Der Sohn des Seekönig

Eine Wikingergeschichte von Gerd Lobin

 

Fünfzehntes Kapitel

Der Kampf im Bömlofjord

 

Zwei Tage später segeln die drei Drachenboote westwärts durch den Fjord. Der Adler führt sie an. Das neue Schiff gleitet leicht dahin, über Ingolf, der das Steuerruder führt, bläht sich das Segel. Die Föhrenholzriemen sind eingezogen, die Männer auf den Ruderbänken haben ihre Schilde über die Bordwand gehängt und stützen sich mit den Händen auf ihre Schwerter.

Die Schiffe machen bei steifem Ostwind gute Fahrt. Das Steuerruder lässt sich mühelos führen, so dass Ingolf seinen Gedanken nachhängen kann. Sie eilen zurück zur Siedlung. Das Bild der Mutter geht ihm nicht aus dem Kopf, wie sie mit wehendem Haar an der Landungsbrücke stand, ihre jüngeren Kinder um sich geschart und stumm den ablegenden Booten nachblickend.

Bevor er an Bord gegangen war, hatte er sich von ihr verabschiedet, doch es war ein kühler Abschied gewesen. Sie hatte ihn nur stumm angeblickt und ihm dann mit wenigen Worten Glück auf der Fahrt gewünscht. Ihm war bewusst geworden, wie sehr Hiltrud mit ihren Gedanken im Bömlofjord, bei ihrem Manne, war.

Während er an Harald denkt, fällt Ingolfs Blick auf Erik, der neben ihm auf der Schanze steht und unentwegt Ausschau hält. Im Geiste vergleicht er die beiden Männer miteinander, den blonden Harald, dem er so ähnlich ist, und den rotbärtigen Erik, dem er viel zu verdanken hat. Dabei spürt er, welche Bedeutung die bevorstehende Befreiung Haralds für ihn haben wird. Dass Erik stumm neben ihm steht und nur von Zeit zu Zeit knappe Anweisungen gibt, zeigt Ingolf, wie sehr auch der Seekönig mit seinen Gedanken beschäftigt ist.

Als es dämmert, haben die Schiffe beinahe das offene Meer erreicht.

Erik gibt Befehl, am Ufer anzulegen und einen Platz für die Nacht herzurichten. Er hat zwar genügend Ortskenntnis, um auch in der Dunkelheit den Weg zum Meer zu finden, doch er hält es für ratsam, seine Krieger an Land ausruhen zu lassen, die Fahrt am nächsten Morgen fortzusetzen, um dann in der abendlichen Dunkelheit in das Gebiet zu gelangen, das von Lorolf und seinen Verbündeten beherrscht wird. So besteht Aussicht, in der Morgendämmerung über die Räuber herfallen zu können.

Als die Krieger am nächsten Morgen auf ihre Schiffe zurückkehren, hat das Wetter umgeschlagen. Die Sonne ist hinter Wolkenbänken verschwunden, der Wind ist abgeflaut, und es regnet aus tief hängenden Wolken unter diesig-trübem Himmel. Die Schiffsführer lassen die roten Segel einholen und die Männer auf den Ruderbänken zu den langen Föhrenholzriemen greifen.

„Schade, dass der Wind uns im Stich lässt“, klagt Ingolf. „Ohne ihn kommen wir nur halb so schnell vorwärts.“

„Ich bin nicht böse über den Wetterumschwung“, sagt der Seekönig. „Bei schlechter Sicht lässt sich ein plötzlicher Angriff besser fahren als bei hellem Sonnenschein. Je überraschender wir aber im Bömlofjord auftauchen, desto größer sind unsere Aussichten, ohne schwere Verluste unsere Männer freizukämpfen. Sieh nur, es wird zu unserem Glück immer trüber. Pass gut auf, dass wir nicht gegen ein Hindernis stoßen.“

Am späten Nachmittag taucht an Steuerbord eine Landmasse auf. „Das muß nach meinen Berechnungen Hufteren sein“, sagt Erik zu seinem jungen Steuermann. „Halte ein wenig nach Backbord, dann kommen wir gut zwischen Hufteren und Reksteren durch.“

„Bist du hier schon mal gefahren?“ wundert sich Ingolf über die Sicherheit, mit der Erik seine Anweisungen gibt.

„Nein, das nicht!“ sagt der Seekönig. „Aber ich kenne dennoch den Weg. Ich habe ihn mir genau beschreiben lassen.“

Die Männer auf den Bänken rudern gleichmäßig. Auf Eriks Anweisung sind die Dollenlöcher mit Tran beschmiert worden, so dass die Riemen weder quietschen noch knarren. Lautlos gleitet die kleine Wikingerflotte dahin.

Gegen Morgen liegt eine Nebelschicht auf dem Wasser. Die Sicht ist so schlecht, dass der Falke und die Möwe, die anderen beiden Boote, dicht aufschließen müssen, damit die Drachen sich nicht in den fremden Gewässern verlieren. Dennoch zweifelt Erik keinen Augenblick daran, dass die Flotte auf dem richtigen Weg ist. Schemenhaft erkennt er die markanten Wegezeichen, die Gunnar ihm genannt hat; die Felsspitze hier, das unförmige Steingebirge dort. Als er die kleine Insel mit dem Buschwerk auf der Steuerbordseite entdeckt, weiß der Seekönig, dass er sein Ziel nicht verfehlt hat.

„Jetzt dringen wir in den Bömlofjord ein“, sagt er halblaut zu seinem Steuermann. Und triumphierend fügt er hinzu: „Harald, wir kommen!“

 

In der zwischen Schären versteckten Siedlung, eine kleine Wegstrecke weiter südlich, tritt um die gleiche Zeit ein schwarzbärtiger Krieger vor die Tür seines Hauses. Ein kräftiger Fluch entfährt seinen Lippen, als er den Nebel sieht.

„Bei Loki“, schimpft er. „Heute ist der Nebel noch dichter als gestern. Dabei hätte ich gewettet, dass mich nach durchzechter Nacht und kurzem Schlaf die Frühlingssonne wecken würde. Das Schlimme an dem Nebel ist, dass er einen Krieger zur Untätigkeit verdammt, denn ich möchte den Händler sehen, der sich bei solchem Wetter mit seinem Schiff auf das Meer hinauswagt.“

„Übe dich in Geduld, Lorolf“, besänftigt eine Frauenstimme den Schwarzbärtigen. „Der Nebel wird schon lichter. Als ich vorhin Wasser schöpfen wollte, wäre ich beinahe in den Brunnen gestürzt. Jetzt kann man schon die Giebel der Nachbarhäuser sehen.“

„Du hast recht, Gudrid“, pflichtet ihr Lorolf bei. „Ich will auch keine Klage führen, denn der dichte Nebel hindert uns nicht nur daran, aufs Meer hinauszufahren, er gibt uns auch Sicherheit vor etwaigen Feinden. Kein Steuermann, und sei er noch so tüchtig, wird es bei dieser schlechten Sicht wagen, ein ihm unbekanntes Gewässer zu befahren!“

 

Während in der Siedlung zwischen den Schären an diesem Morgen das Leben erwacht, nähern sich unhörbar die drei Drachenboote dem Ufer. Keine Mastspitze ist zu sehen, und das leise Plätschern der langen Riemen dringt nicht bis zur Siedlung.

Erik hat den Männern befohlen, Schwerter und Speere griffbereit zu halten, weil auch er nicht sagen kann, in welchem Augenblick die drei Boote auf den Feind treffen werden. Doch jeder Krieger in den drei Drachen weiß genau, dass er für diesen Augenblick gerüstet sein muß.

Ein sechster Sinn sagt dem Seekönig, dass die Siedlung Lorolfs nicht mehr weit sein kann. Er gibt den Ruderern den Befehl, die Riemen mit halber Kraft zu bewegen, damit die beiden anderen Boote aufschließen können. Während die Drachen bisher in Kiellinie fuhren, bilden sie jetzt eine breite Front.

Ein wohlbekanntes Geräusch lässt Erik zusammenfahren. Vor ihm, nicht sehr weit entfernt, muhen Kühe, die darauf warten, dass die Mägde mit den Melkeimern kommen.

In diesem Augenblick bricht die Sonne durch. Zuerst erscheint sie als milchige Scheibe in der Nebelwand, dann teilt sich urplötzlich der weiße Schleier, und die Männer in den Booten fühlen sich geblendet von den goldenen Strahlen. Die Bucht liegt im Sonnenglanz vor ihnen.

„Rudert mit aller Kraft und macht euch zum Kampf bereit!“ fordert Erik mit donnernder Stimme seine Krieger auf. Dann zieht er sein Schwert aus der Scheide und reckt es empor. Das blanke Eisen glänzt in der Sonne.

Das Leuchten trifft Lorolf, der noch immer vor der Tür seines Hauses steht, wie ein flammender Blitz. Auch er hatte die milchige Scheibe der Sonne sich vom Nebel abheben sehen, hatte erlebt, wie sich die weiße Wand plötzlich teilte und Sonnenglanz den Fjord überflutete. Aber dann war sein Auge auf die drei Drachenboote gefallen, die lautlos und unheimlich wie Fabelwesen aus einer anderen Welt auf die Siedlung zukommen. Blanke Schwerter blinken in der Sonne, hohe Bugsteven schieben sich auf den Strand, Krieger stürmen schreiend auf die ersten Häuser der Siedlung zu.

Die Überraschung ist vollkommen. Die meisten Krieger Lorolfs liegen noch in tiefem Schlaf, nur wenige sind gewandt genug, so schnell nach Schwert und Schild zu greifen, dass sie erfolgreich Widerstand leisten können.

Erik stürmt seinen Kriegern voran, in der Rechten das Schwert, in der Linken den Schild, die Streitaxt im Gürtel. Lorolf glaubt im ersten Augenblick, der Kriegsgott Tyr habe sich mit den Feinden verbündet. Dass er mit seinen schlaftrunkenen Männern der anstürmenden Kriegerschar ausgeliefert ist, sieht der erfahrene Anführer sofort. Er lässt sich deshalb nicht auf die Verteidigung der Häuser ein, sondern versammelt die Krieger um sich, die schon bewaffnet sind. An ihrer Spitze stürmt er hinunter zum Wasser, will sich der Drachenboote bemächtigen, die Eriks Krieger dort nur schwach bewacht zurückgelassen haben.

Der Seekönig erkennt sofort die Gefahr, die von diesem Manöver Lorolfs ausgeht. Die Räuber könnten mit den erbeuteten Booten zum Aurlandsfjord segeln und dort die ungeschützt zurückgelassene Siedlung verwüsten, deren Bewohner sie in dem Wahn, ihre Männer und Söhne kehrten nach erfolgreichem Kampf mit ihren Drachenschiffen heim, freundlich empfangen würden.

Noch ein anderer hat die drohende Gefahr erkannt. Der Waffenlärm hat Harald und seine drei Gefährten aufgeschreckt, die ihre Unterkunft in einem Blockhaus nahe dem Fjord haben. Dem Wächter vor der Tür reißt Harald das gezückte Schwert aus der Hand, seine Gefährten bemächtigen sich des Speeres und der Axt. In langen Sätzen stürmt Harald mit den drei Gefährten zum Strand, wo Lorolf mit seinen Männern die Möwe flottzumachen versucht. Gedeckt von den Leibern der beiden anderen Drachen kommen sie ungesehen an das schlanke Boot heran, das im gleichen Augenblick ablegt. Doch mit gewaltigem Sprung schwingt sich Harald über die Bordwand, zieht die Gefährten nach, besetzt mit ihnen das kurze Halbdeck im Bug des Schiffes und beantwortet das wütende Aufheulen der Krieger Lorolfs mit höhnischem Gelächter.

Da packt Lorolf die nackte Wut, und er schleudert mit einem Aufschrei seinen Speer nach Harald, doch der fängt ihn mit der linken Hand auf und wirft ihn dem dritten seiner Schwertgenossen zu, der noch keine Waffe hat: „Komm her, Lorolf!“ fordert er dann den Häuptling auf. „Mein Schwert wartet auf dich!“

Ingolf ist hinter Erik an Land gestürmt, das Schwert in der einen, den weißen Schild mit der goldenen Schlange in der anderen Hand. Er hat gesehen, wie Lorolf seine Krieger hinunter zum Fjord geführt hat, und er hat erlebt, wie Harald das von ihnen erbeutete Drachenboot enterte. Und jetzt sieht er seinen Vater mit dem blanken Schwert in der Hand auf dem kurzen Halbdeck im Bug des Schiffes stehen und Lorolf trotz der Übermacht zum Zweikampf herausfordern. Ein Gefühl des Stolzes, gleichzeitig aber auch der Angst, befällt ihn bei diesem Anblick, und er ist traurig darüber, hilflos dem weiteren Geschehen zusehen zu müssen, ohne selber eingreifen und dem Vater als Schwertgenosse zur Seite treten zu können.

Erik hat längst befohlen, die beiden anderen Drachenboote zu bemannen und mit ihnen der Möwe zu folgen, nachdem seine Krieger die Männer des habgierigen Lorolf, die sich nicht an Bord des Schiffes retten konnten, niedergemacht haben. Der Adler und der Falke machen sich an die Verfolgung des Schiffes, auf dem es zu einem verzweifelten Kampf kommt.

Auf Lorolfs Geheiß sind alle Ruderbänke besetzt worden, und die Männer legen sich mit aller Kraft in die Riemen. Auf der Schanze am Heck schart sich ein halbes Dutzend Schwertträger um den Häuptling und dringt mit diesem bugwärts vor, wo Harald entschlossen ist, mit seinen mangelhaft bewaffneten Männern das kurze Halbdeck zu verteidigen.

Als die Gegner nur noch ein paar Schritte vom Scherenraum entfernt sind, der gleich hinter der Back liegt und in dem sich während eines Mann-gegen-Mann-Kampfes an Bord die Kernmannschaft der Schiffsbesatzung aufzustellen pflegt, reißt Harald dem neben ihm stehenden Gefährten den Speer aus der Hand und schleudert ihn Lorolf entgegen. Der springt geschickt zur Seite, aber der Speer durchbohrt die Brust des nächsten Gegners. Mit einem Aufschrei sinkt er zu Boden.

Lorolf versucht auf der schmalen Bordwand entlang zu stürmen, um nicht vom tiefer liegenden Scherenraum aus angreifen zu müssen und den Männern auf der Back dadurch den Vorteil der erhöhten Bastion zu lassen, der das Fehlen schützender Schilde ausgleichen würde. Harald erkennt schnell die Absicht des Häuptlings, springt ihm, ebenfalls auf der schmalen Bordwand, entgegen und bringt Lorolf mit einem gewaltigen Schwerthieb von der Seite, den er nur mit Mühe abwehren kann, ins Straucheln, so dass er in den Scherenraum springen muß.

Im Eifer des Kampfes an Bord der schnell dahingleitenden Möwe achten weder Lorolf noch Harald auf die anderen beiden Drachenboote, die mit schnellem Ruderschlag das flüchtende Boot verfolgen. Der Seekönig steht neben Ingolf auf der Schanze und treibt die rudernden Männer zu größerer Kraftanstrengung an. Ingolf sieht am Kielwasser des verfolgten Schiffes, dass die Möwe durch eine Nachlässigkeit des Steuermanns vom Kurs abkommt und direkt auf eine Schäre zufährt. Er sieht nicht, dass der Drachen einen Augenblick lang steuerlos gewesen ist, weil Harald von der Back aus mit gewaltigem Wurf dem Mann am Steuerruder den zweiten Speer in die Brust geschleudert hat und erst ein Ersatzmann die Schanze erklimmen und das Boot wieder in seine Gewalt bringen musste.

Der Adler, dem verfolgten Drachen durch seine Wendigkeit ohnehin schon nahegekommen, erlangt entscheidende Vorteile. Ingolf drückt ihn leicht nach Backbord, fährt einen Augenblick lang auf den Vordersteven der Möwe zu, lässt dann durch ein hartes zweites Steuermanöver das Heckschiff herumschwenken. Holz splittert krachend, als der eisenbewehrte Bug des Adlers an der Bordwand der Möwe entlangschrammt und die Föhrenholzriemen brechen lässt. Einen Augenblick lang sind Bugsteven und Heck der beiden Schiffe auf gleicher Höhe.

„Nimm das Steuerruder!“ ruft Ingolf dem Seekönig zu, reißt sein Schwert aus der Scheide, ergreift seinen goldschimmernden Schild und springt dann mit gewaltigem Satz hinüber auf das kurze Halbdeck zu seinem Vater.

Ingolf kommt im richtigen Augenblick, denn Harald und seine Männer sind trotz ihrer erhöhten Position auf der Back in arge Bedrängnis geraten. Die Feinde im Scherenraum haben eine Schildburg gebildet und sind darunter für die Verteidiger des Halbdecks, denen jetzt die Speere fehlen, unangreifbar geworden. Von. den Männern auf den Ruderbänken, deren Riemen zerbrochen sind, erhalten sie Verstärkung. Pfeile werden geschossen, Speere fliegen, Harald und seinen Genossen gelingt es kaum noch, den Geschossen auszuweichen. Einen der Männer hat ein Pfeil an der Hüfte getroffen, Harald hat ein Speer, den er auffangen wollte, den unbewaffneten Schildarm aufgeschlitzt. Ein weiterer Speer gleitet an dem Königsschild ab, mit dem Ingolf in diesem Augenblick den deckungslosen Vater beschirmt.

„Ich bin dein Schwertgenosse“, ruft er Harald zu. „Mein Schild soll dich beschützen.“

„Du, Ingolf?“ ruft der Vater, und ein Lächeln des Stolzes huscht über sein verschwitztes Gesicht.

Trotz harter Gegenwehr und großer Verluste gelingt es der Masse der Gegner, auf der Back Fuß zu fassen, ehe Erik auf dem anderen Boot den Adler wenden und zum Entern Bord an Bord neben die Möwe legen kann. Lorolf dringt mit seinen Schwertgenossen auf die Verteidiger ein.

Harald und Ingolf kämpfen Rücken an Rücken einen verzweifelten Kampf. Die drei Gefährten sind, von Axthieben oder Schwertstreichen getroffen, verwundet zu Boden gesunken. Ingolfs weißgoldener Schild ist von Blutspritzern gerötet, sein und seines Vaters Schwerter wüten unter den Gegnern. Da schleudert einer der Männer, während Harald Fuß an Fuß mit Lorolf kämpft und Ingolf Mühe hat, nachdrängende Gegner abzuwehren, von der Seite her unbemerkt seinen Speer, trifft Harald in den Rücken. Einen Augenblick lang steht der blonde Recke wie erstarrt, stürzt dann zu Boden.

Lorolf schleudert wutentbrannt seine Axt nach dem feigen Speerwerfer, der ihm den Gegner genommen hat, wendet sich dann Ingolf zu. Klirrend prallen ihre Schwerter aufeinander. Ingolf hat seinen Vater nicht dahin sinken sehen, sondern nur gespürt, dass er plötzlich nicht mehr hinter ihm, der eigene Rücken ungedeckt war. Als er Harald sterbend am Boden liegen sieht, packt ihn eine grenzenlose Wut. Mit gewaltigem Schwertstreich schlägt er Lorolf den Schild aus der Hand, bohrt ihm dann sein Schwert in die ungeschützte Brust, streckt ihn so neben Harald nieder. Dann wütet sein Schwert so furchtbar unter den Angreifern, dass die Gegner vor ihm zurückweichen. Das ist der Augenblick, in dem Erik mit seinen Männern das Schiff entert. Ihr Kampfgebrüll und ihre blitzenden Schwerter veranlassen das Häuflein der verbliebenen Männer Lorolfs, sich auf der Schanze im Heck der Möwe zusammenzurotten. Einige mögen daran denken, über Bord zu springen und schwimmend zu fliehen, doch auch sie stellen sich zum letzten, verzweifelten Kampf. Sie schleudern Erik und seinen Männern von der Schanze herab ihre Speere entgegen, hauen mit ihren Schwertern und Äxten auf jeden ein, der die Bastion zu erklimmen versucht.

Erik wird von einem Speer in die rechte Schulter getroffen, kann den Schwertarm nicht mehr heben. Er wirft den Schild weg, nimmt das Schwert in die andere Hand. Björn erhält im Zweikampf mit einem gegnerischen Krieger, der das Schwert geschickt zu führen weiß, eine blutende Wunde im Gesicht, die seinen vielen Narben eine weitere hinzufügen wird. Von den Jungkriegern, die erstmals ihr Schwert im Kampf gebraucht haben, erleiden einige Verletzungen. Doch sie brechen den Widerstand auf der Schanze, strecken die letzten Gegner nieder, schicken so manchen, der in diesem Kampf den Schwerttod erleidet, nach Walhall.

Auf dem Halbdeck vorn kniet Ingolf neben Harald, seinem Vater. Er hat den Kopf des Toten auf einen Schild gebettet und das Schwert, mit dem Harald gekämpft hat, quer über seine Brust gelegt. Zwei seiner Schwertgenossen, die schwere Wunden erlitten haben, liegen neben dem Häuptling, dem dritten hat Ingolf die blutende Oberschenkelwunde verbunden.

So findet ihn Erik, als das Kampfgetümmel verebbt, der Schwertlärm verklungen ist. Er zieht Ingolf zu sich empor und legt den gesunden Arm um seine Schulter.

„Harald soll wie ein Seekönig bestattet werden“, sagt er dann zu dem jungen Krieger. „Wir wollen ihn heute Abend, wenn die Sonne ins Meer taucht, mit einem Boot auf die Reise nach Walhall schicken.“

Unter Eriks und Ingolfs Führung rudern die unverwundet gebliebenen Männer die beiden Drachenboote zurück ans Ufer. Sie finden die Siedlung Lorolfs fast ausgestorben vor. Nur ein paar Frauen und Kinder sind zurückgeblieben, ebenso die Sklaven. Die anderen Bewohner, vor allem die nicht mehr kampffähigen Männer, haben eines von Lorolfs Booten bemannt und sind damit geflüchtet, während auf dem Fjord der Kampf wogte.

„Sie werden sich zum Skanevikfjord geflüchtet haben, wo ihre Verbündeten leben“, mutmaßt Erik. „Hoffentlich haben sie nicht alles Vieh mitgenommen.“

„Auf einigen Weiden haben wir Kühe und Pferde zusammengetrieben“, berichtet ihm Vilgard. „Ich habe schon veranlasst, dass sie an Bord gebracht werden. Ebenso sind alle Häuser nach Beute durchsucht worden. Viel haben die Flüchtigen nicht zurückgelassen.“

„Sind Lorolfs Krieger alle tot?“ erkundigt sich der Seekönig bei Björn, der mit seiner blutenden Wunde im vernarbten Gesicht einen furchterregenden Anblick bietet.

„Ein paar sind mit Kratzern davongekommen. Wir haben sie absichtlich verschont, damit wir Gefangene haben, die wir Tyr opfern können, zum Dank dafür, dass er uns den Sieg geschenkt hat.“

„So wollen wir die Häuser niederbrennen!“ ordnet Erik an. „Die Flammen mögen weithin leuchten als Zeichen dafür, dass es nicht ratsam ist, sich Erik und seinen Stamm zu Feinden zu machen! Und dann sollen die Vorbereitungen getroffen werden für Haralds letzte Fahrt.“

Wenig später steht die Siedlung in Flammen. Der aufkommende Wind treibt den Qualm über den Fjord, hüllt die Schiffe ein, lässt an Bord angstvoll Kühe brüllen und Pferde wiehern, während sich die Frauen und Kinder die brennenden Augen reiben und sich zusammendrängen, wohl wissend, dass sie ihre Freiheit verloren haben und nun auf einer Stufe mit ihren früheren Sklaven stehen.

Unter Ingolfs und Vilgards Leitung wird das erbeutete Langschiff für Haralds Fahrt nach Walhall hergerichtet. Im Scherenraum stapeln die Männer Reisigbündel, im Krappar, dem Raum vor und hinter dem Mast, werden die Opfertiere niedergelegt. Erik hat von den erbeuteten Pferden einen Rapphengst töten lassen, damit Harald in Walhall beritten ist.

Im Feuerraum, wo die Waffenkiste steht, sind die Schwerter, Speere, Äxte und Schilde niedergelegt worden, damit der tote Held nicht waffenlos in Walhall einreitet. Da seine eigenen Waffen seit dem Schiffbruch im letzten Herbst auf dem Grunde des Nordmeeres ruhen, sind Beutewaffen ausgewählt worden. Einen Augenblick lang hatte Ingolf überlegt, ob er dem toten Harald sein selbstgeschmiedetes Schwert und seinen von Torkil erhaltenen Königsschild auf die Reise nach Walhall mitgeben sollte, war aber auf Eriks Widerspruch gestoßen.

„Schild und Schwert haben dir in deinem ersten Kampf Glück gebracht“, hatte der Seekönig ihm geraten. „Es wäre nicht klug von dir, sie aus der Hand zu geben. Du wirst beide noch in manchem Kampf brauchen.“

Die Sonne steht schon tief am Himmel, als Erik, den verletzten Arm in der Schlinge, den Befehl zum Auslaufen der Boote gibt. Alle drei haben Segel gesetzt, der Adler hat das Totenschiff im Schlepptau. So segeln sie durch den Bömlofjord und lassen zwischen den Schären die glimmenden und rauchenden Reste der Siedlung zurück.

Als sie das offene Meer erreicht haben, bedeutet der Seekönig seinem jungen Steuermann, dass es Zeit sei, Abschied von seinem Vater zu nehmen. Auf sein Geheiß ziehen einige Männer am Schlepptau das Langschiff so weit heran, dass sie an Bord springen können. Auch Ingolf springt hinüber auf das Schiff seines toten Vaters, steigt hinauf zur Schanze, wo sie Harald in Rüstung und Waffen gebettet haben, das Gesicht mit den geschlossenen Augen der untergehenden Sonne zugewandt. Ein letztes Mal kniet der junge Krieger abschiednehmend neben seinem Vater, während die Männer das weiße Segel setzen. Dann bindet Ingolf das Steuerruder fest, entzündet die Fackel und wirft den Brand zwischen die Reisigbündel in den Scherenraum. Im Schein des roten Sonnenballes über dem Horizont und des knisternd auflodernden Feuers springt Ingolf zurück an Bord des Drachenschiffes.

Der am Nachmittag aufgekommene Wind bläht prall die Segel. Ingolf lenkt den Adler leicht nach Steuerbord, bringt ihn auf Nordkurs. Seine Kiellinie entfernt sich mehr und mehr von der des Totenschiffes, das streng auf Westkurs bleibt und als lodernde Fackel dorthin segelt, wo in diesem Augenblick die Sonne rot ins Meer taucht.

„Harald segelt nach Walhall“, sagt der Seekönig und zieht Ingolf mit dem gesunden Arm an sich. „Wir aber wollen eilen, damit wir Hiltrud, Ragnar und allen anderen berichten können, wie er als Held gefallen ist.“

Ingolf blickt unverwandt nach Westen, wo auf dem im Abendlicht schimmernden Meer das Feuer immer kleiner wird und schließlich verlischt. In diesen Augenblicken, da der tote Vater aus seinem Gesichtskreis entschwindet, geht dem jungen Wikinger vieles durch den Kopf. Er denkt an die Heimkehr der Drachenboote im letzten Herbst, an die Trauer um den verschollen geglaubten Vater, an seine Aufnahme in das Haus des Seekönigs, an Thorleif, an Björnhild, an Ragnar, an Hiltrud. Vor dem rotschimmernden Hintergrund bizarrer Wolkengebilde über dem Horizont gewinnt plötzlich ein Gesicht Konturen, und er erinnert sich an die erste Begegnung mit Torkil droben am Myrdal-Paß. Das Kreuz fällt ihm ein, das unter dem Hemd des Mannes zum Vorschein kam, als er dem Bewusstlosen Luft machen wollte, und er fragt sich, ob Torkil jetzt wohl auch glauben würde, dass Harald nach Walhall segelt. Torkil, der ihm so manches Mal von einem Weiterleben nach dem Tode erzählt hat, in dem kein Platz für wilde Jagden mit Walküren, für üppige Gelage ist. Mit dem Handrücken wischt sich Ingolf über die feuchten Augen, als wollte er die Gedanken verscheuchen.

Dann richtet er den Blick nach Norden, packt den Ruderbaum fester und steuert, Seite an Seite mit dem Seekönig, das Schiff heimwärts.....

 

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