ist Ingolf über die Bordwand des Adler gesprungen, der als erstes der drei Langschiffe ins Wasser gleitet. Das Ruder in der Hand, winkt er Thorleif mit der freien Linken den Abschiedsgruß zu.

„Ich glaube, Björnhild wartet auf dich! Beeile dich, dass du zu ihr kommst, und wünsche mir und den Männern Glück auf unserer Fahrt!“

Die letzten Worte Ingolfs sind im Rauschen der Wellen und beim Knattern der Segel kaum zu verstehen, denn auch Vilgard hat seine Möwe zu Wasser gebracht. Während sich Björns Krieger abmühen, das dritte Drachenboot flottzumachen, findet Thorleif endlich Gelegenheit, ein paar Worte mit dem Alten zu wechseln.

„Er ist noch immer ein Feuerkopf, dein Bruder“, sagt Björn und wiegt dabei den Kopf. „Hinzu kommt, dass er von der Aufgabe, vor der er steht, erfüllt ist. Viele Sommer lang hat Erik uns erfolgreich geführt, und wir sind mit beuteschweren Booten heimgekehrt, wenn Thor die Herbststürme schickte. Jetzt muß Ingolf beweisen, dass er ein guter Anführer ist. Leicht wird es für ihn nicht werden, denn es gibt manchen unter den Kriegern, der lieber unter Vilgards oder meiner Führung auf Wiking gefahren wäre. Die Entscheidung im Thing war knapp.“

„Ich denke nicht an Ingolf, ich denke an Björnhild“, entgegnet ihm Thorleif und blickt versonnen auf das Meer hinaus, wo die Segel der beiden Drachenboote immer kleiner werden und Björn mahnen, ihnen zu folgen. Der Alte springt zu seinen Kriegern an Bord. „So freie doch um sie“, ruft er Thorleif zu. „Ich denke, du wirst ihr willkommen sein. Meine Zustimmung hast du, und über den Brautpreis werden wir reden, wenn ich im Herbst heimkomme und das Erbmahl für Erik gehalten ist. Dann bist du wohlhabender, und ich kann mehr fordern.“ Die letzten Worte gehen im Gelächter unter, in das einige von Björns Männern einstimmen.

„So steht das Erbmahl noch aus?“, ruft Thorleif zurück.

„Ja“, schreit Björn. „Ingolf hat darauf bestanden, erst deine Rückkehr oder eine Nachricht von dir abzuwarten, obwohl seine Sippe sehr darauf gedrängt hat, die Erbangelegenheiten Eriks vor der Ausfahrt der Drachenboote zu regeln. Ingolf ist .. “

Was Björn weiter sagt, kann Thorleif nicht mehr verstehen. Der junge Handelsmann blickt den immer kleiner werdenden Segeln noch eine Zeitlang nach. Werden sie auch unter Ingolfs Führung ruhmbedeckt und beutebeladen heimkehren? Dann gebietet er den Knechten, das schwere Schiff zu Wasser zu bringen. Als er an Bord klettert, blitzen hinter den weißen Bergkuppen die ersten Strahlen der Morgensonne auf, und in dem schwarzen Wasser des Fjordes entdeckt er einen hellen Schimmer. Der alte Knut springt ihm bei, weil er Mühe hat, mit der linken Hand den schweren Ruderbaum zu bewegen. Endlich liegt das Schiff auf Kurs.

„Das war eine ereignisreiche Nacht, mein Alter“, sagt Thorleif zu dem Knecht. „Wir haben Erik zu treffen gehofft, und jetzt fahren wir seinem Grabhügel entgegen.“

„Unter dem er in seinem Totenschiff einsam liegt“, sagt der alte Knecht, und seine Augen sind feucht.

„Aber du hast doch gehört, dass sein Hengst und sein Hund bei ihm sind“, entgegnet Thorleif.

„Was sind Ross und Hund gegen das Herz eines treuen Knechtes? Wäre ich am Fjord gewesen, als Erik, der Seekönig, starb, dann hätte ich darauf bestanden, ihn auf seiner letzten Fahrt zu begleiten. Und niemand hätte mich daran hindern können.“

 

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