Der Sohn des Seekönig

Eine Wikingergeschichte von Gerd Lobin

 

Fünftes Kapitel

Der rote Hengst und der Mann mit dem Kreuz

 

An jenem Tag, an dem Thorleif seinen Verband ablegen und seine Schulter wieder beinahe schmerzlos bewegen kann, löst Erik das Versprechen ein, das er den beiden Jungen gegeben hatte. Es ist ein klarer Tag. Die Herbstsonne wirft lange Schatten, als er mit ihnen eine Schute besteigt und hinüber zur anderen Seite des Fjordes rudert, wo Sven, der Pferdezüchter, seinen Hof und seine Weiden hat.

Ingolf und Thorleif treiben mit kräftigen Ruderschlägen das Boot voran. Die Jungen wetteifern dabei, wer von ihnen der Stärkere ist. Erik am Steuerruder hat Mühe, das Boot auf Kurs zu halten. Mal drückt die Spitze nach links, mal nach rechts hinüber.

Die beiden Jungen keuchen vor Anstrengung, als sie das andere Ufer erreicht haben. Am Bootssteg erwartet sie Sven. „Was seid ihr denn für Ruderer?“ ruft er ihnen entgegen. „Seht euch mal die Kiellinie des Bootes an. Sie sieht aus, als habe sich ein Riesenwurm durch das Wasser geschlängelt.“

„Ich bin mit zwei Burschen gerudert, die sich im Boot wie Hengstfohlen auf der Frühlingsweide benahmen“, ruft Erik gutgelaunt zurück. „Dabei wollen sie schon bald einen Platz im Drachenboot haben und Krieger werden!“

Während Ingolf und Thorleif das Boot festmachen, legen sich die beiden Männer zum Gruß gegenseitig die Hand auf die Schulter, und Erik nennt das Anliegen, das ihn mit den Jungen zu Sven geführt hat. Der kneift ein Auge zu und lächelt hintergründig. „Ich habe ein Mittel, deinen beiden Feuerköpfen den Übermut auszutreiben“, sagt er halblaut zu Erik. „Warte nur, bis wir auf der Weide sind. Dort können sie zeigen, wie viel Kraft in ihren Muskeln steckt.“

Auf der Weide am Berghang tummelt sich eine vielköpfige Pferdeherde in der Sonne. Die Mutterstuten trotten grasend, ihre halbwüchsigen Fohlen springen übermütig umher. Die jungen Hengste traben im Pulk am anderen Ende der Weide. Abseits von ihnen galoppiert mit hochgerecktem Kopf und wehender Mähne ein Rotschimmel davon, als sich die beiden Männer mit Thorleif und Ingolf der Herde nähern.

„Der da drüben, der Schimmelhengst, dämpft jeden Übermut. Bisher hat er allen Versuchen, ihn zu zähmen, widerstanden. Ich will ihn bald verkaufen, denn er bringt mir mit seinem urwüchsigen Temperament die ganze Herde durcheinander. Wer ihn zureitet, bekommt ihn zum halben Preis.“

„Ein Häuptlingspferd“, sagt Erik bewundernd, nachdem er mit abschätzendem Blick den Hengst gemustert hat. „Wartete auf meiner eigenen Weide nicht mein schneeweißer Blitz auf mich, so würde ich ihn selber besteigen und bändigen.“

„Ich will ihn zureiten“, ruft Thorleif. „Das ist ein Hengst, wie ich ihn mir wünsche! Den oder keinen!“

Als Erik die Entschlossenheit seines Sohnes spürt, nickt er stolz. Er weiß, dass Thorleif mit Pferden umgehen kann, hat den Jungen schon oft auf feurigen Hengsten galoppieren sehen.

Sven winkt zwei Knechte herbei, die mit dem Ausbessern der Koppelstangen beschäftigt sind. „Bringt den Rotschimmel her“, ruft er ihnen zu.

Die Knechte laufen davon, jeder mit einem Hanfstrick in der Hand. Als der Schimmel sie kommen sieht, hebt er den Kopf und sieht ihnen mit gespitzten Ohren entgegen. Die Knechte schleichen sich von zwei Seiten an das Tier heran, sorgsam bemüht, hinter vereinzelten Büschen Deckung zu suchen. Als der Hengst den einen der Knechte gewahr wird, setzt er sich sofort in Trab und achtet dabei nicht auf den anderen, der hinter einem Schlehenstrauch kauert. Als der Hengst am Busch vorbeitrabt, wirft der ihm die Hanfseilschlinge über den Kopf. Das Pferd geht sofort vorne und hinten hoch, keilt aus, versucht verzweifelt, die Schlinge abzustreifen, schleppt dann den Knecht hinter sich her, der sich mit beiden Beinen in das Seil stemmt. Das ist der Augenblick, in dem der zweite Knecht von der anderen Seite dem Hengst seine Schlinge über den Kopf werfen kann. Das Pferd tobt ungebärdig, als es die zweite Fessel spürt, aber die Männer, im Umgang mit halbwilden Pferden erfahren, ziehen von beiden Seiten kräftig an ihren Stricken, kürzen sie mit jedem Griff, bis der Rotschimmel mit zitternden Flanken zwischen ihnen steht, angstvoll die Nüstern blähend, unwirsch mit dem Kopf und dem Schweif schlagend und kraftvoll mit den Hufen stampfend.

„Jetzt schnell hinauf auf seinen Rücken, Thorleif“, fordert Sven den Jungen auf, der schon breitbeinig bereitsteht. „Krall dich in der Mähne fest und Pass auf, wenn die Knechte die Seile lockern.“

Thorleif ist blass geworden, als er den Kampf des Hengstes mit den beiden Knechten beobachtet hat. Doch jetzt scheint sich das Pferd beruhigt zu haben, denkt er.

„Gehe schräg von vorn langsam auf ihn zu“, rät ihm der Vater. „Und sprich dabei beruhigend auf ihn ein.“

Der Junge tut, wie Erik ihm geheißen. Und in der Tat, der Hengst lässt ihn herankommen. Er hält seine Ohren zwar gespitzt, mustert mit den Augen halb misstrauisch, halb ängstlich den breitschultrigen Jungen, macht aber keine Anstalten auszubrechen. Mit einem gewaltigen Satz springt Thorleif auf seinen Rücken, krallt sich in der langen Mähne des Dreijährigen fest.

Einen Augenblick lang steht der Hengst wie erstarrt, dann wehrt er sich mit ganzer Kraft gegen den Reiter. Mit allen vier Beinen springt er gleichzeitig ab, macht einen Buckel, geht abwechselnd vorne und hinten hoch, schnaubt und wiehert und macht trotz der Stricke verzweifelte Sprünge.

Thorleif hält sich mit der einen Hand in der Mähne fest, umklammert mit der anderen den Hals des feurigen Tieres. Ein paar Herzschläge lang kann er sich auf dem Pferderücken behaupten, dann verspürt er plötzlich einen stechenden Schmerz in der Schulter, lockert den Griff der Hand und - fliegt im nächsten Augenblick kopfüber ins Gras, wo er benommen liegenbleibt.

Ingolf ist mit zwei Sätzen bei ihm, auch Erik und Sven stürmen herbei. Aber da richtet sich Thorleif auch schon auf, wischt sich mit dem Handrücken Schweiß und Dreck aus dem Gesicht, lächelt gequält und sagt dann tapfer: „Der Hengst hat den ersten Gang gewonnen, der zweite geht an mich.“

Erik schüttelt den Kopf. „Du blutest wieder an der Schulter“, sagt er und schiebt das Hemd zurück. „Hier, die Wunde, die dir der Ast geschlagen hat, ist wieder aufgebrochen. Mit einer solchen Behinderung kann auch der stärkste Mann kein Pferd bändigen. Den Hengst soll zureiten, wer immer will!“

„Ich“, ruft in diesem Augenblick Ingolf. „Ich will es versuchen!“ Und ehe Erik Einwände machen kann, sitzt er auch schon auf dem Rücken des Pferdes, krallt sich in der Mähne fest, presst dem Tier die Oberschenkel in die Seite.

Der Hengst versucht sofort, auch diesen Reiter abzuwerfen. Der Instinkt, der ihm verrät, dass er um seine Freiheit kämpft, verleiht ihm neue Kräfte. Wieder bockt er, geht vorne und hinten hoch, aber Ingolfs kräftige Schenkel legen sich wie eine Klammer um seine Rippen. Der Abstand zwischen seinen einzelnen Sprüngen wird immer größer, seine Versuche, den Reiter abzuschütteln, werden immer matter. Der Hengst ist schweißüberströmt, seine Flanken zittern. Da greift Ingolf mit beiden Händen nach den Hanfseilen, packt sie fest und ruft den Knechten zu loszulassen.

Der Hengst galoppiert sofort davon, doch Ingolf bleibt auch beim rasenden Galopp auf seinem Rücken. Zunächst lässt er ihn laufen, dann aber benutzt er die Hanfseile in seinen Händen als Zügel, lenkt ihn nach rechts, lenkt ihn nach links, zwingt ihn, im Kreis zu laufen, das Tempo zu wechseln, aus dem Galopp in den Trab, aus dem Trab in den Schritt zu fallen. Schließlich zwingt er das Pferd mit starker Hand, neben den drei Männern und den beiden Knechten stehenzubleiben. Der Hengst steht mit zitternden Flanken und gesenktem Kopf. Er hat seinen Herrn gefunden.

„Großartig, Ingolf, der Hengst gehört dir“, ruft Erik anerkennend dem Reiter zu. Und mit einem Seitenblick auf Sven, den Händler, triumphiert er: „Du hast nicht nur ein ausgezeichnetes, sondern auch ein billiges Pferd. Dein Können als Reiter tut meinem Geldbeutel gut. Jetzt wollen wir aber noch einen Hengst für Thorleif aussuchen.“

Auch der zweite Handel ist bald abgeschlossen. Thorleif wählt einen Falben, der von nicht minderer Rasse als der Rotschimmel ist, aber doppelt soviel kostet.

„Der Unterschied ist nur, dass er schon zugeritten ist“, sagt der Händler schmunzelnd. „Der Falbe hat auch schon einen Namen. Er heißt Sturmwind, weil er so schnell ist. Der Rotschimmel, dem Ingolf noch seinen Namen geben muß, wird beim gestreckten Galopp Mühe haben, mit deinem Pferd Schritt zu halten, Thorleif.“

Als die beiden Knechte versuchen, die Hengste in das Boot zu bringen, stoßen sie auf neue Schwierigkeiten. Der Schimmel scheut vor dem Wasser, wiehert ängstlich und rührt sich nicht von der Stelle.

Sven macht ein bedenkliches Gesicht und schüttelt dann den Kopf. „Er könnte aus Angst ins Wasser springen“, sagt er. „Wir müssten ihn fesseln. Das aber ist bei einem soeben gezähmten Pferd nicht ratsam. Es würde euch mit den Hufen die Planken zerschlagen. Am besten ist es wohl, wenn Ingolf ihn um den Fjord herum nach Hause reitet. Dabei kann sich der Schimmel richtig austoben und wird dann bei dir auf der Weide lammfromm sein, Erik!“

„Ich reite auch“, ruft Thorleif, den die Niederlage gegen den Rotschimmel noch immer wurmt.

„Du fährst mit mir und kurierst erst gründlich deine Schulter aus, bevor du dich wieder auf ein Pferd setzt“, sagt der Seekönig mit Entschiedenheit. „Ich denke, dass Sven uns zum Rudern die Knechte mitgibt.“

Diesmal wagt Thorleif nicht, seinem Vater zu widersprechen. Außerdem bereitet ihm seine Schulter arge Schmerzen.

Ingolf gönnt seinem Hengst nur so lange eine Pause, wie er braucht, um ihm Sattel und Zaumzeug aufzulegen. Er weiß, dass er einen weiten Weg vor sich hat. Ein Seitenarm des Fjordes schneidet tief ins Land ein. Ihn muß er umreiten, um zurück zur Siedlung zu gelangen. So springt er in den Sattel, winkt Sven und den Männern im gerade ablegenden Boot einen Gruß zu und galoppiert davon.

Der Weg führt leicht bergan und wird bald schmal und steinig. Ingolf muß den Hengst zu langsamerer Gangart zügeln. Die gibt ihm die Möglichkeit, den Blick schweifen zu lassen. Drunten auf dem in der Sonne glitzernden Wasser erkennt er Eriks Boot als dunklen Punkt. Am Himmel darüber ziehen, Segelschiffen gleich, weiße Wolken.

Das Pferd unter ihm schnauft. Das mahnt Ingolf, auf den Weg zu achten, der hier oben nur ein Felspfad ist. Er tätschelt dem vor wenigen Stunden noch so ungebärdig wilden, jetzt aber brav trabenden Rotschimmel den Hals. „Ich werde dich Wolke nennen“, murmelt er halblaut. „Das ist ein schöner Name für einen Prachthengst wie dich.“

Nachdem er eine ganze Zeit geritten ist, hat er die Spitze des Seitenfjordes erreicht. Der Weg macht einen scharfen Knick. Als der Reiter um die Ecke biegt, hat er eine kleine Wiese vor sich, und unter einem Felsblock links von ihm sprudelt ein Bach. Die Sonne erreicht gerade noch die Wiese.

Der richtige Platz zum Ausruhen, denkt Ingolf. Mir wird eine Erfrischung gut tun, und „Wolke“ kann sich nach dem langen Ritt am Gras satt fressen.

Er gleitet aus dem Sattel, lockert dem Pferd den Zügel, schöpft mit hohlen Händen Wasser aus der Quelle und lehnt sich dann an einen Baumstamm.

Ingolf spielt mit einem Grashalm und schaut dann nach Norden. Die ausgedehnte Gletscherwelt des Jostedalsbreen liegt vor ihm, jenes bizarre Gebirge aus Fels und Eis, in das kaum eines Menschen Fuß vorgedrungen ist. Dort oben, wo Schnee und Eis sich an düsteren Tagen in den Wolken verlieren, hausen die Götter. Von dort aus, so erzählen es die Goden und die Wikinger-Frauen, wenn sich abends am Herdfeuer die Kinder zu ihren Füßen versammeln, unternimmt 0din auf seinem achtbeinigen Grauschimmel Sleipnir weite Ritte über das zerklüftete Land, alles sehend, alles hörend - 0din, der mächtige Gott!

Ingolf lässt den Blick über den Fjord schweifen, nach Süden hin. Da unten, noch weit entfernt, kräuselt Rauch aus der Tiefe empor. Die Siedlung, denkt er. Bis dorthin muß ich noch reiten, und die Sonne steht schon tief. Er reckt die Glieder.

Als er dem Hengst die Zügel anziehen will, hört er den heulenden Ton. Auch „Wolke“ hat ihn gehört, spitzt die Ohren und schnaubt angstvoll. Ingolf legt ihm die Hand auf die Nüstern.

Da ist das Heulen wieder, und Ingolf müsste kein Wikinger sein, wenn er nicht wüsste, wer solche Laute von sich gibt. „Wölfe“, murmelt er. „Wölfe? Was wollen die Bestien denn um diese Jahreszeit schon hier. Im Herbst treiben sie sich doch sonst immer noch droben im Gebirge herum und wagen sich nur im tiefsten Winter in die Nähe der Siedlungen.“

Ingolf hat keine Angst, doch er ertappt sich dabei, wie er nach seinem kurzen Schwert am Gürtel greift, das er ständig mit sich führt, seit er es bei Ragnar zusammen mit Thorleif geschmiedet hat. Er klettert in den Sattel und tätschelt seinem Pferd den Hals. „Ruhig, Wolke“, sagt er. „Ganz ruhig!“

Ingolf ist kaum hundert Schritte geritten, als der Wald in einen kahlen Berghang übergeht, an dessen Fuß der Weg sich teilt. Der eine Pfad führt rechts hinunter zum Fjord und zur Siedlung, der andere kriecht links hinauf und wird meistens nur von Jägern begangen. Ingolf weiß aber von den Viehhirten, dass dieser Pfad auch über den Myrdal-Paß hinüber zum Eidfjord führt, an dem der große Stamm des Seekönigs Thurgeis lebt, der wegen seiner Raubgier und seiner Grausamkeit gefürchtet ist.

Da ist es wieder, das wölfische Geheule, und als Ingolf sich die Augen reibt, sieht er zwei, drei graue Schatten da oben neben dem Pfad nach Myrdal. Nur einen Augenblick lang überlegt er, ob er sein Pferd antreiben und hinunter zum Fjord galoppieren soll, dann lenkt er den Hengst nach links, treibt ihn den Berg hinan.

Hinter einer Krümmung des Weges sieht Ingolf, dass höchste Eile geboten ist. An eine Felswand gelehnt steht ein Mann. In der Hand hat er einen Knüppel, der wohl sein Wanderstab beim beschwerlichen Weg über den Myrdal-Paß gewesen ist. Jetzt wehrt er sich mit dem Stab gegen drei Wölfe, die ihn bedrängen. Es sind, das sieht Ingolf auf den ersten Blick, noch junge, heranwachsende Tiere, keine erfahrenen Wölfe, die listig ihre Beute umschleichen und dann so plötzlich anspringen würden, dass ihr kaum eine Abwehrmöglichkeit bliebe. Diese hier knurren und kläffen den Mann am Felsen immer wieder von vorne an, und der schlägt von Zeit zu Zeit mit dem Knüppel nach ihnen. Ein erfahrener Jäger scheint er nicht zu sein, denkt Ingolf. Dann zückt er sein Schwert, treibt seinen Hengst an und reitet im Galopp auf die Gruppe zu.

Als der von den Wölfen bedrängte Mann ihn kommen sieht, sinkt er mit einem Angstschrei zu Boden und bleibt bewusstlos liegen. Die Wölfe wenden sich dem berittenen Gegner zu. Ehe aber einer von ihnen zum Sprung ansetzen kann, ist Ingolf mit seinem Rotschimmel mitten unter ihnen und spaltet mit dem Schwert den ersten zähnefletschenden Schädel, der rechts neben ihm auftaucht. Jaulend bricht der Wolf in den Läufen ein und rollt den Berg hinunter. Die beiden anderen klemmen den Schwanz ein und laufen davon.

Ingolf springt vom Pferd und beugt sich über den reglos daliegenden Mann. Er ist nicht mehr ganz jung, sicherlich mehr als vierzig Jahre alt. Das Hemd aus feinem Leinen und das pelzbesetzte Wams deuten darauf hin, dass der Mann nicht unvermögend ist. Doch er scheint weder Armring noch sonstigen Schmuck zu tragen. Erst bei genauem Hinsehen entdeckt Ingolf um den Hals des Fremden ein dünnes Goldkettchen, und als er die Bänder des Hemdes aufnestelt, um dem Bewusstlosen Erleichterung zu verschaffen, sieht er, dass daran ein seltsamer goldener Gegenstand hängt: ein einfaches Kreuz, ohne Edelstein oder Verzierung, nur ein Kreuz.

Im gleichen Augenblick schlägt der Fremde die Augen auf und blickt Ingolf voller Angst und Entsetzen an. Seine Augen starren auf das blutverschmierte Schwert, und mit den Händen umschließt er angstvoll seinen Hals, als fürchte er, dass ihm der Kopf abgeschlagen werde.

„Wovor fürchtest du dich?“ erkundigt sich Ingolf. „Doch nicht etwa vor mir?“

Der Fremde nimmt seine Hände von seinem Hals und nickt. „Gehörst du nicht zu meinen Verfolgern?“

„Zu deinen Verfolgern? Wie kommst du darauf? Ich bin hier vorbeigeritten, habe die Wölfe gehört und dann entdeckt, dass sie dich bedrängten. Einem habe ich mit meinem Schwert den Schädel gespalten, die beiden anderen sind mit eingekniffenem Schwanz davongerannt. Das war alles!“

„Dann ist an deinem Schwert also kein Menschenblut?“ Der Fremde weiß immer noch nicht, ob er Ingolf trauen kann.

„Menschenblut? Nein! Mein Schwert ist noch ganz neu. Erst vor wenigen Wochen habe ich es mir geschmiedet. Benutzt habe ich es zum ersten Mal hier, als ich der Bestie den Schädel spaltete. Doch komm, die Sonne wird gleich untergehen. Ich helfe dir auf mein Pferd und dann wollen wir uns sputen, dass wir die Siedlung erreichen, bevor die Nacht sie in ihre schwarzen Schatten hüllt.“

„Welche Siedlung?“ erkundigt sich der Fremde.

„Die Siedlung Eriks am Aurlandsfjord. Ich will nicht wissen, wer du bist und woher du kommst. Dich danach zu fragen und zu entscheiden, was weiter geschehen soll, ist Eriks Sache. Ich habe dich hilflos gefunden und bringe dich zu meinem Ziehvater!“ „Du hast mir das Leben gerettet“, sagt der Fremde und greift nach der Hand des jungen Wikingers. „Das vergesse ich dir nicht!“

„Ich habe nur ein paar halbwüchsige Wölfe vertrieben, die noch nicht wissen, wie man dem Wild nachstellt“, wehrt Ingolf ab.

„Wenn du nicht gekommen wärst, hätten mich die Bestien zerrissen. Ich hatte keine Kraft mehr, mich ihrer zu erwehren. Du bist mein Lebensretter.“

„Gut“, sagt Ingolf. „Jetzt wollen wir aber nicht mehr darüber reden, sondern aufs Pferd steigen. Sonst wird es dunkel, und wir müssen die Nacht hier oben verbringen. Sag mir nur noch, was das für ein seltsames Kreuz ist, das du auf der Brust trägst. Ich habe es vorhin gesehen, als ich dein Hemd öffnete, um dir Luft zu verschaffen.“

„Es ist das Kreuz Gottes, das Zeichen einer neuen Religion“, antwortet der Fremde nach kurzem Zögern. „Wenn ich dir mehr darüber sagen soll, muß ich dir meine ganze Geschichte erzählen.“

„Die wollen wir uns für heute Abend aufsparen“, ruft Ingolf, hilft dem Fremden aufs Pferd und ergreift selber den Zügel, den Rotschimmel antreibend, „wenn du gegessen und getrunken hast und mit den Männern in der Halle des Seekönigs beim Bier sitzt. Ich will Erik bitten, dass er Thorleif und mich zuhören lässt, wenn du berichtest.“

„Und du glaubst nicht, dass er mich davonjagen wird des Kreuzes wegen?“ meint der Fremde und deutet mit der Hand auf die Stelle, wo er unter seinem Hemd das Zeichen trägt.

„Davonjagen? In die Nacht hinaus? Wie kannst du so etwas nur denken? Ist es nicht Gesetz bei uns Wikingern, dass wir jedem, der an unsere Tür klopft, das Gastrecht gewähren? Alles andere wird später entschieden werden.“

 

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