Der Sohn des Seekönig

Eine Wikingergeschichte von Gerd Lobin

 

Drittes Kapitel

Zwei Schwerter und ein Versprechen

 

Über Nacht ist es kalt geworden am Fjord. Der Sturm, der gestern geheult hat wie eine Meute hungriger Wölfe, ist abends abgeflaut, und der Winter hat seinen Vorboten, den Nachtfrost, geschickt. Sein kalter Hauch hat die Herbstblumen zu bizarren Gebilden erstarren lassen, und die Knechte sind schon früh in die Berge gestiegen, um die Schafe, die den Sommer über oben weideten, ins Tal zu treiben.

Trotz des ausdauernden Gelages gestern Abend sind auch in Eriks Haus die Männer schon früh auf den Beinen. Die Äxte geschultert, ziehen sie in den Wald, der gleich hinter der Schmiede beginnt. Erik ruft im Vorbeigehen Ragnar einen Gruß zu.

„Beeilt euch mit dem Fällen der Bäume“, ruft der Schmied zurück. „Wenn der Wind dreht, kann es Schnee geben, und dann ist Holzmachen nicht gerade ein Spaß!“

Ingolf und Thorleif, die am Ende des Zuges gehen, bleiben bei Ragnar stehen.

„Wir wollten dich bitten, uns eine Axt zu geben, damit wir den Männern helfen können“, sagt Ingolf. „Heute wird jede kräftige Hand gebraucht.“

„Wer Kraft hat, kann sie auch anderswo einsetzen“, sagt Ragnar vieldeutig. „Ich dachte eigentlich, ihr seid gekommen, um euch bei mir zu bewaffnen, nachdem es seit gestern Abend ausgemachte Sache zu sein scheint, dass ihr im Frühjahr einen Platz in einem Boot bekommt.“

„So gib jedem von uns ein Schwert, Erik wird es bezahlen“, fordert Thorleif den Schmied auf.

Ragnar streicht sich, wie es seine Gewohnheit ist, den zerzausten Bart, dreht sich um und geht ohne ein Wort zu sagen in die Schmiede. Dort mustert er mit kritischem Blick die scharf geschliffenen Schwerter, die an den Wänden hängen, nimmt eines herab, lässt es mit kraftvollem Hieb durch die Luft sausen, prüft mit dem Daumen bei einem anderen die Klinge, mustert mit nachdenklichem Blick die beiden blonden Jungen, die vor ihm stehen. Schüttelt dann den Kopf.

„Alles nur ganz normale Schwerter, wie sie jeder Krieger trägt“, sagt er dann, mehr zu sich selbst als zu den beiden Freunden. „Nichts für künftige Helden!“

Dann geht Ragnar auf einen Stapel Eisenstäbe in der Ecke zu, wählt sorgsam zwei aus, drückt jedem der beiden Jungen einen in die Hand.

„Da“, sagt er lächelnd. „Da habt ihr eure Schwerter!“

Ingolf und Thorleif sehen den Schmied ratlos an. „Das sollen unsere Schwertersein?“ empören sie sich wie aus einem Munde. „Zwei verrostete Eisenstangen? Willst du uns narren?“

Als er die Ratlosigkeit und Empörung der Jungen sieht, bricht Ragnar in lautes Gelächter aus und schlägt sich vor Vergnügen mit der flachen Hand auf den Schenkel.

„Das sind noch nicht eure Schwerter, ihr Helden, das sollen sie erst werden“, sagt er dann, noch immer lachend. „Ein rechter Wikinger schmiedet sich seine Waffe selber. Es wird hohe Zeit, dass ihr es lernt. Los, Ingolf, schüre das Feuer. Du hast es ja schon oft genug gemacht. Und du, Thorleif, nimm den Hammer, sobald das Eisen glühend ist.“

Ragnar kümmert sich nicht weiter um die beiden Freunde. Er legt die beiden ausgesuchten Eisenstangen in die Glut, sieht zu, wie sich das schwarze Eisen rötet, reibt sich die Hände, bevor er zur Zange greift, schiebt damit das eine Eisenstück an den Rand des Glutberges, der seinen blonden Bart rot leuchten lässt, ergreift mit der Zange in der linken Hand die andere glühende Eisenstange und legt sie auf den Amboss. In die Rechte nimmt er einen Hammer und winkt Thorleif zu, nach dem schweren Vorschlaghammer zu greifen.

„Los, Junge“, ermuntert er ihn. „Wir schmieden jetzt dein Schwert. Gleichmäßig schlagen, bitte!“

Thorleif ist mit Feuereifer bei der Sache. Er schwingt den schweren Hammer mit aller Kraft, lässt ihn auf die glühende Eisenstange sausen. Funken sprühen grell, das Eisen biegt sich wie ein Bogen.

„Schlag mit mehr Gefühl“, raunzt ihn Ragnar an. „Du sollst keinen Ochsen betäuben, sondern ein Schwert schmieden. Los, versuch es noch einmal.“

Ragnar hat währenddessen das glühende Eisen herumgedreht und mit leichten Hammerschlägen gerade geklopft. Ping, ping, ping macht der Hammer.

Pang, klingt es dazwischen, als Thorleif mit dem schweren Hammer zuschlägt, diesmal ohne gewaltige Kraftanstrengung. Wieder sprühen Funken, und die beiden Jungen sehen, wie sich der Eisenstab am Ende verbreitert.

„Gut so“, ermuntert der Schmied den Jungen. „Mach weiter, Thorleif! Schöne, gleichmäßige Schläge, immer auf dieselbe Stelle. Alles andere überlasse mir!“

Das Ping - päng, Ping - päng, Ping - päng klingt lustig. Frauen, die draußen vorübergehen, glauben, Ragnar sei mit seinem Knecht bei der Arbeit.

Thorleif läuft nach einigen Minuten der Schweiß von der Stirn. Das Schlagen mit dem Vorschlaghammer strengt an. Doch er sieht mit wachsender Begeisterung, wie die Eisenstange unter den Doppelschlägen immer schwertähnlicher wird.

Ragnar nimmt das halbfertige Schwert, schiebt es in die Glut. Dann greift seine Zange nach der anderen Eisenstange.

„So, Ingolf, jetzt bist du an der Reihe, und Thorleif hat Pause. Los, Junge, schmiede dir dein Schwert!“

Ingolf hat gut aufgepasst vorhin. Und da er Ragnar schon oft in seiner Schmiede geholfen hat, fällt es ihm leicht, den Vorschlaghammer zu schwingen und gleichmäßig auf das Eisen zu schlagen, das sich mit jedem Schlag mehr verformt. Nach guten Dutzend Doppelschlägen zieht Ragnar die Zange vom Amboss.

„Prächtig“, lobt er den jungen Schmied. „Der Rohling deines Schwertes ist ausgezeichnet gelungen. Wenn du nachher so weiter machst, bekommst du ein Schwert, um das dich jeder Kämpfer beneiden wird, weil er denkt, der kunstfertige Ulfbert in Köln oder dein Mutterbruder Ragnar habe es für dich geschmiedet. Doch jetzt ist Pause, weil die Rohlinge ihre Zeit brauchen, um gut durchzuglühen. Umso besser gelingt später die wichtige Feinarbeit, auf die es ankommt, denn es sollen ja zwei Prachtschwerter werden.“

„Warum lässt du uns die Schwerter selber schmieden, Ragnar?“ erkundigt sich Ingolf, als sie mit dem Schmied in seiner dürftigen Stube sitzen und sich an Brot, Käse und Milch stärken. „Wenn das jeder Wikinger tun wollte, hättest du bald keine Arbeit mehr.“

Der alte Schmied lächelt wieder und krault sich dabei seinen Bart.

„Du hast recht“, sagt er dann. „Das wäre in der Tat fatal. Ich hoffe auch nicht, dass ihr beide, Thorleif und du, alle eure Schwerter künftig selber schmieden werdet. Aber ihr müsst es können, müsst wissen, wie Schwerter und Äxte geschmiedet werden. Eines Tages wird jeder von euch ein Drachenboot führen, vielleicht wirst du, Thorleif, oder du, Ingolf, einmal Seekönig sein. Und vielleicht wird kein Schmied wie der alte Ragnar zur Stelle sein, wenn nach harter Schlacht die schartigen Klingen zu nichts mehr taugen und ihr neue Waffen braucht. Dann werden alle Männer ratlos auf den Anführer starren, und es wird gut sein, wenn er das Feuer anblasen lassen und sich und den Männern neue Waffen schmieden kann.“

Ragnar steht nach diesen Worten auf und geht zurück zum Amboss. Die Jungen folgen ihm. Als Ingolf sieht, wie der Schmied seinen weißglühenden Rohling aus dem Feuer zieht und auf den Amboss legt, will er wieder zum großen Hammer greifen. Doch Ragnar winkt ab.

„Was jetzt kommt, ist Feinarbeit, die nur ein erfahrener Schmied besorgen kann“, sagt er. „Aber passt gut auf, ihr beiden, seht mir genau auf die Finger. Seht euch meine Schläge an und die Art, wie ich das Schwert mit der Zange halte. Dann wisst ihr, wie man eine Waffe schmiedet.“

Was Ragnar mit Zange und Hammer macht, erscheint den beiden Jungen wie Zauberei. Ingolfs Schwert wird, das sehen auch sie, eine prachtvolle Waffe, beidseitig geschärft, mit gleichmäßig auslaufender Spitze. Mehrmals taucht es der Schmied ins Wasser, lässt es zischend abkühlen, bevor er es im Feuer wieder glühend macht und dann von neuem mit dem Hammer bearbeitet. Endlich scheint er mit seiner Arbeit zufrieden zu sein, denn er nickt wortlos.

„Da“, sagt er dann zu Ingolf. „Es ist fertig, dein Schwert. Ihm fehlt nur noch der Griff und natürlich der Schliff!“

Er schwingt die Zange mit dem Schwert über seinem Kopf. Ehe er es verhindern kann, greift Ingolf danach, zieht jedoch mit einem Wehlaut die Hand schnell zurück. Er hat sich die Finger verbrannt.

Ragnar stellt das Schwert zur Seite und lacht lauthals.

„Noch eine Lehre für euch, ihr beiden Helden“, sagt er dann. „Es ist nicht ganz ungefährlich, heiße Eisen anzupacken, weil man sich daran schnell die Finger verbrennt. Nicht nur in der Schmiede.“

Als Thorleif und Ingolf zur Mittagszeit aus der Schmiede kommen, die frisch geschmiedeten und sorgsam geschliffenen Schwerter stolz im Gürtel tragend, läuft ihnen Björnhild über den Weg, Björns hübsche Tochter. Das Mädchen hat die blonden Zöpfe wie einen Kranz um die Stirn gewunden und über die Schultern einen warmen Umhang gehängt, der sie vor dem kalten Wind schützt. Unter dem Arm trägt sie einen leeren Weidenkorb.

„Was hast du im Wald gesucht, Björnhild?“ redet Thorleif sie an.

Das Mädchen zuckt mit den Achseln. „Ich hatte gehofft, noch ein paar Pilze zu finden“, sagt sie dann. „Vater isst sie so gern, und ich wollte ihm nach seiner Heimkehr eine Freude machen. Doch den Nachtfrost haben die Pilze nicht überstanden.“

„Du solltest nicht allein im Wald umherstreifen“, gibt Ingolf zu bedenken. „Denk an die Wölfe und Luchse. Und vergiss nicht, dass die alte Gunnhild vor zwei Sommern von einem Bären angefallen worden ist.“

Björnhild lacht hell auf.

„Das hört sich ja an, als ob du dich um mich sorgtest, Ingolf? Doch das ist nicht nötig. Ich bleibe immer in der Nähe der Siedlung und fürchte mich so schnell nicht.“

„Ingolf hat recht“, sagt nun auch Thorleif. „Du solltest dich, wenn es dich wieder mal in den Wald zieht, von einem tüchtigen Krieger begleiten lassen, der dich mit dem Schwert vor Wolf und Bär beschützt.“ Er dreht sich dabei so, dass Björnhild das Schwert an seiner Seite nicht übersehen kann. Mit einem schnellen Blick auf Ingolf sieht sie, dass auch in seinem Gürtel eine Waffe steckt.

„Ach so, ihr möchtet wohl gerne meine Beschützer sein“, sagt sie lachend, auf die beiden neuen Schwerter deutend. „Wo habt ihr denn die Schwerter her? Ihr seht so aus, als wolltet ihr in den Kampf ziehen.“

„Selber geschmiedet“, sagt Ingolf stolz.

„Selber geschmiedet? Das glaubt ihr doch selber nicht. Ein Schwert schmieden, das ist eine Kunst, die hier am Fjord nur ein einziger Mann beherrscht, nämlich Ragnar, der Schmied.“ „Von ihm kommen wir gerade, wie du wohl bemerkt hast“, sagt Thorleif. „Er hat uns gezeigt, wie man sich ein Schwert schmiedet!“

„Und ihr habt es wirklich selber gemacht?“ Björnhild sieht die beiden Jungen noch immer ungläubig an.

„Natürlich hat uns Ragnar dabei geholfen“, gibt Thorleif zu. „Aber geschmiedet haben wir sie selber.“

Da lacht das Mädchen wieder. „Ich habe auch schon öfter dem Schmied zugesehen, wie er ein Schwert oder eine Axt schmiedete“, sagt sie.

„Aber ich habe anschließend nicht behauptet, ich hätte die Axt oder das Schwert geschmiedet. Wenn ich euch glauben soll, dass ihr selber schmieden könnt, dann müsst ihr es mir schon zeigen. Doch jetzt muß ich heim, die Mutter wartet.“ Björnhild dreht sich um und geht. Ihr Lachen ist noch zu hören, als sie in Björns Haus verschwindet.

Es dämmert schon, als Erik mit den Männern heimkommt. Ihr Gang ist müde, ihre Gesichter sind verschwitzt.

Thorleif und Ingolf füttern gerade im Stall Thorleifs alte Stute, als sie den schweren Schritt Eriks in der Tür hören. Er trägt ein Bündel Äxte unter dem Arm, das er mit einem Schwung auf die Erde wirft.

„Da, es gibt noch etwas zu tun für euch“, ruft er ihnen zu, „bringt die Äxte zu Ragnar und sagt ihm in meinem Namen, er möge sie noch heute Abend schärfen. Wir müssen morgen früh wieder den Bach hinauf zu den Eichen. Ihre Stämme sind knochenhart. Das ist gut für die Planken unseres neuen Bootes, aber die Äxte werden schnell stumpf, und das Fällen ist sehr mühsam.“

„Wir kommen mit!“ rufen Ingolf und Thorleif wie aus einem Munde. „Von morgen an helfen wir euch.“

„Ich habe heute schon eure Bärenkräfte beim Bäume fällen vermisst“, sagt Erik. „Aber plötzlich wart ihr verschwunden. Wo seid ihr denn geblieben?“

„In der Schmiede“, antwortet ihm Thorleif. „Bei Ragnar. Wir haben uns Schwerter geschmiedet. Hier, fühle mal, wie scharf sie sind.“

Da lacht der Seekönig und klopft Thorleif und Ingolf anerkennend auf die Schultern. „Feine Arbeit, muß ich sagen. Er ist doch ein alter Fuchs, der Ragnar. Aber es ist gut so. Mit mir hat es sein Vater auch so gemacht. Ein Wikingerführer sollte eben alles können: ein Schiff steuern, ein Schwert schmieden und...“

.... „Bäume für den Bau eines Drachenbootes fällen“, unterbricht Thorleif seinen Vater.

„Richtig“, sagt der Seekönig gutgelaunt und lacht wieder dröhnend. „Ihr dürft also mitkommen, morgen früh, wenn der Hahn kräht. Aber vorher sorgt dafür, dass wir scharfe Äxte haben.“

Erik dreht sich um und will den Stall verlassen, als er sieht, wie die beiden langbeinigen Jungen auf die zottige alte Stute klettern, die er selber schon als Junge geritten hat, Ingolf mit den Äxten unter dem Arm.

„Passt auf, dass euer alter Gaul nicht unter der Last zusammenbricht!“ ruft er den beiden Jungen nach. „Es wird Zeit, glaube ich, dass jeder von euch seinen Hengst bekommt, damit die anderen euch als Krieger ernst nehmen. Wenn wir fertig sind mit dem Bäume fällen, wollen wir Sven, dem alten Züchter drüben auf der anderen Seite des Fjordes, einen Besuch machen. Er ist zwar ein Halsabschneider, aber er züchtet weit und breit die besten Hengste. Da wollen wir jedem von euch einen aussuchen.“ „Ist das ein Versprechen?“ sagt Thorleif ungläubig.

„Bei Thors Hammer“, versichert ihm sein Vater. Und jubelnd traben die beiden Jungen mit der alten Stute davon, während der Seekönig mit schwerem Schritt ins Haus geht.

 

Diesen Artikel weiter empfehlen …. href="http://www.manfrieds-trelleborg.de"

zum Inhaltsverzeichnis oder direkt Zum Tor

 

6,310,837 eindeutige Besuche

Top Zum Seitenanfang