Der Sohn des Seekönig

Eine Wikingergeschichte von Gerd Lobin

 

Neuntes Kapitel

Ragnars Enthüllungen

 

Es ist Winter geworden am Fjord. Nicht nur die Berge haben Schneekappen, auch die Täler liegen unter einer weißen Decke. Auf dem Wasser treiben Eisschollen, und auf den Höfen bereiten die Frauen das Julfest vor. Erik und Gudrun wollen die Festzeit zum Anlass nehmen, ein großes Gastgebot zu veranstalten, mit dem Ingolfs Erhebung zum Sohn des Seekönigs gefeiert werden soll. Alle Freunde und Verwandten sind dazu eingeladen worden. Unter Gudruns Aufsicht sind die Mägde seit Tagen dabei, aus Gerste Bier zu brauen, aus Weizen und Roggen Brot zu backen. Die Vorratshäuser sind gefüllt, und in den Räucherkammern hängen saftige Schinken und gut durchwachsene Speckseiten, um die große Schar der zu erwartenden Gäste angemessen bewirten zu können.

Am Julabend unternimmt Erik, wie der Brauch es vom Hausherrn verlangt, den Rundgang durch das Anwesen. Er mustert im Küchenhaus den Tisch, den Gudrun dort für die Toten hat decken lassen und der zwölf Tage und zwölf Nächte lang die verstorbenen Ahnen zum festlichen Mahl einlädt. Dann tritt er in den Stall und wirft den Pferden und dem Vieh das Festfutter vor. Die letzte Garbe legt er unter das Vordach, damit auch die Vögel etwas zu picken haben. Dann nimmt Erik Speisen und wirft sie in die vier Winde; er hofft, dass der Wind im kommenden Jahr den Booten günstig wehen wird.

Nach diesen Verrichtungen betritt Erik das Haus, ruft die Familie und das Gesinde zusammen und verriegelt hinter ihnen die Tür. In der Julnacht geht 0din in mannigfaltigen Verkleidungen um und bezeichnet die Toten des kommenden Jahres; da ist es ratsam, die Tür des Hauses entgegen sonstigem Brauch gegenüber jedem Fremden geschlossen zu halten.

In der großen Halle ist der Tisch festlich gedeckt. In der Mitte ruht der Kopf des Julebers, den Erik als Dank und Opfergabe an die Götter eigenhändig geschlachtet hat. Zum Schweinefleisch tischt Gudrun Hirsebrei auf. Die Hausfrau lässt die Augen forschend über die Tafel wandern, ob auch alles seine gute Ordnung habe. Eriks Aufmerksamkeit ist beim Mahle mehr nach außen gerichtet; er lauscht auf jedes Geräusch, bangend, ob es nicht vielleicht Odins Schritt sei, den er knirschend im Schnee vernimmt, und ob da nicht jemand an die Tür klopft. Thorleif und Ingolf geben sich ungezwungen dem Mahle hin, lassen sich Fleisch und Brei schmecken und denken nicht so sehr an den verschollenen Harald, als an den nächtlichen Mummenschanz, den sie gleich nach dem Mahle treiben werden, wenn sie mit den anderen Jungmännern vermummt von Gehöft zu Gehöft ziehen. Sie nehmen sich vor, Björnhild und den anderen Mädchen Schabernack zu spielen.

Die Möwe mit Ingolf am Steuerruder war jubelnd begrüßt worden, als sie vor acht Tagen durch den Fjord gesegelt kam. Ingolf hatte, als das Schiff sich der Siedlung näherte, mehrmals auf der Lure das Ankunftssignal blasen lassen und für solche Umsicht das Lob des Seekönigs erhalten.

„Als unser Ausguck mir meldete, er habe ein Schiff mit weißem Segel gesichtet, befahl ich den Männern, sofort zu den Waffen zu greifen“, hatte er Ingolf erzählt und den Jungen in seine Arme geschlossen. „Dann aber hörten wir das vertraute Signal und konnten unsere Schwerter wieder wegstecken, weil es Freunde waren, die sich näherten.“

Gisli, der Schiffsbaumeister, und heilkundige Frauen hatten sich gleich des verletzten Vilgards angenommen und übereinstimmend festgestellt, dass sein Schädel nicht gebrochen war.

„Er braucht noch zwei oder drei Tage Ruhe, dann wird der Schmerz im Kopf nachlassen“, hatte Gisli versichert. „Ich bin sicher, dass Vilgard wieder gesund ist, wenn das Julfest beginnt.“

Die Prophezeiung des heilkundigen Schiffsbauers hat sich erfüllt. Vilgard ist einer der ersten, der sich am Tag nach dem Julmahl auf Eriks Hof einfindet, um das Fest der bevorstehenden Sonnenwende zu feiern. Er sieht noch ein bisschen blass aus, ist aber wieder guter Dinge. Erik begrüßt ihn herzlich, indem er beide Hände auf Vilgards Schultern legt und den Schwertgenossen an seine Brust zieht:

„Ich bin froh, dich wieder gesund zu sehen“, sagt er. „Ohne dich hätten wir das Julfest hier bei mir nicht so feiern können, wie ihr alle es seit meines Vaters Zeiten gewohnt seid, denn wir hätten weder Gerste und Malz gehabt, um Bier zu brauen, noch Mehl, um Brot zu backen.“

„Danke nicht mir, sondern Ingolf“, wehrt Vilgard ab. „Ob die Möwe ohne ihn heimgekommen wäre, steht in den Sternen. Ich weiß nicht, was geschehen ist, als mich die niederstürzende Rahstange wie ein Keulenschlag traf und plötzlich um mich herum alles dunkel wurde, aber in jenem Augenblick befand sich das Boot in höchster Not.“

„Du meinst also in der Tat, dass Ingolf die Möwe davor bewahrt hat, in den Wellen des Nordmeeres zu versinken?“ Erik sieht seinen Gast ungläubig an.

„Zumindest weiß ich, dass keiner der Männer Ingolfs Wort in Frage stellte. Während der kurzen Augenblicke, in denen die Dunkelheit mich verließ, hörte ich Ingolfs befehlende Stimme Anweisungen geben, und keiner war an Bord, der ihm widersprach. Und als er dann in der Morgendämmerung am Amboss stand, die Manschette für die zerbrochene Rahstange schmiedete und im roten Schein des Feuers sein Haar golden schimmerte, da sind ihm die Herzen der Männer, die auf den Ruderbänken stöhnten und auf eine glückliche Fügung hofften, zugeflogen. Ich weiß nicht, ob ich selber das Boot so schnell wieder flott bekommen hätte.“

„Du, der bewährte Schiffsführer, stellst deine Fähigkeiten hinter die eines Jungen, der zum ersten Mal an Bord eines Schiffes war?“

„Ingolf Haraldsson ist wie sein Vater“, sagt Vilgard bewundernd. „Erinnere dich nur an den schlimmen Tag, als uns die Briten in die Falle lockten und Thorolf, dein Vater, fiel. Da übernahm Harald wie selbstverständlich die Führung und brachte die Drachenboote sicher heim. Daran habe ich denken müssen, als ich mit schmerzendem Schädel, unfähig der geringsten körperlichen Bewegung, im Scherenraum der Möwe lag und über mir im Wind plötzlich ein weißes Segel knatterte, während kurze Zeit vorher noch die Rahstange zerbrochen an Deck gelegen hatte.“

„Das ist lange her“, sagt Erik mit leiser Stimme, und seine Miene verfinstert sich bei den Worten. Doch er verscheucht schnell die aufkommenden trüben Gedanken. „Daran wollen wir jetzt nicht denken. Wir feiern Julfest. Sieh nur, es sind schon viele Gäste in der Halle. Komm, wir wollen uns zu ihnen setzen.“

Erik hat kaum auf dem Hochsitz Platz genommen und Vilgard den Ehrensitz auf der anderen Seite angewiesen, da betreten Ingolf und Thorleif die Halle. Kein Wort des Widerspruchs erhebt sich, als Ingolf wie selbstverständlich auf den Sitz Haralds, seines verschollenen Vaters, zugeht und sich niederlässt. Thorleif hingegen zögert einen Augenblick, ob er Ingolfs Wink, sich neben ihn zu setzen, befolgen soll oder nicht. Das zustimmende Nicken Eriks ermuntert ihn jedoch, es zu tun, und er lässt sich neben dem Bruder nieder.

Während die Männer in der Halle dem Bier zusprechen, das, frisch gebraut, ihnen köstlich mundet, unternimmt in der Küche Hiltrud einen letzten Versuch, Ingolf zu behalten. Sie redet auf Gudrun, die Hausfrau, ein, beschwört sie, Harald nicht den Sohn zu nehmen. Doch Gudrun gibt nicht nach.

„Du solltest lieber über die Totenfeier für Harald nachdenken, anstatt Entscheidungen umstoßen zu wollen, die längst gefallen sind“, sagte sie mit bei ihr ungewohnter Entschiedenheit. „Es sind mehr als zwei Monde her, seit unsere Männer ohne Harald und die anderen heimgekehrt sind. Glaubst du immer noch, dass er eines Tages zurückkommt? Bist du immer noch sicher, dass er nicht tot ist?“

„Ich lebe in seinem Haus und habe noch keine Veränderung entdeckt, die darauf deutet, dass Harald nicht mehr am Leben ist. Niemals hat nachts einer seiner Hunde geheult, und sein Hengst scharrt so ungeduldig mit den Hufen, als warte er nur darauf, dass Harald ihm den Sattel auflegt.“

„Aber es ist Brauch bei uns, dass nach angemessener Frist Abschied genommen wird“, versucht Gudrun sie zu beeinflussen. „Wie soll Harald in Walhall glücklich werden, wenn du hier noch immer auf ihn wartest? Und die große Schar deiner Kinder mit dir?“

Hiltrud senkt den Kopf und sagt dann leise:

„Nur einer wartet nicht mehr auf Harald. Und gerade er hätte allen Grund dazu, weil Harald ihn unter allen seinen Kindern stets besonders ausgezeichnet hat.“

„Lass Ingolf seinen Weg gehen, Hiltrud“, sagt Gudrun besänftigend. „Du weißt, dass die Götter mir, seit ich Thorleif geboren habe, keine Kinder mehr schenken. Lass mir Ingolf, damit ich zwei Söhne habe. Dir bleiben noch fünf.“

„Die aber noch so klein sind, dass ich von ihnen während Haralds Abwesenheit keine Hilfe erwarten kann“, sagt Hiltrud mit Bitterkeit in der Stimme. „Ich muß sie tränken und sättigen, und ich habe keinen starken Arm, der mich dabei unterstützt.“

„Du hast Ragnar, deinen Bruder, und du hast die anderen Männer deiner Sippe, deren Pflicht es ist, Haralds Besitz zu hüten, bis er an seine Erben übergeht. Wenn du so fest an Haralds Rückkehr glaubst, kann dir Ingolfs Erhebung zum Sohn Eriks nur recht sein, weil du noch das Erbmahl hinauszögern kannst, auf das deine Kinder Anspruch haben. Denn deine jüngeren Kinder sind in der Tat noch zu jung, um ihr Erbe anzutreten.“

„Du verstehst es geschickt, mir meinen Schmerz zu versüßen“, sagt Hiltrud mit trauriger Stimme, „wie du immer schon verstanden hast, mir gegenüber deinen Willen durchzusetzen.“

„Was redest du da? Bist nicht du es, die von uns beiden stets die Glücklichere war? Als wir Mädchen waren und die beiden besten Jungkrieger um uns freiten, da wurde ich Erik angetraut, weil die beiden Sippen es so beschlossen hatten, und du bekamst Harald. Die Götter haben deine Ehe mit sechs Kindern gesegnet, ich habe Erik nur einen einzigen Sohn geboren. Wenn du an den Häusern deiner Nachbarn vorbeigehst, kannst du es erhobenen Hauptes tun. Ich spüre noch heute, wie die Leute hinter meinem Rücken wisperten, wenn Erik im Herbst von großer Fahrt heimkam und ich ihm wieder keine Hoffnung auf ein weiteres Kind machen konnte. Doch komm, es ist alles gesagt! Wir wollen in die Halle gehen. Die Männer werden schon auf das Mahl warten.“

In der Halle geht es lustig zu. Die Männer erzählen Geschichten von ihren Beutefahrten, berichten von fremden Küsten, brüsten sich mit Jagdabenteuern und Heldentaten bei blutigen Kämpfen. Eriks dröhnende Stimme übertönt dabei die Schilderungen der anderen, und sein Lachen schallt immer wieder durch den großen Raum.

Ingolf wird von allen Männern als einer der ihren betrachtet. Über den Umstand, dass er die geforderten Mannbarkeitsprüfungen noch nicht abgelegt hat, sehen die Krieger hinweg, seit sie erfahren haben, wie sehr er sich beim Sturm auf dem Meer bewährt hat. „Er hat schon viel geleistet“, rühmt Ragnar seinen Schwestersohn. „Am Amboss hat er sich selbst ein Schwert geschmiedet wie übrigens Thorleif auch, auf der Weide hat er einen Hengst zugeritten, in den Bergen einen Wolf getötet und im Orkan auf dem Meer ein Schiff gesteuert. Wo gibt es einen Dreizehnjährigen, der so etwas von sich behaupten kann?“

Thorleif erlebt mit Missfallen den Wirbel, der um Ingolf gemacht wird. Und als gar sein Vater aufsteht und die Männer bittet, ihm zuzuhören, weil jetzt der Augenblick gekommen sei, wo er Ingolf zu seinem Sohn erheben wolle, senkt Thorleif den Kopf und stiert auf die Tischplatte.

„Ich habe den Sohn meines Gefolgsmannes Harald in mein Haus genommen, wie ihr wisst“, hebt er an. „Diese Entscheidung hat nicht den Beifall aller gefunden, doch die Taten, die Ingolf vollbracht hat, seit er unter meinem Dache lebt, zeigen, dass die Götter auf meiner Seite sind. Harald und ich waren Freunde von Kindheit an. Gemeinsam jagten wir Elch und Bär, gemeinsam maßen wir unsere Kräfte bei kämpferischen Spielen, gemeinsam fuhren wir hinaus auf das Nordmeer. Einen treueren Gefolgsmann, einen besseren Schwertgenossen, habe ich nie gehabt.“

Erik unterbricht seine Rede, trinkt aus seinem Krug und blickt sich dann forschend in der Runde um. Dann spricht er weiter:

„Wir haben zur gleichen Zeit geheiratet, und mein Sohn Thorleif wurde nur wenige Monate später geboren als Ingolf. Die Freundschaft der Väter hat sich bei den Söhnen fortgesetzt. Seit sie auf ihren Beinen stehen können, war Thorleif zu finden, wo Ingolf war und Ingolf, wo Thorleif sich aufhielt. Harald und ich waren glücklich, als die Zehnjährigen uns Schnittwunden an ihren Armen zeigten und berichteten, sie hätten zum Beweis immerwährender Brüderschaft ihr Blut gemischt.“

Wieder macht der Seekönig eine Pause, trinkt einen Schluck aus seinem Krug und mustert die Schar seiner Gäste.

„Wenn es den Göttern gefallen hätte, mich nicht vom Nordmeer heimkehren zu lassen, so hätte ich mir gewünscht, dass Harald die Erziehung meines Sohnes übernehme. Es ist anders gekommen. Harald, der Beste unserer Krieger, ist nach Walhall gesegelt. Ich bin sicher, dass ich seinen Wunsch erfülle, wenn ich seinen Sohn Ingolf zu meinem Sohn erhebe.“

Erik ist von seinem Hochsitz aufgestanden und streckt Ingolf zu seiner Rechten beide Hände entgegen, zieht den Jungen, der sie ergreift, zu sich empor, drückt ihn an seine Brust. Auch die Krieger in der Runde sind aufgesprungen.

„Ich ernenne dich zu meinem Sohn und meinem Erben“, sagte Erik zu Ingolf, nachdem er mit einer Bewegung seiner Hand Thorleif aufgefordert hat, sich an seine linke Seite zu stellen.

„So wie Thorleif und Ingolf seit ihrer frühen Jugend als Freunde und Blutsbrüder alles geteilt haben, sollen sie als wirkliche Brüder meine gleichberechtigten Erben sein. Euch alle, meine Freunde und Schwertgenossen, rufe ich zum Beweis der Gültigkeit dieses Schwures als Zeugen an.“

Die Männer trommeln mit den Fäusten auf die Tischplatte und trinken dann Erik und seinen beiden Söhnen zu. Ingolf gibt ihnen lachend Bescheid, Thorleif hebt mit ernstem Gesicht seinen Becher. Auf der Querbank der Frauen hat Hiltrud Tränen in den Augen, während Gudrun vor Freude strahlt.

Als der Lärm abklingt und die Männer wieder ihre Plätze einnehmen, bleibt nur Ragnar, der Schmied stehen.

„Was aber wird, wenn Harald doch noch heimkehrt“, ruft er mit lauter, jedes einzelne Wort betonender Stimme. „Noch ist die Totenfeier nicht gehalten, noch gilt er lediglich als verschollen. Fürchtest du nicht, Erik, dass er eines Tages vor dich hintreten und seinen Sohn von dir zurückfordern wird?“

Der Seekönig ist wieder aufgesprungen, blickt Ragnar mit großen Augen an, schweigt einen Augenblick und sagt dann, mit einer Bewegung seiner rechten Hand eine Vision verscheuchend: „Sollte das eintreten, was Ragnar angedeutet hat, dann wird es meine und Haralds Sache sein, eine Lösung zu finden. So, wie es in der Vergangenheit bei zwischen uns auftauchenden Schwierigkeiten immer Lösungen gegeben hat.“

Erik lässt sich auf seinem Hochsitz nieder, greift zum Krug und gibt damit zu erkennen, dass er die Aussprache für beendet betrachtet.

„Die Mägde sollen den Braten auftragen“, ruft er Gudrun, seiner Hausfrau, zu.

Doch Ragnar steht noch immer, mit beiden Händen schwer auf die Lehne seines Stuhles gestützt.

„In diesem Augenblick, wo auf dein Geheiß Haralds Sohn unsere Sippe verlassen und in deine Sippe eintreten soll, darf nichts ungesagt bleiben, und auch du, der Seekönig, darfst keiner Frage ausweichen.“

Erik sieht den Schmied unwillig an, nickt dann aber zum Zeichen seiner Zustimmung. Die Älteren unter den Kriegern in der Runde hören aufmerksam zu, doch auch zwischen den jüngeren verstummt die Unterhaltung. Alle spüren, dass Entscheidendes bevorsteht. Vor allem Ingolfs und Thorleifs bemächtigt sich spannende Erwartung.

„So frage ich dich, Erik Thorolfsson, was vor jenem Tage geschehen ist, als du vom Thing zum Seekönig gewählt wurdest?“ ruft Ragnar in die Stille hinein.

„Worauf spielst du an? Was soll damals geschehen sein? Das ist neun Jahre her. Was sollen die alten Geschichten?“

„Die alten Geschichten müssen heute aufgetischt werden, damit es nicht zu Zwietracht unter unseren beiden Sippen kommt, die gar in Blutrache ausarten könnte.“

„Was redest du, Ragnar? Sprich dich deutlich aus!“

Der alte Schmied greift zu seinem Krug und trinkt einen Schluck. Dann setzt er seine Rede fort: „Als wir damals heimkamen ohne Thorolf, deinen Vater, und auf dem Nordmeer kein einziges Boot verloren hatten, weil Harald uns ebenso kühn wie umsichtig geführt hatte, da gab es, wie du weißt, nicht wenige Männer unter uns, die dafür eintraten, Harald zum Seekönig zu wählen. Sie haben den jungen Anführer auf den Schild gehoben und aus dem Boot an Land getragen, um so seine Leistung zu würdigen. Erinnerst du dich, Erik Thorolfsson?“

Eriks Augen wandern an den Eichenbalken der Hallendecke entlang, mit einem Winken seiner Hand bedeutet er Ragnar fortzufahren: „Du hingegen standest damals abseits. Weshalb aber würdigten dich die Krieger kaum ihres Blickes? Weil viele von ihnen dir vorwarfen, du habest den Seekönig Thorolf, deinen Vater, mit deinem Schild nicht so beschirmt, wie es deine Pflicht als sein nächster Schwertgenosse gewesen wäre. Als damals die Briten über uns herfielen und Thorolf den Befehl gab, zurück in die Boote zu springen, warst du einer der ersten an Bord, während Thorolf mit einer Handvoll Krieger den Rückzug deckte. Alle sind erschlagen worden. Nur ich kam davon, weil Harald mich mit dem Schwert heraushaute und mich dann auf seinem Rücken an Bord trug.“

Es ist totenstill in der Halle, als Ragnar seine Rede unterbricht, um sie gleich wieder fortzusetzen: „In die Wahl des neuen Seekönigs ging Harald als großer Favorit. Du hast vorhin so viel von den Gemeinsamkeiten zwischen dir und ihm geredet. Vergessen zu erzählen hast du dabei, dass ihr beide Rivalen wart, denn neben Harald stelltest du dich zur Wahl. Und nicht Harald wurde gewählt, sondern du. Mit einer Stimme Mehrheit, einer einzigen Stimme. Kannst du mir sagen, wie solches geschehen konnte, Erik?“

Der Seekönig hebt die Hände und zuckt mit den Achseln.

„Du hast es eben doch selber gesagt. Ich bekam die Mehrheit, wenn auch nur mit einer Stimme. Und Harald war der erste, der mich zur Wahl beglückwünschte.“

„Das ist richtig! Harald ist ein guter Verlierer gewesen, obwohl es, glaube ich, das erste Mal gewesen war, dass er dir, seinem Blutsbruder, unterlag. Aber wie hätte er sich verhalten, glaubst du, wenn er gewusst hätte, dass du deshalb gewonnen hast, weil die entscheidenden Stimmen gekauft waren?“

Bei seinen letzten Worten hat Ragnar die Stimme anschwellen lassen. „Nun, Erik Thorolfsson, was hätte er wohl gesagt?“

Der Seekönig ist aufgesprungen, hat sein Schwert aus der Scheide gerissen und macht Anstalten, auf Ragnar einzudringen. Vilgard und Björn, der nach seiner Verletzung erstmals wieder in der Runde sitzt, werfen sich dazwischen. Ingolf und Thorleif sehen sich ratlos an. Hiltrud und Gudrun auf der Querbank haben Tränen in den Augen. In der Halle herrscht unbeschreiblicher Tumult.

„Wie kannst du es wagen, mich, den Seekönig, zu bezichtigen, mir meine Wahl erkauft zu haben!“ herrscht Erik den Schmied an, und seine Augen sprühen Feuer.

Ragnar blickt ihm unerschrocken ins Gesicht und weicht keinen Schritt zurück. Dann sagt er ruhig: „Habe ich dich beschuldigt, die Stimmen gekauft zu haben oder habe ich gesagt, du habest deshalb gewonnen, weil die entscheidenden Stimmen gekauft waren?“

„Das ist doch dasselbe“, brüllt Erik. „Außerdem musst du es beweisen.“

„Das ist nicht dasselbe, und ich werde es beweisen“, entgegnet ihm Ragnar ruhig. „Ihr erinnert euch doch alle noch an Alf Alfsson, den alten Schmied, meinen Lehrer, der im letzten Winter den Strohtod gestorben ist, nachdem er so viele Sommer auf dem Nordmeer verbracht, blutige Kämpfe geschlagen und oftmals vor den Toren von Walhall gestanden hatte. Als ich an seinem Sterbelager saß, schickte er die Frauen hinaus und berichtete mir, des gefallenen Seekönigs Sippe habe ihm damals einen großen Beutel Silber gegeben, weil sie wollte, dass Erik, Thorolfs Sohn, zum neuen Seekönig gewählt werde. Und er nannte mir die Namen einiger, die auch einen Sack Silber bekommen haben.“

In der Halle ist es ganz still geworden. Die Augen aller sind auf Erik gerichtet. Der Seekönig ist blass, und seine Augen flackern drohend.

„Für diese Behauptung würde ich dich zum Zweikampf fordern, wenn du nicht ein alter Mann und überdies ein Krüppel wärest“, sagt er mit schneidender Stimme. „Von mir hat damals, vor meiner Wahl, nicht ein einziger Mann auch nur ein Silberstück bekommen, das schwöre ich euch bei allen Göttern. Und wenn Alf Alfsson auf seinem Sterbebett etwas anderes behauptet hat, dann hat er gelogen. Außerdem wisst ihr alle, dass der Alte in seinen letzten Jahren manchmal nicht klar im Kopf war.“

Doch Ragnar, der Schmied, lässt sich nicht umstimmen.

„Wer hat denn behauptet, du hättest den Männern das Silber gegeben? Alf hat gesagt, das Silber sei von deiner Sippe gekommen. Das ist ein Unterschied. Hier geht es heute nicht darum, herauszufinden, ob du davon Kenntnis hattest oder nicht. Neun Jahre sind seither vergangen, und in dieser Zeit hast du dich als Anführer bewährt. Doch deine Sippe ist einflussreicher und wohlhabender denn je. Du und deine Anverwandten besitzen die größten Höfe und die meisten Ländereien hier am Fjord, und nichts kann mehr gegen euren Willen geschehen!“

„Und was hat das alles mit der damaligen Wahl zu tun? Wir haben Glück gehabt auf unseren Fahrten, und die Drachenboote sind jeden Herbst beuteschwer heimgekehrt. Habt ihr nicht alle davon euren Vorteil gehabt?“

„Ja, aber du und deine Sippe, ihr seid reich geworden. Hätte damals Harald eine Stimme mehr bekommen, dann wäre unsere Sippe heute führend.“

„Jetzt weiß ich erst, worauf du hinaus willst“, entgegnet Erik hohnlachend. „Aus dir spricht der Neid eines alten, kranken Mannes.“

Ragnar, der noch immer, auf seinen Stuhl gestützt, an der anderen Seite der Tafel steht, schüttelt den Kopf.

„Aus mir spricht die Wahrheit“, sagt er. „Im letzten Winter nach Alfs Bestattung, habe ich mich gefragt, ob ich sie gleich auftischen sollte. Damals bin ich zu dem Ergebnis gekommen, dass es dem Frieden in unserem Stamm dienlicher wäre, von den alten Geschichten zu schweigen. Aber jetzt hast du sie ans Licht der Erinnerung gezerrt und mit einem Glanz umgeben, der ihnen nicht zusteht. Und deshalb sage ich hier nochmals, und die Älteren unter uns werden sich daran erinnern, dass damals, als die Wahl so überraschend zu deinen Gunsten ausging, nicht nur die Überzeugungskraft der Leute, die für dich sprachen und warben, im Spiel war, sondern auch säckeweise Silber. Habe ich also nicht recht, wenn ich sage, dass die Wahl erkauft worden ist?“

Ragnar lässt sich schwer auf seinen Stuhl fallen, der Seekönig stiert vor sich hin. Die ausgelassene Stimmung, die noch vor kurzem in der Halle herrschte, ist verflogen. Die Männer sprechen den aufgetragenen Speisen zu und hängen dabei ihren Gedanken nach. Erik hat sich in seinem Hochsitz zurückgelehnt und lässt den Blick über seine Krieger schweifen. Dabei fällt ihm ein, wie sehr er gezweifelt hatte, als vor neun Jahren sein Vaterbruder zu ihm gekommen war und ihm erklärt hatte, er könne damit rechnen, zum Seekönig gewählt zu werden. Seine Sippe habe, wie es in solchem Falle ihre Pflicht sei, alles getan, um seine Wahl durchzusetzen. Die Doppeldeutigkeit dieses Satzes kommt ihm in den Sinn. Hat er auch damals diese Worte so aufgefasst, wie Ragnar es soeben behauptet hatte? Erik schüttelt den Kopf, so dass einige der Männer ihn verwundert anschauen. Nein, sagt er zu sich selbst, an der Ordnungsmäßigkeit dieser Wahl hat er niemals gezweifelt.

Eriks Blick fällt auf seine Söhne. Zuerst mustert er Thorleif, dann Ingolf. Wie sehr der Junge doch seinem Vater ähnelt. Der gleiche hohe Wuchs, dieselben ausladenden Schultern, das leuchtende Blondhaar und die hellen Augen. Vielleicht wird er erreichen, was sein Vater deshalb nicht geschafft hat, weil er, Erik, ihm im Wege stand. Ich will dem Jungen dabei den Weg ebnen, nimmt er sich vor, hebt seinen Krug und trinkt seinem neuen Sohn zu.

 

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