Der Sohn des Seekönig

Eine Wikingergeschichte von Gerd Lobin

 

Dreizehntes Kapitel

Die Botschaft und Thorleifs Kampf mit dem Bären

 

Je wärmer die Märzsonne vom blauen Himmel lacht, desto lebhafter geht es in der Siedlung am Fjord zu. Die Männer fahren mit den leichten Schuten und Pramen wieder hinaus zum Fischfang, werfen die großen Netze aus, kehren mit voll beladenen Booten heim. Auf dem Schiffsbauplatz gibt es für sie nicht mehr viel zu tun. Der Adler ist beinahe fertig. Zum Stapellauf aufgebockt bietet das schnittige Boot mit seinen zwanzig Ruderbänken ein prachtvolles Bild. Stolz reckt sich der Vordersteven in die Höhe, der Drachenkopf leuchtet in bunten Farben. Erik hat auch den Schiffsrumpf oberhalb der Wasserlinie mit roten und weißen Streifen bemalen lassen, und auf seinen Wunsch soll der Adler ein purpurrotes Segel bekommen. Seit Tagen sind die Mägde unter Gudruns Aufsicht dabei, dieses Segel zu nähen.

Gisli, der Schiffsbaumeister aus Drontheim, rüstet sich zur Heimreise. Gleich nach dem Stapellauf will er die Siedlung am Fjord verlassen, begleitet vom Dank und allen guten Wünschen Eriks sowie von einer großen Kiste Silber, mit der der Seekönig seiner Zufriedenheit über das vollbrachte Werk Ausdruck gibt. „Ich müsste ja eigentlich mit der Übergabe des Lohnes warten, bis mein Adler auf dem Wasser des Fjordes schwimmt“, hatte Erik gestern Abend beim Bier gesagt. „Aber mein Vertrauen in dich, Gisli, ist so groß, dass ich dir das versprochene Silber gleich morgen früh abwiegen lassen will. Und du sollst auch die zehn Pfund bekommen, die ich für den Fall versprochen habe, dass es dir gelingt, mich ganz besonders zufriedenzustellen.“ Gisli hat sich dazu entschlossen, beim Stapellauf das Boot mit dem Heck zuerst ins Wasser gleiten zu lassen, wie es bei Flachufern üblich ist. Aus geraden Fichtenstämmen hat er eine Gleitbahn bauen lassen und das Holz mit Tran getränkt.

Der Seekönig vollzieht den Stapellauf selber. Am Morgen hat er den Göttern seinen besten Jungstier geopfert, um sie für sein Vorhaben günstig zu stimmen und sie gebeten, ihre Hand schirmend über dem neuen Schiff zu halten. Jetzt steht er mit der Axt in der Hand am Hecksteven und zerschlägt die beiden Balken, die das Schiff noch stützen. Wie Gisli es berechnet hat, setzt sich der Adler durch seine Schwerkraft langsam in Bewegung und gleitet, immer schneller werdend, unter den Freudenrufen der Zuschauer in das dunkelgrüne Wasser des Fjords. Wellen klatschen ans Ufer, das Schiff wippt ein paar Mal und liegt dann, prächtig anzusehen, im Wasser. Ein paar Männer unter Vilgards Leitung ergreifen von einer Schute aus das Tau, das vom Bug des neuen Schiffes herabhängt, schleppen es zum Landesteg und vertäuen es dort. In wenigen Tagen wird der Adler nicht mehr allein liegen, denn Vilgard und Björn sind mit ihren Männern seit Tagen dabei, die beiden anderen Schiffe, die über Winter an Land gezogen waren, zu teeren und für die Ausfahrt seetüchtig zu machen.

„Jetzt haben wir wieder drei Drachenboote“, sagt Erik stolz und legt Gisli beide Hände auf die Schultern. „Damit habe ich das Versprechen eingelöst, das ich meinen Männern am Abend nach unserer traurigen Rückkehr im Herbst gegeben habe. Ich danke dir und wünsche dir eine glückliche Heimkehr.“

Viele Männer und Frauen winken Gisli nach, als Vilgards leichtes Boot mit dem Schiffsbaumeister an Bord auf dem Wasser immer kleiner wird und schließlich ihren Blicken entschwindet. Gisli winkt zurück. Viermal hat der Mond gewechselt, seit er vor den Winterstürmen mit dem kleinen Boot den Weg gefahren war, den er jetzt in entgegengesetzter Richtung zurücklegt. Der Abschied von der Siedlung am Fjord fällt ihm nicht leicht, doch die Freude auf das Wiedersehen mit Weib und Kindern ist größer. So ist er froh, dass Vilgards Schute bei dem leichten Ostwind gute Fahrt macht.

Anderntags meldet der Mann auf dem Wächterfelsen das Nahen eines Handelsschiffes, das schwer beladen tief im Wasser liegt.

„Gunnar, der Wanderhändler, kommt in diesem Jahr früher als sonst“, freut sich Erik, als er die Nachricht erhält. „Das ist gut so, denn unsere Wintervorräte gehen zu Ende. Es wird Zeit, dass sie aufgefrischt werden.“

Die Nachricht von der Ankunft des Händlers spricht sich schnell in der Siedlung herum. Kinder und Knechte, Frauen und Mägde laufen hinunter zum Fjord, und auch die Männer zögern nicht, dem Händler entgegenzugehen. Selbst Ragnar legt Hammer und Zange beiseite und macht sich humpelnd auf den Weg zum Bootssteg.

Gunnars Knorr wird jubelnd begrüßt, als er endlich festmacht. Der Seekönig geht als erster an Bord, um mit dem Händler für die angebotenen Waren die Preise auszuhandeln. Er legt ihm zum Gruß die Hände auf die Schultern und sagt: „Du bist uns nach langer Winterzeit willkommen. Deine Ankunft sagt uns, dass der Frühling vor der Tür steht. Doch du kommst früh dieses Jahr. Sage mir, woran das liegt?“

Der weißbärtige Händler erwidert den Gruß und blickt dabei Erik mit ernsten Augen an.

„Ich komme nicht nur mit Handelswaren, die euch erfreuen werden“, sagt er nach einigen Augenblicken bedächtigen Zögerns. „Ich bringe euch noch etwas, was Freude und Kummer zugleich auslösen wird.“

„Freude und Kummer zugleich?“, wundert sich der Seekönig. „Du sprichst in Rätseln. Drücke dich deutlicher aus!“

„Ich bringe dir eine Botschaft!“

„Eine Botschaft? Von wem? Rede schon, ich brenne vor Begierde, sie zu hören!“

„Harald lebt!“

Erik fährt zusammen, als habe er einen Schlag bekommen. Die Farbe weicht aus seinem Gesicht, dann laufen Wangen und Stirne rot an. „Was sagst du da?“, dringt er auf Gunnar ein und rüttelt ihn mit beiden Händen an den Schultern. „Harald lebt? Wer hat dir das gesagt?“

„Ich habe ihn gesehen“, sagt der alte Händler mit fast tonloser Stimme.

„Gesehen? Wo?“ Eriks Fragen werden immer barscher, immer knapper. Es ist, als brenne die Ungeduld auf seinen Lippen.

„Er ist in der Gewalt eines räuberischen Stammes“, berichtet Gunnar. „Im Bömlofjord hat Lorolf, den sie den Habgierigen nennen, eine Schar Gleichgesinnter um sich versammelt. Sie lauern in ihren Schlupfwinkeln vorübersegelnden harmlosen Kauffahrern auf und fallen über sie her, aber sie bergen auch Schiffbrüchige und versuchen dann, von den Angehörigen Lösegeld zu erpressen.“

„Und sie haben Harald in ihrer Gewalt?“ sagt, noch immer zweifelnd, der Seekönig. „Ihn und drei seiner Schwertgenossen“, nickt der Händler. „Im letzten Herbst, nach einem Sturm, haben sie die Männer, völlig entkräftet auf einer Planke treibend, aus dem Nordmeer gefischt. Harald wähnte sich, als er nach langer Bewusstlosigkeit die Augen aufschlug, bei ihnen in Sicherheit und glaubte, Lorolf würde ihn und seine Krieger, wenn sie sich von den Strapazen des Schiffbruches erholt hätten, ziehen lassen. Doch der Habgierige hielt ihn hin, nannte ihn seinen Gastfreund und stellte erst, als Haralds Forderung immer dringender wurde, seine Bedingungen.“

„Und was sind das für Bedingungen?“ erkundigt sich Erik.

„Er will für Harald hundert Pfund Silber haben, und für jeden seiner Mannen fünfzig Pfund!“

„Das ist Wahnsinn“, stöhnt Erik auf. Er ist ganz blass geworden. „Woher sollen wir das viele Silber nehmen? Jetzt, wo wir gerade das neue Schiff gebaut haben.“

Der Händler sieht ihn mit ratlosem Blick an. „Ich weiß es auch nicht“, sagt er dann. „Ich habe es bloß übernommen, dir Lorolfs Forderung zu überbringen!“

Die letzten Worte Gunnars lassen Erik misstrauisch werden. Er mustert den alten Mann mit langem, argwöhnischem Blick: „Wie kommt es eigentlich, dass du als Mittelsmann auftrittst und nicht von dem habgierigen Lorolf ausgeraubt wirst? Steckst du mit ihm vielleicht unter einer Decke?“

Gunnar hebt abwehrend die Hände.

„Ich komme als Händler zu ihm“, sagt er dann mit fester Stimme. „Mir gewährt er Kauffrieden, wie es Brauch ist. Ich will nicht verschweigen, dass ich ihm wie andere Fernhändler auch für freie Fahrt in den von ihm bedrohten Gewässern Zoll zahle. Aber du kannst nicht sagen, dass ich mit ihm unter einer Decke stecke. Ich verabscheue wie du sein schmutziges Gewerbe!“

„Aber dein Gewissen stört sich nicht daran, dass die Geschäfte mit ihm und seinen Leuten für dich einträglich sind“, sagt Erik und macht eine verächtliche Handbewegung. „Doch ich danke dir für deine Botschaft. Die Nachricht von Haralds Überleben macht mich froh! Jetzt müssen wir überlegen, wie wir mit dem habgierigen Lorolf und seinem Räuberstamm fertig werden.“

Eriks langes Gespräch mit Gunnar hat die Männer und Frauen unruhig gemacht. Sie haben die beiden am Heck des Schiffes miteinander reden sehen, ohne zu verstehen, worum es bei der lebhaften Unterhaltung ging. Jetzt gibt Erik das Schiff frei.

„Ihr könnt kaufen, was ihr wollt“, ruft er den Wartenden zu. „Und zahlt dem Händler, was er verlangt. Für die Botschaft, die er uns gebracht hat, soll er guten Gewinn machen.“ Die Männer und Frauen drängen sich auf dem Steg zusammen, einige von ihnen springen sogar an Bord des Knorr, dessen Laderaum bis an die Bordwand vollgepackt ist.

Hiltrud kümmert sich um das Gedränge und den Trubel nicht.

Sie tritt Erik in den Weg.

„Was ist das für eine Botschaft, die du durch Gunnar erhalten hast?“ fragt sie und blickt dem Seekönig ins Gesicht. „Betrifft sie auch mich?“

„Sie betrifft dich vor allem“, sagt Erik und packt sie mit beiden Händen bei den Schultern. „Stell dir vor, Harald lebt!“

Hiltrud steht einen Augenblick lang wie erstarrt. Ihre Augen suchen die des Seekönigs, ihr ganzer Körper zittert, sie streckt Erik beide Hände entgegen.

„Was sagst du da? Er lebt? Harald lebt? So haben mich meine Ahnungen doch nicht getrogen? Er lebt! Wann kommt er zurück? Sag doch, wann?“

Die Worte sprudeln nur so aus ihrem Mund. Um beide hat sich ein Kreis von Neugierigen gebildet, und plötzlich steht Ragnar neben ihr.

„Das zu entscheiden ist Sache des Things“, sagt Erik und wendet sich Ragnar zu. „Und dich als unseren Lagmann, der auf die Befolgung der Gesetze zu achten hat, bitte ich, die Thingversammlung einzuberufen, noch bevor der Mond wechselt. Wir haben nicht nur darüber zu entscheiden, wer von unseren Jungmannen Krieger wird; wir müssen auch über eine Lösegeldforderung beraten. Lorolf der Habgierige hat Harald und drei seiner Männer in der Gewalt. Er hat sich ihrer bemächtigt, als sie entkräftet und bewusstlos als Schiffbrüchige an seinen Strand getrieben wurden. Jetzt fordert er zweihundertfünfzig Pfund Silber für ihre Freilassung!“

„Wir antworten ihm mit dem Schwert“, ruft Björn.

Ragnar macht mit der Hand eine abwehrende Bewegung.

„Über eine solche Forderung muß die Thingversammlung beraten“, sagt er dann mit Bedacht. „Hier, auf dem Bootssteg, ist der Ort, Tuche aus Friesland zu kaufen oder Honig aus England, nicht aber, um solche Entscheidungen zu treffen. Das sollten eigentlich alle wissen, denn wozu muß ich sonst als Lagmann in jedem Jahr die Gerichtsordnung für jedermann hörbar auf dem Gesetzesfelsen vortragen.“

Björn schweigt beschämt. Natürlich weiß er, dass nur die Thingversammlung solche schwerwiegenden Entscheidungen treffen darf. Er legt dem Schmied begütigend die Hand auf den Arm. In diesem Augenblick trifft Ingolf am Steg ein, springt von seinem Hengst und tritt auf die Gruppe zu. Eine Gasse öffnet sich, und einer der Umstehenden wirft ihm die Nachricht zu: „Dein Vater lebt!“

Ingolf glaubt im ersten Augenblick, nicht richtig gehört zu haben. Dann verhält er plötzlich den Schritt, bleibt wie erstarrt stehen, blickt mit fragenden Augen zuerst Hiltrud, seine Mutter an, lässt den Blick dann von einem zum anderen gleiten.

„Du hast richtig gehört, Ingolf“, sagt der Seekönig. „Harald, dein Vater, lebt. Er wird von Lorolf dem Habgierigen festgehalten, und wir sollen für seine Freilassung Lösegeld zahlen.“

Ingolf ist plötzlich zu Mute, als gerieten die Planken des Bootsstegs, auf denen er steht, ins Wanken. Alles um ihn herum scheint sich zu drehen, scheint aus den Fugen zu geraten. Mit der Hand macht er eine Bewegung, als wolle er sich festhalten, greift aber ins Leere. Dann hat sich der junge Krieger wieder in der Gewalt.

„Vater lebt“, kommt es flüsternd über seine Lippen, um gleich darauf schreiend aus ihm herauszubrechen: „Vater lebt?“

„Ja“, nickt Hiltrud, geht mit ausgestreckten Armen auf ihn zu, bleibt aber vor Ingolf stehen, ohne ihn zu umarmen. „Harald, dein Vater, lebt! Du wirst ihn, wenn die Götter es wollen, wiedersehen.“

Die Auffälligkeit, mit der Hiltrud die Worte „dein Vater“ betont hat, veranlasst Ingolf, die Augen von der Mutter zu lösen und den Seekönig anzusehen. Erik weicht seinem Blick aus. In diesem Augenblick begreift Ingolf die schwerwiegende Bedeutung, die für ihn die Nachricht von Haralds Überleben hat. Ohne zu wissen, was er tut, dreht er sich auf dem Absatz herum, stürmt mit langen Schritten zu seinem Hengst, an dessen Sattelknauf sein Bogen und sein Speer, die Jagdwaffen hängen, springt in den Sattel und sprengt in wildem Galopp davon, dem Walde zu.

 

Als die Sonne an diesem Tage den Gipfelpunkt längst überschritten hat, reitet Thorleif vom Fjord kommend langsam auf die Siedlung zu und springt vor Björns Haus aus dem Sattel. Er hofft Björnhild dort zu finden. Auf Gunnars Schiff hat er ein Silberkettchen für die Felle eines schwarzen Zobels und eines roten Fuchses erstanden, die er im Winter in den Wäldern erlegt hat. Die Kette will er dem Mädchen schenken.

Doch Björnhild ist nicht im Haus. Die Magd berichtet ihm, sie sei gleich, nachdem sie von Gunnar Mehl, Malz und Honig erhandelt hatte, hinausgegangen in den Wald. „Die Sonne hat sie gelockt“, sagt die Magd. „Lange vor der Dämmerung wollte sie zurück sein.“

Thorleif sieht mit Besorgnis, dass die Märzsonne tief über dem Fjord steht. Die Häuser und Bäume werfen schon lange Schatten. Er springt auf seinen Falben und treibt ihn an. In gestrecktem Galopp reitet er dem Wald entgegen.

Tief im Wald, weit von der Siedlung entfernt, läuft Björnhild leichtfüßig durch eine felsige Schlucht, in der ein Bach fließt. Die Sonne bricht glitzernd und wärmend durch das noch kahle Geäst der Bäume, die feuchte Erde dampft, und das Mädchen genießt den erdigen Duft keimenden Lebens unter welkem Laub. Björnhild hat den Arm voll frisch geschnittener Birkenreiser, und sie bückt sich immer wieder an sumpfigen Stellen nach den weißen Glocken der Märzenbecher, die hier zu finden sind. Mit ihren Gedanken ist sie bei Ingolf, achtet nicht auf Weg und Steg, springt von Stein zu Stein.

Da lässt ein zorniges Brummen Björnhild zusammenfahren. Als sie den Kopf wendet, sieht sie im beginnenden Dämmerlicht, wie sich aus einer Felsspalte eine dunkle Masse löst und direkt auf sie zukommt.

Björnhild weiß sofort, dass sie einem Bären ausgeliefert ist. Nach dem Winterschlaf sind die Bestien hungrig und nehmen jede Beute an. Sie wirft das Reisigbündel weg, lässt die Blumen fallen und greift nach dem kleinen Messer in ihrem Gürtel, mit dem sie die Zweige geschnitten hat. Dabei sucht sie mit den Augen verzweifelt nach einem Fluchtweg. Die Schlucht ist zwar nicht tief, doch ihre Wände sind vom gerade erst geschmolzenen Schnee feucht, glatt und kaum zu erklimmen. Todesangst kriecht dem Mädchen den Rücken herauf, scheint ihre Arme und Beine zu lähmen. Björnhild wirft dem zornig brummenden Raubtier einen gellenden Schrei entgegen und klettert dann in ihrer Verzweiflung auf den armdicken Ast eines Baumes, der über ihr ragt, klammert sich an den Stamm. Da ist auch schon der Bär unter ihr, stellt sich auf die Hinterbeine, reißt den roten Rachen auf und schlägt mit den Vordertatzen nach seiner Beute. Wieder schreit Björnhild gellend, ohne damit den Bären verjagen zu können.

Der Hilferuf des Mädchens bricht sich an den Wänden der engen Schlucht, wird als Echo zurückgeworfen. Aber da ist noch ein Ruf, kraftvoll, herausfordernd. Als Björnhild die Augen öffnet, sieht sie wie durch einen Schleier hinter dem Bären die breitschultrige Gestalt Thorleifs auftauchen und dem Tier von hinten ein Messer in den Rücken stoßen.

Mit schmerzhaft-wütendem Brummen wendet sich der Bär dem Angreifer zu. Ein Felsblock hindert Thorleif, ihm auszuweichen. So trifft ihn der Schlag der schweren Tatze am Kopf, reißt eine blutige Wunde in die linke Wange.

Wieder greift Thorleif das Raubtier, das mit erhobenen Tatzen und aufgerissenem Rachen furchterregend vor ihm steht, mit dem Messer an, das er als einzige Waffe bei sich trug, als er auf der Suche nach Björnhild durch den Wald galoppiert und plötzlich durch den gellenden Hilferuf des Mädchens alarmiert worden war. Durch die erhobenen Vordertatzen des noch immer aufgerichteten braungrauen Riesen ist die Brust ungeschützt. Mit aller Kraft stößt Thorleif zu, doch das Messer gleitet an einer Rippe ab. Dadurch verliert der junge Angreifer für einen Augenblick das Gleichgewicht und gerät in den Bereich der krallenbewehrten Vordertatzen. Mit einer schnellen Bewegung packt der verwundete Bär zu, zerfleischt dem Jungen den Rücken und zieht seinen Körper in tödlicher Umklammerung an seine Brust.

Wieder schreit Björnhild, diesmal aus Angst um Thorleif. Der stößt mit letzter Kraft nochmals mit dem Messer zu, trifft besser. Der Bär stöhnt vor Schmerz auf, lässt einen Augenblick lang von Thorleif ab. Trotz seiner schweren Verletzungen lässt sich der Junge blitzschnell zur Seite fallen, unfähig, noch einmal anzugreifen. Da kommt schräg von oben ein Speer geflogen, bohrt sich tief in des Raubtiers Brust, trifft das Herz. Mit einem Röcheln bricht das mächtige Tier zusammen.

Björnhild blickt in die Richtung, aus der der rettende Speer gekommen war. Da sieht sie am Rande der Schlucht auf einem Felsen Ingolf, der sich gerade anschickt, zu ihr herabzusteigen. Björnhilds Hände, die noch immer den Baumstamm umklammern, lösen sich wie aus einem Krampf. Mehr fallend als gleitend erreicht sie den Boden neben der blutenden pelzigen Masse, die noch ein paar Mal zuckt, um sich dann endgültig zu strecken. Der Bär ist tot.

Björnhild richtet ihre Aufmerksamkeit auf Thorleif. Der Junge liegt mit dem Oberkörper hinter dem Felsblock, wo er geistesgegenwärtig Schutz vor dem Raubtier gesucht hatte, und stöhnt vor Schmerzen. Sein Gesicht ist blutverschmiert, aus dem Rücken haben die Krallen der Bärentatzen große Fleischstücke gerissen, die in Fetzen herunterhängen. Bei jedem Atemzug verspürt Thorleif einen stechenden Schmerz in der Seite. Unter der Umarmung des Bären sind wohl ein paar Rippen gebrochen.

Das Mädchen weiß im ersten Augenblick nicht, was sie tun soll. Dann reißt sie von ihrem leinenen Untergewand einige Streifen, reinigt mit dem klaren Wasser des Bergbaches notdürftig die Rückenwunde, wäscht Thorleif das Blut aus dem Gesicht, sucht unter dem welken Laub nach den frischen Blättern einer heilenden Pflanze, legt sie Thorleif auf die Wunden und verbindet diese dann mit kundiger Hand, sowie ihr das die alte Freydis, die heilkundigste unter den Kräuterweibern am Fjord, beigebracht hat.

Da steht plötzlich Ingolf hinter ihr, zieht dem toten Bären seinen Speer aus der Brust, kniet zu Thorleif nieder. Der öffnet die Augen und lächelt dankbar.

„Du hast uns gerettet, Ingolf“, stammelt er. „Der Bär hätte uns zerfleischt. Zuerst mich, dann Björnhild!“

Ingolf legt dem Verletzten die Hand auf die Schulter und schüttelt dann den Kopf.

„Mein Speer hat sein Ende nur beschleunigt“, sagt er dann. „Der Bär gehört dir. Du hast ihm mit deinem Messer den Garaus gemacht. Sieh her!“ Ingolf beugt sich zu dem Bären hinunter und wälzt das schwere Tier unter großer Kraftanstrengung zur Seite. „Dein erster Messerstich hat ihn genau neben der Wirbelsäule getroffen, ihn also schwer verletzt.“ Dann dreht er den Körper auf den Rücken und deutet auf zwei Einstiche in der Brust. „Einmal ist dein Messer an einer Rippe abgeglitten, der andere Stich aber sitzt genau am Herzen. Den hätte er nicht überlebt!“

„Aber du hast ihn von da oben herab direkt ins Herz getroffen. Das war ein meisterhafter Wurf“, sagt Thorleif.

„Ich habe Glück gehabt“, entgegnet lächelnd Ingolf. „Außerdem weißt du ja, dass ich besser zielen kann als du. Aber einen Bären nur mit dem Messer in der Hand würde ich nicht angreifen, glaube mir.“

Thorleif will noch etwas sagen, doch Björnhild treibt zur Eile. „Wir müssen uns sputen, dass wir heimkommen“, mahnt sie. „Es ist schon dunkel!“

Ingolf pfeift die Pferde herbei. Zuerst kommt Wolke, dann Sturmwind, und beide schnauben angstvoll mit den Nüstern, als sie in die Nähe des toten Bären kommen.

Ingolf und Björnhild wollen Thorleif quer über den Sattel seines Hengstes legen und Wolke zu zweit reiten. Da kommt Ingolf plötzlich ein besserer Gedanke. Er fällt mit der Axt ein paar kräftige Eschenstämme, macht daraus und mit Hilfe von Zweigen eine Schleppbahre, die er am Sattel des Falben befestigt. „Darauf liegt Thorleif besser“, sagt er zu dem Mädchen. „Du setzt dich in den Sattel und sorgst dafür, dass Sturmwind im Schritt bleibt und jedes Hindernis umgeht.“

„Und du? Was machst du?“, will Björnhild wissen.

„Ich schlage noch ein paar solcher Stämme und mache daraus eine zweite, allerdings etwas kräftigere Schleppbahre. Darauf binde ich den Bären fest. Ein mit dem Messer erlegter Bär hat schließlich Anspruch darauf, bestaunt zu werden. Ich wette, dass unter unseren ältesten Jägern am Fjord keiner ist, der einen ausgewachsenen Bären wie diesen nur mit dem Messer angegriffen hat.“

Thorleif lächelt bei Ingolfs letzten Worten und lässt sich widerstandslos auf die Schleppbahre betten.

„Du liegst da ein bisschen hart“, scherzt Ingolf. „Wenn wir deinem Bären erst das Fell über die Ohren gezogen haben, hast du ein weicheres Lager!“

„Das Fell gehört dem, der den Bären getötet hat. Und das bist du.“

„Darüber wollen wir später reden“, beendet Ingolf die Unterhaltung, während der er die zweite Schleppbahre herrichtet. „Jetzt muß Björnhild mir helfen, das schwere Biest da hinaufzuziehen und dann reiten wir heim, bevor der Seekönig seine Krieger aussendet, um uns im Wald zu suchen.“

Später, als der Wald lichter wird und der Weg es erlaubt, nebeneinander zu reiten, stellt Björnhild die Frage, die ihr auf der Seele brennt.

„Wie konnte es geschehen, dass du genau in dem Augenblick zur Stelle warst, als wir in Todesangst schwebten?“

Da berichtet ihr Ingolf von den Gefühlen, die ihn befallen hatten, als er am Morgen erfahren hatte, dass Harald lebe, sein Vater. Dass er, nur um neugierigen Fragen auszuweichen, Hals über Kopf in den Wald galoppiert sei.

„Eigentlich wollte ich dem Wild nachstellen, aber dann habe ich lange auf einem sonnigen Fleck gelegen und nachgedacht. Doch zu einem Entschluss gekommen bin ich dabei nicht. Als im Herbst die beiden Drachenboote ohne Harald heimkamen, hat es mich geschmerzt, keinen Vater mehr zu haben. Jetzt habe ich plötzlich zwei Väter, doch der Schmerz, der mich befallen hat, als ich die Nachricht erhielt, ist derselbe. Ich hing meinen Gedanken nach, als ich auf dem Heimritt in die Nähe der Schlucht kam und in der Waldeinsamkeit plötzlich deine Schreie hörte. Da habe ich Wolke angetrieben und bin in wildem Galopp durch den Wald gejagt, so dass mir die Zweige der Bäume ins Gesicht schlugen. Als ich vom Pferd sprang und einen Blick in die Schlucht warf, sah ich dich auf dem Baum und den Bären sich wütend und gierig auf Thorleif stürzen. Ich hob den Speer und schleuderte ihn der Bestie in dem Augenblick ins Herz, als sie nach dem dritten Messerstich Thorleif stöhnend aus ihren Pranken ließ.“

„Dann meinst du also in der Tat, dass der Bär todwund war, als dein Speer ihn traf?“ will Björnhild wissen.

„Ich habe ihm nur den Todesstoß gegeben, erledigt hat ihn Thorleif mit seinem Messer“, sagt Ingolf und blickt aus den Augenwinkeln auf den Schwerverletzten, der in tiefer Bewusstlosigkeit auf der Schleppbahre liegt.

 

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