Der Sohn des Seekönig

Eine Wikingergeschichte von Gerd Lobin

 

Zwölftes Kapitel

Ein Holmgang und der Königssprung

 

Die Wochen, in denen der Frühling mit dem Winter kämpft, sind ausgefüllt mit den Wettspielen der Jungmänner. Vor dem Odinsmonat ist es nicht ratsam, die Felder zu bestellen, weil der Winter zurückkehren und die Saat vernichten könnte. So vertreiben sich die jungen Männer, die nach den Aprilstürmen auf einen Platz im Drachenboot hoffen, die Zeit mit kriegerischen Spielen, und alles, was Beine hat in der Wikinger-Siedlung am Fjord, nimmt daran Anteil.

Thorleif und Ingolf sind die Ausgelassensten bei diesen wilden Spielen. Sie treiben ihre Hengste zu furiosem Galopp an, wenn die übermütige Schar über die Wiesen jagt. Sturmwind und Wolke erweisen sich dabei immer mehr als gleichwertige Pferde, so wie Sven, der Züchter, es beim Kauf vorhergesagt hatte. Mal ist Ingolf, wenn er sich tief über den Hals seines Rotschimmels beugt, vorn, mal lacht ihm überheblich Thorleif zu, wenn er seinen Sturmwind plötzlich zu schnellerer Gangart antreibt und an Ingolf vorbeiprescht. Diese reiterlichen Zweikämpfe spielen sich meistens weit vor den anderen Jungmännern ab, von denen keiner einen Hengst reitet, der es an Schnelligkeit mit Thorleifs oder Ingolfs Pferd aufnehmen könnte.

Seit dem Bogenschießen hatte sich die Rivalität zwischen Ingolf und Thorleif noch gesteigert. Bei allen Wettkämpfen versuchten sie, sich gegenseitig zu übertreffen, als gäbe es jeweils nur diesen einen Rivalen. Als beim Steinwerfen Ingolf ein guter Stoß geglückt war, schleuderte Thorleif den Stein voller Wut weit über die Marke hinaus und ließ sich schon stolz als Sieger feiern, ohne zu bedenken, dass noch andere Wettkämpfer mit beim Spiel waren. Ulf der Starke aber hatte sich, vielleicht um Thorleif einen Denkzettel zu verpassen, alle Kraft für seinen letzten Wurf aufgespart und den schweren Stein so weit geschleudert, dass er von allen als überlegener Sieger umjubelt wurde, während Thorleif wutentbrannt nach Hause geritten war.

Beim Ringkampf hatte jeder gegen jeden kämpfen müssen. Thorleif hatte sich auf seine überlegenen Kräfte verlassen, doch Ingolf ersetzte mangelnde Kraft durch Gewandtheit. So war es ihm gelungen, mit geschickten Griffen und Schwüngen den starken Ulf von den Beinen zu reißen und zu besiegen, der ganz darauf aus gewesen war, ihn in die Luft zu heben und zu Boden zu werfen. Als beim vorletzten Gang Ingolf gegen Thorleif antreten musste, hatten sie so verbissen gerungen, dass beide schließlich ermattet auf der Erde lagen, Thorleif mit ganz kleinem Punktvorteil und Ingolf mit blutender Nase. Dieser erbitterte Zweikampf war schließlich ausschlaggebend gewesen, denn als unmittelbar darauf Thorleif im letzten Kampf auf Ulf traf, hatte er nicht mehr genügend Kraft gehabt, um sich ihm erfolgreich zu widersetzen. Die beiden bärenstarken Jungen, die ganz der Kraft ihrer Muskeln vertrauten, hatten immer wieder keuchend versucht, sich gegenseitig zu Boden zu werfen, bis schließlich Ulf der entscheidende Griff gelungen war, mit dem er Thorleif von den Beinen heben konnte.

Als Gangolf die einzelnen Ergebnisse zusammengezählt hatte, stellte sich heraus, dass Ingolf neben Ulf und Thorleif Sieger war, weil jeder von ihnen nur einen Kampf verloren hatte; ja, dass eigentlich er zum alleinigen Sieger hätte gekürt werden müssen, da seine Niederlage gegen Thorleif die knappste gewesen war. Sein Name wurde von den Zuschauern mit besonderer Achtung gerufen, und vor allem dort, wo die jungen Mädchen standen, war Beifall für den blonden Ringkämpfer laut geworden. Thorleif war über diese Bevorzugung Ingolfs so wütend geworden, dass er den Blutsbruder zum Holmgang gefordert hatte, der Auseinandersetzung mit den Schwertern, die nach wikingischem Brauch so lange dauern musste, bis Blut floss.

Der Seekönig hatte wutschnaubend seinen Sohn zur Rede gestellt, als ihm die Nachricht von dieser Forderung überbracht worden war. Gudruns und Hiltruds Bitten, den Zweikampf mit scharfen Waffen zu untersagen, hatte er jedoch nicht erfüllen können.

„Ihr wisst genau, dass ein Holmgang eine ernste Sache ist“, hatte er die beiden Frauen beschieden. „Wollte ich ihn unter Hinweis auf die Jugend der beiden Gegner untersagen, so würden die Männer mir und meinen Söhnen mit Recht Feigheit vorwerfen. Wer eine Forderung nicht annimmt oder sich als Forderer nicht zum Kampfe stellt, fällt in größte Schande. Wollt ihr, dass so etwas unseren Söhnen widerfährt?“

„Aber wenn einer den anderen verletzt oder gar tötet“, hatte Gudrun befürchtet.

„Hiltrud und du, ihr solltet dem Können beider vertrauen“, hatte Erik erwidert. „Ich habe ein paar Mal ihren Fechtstunden beigewohnt. Sie können mit dem Schwert, doch auch mit dem Schild, umgehen wie die besten Krieger. Das wird beide vor schweren Verletzungen bewahren, und ein kleiner Kratzer hat noch keinem geschadet, der ein Mann sein will.“

 

Der Holmgang findet auf der großen Wiese hinter Eriks Anwesen statt, auf der unter Aufsicht des Seekönigs der Kampfplatz abgesteckt worden ist. Erik hat einen Teppich, fünf Ellen lang, auslegen und dessen Enden durch Schlingen an Pflöcke heften lassen. Um den Teppich herum ist mit vier Haselstangen ein drei Fuß breiter Raum umgrenzt worden.

In das Kampffeld treten an diesem sonnigen Morgen Thorleif und Ingolf. Als Kinder und Buben haben sie in den vergangenen Jahren oftmals miteinander gebalgt und gekämpft; jetzt treten sie zum ersten Mal in ihrem Leben als Gegner auf. Beide werden dabei von ihren nächsten Freunden als Schildträger begleitet. Thorleif hat sich den starken Ulf ausgewählt, Ingolf hat Henrik zur Seite, Vilgards Brudersohn. Die Rivalen prüfen gegenseitig die Waffen, dann nennt Thorleif nach dem Holmganggesetz die Bedingungen, unter denen sie den Zweikampf austragen wollen: „Jeder darf drei Schilde nehmen“, sagt er mit dunkler Stimme. „Sind diese zerhauen, soll der Zweikampf ohne Deckung weitergeführt werden, bis Blut fließt. Wer den Teppich verlässt, gilt als flüchtiger Feigling und hat verloren.“

Ingolf nickt zum Zeichen seiner Zustimmung, wendet sich dann Henrik zu und nimmt ihm den ersten der drei Schilde ab. „Willst du dich selbst beschirmen?“ wundert sich Thorleif. „Du weißt doch, dass nach dem Holmganggesetz dein Mann mit dem Schild die Schläge deines Gegners auffangen darf.“

„Ich halte meinen Schild selber“, gibt Ingolf gelassen zur Antwort. Als Geforderter schlägt Ingolf zuerst. Er führt sein Schwert dabei schräg von oben, doch Ulf hat aufgepasst und deckt mit dem Schild geschickt Thorleifs gefährdete linke Seite ab. Dumpf trifft das Schwert auf den Schild. Der Schlag ist abgewehrt.

Jetzt ist die Reihe an Thorleif, den ersten Streich zu führen. Er nimmt das Schwert in beide Hände, holt mächtig aus und lässt es auf Ingolf niedersausen. Der reißt seinen Schild hoch und dreht ihn dabei so geschickt, dass Thorleifs Schwert abgleitet.

Die vielen Zuschauer murmeln Beifall. Björnhild, die bei den jungen Mädchen steht, hat glänzende Augen.

„Dein nächster Streich“, fordert Thorleif den Rivalen auf.

Ingolf nickt nur stumm, hebt die Waffe und dringt hinter vorgehaltenem Schild auf Thorleif ein. Er tut so, als wolle er wie beim ersten Mal den Schlag von schräg oben führen, verleitet mit dieser Finte Ulf dazu, den Schild zur Seitendeckung zu heben und haut ihm dann mit mächtigem Schlag von unten den Schild aus der Hand. Holz splittert.

Thorleif wartet erst gar nicht, bis Ingolf sich wieder bereitgestellt hat, sondern schlägt überraschend zu. Ingolf kann gerade noch den Schild hochreißen. Der Schlag ist so kräftig, dass der Schild in zwei Teile zerhauen wird und sich beide Kämpfer ohne Schutz und Schirm mit den blanken Schwertern in der Hand Auge in Auge gegenüberstehen.

„Lass uns ohne Schild weiterkämpfen“, blitzt Thorleif seinen Bruder an.

Da greift der Seekönig ein.

„Halt“, gebietet er und tritt mit ausgestreckter Hand an das Kampffeld heran, ohne es jedoch zu betreten. „Das Holmganggesetz fordert noch zwei Schilde, ehe nur mit den Schwertern gekämpft werden darf. Bewaffnet euch also!“

Thorleif reißt Ulf ungeduldig den zweiten Schild aus der Hand, fiebert dem nächsten Schlag Ingolfs entgegen, denn es ist Gesetz, dass abwechselnd geschlagen werden muß, er selber also erst nach Ingolf den nächsten Streich führen darf.

Ingolf sieht, dass Thorleif den Schild angewinkelt hält und erkennt sofort seinen Vorteil. Ein blitzschneller Schlag von der Seite, und der Schild fliegt davon. Wieder antwortet Thorleif sofort mit gewaltigem Schlag und zerhaut Ingolfs zweiten Schild.

Als Henrik ihm den dritten Schild reicht, geht ein Raunen der Bewunderung durch die Reihen der Zuschauer. Ingolf hält in der linken Hand jetzt den weißen Schild mit der goldenen Schlange, den er in Haithabu von dem Händler Torkil erhalten hat, den Fürstenschild, der für den alten Dänenkönig Harald Blauzahn gefertigt worden war.

Björnhilds Augen werden angesichts des blonden jungen Recken noch glänzender.

„Ein herrlicher Schild“, ruft ihr Vater. „Schade darum, Thorleif wird auch ihn zerhauen.“

Doch bevor Thorleif wieder zuschlagen darf, hat ihm Ingolf mit geschicktem Streich auch seinen dritten Schild aus der Hand geschlagen. Dann dreht er sich blitzschnell zu Henrik um, wirft ihm den eigenen Schild zu und fordert Thorleif auf, anzugreifen: „Jetzt geht es ohne Schilde weiter, jetzt muß sich zeigen, wer von uns der bessere Schwertfechter ist“, reizt er den Gegner. Thorleif greift sofort an, schlägt wieder kraftvoll zu, doch Ingolf tritt einen halben Schritt zur Seite, so dass der Hieb ihn verfehlt. Wieder steht er dem Freund, Bruder und Rivalen Auge in Auge gegenüber.

„Schlag zu“, ruft Thorleif. „Schlag doch zu!“

Aber Ingolf lässt das Schwert nur spielerisch tanzen. Er tut so, als wollte er es dem Gegner in die Brust stoßen, schwingt es dann wieder hart an Thorleifs linkem Ohr vorbei, fordert mit diesen Finten von ihm Verteidigung. Thorleif kommt nicht dazu, selber einen Schlag zu führen, so sehr bringt ihn Ingolf mit seiner Gewandtheit in Bedrängnis.

Dann aber passt Ingolf einen Augenblick lang nicht auf und hat alle Mühe, mit dem Schwert den urplötzlich geführten Streich des Gegners abzuwehren. Es klingt hell wie in der Schmiede, als Schwert auf Schwert prallt und Funken stieben.

„Zwei Prachtschwerter“, murmelt Ragnar stolz. „Und die Jungen verstehen, damit umzugehen“

Thorleif wähnt sich nach diesem Schlag im Vorteil und setzt nach.

Ingolf tritt so behände zur Seite, dass der Gegner ins Stolpern kommt und beinahe vom Teppich getreten wäre. Er kann sich gerade noch halten. Als er sich umdreht, blickt er wieder Ingolf ins Auge, der nun auf der anderen Seite steht und den Vorteil der Sonne im Rücken hat. Thorleif fühlt sich einen Augenblick lang geblendet, sieht in der Sonne etwas aufblitzen, spürt einen Schlag auf die Wange, fühlt gleich darauf, wie es warm herunterläuft. Ehe er auf Ingolf eindringen kann, bricht der Seekönig den Kampf ab: „Halt“, gebietet Erik. „Der Holmgang ist beendet. Thorleif blutet, und damit ist die Herausforderung erledigt.“

„Ich will aber weiterkämpfen“, schreit Thorleif, und seine Stimme bekommt einen schrillen Klang. „Eine solch lächerliche Schramme kann doch einen Holmgang nicht beenden. Ich bin noch lange nicht kampfunfähig.“

„Ihr habt nicht bis zur Kampfunfähigkeit, sondern bis zum ersten Blutstropfen gekämpft“, herrscht ihn Erik an. „Du als Forderer hast vor dem Kampf die Regeln selber verkündet.“ Die Meinung unter den Zuschauern ist geteilt. Die Frauen und Mädchen sind für die Beendigung des brüderlichen Zweikampfes, von den Männern und Jungmännern würde mancher gerne noch länger dieser Auseinandersetzung beiwohnen.

„Einen Waffengang sollte man ihnen noch gestatten“, ruft einer aus der Menge. Der Stimme nach ist es Gumbjörn, der Alte. Der Seekönig blickt sich herausfordernd in der Runde um. Dann zieht er sein Schwert aus der Scheide und sagt: „Der Holmgang ist, wie die Regel es bestimmt, mit dem ersten Blutstropfen zu Ende. Wer jetzt noch kämpfen will, muß gegen mich antreten.“

Murrend gehen die Männer auseinander. Erik aber legt seine rechte Hand Ingolf, die linke Thorleif um die Schulter und folgt mit beiden Jungen den Frauen ins Haus.

Am nächsten Tag sollen die letzten Wettkämpfe der Mannbarkeitsprüfungen ausgetragen werden, das Laufen und das Springen. Hinter Eriks Anwesen versammeln sich wieder die Bewohner der Siedlung, und selbst die Ältesten unter ihnen können sich nicht erinnern, in ihrem langen Leben Kampfspiele gesehen zu haben, bei denen es so spannend zugegangen ist wie dieses Mal, wo alles auf einen Zweikampf zwischen Ingolf und Thorleif hinausläuft.

Bei den bisherigen Kämpfen hat Ingolf überall dort Vorteile gehabt, wo es auf Geschicklichkeit ankam. Bei den Kraftübungen aber war er Thorleif unterlegen, der nicht nur den Stein weiter zu schleudern vermochte als er, sondern dessen Pfeil und Speer auch weiter geflogen waren als sein Speer und sein Pfeil. Die Frage nach dem besten Jungkrieger dieses Jahres muß deshalb an diesem letzten Wettkampftag beantwortet werden. Die Zuschauer haben sich in zwei Gruppen geteilt. Die eine hält zu Thorleif, dessen Stärke vor allem den Männern gefällt. Die andere Gruppe glaubt, dass Ingolf zum Schluss sich als der beste Jungmann erweisen wird.

Björnhild weiß nicht so recht, zu wem sie halten soll. Sie ist seit ihrer Kindheit mit beiden vertraut, hat bisher jedoch geglaubt, ihr Herz schlage für Thorleif. Seit den Ereignissen der letzten Wochen aber, seit Thorleifs merkwürdigem Verhalten, ist sie unsicher geworden. Und seit sie gestern beim Holmgang der beiden Jungkrieger gesehen hat, wie blindwütig der muskelstarke Thorleif auf den Gegner einschlug und wie geschickt Ingolf den gewaltigen Streichen auswich, will ihr das Bild des blonden Jungkriegers mit seinem vergoldeten Königsschild nicht mehr aus dem Kopf gehen. Björnhild errötet, als sich die beiden Jungen für den Wettlauf bereitmachen.

Gangolf hat die Laufstrecke auf der großen Weide abgesteckt, und zwar so, dass ein Viereck entstanden ist, dessen Seitenlängen jeweils 150 Ellen umfassen, so dass insgesamt 600 Ellen zurückzulegen sind. Die vier Ecken der Laufstrecke hat er mit Eschenspeeren markiert, an denen bunte Bänder flattern.

Die Schar der Jungmannen ist in vier Gruppen eingeteilt worden, von denen jede in einem Ausscheidungslauf den Sieger ermitteln soll, bevor die besten Läufer jeder Gruppe zum entscheidenden Rennen antreten.

Thorleif ist gleich in der ersten Gruppe und hat es mit dem starken Ulf zu tun, der bald erkennen muß, dass Schnelligkeit nicht die Stärke eines Muskelmannes ist. Thorleif aber hält sich gegen die anderen Gegner gut, und als die letzten 150 Ellen zurückzulegen sind, hat er die Spitze und kommt, zuletzt mehr stampfend als laufend, am Ziel als Sieger an.

Egbert und Bjarni gewinnen die nächsten beiden Rennen, bevor im letzten Lauf Ingolf auf seine Gegner trifft. Unter ihnen sind ein paar ganz schnelle Läufer. Ehe Ingolf weiß, was geschehen ist, liegt er hinten und muß sich anstrengen, um mit ihnen mitzuhalten. Doch vor dem vorletzten Speer hat er aufgeholt und kann auf der letzten Strecke alle Rivalen abschütteln.

In der Pause vor dem entscheidenden Lauf sind unter den Zuschauern die Meinungen über den Ausgang und den voraussichtlichen Sieger geteilt. Zwischen einigen Männern werden gar Wetten abgeschlossen, und die Einsätze reichen dabei von ein paar Angelhaken bis zu einer Streitaxt.

„Ich setze ein scharfes Schwert auf Ingolfs Sieg“, ruft Ragnar gutgelaunt, „falls sich einer findet, der drei gut gemästete Ochsen dagegen hält. Denn ein Schwert aus Ragnars Schmiede ist allemal drei Ochsen wert!“

„Ich würde die Wette annehmen, denn ich glaube an Thorleifs Sieg“, sagt Björn. „Woher soll ich nach den langen Wintermonaten aber drei gut gemästete Ochsen nehmen? Heufutter lässt die Tiere abmagern.“ Endlich gibt Gangolf das Signal zum Wettlauf, und die vier Läufer rennen los. Thorleif stampft sofort an die Spitze vor Egbert und Bjarni, während Ingolf sich zurückhält.

„Das Schwert hättest du verloren“, raunt Björn dem Schmied zu. „Sieh nur, wie Thorleif rennt!“

Augenblicke später bereut er schon seine Worte, denn Egbert und Bjarni schieben sich auf dem zweiten Teilstück an Thorleif vorbei, der alle Mühe hat, ihr Tempo zu halten. Ingolf scheint schon abgeschlagen, er liegt fünf, sechs Schritte zurück.

Nachdem der zweite Eckspeer passiert und somit die Hälfte der Strecke zurückgelegt ist, wird Bjarni plötzlich müde, fällt hinter Thorleif zurück. Dem sieht man an, welche Anstrengung ihn das Rennen kostet, doch er stampft weiter kraftvoll hinter Egbert her. Als die dritte Eckfahne passiert ist und nur noch die Schluss-Strecke vor ihm liegt, schiebt sich Thorleif an Egbert heran und kämpft ihn in verbissenem Brust-an-Brust-Kampf nieder. Jetzt sieht Thorleif schon das Ziel, hat vielleicht noch sechzig oder siebzig Ellen zurückzulegen, pumpt die letzten Kraftreserven in die müden Beine.

Da geht ein Aufschrei durch die Zuschauer, der sich zu einem Tumult entwickelt. Von hinten schießt leichtfüßig wie ein junger Hirsch Ingolf heran. Er läuft an Bjarni vorbei, passiert Egbert, wird immer schneller, fliegt förmlich über die Weide und entreißt auf den letzten zehn, zwölf Ellen Thorleif den schon sicher geglaubten Sieg. Der Jubel ist kaum zu beschreiben, die Männer schlagen sich gegenseitig auf die Schultern, einige Mädchen kreischen vor Begeisterung. Björnhild hat rote Wangen und glänzende Augen. „Ingolf“, flüstert sie. Und immer wieder „Ingolf, Ingolf!“

Hinter dem Ziel will Ingolf den Arm um Thorleifs Schulter legen, aber der wirft sich, bevor es dazu kommt, der Länge nach auf den noch immer hartgefrorenen Boden. Er hat alles gegeben, ist restlos ausgepumpt und dennoch von einem Besseren besiegt worden. Darüber muß er erst hinwegkommen.

Der Seekönig lässt die jungen Wettkämpfer bewirten. In der Halle tischen die Mägde ihnen Räucherfleisch, Speck, Brot und Milch auf.

„Stärkt euch“, sagt Erik und breitet einladend die Arme aus. „Bevor ich gleich die Pferde herausführen lasse, damit wir sehen können, ob ihr gelernt habt, mit Schild und Schwert in der Hand in den Sattel zu springen.“

Thorleif und Ingolf bereitet es, wie übrigens den meisten anderen Jungmannen auch, keine Mühe, mit einem Satz auf den Rücken der frommen alten Stute zu gelangen, die Thorleif früher geritten hat und die von Erik für diese Übung ausgewählt worden ist. Nur ein paar von ihnen müssen sich aufstützen.

Schwieriger wird es schon, als Erik Anweisung gibt, neben die struppige Stute ein zweites Pferd zu stellen, und die jungen Männer auffordert, sich im freien Sprung über das doppelte Hindernis zu versuchen. Einer nach dem anderen nimmt Anlauf und springt, aber die meisten scheitern. Frauen und Mädchen stoßen Rufe des Schreckens aus, als einige Jungkrieger zu Fall kommen und kopfüber auf den harten Boden stürzen. Die Pferde werden unruhig. Der alte Knut und ein junger Knecht haben alle Mühe, sie zu halten.

Als Thorleif an der Reihe ist, nimmt er kraftvoll Anlauf und schnellt sich empor. Er überwindet das Hindernis, streift aber den Rücken des zweiten Pferdes. Auch Henrik schafft den Sprung nicht, ohne den zweiten Pferderücken zu berühren. Ingolf ist der einzige, der fehlerfrei das Hindernis überwindet. Wie eine Feder fliegt er über die beiden Pferderücken hinweg.

Durch die Reihen der Zuschauer geht ein Raunen, als Erik das dritte Pferd herbeiholen lässt. Es tänzelt unruhig und schlägt mit dem Kopf, so dass es der umsichtige Knut zwischen die Stute und den gemütlichen Braunen stellen lässt, weil er wohl befürchtet, dass es nervös werden und während des Sprungs eines der Jungen ausbrechen könnte.

Zuerst versucht es Henrik. Er nimmt einen langen Anlauf, schwingt sich in die Luft und landet auf dem Rücken des Braunen. Er schüttelt den Kopf und lässt sich zu Boden gleiten. Thorleif wirft einen Seitenblick zu Ingolf, bevor er sich zu seinem Sprung bereitmacht.

„Du musst nur die Beine mehr anziehen, dann schaffst du es schon“, rät ihm Björn und nickt aufmunternd.

Thorleif nimmt seine ganze Kraft zusammen, rennt los, drückt sich ab und überwindet beinahe das mächtige Hindernis. Nur eine Handbreit fehlt ihm zum Triumph, doch diese Handbreit ist entscheidend. Er bleibt mit den Füßen am Rücken des dritten Pferdes hängen und wäre schwer gestürzt, wenn die Knechte ihn nicht aufgefangen hätten.

Ingolf bereitet auch das dreifache Hindernis keine Schwierigkeiten. Nach ein paar Schritten Anlauf schnellt er sich empor und berührt bei seinem Sprung kaum den dritten Pferderücken.

Die Zuschauer jubeln, Erik gibt dem Jungen einen Schlag der Anerkennung auf den Rücken, und Björnhild hat wieder glänzende Augen, als sie auf Ingolf zugeht, um ihn zum Erfolg zu beglückwünschen. Thorleif wendet sich verbittert ab. Björnhild und Ingolf, der Anblick schmerzt ihn irgendwie.

Der Seekönig legt Ingolf die Hand um die Schultern und ruft ihn als Sieger der Mannbarkeitsspiele aus. „Er ist der beste Jungkrieger“, ruft er unter Beifall von allen Seiten.

„Ich bitte dich, noch ein Pferd herbeiführen zu lassen“, fordert Ingolf ihn auf.

Einen Augenblick lang herrscht in der Runde überraschtes Schweigen, dann macht sich die Spannung in lauten Rufen der Bewunderung Luft. „Er will den Sprung über vier Pferde wagen“, sagt Björn zu Ragnar, „den sie den Königssprung nennen!“

Das Raunen und erwartungsvolle Gemurmel unter den Zuschauern verstummt, als Ingolf sich für den Sprung vorbereitet. Er geht gemessenen Schrittes hinüber zu den vier Pferden, bespricht mit den Knechten ihre Aufstellung, tätschelt der alten Grauschimmelstute den Hals und schreitet dann den Anlauf ab. Nach einem Dutzend Schritten bleibt er stehen.

„Nimm einen längeren Anlauf“, ruft ihm einer aus den Reihen der Jungkrieger zu. „Mit den paar Schritten schaffst du es nicht.“

Ingolf lässt sich nicht beirren. Den Kopf leicht gesenkt, die vier mit den Köpfen nickenden und den langen Schweifen wedelnden Pferde scharf ins Auge fassend, steht er ein paar Herzschläge lang unbeweglich an der Ablaufmarke, läuft dann urplötzlich mit langen Schritten an, stemmt sich vor der alten Stute kraftvoll vom Boden ab und überwindet mit gewaltigem Sprung auch dieses Hindernis.

Da bricht der Jubel los. Die Zuschauer umarmen sich gegenseitig vor Begeisterung, die Mädchen kreischen, die Jungkrieger aber umringen Ingolf, heben ihn auf den Schild und stemmen ihn in die Höhe.

„Der Königssprung, der Königssprung“, rufen sie im Takt. „Der Königssprung“, ruft auch Björn. „Wie lange habe ich den Königssprung nicht mehr gesehen.“

„Hier am Fjord ist er erst einem einzigen Jungkrieger geglückt“, belehrt ihn Ragnar, und in seinen Worten klingt Stolz mit. „Das war Harald, Ingolfs Vater.“

 

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