Der Sohn des Seekönig

Eine Wikingergeschichte von Gerd Lobin

 

Viertes Kapitel

Der Schiffsbauer aus Drontheim

 

Seit Stunden arbeiten die Männer droben am Bach im Schweiße ihres Angesichts. Erik hat mehrere Trupps gebildet und jeder Gruppe einen Baum zugeteilt. Er selber geht mit einigen Männern daran, eine kerzengerade gewachsene Esche zu fällen, die als Kielbaum des neuen Langschiffes ausersehen ist. Die Axthiebe dröhnen über den stillen Fjord, ihr Echo hallt mehrfach zurück.

„Horch, Gisli, wie die Äxte unserer Männer arbeiten“, sagt der Steuermann der kleinen Schute zu dem Mann mit der Pelzkappe, der neben ihm sitzt, während die vier Ruderer mit den Föhrenholzriemen das Boot schnell vorantreiben. „Seit Tagen sind sie bei der Arbeit. Erik hält sein Wort. Wenn der Schiffsbaumeister kommt, hat er gesagt, sollen die Stämme, die er für den Bau des neuen Drachenbootes braucht, zu seinen Füßen liegen.“

„Du hast recht, Vilgard“, sagt der Angesprochene. „Und es ist umsichtig von ihm, einen Schiffsbaumeister aus Drontheim zu holen und nicht selber anzufangen, ein Langschiff zu bauen, so wie es früher hier an den Fjorden gemacht worden ist. Die unsachgemäß zusammengefügten Planken sind dann beim ersten Sturm auf dem Nordmeer oft auseinandergebrochen, und viele tapfere Männer sind in den Wellen umgekommen.“

„Und die Boote, die ihr Drontheimer baut, sind seetüchtiger?“ sagt Vilgard zweifelnd.

Gisli lehnt sich auf seinem Sitz zurück und mustert den Schiffsführer mit einem missbilligenden Blick. „Im letzten Winter habe ich ein Schiff gebaut für Raud, den Häuptling auf Salten. Es ist das schönste und größte Drachenboot, das jemals die Meere befahren hat. Raud nennt es liebevoll seine Schlange. Wenn du es sehen könntest, würdest du den Unterschied zwischen einem selbstgebauten Boot und einem Langschiff, dessen Bau ein Fachmann überwacht hat, sofort begreifen.“

Die Abenddämmerung senkt sich auf den Fjord, als das Boot mit dem Schiffsbaumeister an Bord an seinem Ziel ist. Am Anlegesteg erwartet sie kein Mensch.

„Die Männer sind noch alle im Wald“, erläutert Vilgard, der Steuermann, seinem Fahrgast. „Lass uns zum Haus des Seekönigs gehen, sie müssen ja bald kommen.“

Vor Eriks Haus begegnen Vilgard und Gisli einem traurigen Zug. Die Männer tragen nicht nur ihre Äxte, sondern auch zwei Bahren, die sie aus Ästen und Zweigen zusammengefügt haben. Auf der einen Bahre liegt Björn, auf der anderen Thorleif. Ihren blassen Gesichtern sieht man an, dass sie große Schmerzen haben.

Erik tritt auf Vilgard und seinen Begleiter zu.

„Du also bist der Schiffsbaumeister, von dem in letzter Zeit so viel geredet wird“, sagt er zu Gisli. „Ich heiße dich willkommen und bitte dich, die Leitung beim Bau eines neuen Bootes zu übernehmen. Vilgard hat dir ja schon meinen Vorschlag unterbreitet. Du bekommst fünfzig Pfund Silber, wenn du den Winter über bei uns bleibst und wir im Frühjahr ein neues Drachenboot haben. Gelingt es dir besonders gut, lege ich noch zehn Pfund zu.“

Gisli erwidert den Gruß des Seekönigs.

„Ich habe schon viel von dir gehört“, sagt er dann. „Bei uns in Drontheim wird dein Name mit großem Respekt genannt. Alle rühmen deinen Mut und deine Tapferkeit. Das Unglück, das dich deinen besten Mann Harald verlieren ließ, hat auch uns traurig gestimmt, als wir davon hörten. Doch welches Unglück hat euch heute getroffen?“

Erik wiegt den zerzausten Kopf hin und her. Dann fängt er an zu reden: „Wir hatten schon eine prächtige Esche für den Kiel des Bootes gefällt und wollten gerade den letzten Baum umlegen, als sich das Unglück ereignete. Die mächtige Krone der Eiche brach krachend durch das Geäst der Nachbarbäume, ein Ast fiel herunter und traf Björn und Thorleif, meinen Sohn, die nicht mehr schnell genug zur Seite springen konnten. Thorleif hat eine blutende Schulter und wird wohl bald wieder gesund werden. Björn hat es schlimmer erwischt. Ich fürchte, sein Bein ist gebrochen.“

Ehe Erik noch etwas sagen kann, steht der Mann aus Drontheim auch schon neben der Bahre des Kriegers.

„Zeig mir dein Bein, Björn“, sagt er und schlägt die Decke zurück. „Ich habe nicht nur gelernt, Steven, Spanten und Planken zusammenzufügen. Manchmal gelingt mir das auch mit gebrochenen Knochen.“

Gisli tastet behutsam den geschwollenen Unterschenkel Björns ab, der trotz der starken Schmerzen, die jede Berührung verursacht, den Fremden vertrauensvoll anlächelt.

„Pass auf“, sagt Gisli nach einer Weile. „Ich richte den gebrochenen Knochen und mache dir eine Schiene. Dann musst du ein paar Wochen im Haus liegen, bis der Knochen wieder zusammengewachsen ist.“

„Das will ich ja gerne aushalten“, sagt Björn mit schmerzverzerrtem Gesicht. „Wenn ich bloß wieder laufen kann und nicht wie Ragnar ein Hinkebein zurückbehalte.“

„Im Frühjahr, wenn die drei Boote auslaufen, wirst du mit dabei sein“, verspricht ihm Gisli. „Es ist ein glatter Bruch, der wird schnell heilen.“

„Vergiss nicht, dass du das dritte Boot führen sollst“, wirft Erik ein und klopft seinem Gefolgsmann aufmunternd auf die Schulter. Gisli lässt sich ein paar Zweige bringen, schnitzt sie mit dem Messer zurecht, fragt nach Leinen und Bast, richtet mit sicheren Griffen das gebrochene Bein und legt dann den Verband an, von den Umstehenden bestaunt.

„So“, sagt er dann und richtet sich auf. „Ich habe keinen Zweifel, dass Björn zum Julfest wieder auf seinen beiden Beinen stehen kann. Doch nun will ich nach dem anderen Verletzten sehen.“

Der Gast aus Drontheim reinigt mit dem Leinentuch Thorleifs Schulterwunde, tastet vorsichtig den Knochen ab, bewegt den Arm des Jungen im Gelenk.

„Gebrochen ist nichts, wie du schon vermutet hast“, sagt er zu Erik.

„Aber der Schlag gegen die Schulter wird deinem Sohn noch lange Schmerzen bereiten. So eine Prellung kann schlimmer sein als ein Bruch.“

Am Abend sitzen sie in des Seekönigs großer Halle am wärmenden Feuer. Vom Wasser des Fjords her zieht feuchte Kälte herauf, kriecht über die Wiesen, macht sich zwischen den Häusern breit, lässt Frauen wie Männer frösteln. Da tut die behagliche Wärme wohl. Erik hebt den Becher, trinkt dem Schiffsbaumeister aus Drontheim zu.

„Ich grüße dich nochmals“, sagt er. „Mögen die Götter die Hände über dich halten und deine Arbeit hier gelingen lassen! Doch jetzt, Gisli, berichte! Was bringst du uns an neuen Nachrichten mit? Was erzählt man sich in Drontheim?“

Der Ankömmling hebt den Becher und gibt dem Seekönig Bescheid.

„Die Götter sollen auch dich schützen, Erik. Dich und deinen Stamm! Mögest du erfolgreich sein wie dein Namensvetter, den sie den Roten nennen. Von ihm hört man, dass er westlich von Island, dort, wo die Sonne untergeht, grünes Land entdeckt und mit einer Schar Getreuer besiedelt hat. Der Ruhelose scheint sesshaft geworden zu sein.“

„Ist das der rote Erik Thorwaldsson, der im Streit zwei Nachbarn erschlagen hat und darauf vom Thinggericht auf Island zu drei Jahren Friedlosigkeit erklärt wurde?“ erkundigt sich Ragnar, der Schmied. „Ich habe noch seinen Vater, den alten Thorwald, gekannt. Das war auch ein Hitzkopf, der überall Streit suchte. Mit dem bin ich mal in Haithabu, dem großen Handelsplatz im Süden, wohin mich Geschäfte geführt hatten, aneinandergeraten. Als Thorwald das Bier in den Kopf gestiegen war, fiel er mich mit dem Schwert in der Hand an, wütend wie ein reißender Wolf. Ich habe ihm aber gezeigt, wer geschickter das Schwert führt. Nach ein paar Hieben lag er am Boden, und die Frauen mussten seine Wunden pflegen.“

Erik trinkt Ragnar zu und sagt anerkennend: „Es ist wahr, du führtest eine scharfe Klinge. Aber das ist lange her.“

„Über dreißig Jahre“, nickt Ragnar. „Doch jetzt bin ich begierig, mehr über Thorwalds Sohn zu erfahren.“

„Erik der Rote hat, als das Urteil gesprochen war, mit getreuen Freunden ein Boot bemannt und ist losgesegelt, der sinkenden Sonne nach“, berichtet Gisli weiter. „Nachdem er einige Tage gesegelt war, stieß er auf eine felsige Steilküste, kaum zu erklimmen und teilweise von Eis bedeckt. Er segelte mit dem Treibeis die Küste entlang nach Süden, umschiffte ein Kap und kam in freundlichere Gebiete, wo Gras und Moos wuchsen. Erik fand Fjorde wie bei uns, fuhr hinein und entdeckte grüne Täler mit Bachläufen, in denen sich Fische tummelten. Er nannte das Land Grönland und beschloss, es zu seinem Eigentum zu machen.“

„Wenn er dort keine Menschen antraf, war das ja nicht schwierig“, wirft der Seekönig ein. „Doch nur mit Männern kann man kein Land besiedeln.“

„Deshalb segelte Erik der Rote nach drei Jahren zurück nach Island, erzählte dort von dem neuen Land im Westen mit seinen Flüssen und grünen Tälern inmitten der Eiswelt der Berge und machte damit die Leute auf der kargen Insel so neugierig, dass sich scharenweise Männer, Frauen und Kinder einschifften und nach Grönland fuhren. Wenn es stimmt, was die Händler berichten, dann sind im letzten Sommer mehr als zwanzig Schiffe westwärts gesegelt. Angekommen sind aber wohl nur vierzehn, einige sind umgekehrt, andere sind in den rauen Wellen des Nordmeeres versunken.“

„Und Erik der Rote ist mit ihnen gefahren?“ erkundigt sich der Seekönig. „Er war der erste, der die günstige Drift im Frühjahr ausnutzte. Es heißt, dass sein Haus nahe der südlichen Spitze Grönlands steht. Er nennt es Brattahlid. Weiter nordwestlich haben sich die anderen Island-Auswanderer angesiedelt.“

Als Gisli seine Rede beendet hat, drängt Ingolf sich nach vorn. „Kann man von hier nach Grönland segeln?“ erkundigt er sich mit rotem Kopf. „Ich meine, wenn man ein gutes Drachenboot hat?“

„Mit einem guten Langschiff kannst du überallhin segeln“, sagt der Schiffsbaumeister. „Du brauchst es mir nur zu sagen, dann baue ich dir ein Boot!“ Er lacht bei diesen Worten und haut sich mit den flachen Händen auf die Schenkel. „Allerdings kostet das eine Kleinigkeit!“

Die anderen Männer fallen in das Gelächter ein. Nur Ingolf verzieht keine Miene. Sein Kopf ist allerdings noch ein bisschen roter geworden als vorhin bei Gislis Erzählungen.

„Ihr braucht gar nicht zu lachen“, begehrt er auf und sieht sich herausfordernd im Kreise um. „Eines Tages werde ich ein Drachenboot führen und damit über das Nordmeer fahren. Mein Boot wird das schönste und schnellste auf allen Meeren sein!“

Gisli und Erik und auch die anderen Männer hören auf zu lachen. Das Schweigen, das plötzlich in der eben noch so fröhlichen Halle herrscht, durchbrechen Gislis fragende Worte, an den Seekönig gerichtet: „Wer ist der Junge, der hier mit Männern reden darf, als wäre er ein erprobter Krieger?“

Erik legt die Hand auf Ingolfs Schulter.

„Es ist Ingolf, Haralds Sohn. Bald wird er mein Sohn, der Sohn des Seekönigs sein. Es ist mein Wille, diesen vaterlosen Jungen hier, den Spross meines toten Gefolgsmannes Harald, zu meinem Sohn zu erheben. Es soll keinen Unterschied geben zwischen ihm und meinem eigenen Fleisch und Blut, und ich will aus ihm einen tapferen Krieger und einen Anführer machen, wie sein Vater einer war.“

 

Diesen Artikel weiter empfehlen …. href="http://www.manfrieds-trelleborg.de"

zum Inhaltsverzeichnis oder direkt Zum Tor

 

6,312,766 eindeutige Besuche

Top Zum Seitenanfang