Der Sohn des Seekönig

Eine Wikingergeschichte von Gerd Lobin

 

Elftes Kapitel

Wettkampf mit den Pfeilen

 

Der Winter erweist sich in diesem Jahr als wenig gestrenger Herr. Der Hartmond ist kaum vorüber, da scheint seine Kraft schon gebrochen zu sein. Über Nacht dreht der Wind, der gestern noch schneidend aus Osten blies, nach Süden und weht als milder Hauch über Hügel und Täler. Er lässt an den der Sonne zugewandten Hängen schnell den Schnee schmelzen und bringt Leben in die Siedlung. Die Frauen und Mägde in den Frauenhäusern verlassen die Spinnräder und Webstühle, vor denen sie die dunklen Tage verbracht haben und machen sich im Hof mit Reisigbesen daran, den feuchten Schnee zusammenzukehren. Von den Dächern tropft es, und das Vieh drängt, unruhig stampfend, aus den Ställen hinaus auf die Winterweide.

Am Schiffsbauplatz werden wieder von starken Fäusten, die plötzlich nicht mehr klamm und steif vor Kälte sind, die scharfen Äxte geschwungen und mit kräftigen Schlägen spitze Nägel zur Befestigung der Planken in das harte Eichenholz getrieben. Erik, der neben dem Schiffsbaumeister steht und selber eine Axt in der Hand hält, ist mit dem Fortgang der Arbeiten zufrieden. Er lässt sich von Gisli die einzelnen Arbeitsvorgänge erklären.

„Die Zeiten, wo unsere Schiffe nur mit Holznägeln und Kiefernwurzeln zusammengefügt wurden, gehören der Vergangenheit an“, sagt der Schiffsbaumeister. „Wir vernageln und vernieten die Planken untereinander und erhalten so einen Bootskörper mit dem Kielbaum als Träger, in den wir die Spanten wie Rippen einziehen können. Ragnar hat auf meine Bitte Eisenstifte mit rundem Kopf geschmiedet, die sich von außen durch beide Planken schlagen lassen und innen dann mit einer kleinen Eisenplatte vernietet werden. Ein so zusammengefügtes Boot widersteht auch den schwersten Stürmen auf dem Nordmeer.“

Eriks Auge ruht wohlgefällig auf dem nahezu fertigen Bootskörper seines neuen Schiffes, und er streicht mit der Hand liebevoll über das Eichenholz der Planken.

„Wir dichten die Planken mit teergetränktem Werg ab“, erläutert ihm Gisli. „Beim Vernieten wird die haarige Masse zwischen den Brettern so fest zusammengepresst, dass der Schiffskörper später wasserdicht ist.“

„Warum benutzt du denn nicht Ragnars Eisenstifte, um die Spanten mit den Planken zu verbinden?“ wundert sich Erik. Gisli lächelt bei diesen Worten, als habe er auf die Frage des Seekönigs schon gewartet.

„Eine solche feste Vernietung würde das Schiff starr wie eine Holzkiste machen, die hilflos auf den Wellen torkelt. Wir verbinden Planken und Spanten mit Tauen und Wurzeln und geben dem Schiff auf diese Weise jene Geschmeidigkeit, die es braucht, um auch bei schwerstem Seegang seetüchtig zu sein.“

Die Männer sind dabei, die Oberkante des Bootskörpers mit einer dicken Bohle zu verstärken. An ihrer Unterkante bringen sie eine Leiste mit viereckigen Ausschnitten an, durch die später die Haltebänder der Schilde gezogen werden sollen, mit denen auf See die Bordwand überhöht wird.

„Dort drüben wird der Mastfisch zugehauen“, sagt Gisli und deutet mit der Hand auf zwei Männer, die mit ihren Äxten einen dicken Eichenkloben bearbeiten. „Dieser schlanke Eschenstamm hier wird als Mast das Segel tragen, und dort ist auch schon die Rahstange hergerichtet.“

„Dann ist mein Adler ja schon bald fertig“, sagt Erik lachend. „Und ich hatte gezweifelt, dass wir es überhaupt bis zum Frühjahr schaffen würden.“

„Nun, der laue Wind zeigt doch an, dass das Frühjahr nicht mehr fern ist“, geht Gisli auf Eriks launigen Ton ein. „Außerdem gibt es an dem Boot noch viel Arbeit. Wir haben erst einen Teil der Spanten eingezogen, die Bänke für die Ruderer fehlen noch und die Schnitzer arbeiten an den Schmuckbrettern, die den Vordersteven zieren und jedem Betrachter zeigen sollen, dass ein reicher und mächtiger Häuptling der Herr dieses Schiffes ist.“

 

Die Jungmannen üben sich, nicht weit vom Schiffsbauplatz entfernt, in der Waffenführung. Gangolf hat sie an vielen Wintertagen im Umgang mit dem Schwert geschult, und vor allem Thorleif und Ingolf haben sich dabei schon bald als geschickte Kämpfer erwiesen. Aber auch unter den anderen Dreizehn- und Vierzehnjährigen, die auf einen Platz im Boot hoffen, kann mancher gut mit dem Schwert umgehen.

An diesem milden Wintertag geht es drunten am Fjord um die Fertigkeiten beim Bogenschießen. Einige der Jungkrieger benutzen dabei ihre Knabenbogen, mit denen sie seit Jahren vertraut sind. Andere haben die langen Eibenbogen ihrer Väter mitgebracht, obwohl es ihnen noch an Muskelkraft fehlt, um die Sehne bei gestrecktem Arm voll durchzuziehen. Thorleif gelingt das mit Leichtigkeit. Sein Pfeil, von der Sehne kraftvoll geschnellt, fliegt so weit, dass der Schütze ihn nur mit Mühe wiederfindet. Auch Ingolf erreicht, so sehr er sich auch anstrengt, Thorleifs Weite nicht.

Dafür erweist er sich dem Bruder gleichwertig, als es darum geht, den Pfeil nicht möglichst weit schnellen zu lassen, sondern auf begrenzte Entfernung ein Ziel zu treffen. Gangolf reitet zu einem abseits stehenden Weidenbaum und hängt an den Stamm, dort wo das Astwerk beginnt, einen alten Schild. „Das Ziel ist zu treffen“, ruft er dann den jungen Kriegern zu. Die Entfernung mag hundert oder hundertzwanzig Schritte betragen.

Gangolf hat seinen Speer als Marke in den Schnee gestoßen. Die Schützen treten einzeln heran und lassen ihre Pfeile fliegen. Die meisten schwirren vorbei, zwei bleiben im Stamm der Weide stecken, nur drei aber treffen den Schild. Henrik, Vilgards Brudersohn, hat den Schild am Rand erwischt, Ingolfs und Thorleifs Pfeile stecken mehr in der Mitte.

„Lasst uns die Entfernung vergrößern“, ruft Thorleif. „Ich will wissen, wer mit dem Bogen der Beste ist!“

Gangolf nickt zustimmend und rammt die Lanze zwanzig Schritte vor der früheren Marke in den Boden.

Wieder fliegen drei Pfeile, wieder wird das Ziel dreimal getroffen. Diesmal ist es unverkennbar Henrik, dessen Pfeil der Mitte des Schildes am nächsten steckt. Ingolfs Pfeil hat das Ziel zwischen Mitte und Rand getroffen, Thorleifs Pfeil steckt nahe dem Rand.

„Noch ein Durchgang“, ruft Thorleif mit rotem Kopf. Das Fieber des Wettkampfes hat ihn gepackt. „Zwanzig Schritte mehr!“

„Du hast den ersten Schuss“, ruft ihm Ingolf zu. „Dann kommt Henrik. Ich schieße diesmal als Letzter.“

Thorleif tritt an die neue Marke heran, spannt den Bogen, zielt lange, lässt endlich den Pfeil fliegen. Er trifft den Schild fast in der Mitte.

„Ein Meisterschuss“, sagt Gangolf anerkennend, und die umstehenden Jungmannen murmeln Beifall. „Den muß dir erst einer nachmachen!“

Henrik, der als Nächster schießt, schafft es nicht. Zwar trifft der Pfeil den Rand des Schildes, aber es steckt, der großen Entfernung wegen, nicht mehr Kraft genug hinter dem Schuss, so dass der Pfeil nicht steckenbleibt.

Da macht sich Ingolf zum letzten Schuss fertig. Mit seiner ganzen Kraft spannt er den Bogen, zieht die Sehne bis an die Nasenspitze, zielt einen Augenblick und lässt dann den Pfeil schwirren. Ein Aufschrei der Bewunderung begleitet ihn, als er sich unmittelbar neben Thorleifs Pfeil in das Holz des Schildes bohrt und zitternd steckenbleibt.

„Das ist der bessere Schuss“, sagt Gangolf und klopft Ingolf auf die Schulter. „Dein Pfeil sitzt zwischen Thorleifs Pfeil und dem Zentrum. Du hast gewonnen.“

„Das erkenne ich nicht an“, sagt Thorleif. „Wenn zwei Pfeile so dicht nebeneinander stecken, wie es hier der Fall ist, muß ein Entscheidungsschuss gewährt werden.“

Beifälliges Gemurmel der anderen Jungmannen begleitet seine Worte. „An mir soll es nicht liegen“, stimmt Ingolf auf Gangolfs fragenden Blick zu, obwohl er genau weiß, dass Thorleif dank seiner überlegenen Kräfte bei der größeren Entfernung zwangsläufig die besseren Aussichten haben muß.

„Dann schieß du zuerst“, sagt Gangolf zu Ingolf, nachdem er mit dem Speer die Entfernung nochmals, diesmal um zehn Schritte, vergrößert hat.

Wieder spannt Ingolf den Bogen mit aller Kraft. Seine Muskeln am rechten Oberarm zittern, als er die Sehne zur Nasenspitze zieht. Dann fliegt der Pfeil genau auf das Zentrum des Zieles zu, trifft es dort, wo der Schild seinen Eisenbeschlag hat, fällt zu Boden.

Die Umstehenden bejubeln Ingolfs Schuss. Der Schütze lässt stolz den Bogen sinken, will sich Thorleif zuwenden. Der aber steht schon an der Marke, spannt seinen Bogen, zielt lange und schießt dann. Der Pfeil trifft den Schild direkt neben der Metallplatte, bleibt zitternd im Holz stecken.

„Das war wohl der bessere Schuß“, sagt Thorleif dann zur Überraschung aller Jungmänner.

„Wie kommst du darauf?“, herrscht ihn Gangolf an. „Ingolfs Pfeil hat das Ziel im Zentrum getroffen. Alle haben es gesehen.“ Thorleif wendet sich langsam dem Manne zu, blickt ihn an und fragt dann, jedes Wort betonend: „So? Wo ist denn der Pfeil? Ich habe ihn nicht fliegen sehen. Im Ziel aber steckt nur meiner.“

„Ich kann bezeugen, dass Ingolfs Pfeil den Schild in der Mitte getroffen hat“, sagte Henrik. „Ich auch, ich auch“, rufen mehrere der anderen Jungmannen.

Thorleifs Blick wandert von einem zum anderen. Manche sehen den Sohn des Seekönigs herausfordernd an, andere schlagen die Augen nieder, ohne ein Wort zu sagen. Man könnte es jetzt auf eine Entscheidung ankommen lassen, denkt Thorleif. Dann müsste sich zeigen, wer von den anderen Jungen zu Ingolf hält und wer zu mir. Ehe er aber etwas sagen kann, dreht Ingolf sich zur Seite, geht hinüber zu den Pferden, die ungeduldig mit den Vorderhufen im Schnee scharren, hängt den Bogen an den Sattelknauf seines Hengstes, steigt auf und galoppiert davon. „Der Hengst braucht Bewegung und mir tut sie auch gut“, ruft er den anderen zu.

„Warte doch, ich komme mit“, ruft Thorleif ihm nach. Aber Ingolf hört diese Worte nicht mehr, oder er will sie nicht hören. In gestrecktem Galopp jagt er auf die große Eiche zu, unter der die Schmiede seines Mutterbruders Ragnar steht. Der Rauch, der aus der Esse emporsteigt, zeigt ihm, dass Ragnar bei der Arbeit ist.

Der Schmied steht am Amboss und schmiedet Eisenstifte für den Schiffsbau, während Kai, der Sklave, das Feuer schürt. Als die Glut auflodert, sieht Ingolf, dass Ragnar Besuch hat. Björnhild steht in der Ecke und blickt ihm über die Schulter.

Ragnar lässt sich durch den Eintretenden nicht in seiner Arbeit stören. Erst als er nach geraumer Zeit eine Pause einlegen muß, weil die im Feuer liegenden Rohlinge noch nicht genügend durchgeglüht sind, wendet er sich an den Schwestersohn und erwidert dessen Gruß.

„Welch seltener Besuch“, sagt er. „Was führt dich denn hierher? Ich dachte schon, du habest deine alte Sippe vergessen!“

Ingolf bekommt einen roten Kopf und blickt verlegen zu Boden. Ragnars Worte schmerzen ihn.

Er stottert etwas von Waffenübungen, Jagd und der Notwendigkeit, täglich seinen Hengst zu bewegen, doch sehr überzeugend klingen seine Worte nicht.

„Alles Ausflüchte“, unterbricht ihn Ragnar hart. „Gib zu, dass dir das ungebundene Leben am Hofe des Seekönigs mehr zusagt als Arbeit und Pflicht, die dich bei mir hier oder im Hause deiner Mutter erwarten.“

„Aber du hast doch meiner Erziehung in Eriks Haus zugestimmt“, wundert sich Ingolf über die Vorwürfe seines Mutterbruders.

„Musste ich denn damit rechnen, dass du deine alte Sippe völlig vergessen würdest?“

„Aber glaubst du denn das wirklich, Ragnar?“ mischt sich in diesem Augenblick Björnhild ein. „Denkst du in der Tat, dass Ingolf von seinen Leuten nichts mehr wissen will? Der Umstand, dass er hier vor dir steht, spricht doch dagegen.“

Ingolf wirft Björnhild einen dankbaren Blick zu. Ragnar aber murmelt sich nur unwillig etwas in seinen rotblonden Bart und nimmt wieder Hammer und Zange zur Hand.

„Wenn du schon hier bist, kannst du mir auch bei der Arbeit helfen“, knurrt er und drückt Ingolf das Schmiedewerkzeug in die Hand. „Stell dich da drüben an den anderen Amboss und schmiede Eisenstifte. Gisli kann nicht genug davon bekommen. Ich aber verspüre wenig Lust, immer dieselben Hammerschläge zu tun. Ich muß endlich mal wieder etwas Ordentliches schmieden.“

Einige Augenblicke später arbeiten die beiden, dass die Funken sprühen. Kai, der Sklave, kann gar nicht schnell genug in der Feuersglut die Rohlinge glühend machen, mit solchem Eifer ist Ingolf bei der Sache. Es zischt jedes Mal, wenn er einen fertigen Eisenstift, nachdem er ihn sachverständig betrachtet hat, zum Abkühlen ins Wasser wirft.

„Du kannst ja in der Tat mit dem Schmiedehammer umgehen“, bewundert ihn Björnhild, die ihre Blicke von einem zum anderen wandern lässt; hier der alte Schmied mit seinem im Schein der Feuersglut rot schimmernden Bart, dort der blonde Junge, der die Pelzjacke längst ausgezogen hat und unter den aufgekrempelten Ärmeln seines Leinenhemdes die Muskeln spielen lässt. Als Beinkleid trägt er von den Hüften bis zum Knie eine Bruch aus grünem Loden und darunter eine Hose aus weichem Ziegenleder, deren Beine in durch Riemen zusammengebundenen Lederschuhen stecken. Das Haar hat er mit einem golddurchwirkten blauen Stirnband verziert, und es wallt in blonden Locken bis auf seine Schultern.

„Er hätte als Schmied mein Nachfolger werden können“, knurrt Ragnar. „Das Zeug dazu hat er. Aber Ingolf ist zum Krieger geboren und nicht dazu, sein Leben vor dem Schmiedefeuer und hinter dem Amboss zu verbringen. Doch jetzt kann er mir helfen, den eisernen Stachel für den Vordersteven des neuen Drachenbootes zu schmieden, der den Adler befähigen soll, feindliche Schiffe beim Seegefecht zu rammen. Seit Erik Hakonsson in Drontheim ein solches Eisenbart-Schiff hat bauen lassen, glauben die Schiffsbaumeister wohl, eiserne Rammstachel wären das beste Mittel gegen die immer größer werdenden Königsschiffe. Dabei fehlt noch immer die Kunde von der ersten Bewährung eines solchen Schiffes im Kampf. Aber ich bin Schmied und führe meinen Auftrag aus. Der Seekönig hat offenbar Silber genug, um seinen Adler mit allem auszurüsten, was gut und teuer ist.“

 

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