Der Sohn des Seekönig

Eine Wikingergeschichte von Gerd Lobin

 

Erstes Kapitel

Heimkehr der Drachenboote

 

Seit Mitternacht braust der Herbststurm. Mit seiner ungebärdigen Kraft rüttelt er an den Schindeldächern der Wikingerhäuser, die sich auf dem schmalen Landstreifen zwischen dem Ufer und der steil aufragenden Felswand am äußersten Ende des Fjordes unter den wenigen Bäumen ducken.

Ingolf wälzt sich unruhig auf seinem Lager hin und her. Er lauscht dem Rauschen des Wassers, hört den Regen prasselnd auf das Dach des Holzhauses klatschen, vernimmt die halblaute Stimme der Mutter, die seine kleinen Geschwister beruhigt. Von der Weide hinter dem Anwesen klingt dumpf das Muhen der Kühe herüber, die von dem heulenden Sturm auch aus ihrer Ruhe aufgeschreckt worden sind.

Ingolf erhebt sich und geht steifbeinig zur Tür. Er tastet sich mit ausgestreckten Armen voran, um in der Dunkelheit nirgendwo anzustoßen. Als er an der Tür ist und diese knarrend aufstößt, muß er sich bücken, um ins Freie zu gelangen. In der Dämmerung des Oktobermorgens sieht er, wie der Sturm graue Regenwolken über das karge Land treibt. Von den Zweigen des Eichbaumes vor dem Haus reißt er die letzten gelben Blätter, nimmt sie in wirbelndem Spiel mit sich fort. Das dunkelgrüne Wasser des sonst so stillen Fjordes ist aufgewühlt, die Wellen haben weiße Schaumkronen und klatschen spritzend an das Ufergestein.

Den Wetterumschwung hatte Ingolf schon gestern abends kommen sehen, als er mit Thorleif, seinem Freund, fischend auf einem Felsbrocken am Ufer saß und die Sonne, die so viele Tage lang mit strahlendem Glanz das herbstliche Land vergoldet hatte, plötzlich hinter einer weißen Wolkenwand im Westen verschwunden war. Sofort hatte Ingolf an den Vater und die anderen Männer in den Drachenbooten dort hinten im Westen irgendwo auf dem Meer denken müssen, und er hatte gehofft, dass das aufkommende Unwetter sich wieder verziehen möge. Am Herdfeuer, nach der Abendmahlzeit, hatte die Mutter ihren jüngeren Kindern von den Göttern erzählt, von 0din, Tyr und dem gewaltigen Thor, der hoch in den Wolken flüchtigem Wild nachjagt und Hammer schwingend Blitze zucken und Donner grollen lässt. Sie hatte Freyja, die Göttin des Herdfeuers, um Fürsprache bei Thor angefleht, damit er den Langschiffen, die den ganzen Sommer über auf Beutefahrt an fernen Küsten unterwegs waren, eine glückliche Heimkehr schenke.

„Die Männer draußen auf dem Meer brauchen sanften Westwind, der die roten Segel bläht und die Drachenboote schnell und leicht über die Wellen gleiten lässt“, hatte die Mutter gemurmelt. „Die Götter mögen sie vor Sturm bewahren!“

Mittlerweile ist es hell geworden. Drüben, im Gesindehaus, öffnet sich die Tür und Helga, die Magd, geht an Ingolf vorbei hinüber zur Weide. In der einen Hand trägt sie den Melkeimer, mit der anderen versucht sie ihr wehendes Haar zu bändigen, und der Wind bläht ihren Rock.

Ingolfs Gedanken sind noch immer bei seinem Vater. Das klingende Ping-Pang verrät ihm, dass Ragnar, der Schmied, schon bei der Arbeit ist. Zu ihm, dem Mutterbruder, zieht es ihn. Mit langen Schritten läuft er hinüber zur Schmiede.

Als er die Tür öffnet, sieht er, dass sich Ragnar vom Herbststurm nicht stören lässt. Er schürt das Feuer, dass die Funken sprühen. Mit der Zange fasst er den glühenden Eisenstab und legt ihn auf den Amboss.

„Da, halt die Zange“, ruft er Ingolf zu. „Du bist schon stark genug dafür. Pack fest an, Junge! Wenn unsere Männer zurückkommen, brauchen sie scharfe Schwerter und Äxte, spitze Speere. Ich, Ragnar, werde sie ihnen schmieden! Und ich werde zeigen, dass meine Klingen ebenso gut sind wie jene, die Gunnar, der Wanderhändler, neuerdings von den Schwertfegern im Rheinland anbietet.“

Der Junge lässt sich nicht zweimal auffordern. Er ist stolz darauf, dem berühmten Waffenschmied Ragnar helfen zu dürfen. Mit der ganzen Kraft seiner dreizehn Jahre presst er das glühende Eisen auf den Amboss, während Ragnar und sein Sklave abwechselnd die schweren Hämmer niedersausen lassen.

Ping - päng, ping - päng, das ist Musik, wie Ingolf sie liebt. Mit glänzenden Augen erlebt er, wie die geschickten Hände der beiden Männer aus dem glühenden Eisenstab ein Schwert schmieden, eines jener kurzen Wikinger-Schwerter, die an allen Gestaden des Meeres so gefürchtet sind.

„Wann werden die Drachenboote heimkehren?“ erkundigt sich Ingolf nach vollbrachtem Werk bei seinem Mutterbruder, der das Schwert fachmännisch in der Hand wiegt und mit dem Daumen die Klinge prüft.

Ragnar glättet mit der Hand den zerzausten rotblonden Bart, der wie ein Pelz seine nackte Brust bedeckt, denn am warmen Herdfeuer tragen er und Kai, der Sklave, nur einen Lendenschurz.

„Was weiß ich?“ knurrt er dann. „Du kennst doch unsere Krieger. Sie kommen und gehen wie der Wind. Aber du hast recht. Ehe wieder die Scheibe des vollen Mondes über den Himmel zieht, werden die Winterstürme kommen. Dann müssen Erik und Harald, dein Vater, mit ihren Männern wieder bei uns sein. Denn im Winter kann kein noch so festes Drachenboot über das Nordmeer fahren. Das weiß ich am besten.“

„Wann hast du zum letzten Mal ein Drachenboot gesteuert, Ragnar? Mutter sagt, du warst einmal ein berühmter Steuermann, dessen Schiff immer beuteschwer von den Wikingfahrten heimgekehrt ist?“

Der Schmied lacht trocken und glättet wieder seinen filzigen Bart. Dann legt er seinem Schwestersohn die Hand auf die Schulter und sagt mit ernster Stimme:

„Ich war einmal ein gefürchteter Mann an den Gestaden des Nordmeeres, Ingolf. Aber das ist lange her. Seit dieser Brite -Thor möge ihn vernichten! - mir mit seinem Pfeil das Knie zerschossen hat, kann ich nicht mehr hinausfahren. Ein Wikinger mit einem steifen Bein als Führer eines Drachenbootes, das wäre ein Spaß, was? Und da ich im Umgang mit Hammer und Amboss schon immer eine geschickte Hand hatte, schmiede ich seither Schwerter, Äxte und Speere, damit unsere Männer im Kampf gute Waffen haben. Seit neun Sommern habe ich keinen Ruderbaum mehr in der Hand gehabt.“

„Stimmt es, dass du damals der erste Gefolgsmann des Seekönigs warst, Ragnar?“

Ingolf hat einen roten Kopf bekommen. Er brennt vor Wissbegierde, und seine Augen leuchten.

„Des Seekönigs rechte Hand war ich“, sagt Ragnar nach kurzem Zögern. „Aber nicht des Seekönigs, den du kennst, Ingolf. Damals, als ich noch ein Drachenboot führte, folgten wir dem Wort Thorolfs, und mit ihm sind wir auf vielen Beutezügen erfolgreich gewesen.“

„Und Erik, der Seekönig? Und Harald, mein Vater? Wo waren die?“

„Erik und Harald waren zwei Jungen wie du und Thorleif. Ich weiß noch, wie sie zum ersten Mal mit hinausfuhren auf das Nordmeer. Harald war bei mir im Boot, Erik bei seinem Vater. Er war ein tüchtiger Kerl, dein Vater. Der stärkste Junge von allen. Keiner ritt so tollkühn wie er, keiner konnte wie er das Schwert schwingen.“

„Und wie ging es weiter?“

Ragnar streicht sich wieder den Bart und wiegt bedächtig den Kopf.

„Ja, wie ging es weiter“, sagt er dann, und seine Stimme klingt nachdenklich. „Die beiden Freunde bewährten sich in manchem Kampf und auf mancher Fahrt. Als die Zeit herankam, ihnen die Führung eines Bootes anzuvertrauen, wurden wie durch Zufall zwei Plätze frei, meiner und der Thorolfs, des Seekönigs. Die Briten hatten uns eine Falle gestellt. Als wir an Land gingen, fielen sie über uns her. Wir konnten uns vor ihrer überlegenen Streitmacht zwar in die Boote retten, aber viele von uns blieben tot am Strand zurück. Unter ihnen war Thorolf, der Seekönig. Ich hatte den verfluchten Pfeil im Knie, doch Harald, dein Vater, trug mich an Bord. Er führte die Drachenboote heimwärts, und wir haben kein einziges verloren.“

Atemlos hat Ingolf zugehört. Ganz nahe steht er jetzt vor Ragnar, und seine Augen wollen dem Schmied die Worte schier von den Lippen saugen.

„Und dann, was geschah dann?“ stößt er hervor.

„Dann wurde Erik zum Seekönig gewählt“, antwortet Ragnar. „Und Harald nahm den Platz in meinem Boot ein. Aber das ist eine Geschichte, über die ich heute und hier nicht reden will. Außerdem wird es Zeit für dich heimzugehen, Ingolf. Aber sag Hiltrud, meiner Schwester, sie soll dich bald wieder zu mir gehen lassen. Ich kann einen tüchtigen Burschen wie dich immer gut brauchen.“

Ragnar streicht Ingolf mit der schwieligen Hand durch das Blondhaar und will gerade wieder an das Herdfeuer treten, um es anzublasen, als ein langgezogener, dumpfer Ton zu hören ist. Ingolf fährt zusammen und horcht angestrengt, aber auch Ragnar legt die Hand wie eine Muschel ans Ohr, um besser zu hören. Da ist er wieder, der langgezogene dumpfe Ton, der sich ein wenig wie das Röhren eines Hirsches anhört.

„Die Drachenboote kommen, die Drachenboote kommen“, jubelt Ingolf. „Hast du es gehört, Ragnar?“ Er packt den alten Schmied bei den Hüften und dreht sich mit ihm voller Freude im Kreise.

„Hör auf, Ingolf, denk an mein krankes Bein“, sagt Ragnar, halb schimpfend, halb lachend. „Wenn ich hier herumtanzen könnte wie ein junger Bursche, dann würde ich nicht das Schmiedefeuer schüren, sondern mit den Kriegern im Drachenboot gleich da hinten um die Ecke biegen.“

Nicht nur Ragnar und Ingolf haben die Signale gehört, mit denen die Heimkehrenden ihr Kommen ankündigen, damit ihre Boote, wenn sie von den Bewohnern der Siedlung überraschend gesichtet werden, nicht für Schiffe von Feinden gehalten werden. Überall, in Häusern und Ställen, auf Weiden und Feldern herrscht Freude, eilt die Nachricht von der Heimkehr der Drachenboote von Mund zu Mund. Die Knechte und Mägde richten das Geschirr, säubern mit behänder Hand die Futtertröge, damit der zurückkehrende Herr sein Anwesen wohlgeordnet finde. Die Kinder rennen jubelnd und ausgelassen hinunter zum Bootssteg, an dem die Drachenboote anlegen werden. Die Frauen streichen die Kleider glatt und ordnen das Haar, ehe sie gemessenen Schrittes und erhobenen Hauptes den Kindern folgen.

Auf struppigem Pferd galoppiert ein breitschultriger, blonder Junge heran, verhält die alte Stute vor der Schmiede und winkt Ingolf zu.

„Hast du die Luren-Signale gehört, Thorleif?“ ruft der ihm entgegen. „Die Drachenboote kommen!“

„Gehört habe ich die Männer, gesehen aber noch nicht“, entgegnet sein Freund. „Los, spring auf! Die alte Stute ist noch immer stark genug, uns beide zu tragen. Wir reiten hinauf zum Wächterfelsen. Von dort aus können wir die Boote schon sehen, wenn sie um die Biegung kommen.“

Ingolf zögert keinen Augenblick. Mit einem Sprung sitzt er hinter dem Freund auf dem Pferd, das unter der plötzlichen Doppellast in der Hinterhand einzuknicken droht, sich dann aber, unwillig schnaubend, in Trab setzt, als Thorleif mit der Zunge schnalzt. Am Fuße des Wächterfelsens verhält Thorleif die Stute und lässt sie im spärlichen Gras weiden, während er und Ingolf behände den Felsen erklimmen, der durch die Nässe glitschig geworden ist. Glücklicherweise hat der Regen aufgehört. Der Wächter weist sie nicht ab, als er Thorleif, des Seekönigs Sohn, erkennt. „Noch nichts in Sicht von den Booten“, berichtet er.

Ingolf und Thorleif wagen sich bis an die äußerste Spitze des Felsens vor, dorthin, wo dieser steil zum Fjord hin abfällt. Im gleichen Augenblick reißt der Wind ein Loch in die Wolkendecke und im schwarzdunklen Wasser spiegeln sich die Strahlen der Sonne. Sie lassen rot das Segel des Schiffes aufleuchten, das sich an der Biegung des Fjordes um den Felsen schiebt. „Da sind sie, da kommen die Drachenboote“, ruft Ingolf und deutet mit der Hand auf das Schiff.

Das Boot mit dem roten Segel kommt bei dem kräftigen Wind gut voran. An der Bordwand hängen die runden Schilde, dahinter sind, erbsengroß, vereinzelte Köpfe zu sehen.

„Es ist das Boot meines Vaters“, ruft Thorleif. „Der Seekönig ist wieder da.“

Im gleichen Augenblick wird hinter der Felsnase das Segel des zweiten Bootes sichtbar. Auch dieses Schiff kommt schnell näher. „Vor dem Mast steht Vilgard, ich erkenne ihn und sein Schiff. Jetzt fehlt nur noch dieSeeschwalbe, das Boot meines Vaters.“ Doch das dritte Schiff bleibt aus. Die beiden Drachenboote sind längst unter dem Wächterfelsen vorbeigesegelt und fahren in den Nebenfjord ein, an dem die Wikingersiedlung liegt, als Ingolf und Thorleif noch immer wie gebannt auf die Felsnase starren. So sehr sie sich aber auch vorbeugen und die Hand über die Augen legen, um besser sehen zu können, die Seeschwalbe bekommen sie nicht zu Gesicht.

„Ich habe auch nur zwei Signale gehört“, stammelt Ingolf. „Wären alle drei Boote glücklich heimgekehrt, hätten es drei Signale sein müssen. Da muß etwas passiert sein. Was wird Mutter sagen, wenn Vater nicht zurückkommt?“

„Du kannst dich geirrt haben, als du Vilgard erkanntest“, versucht Thorleif den Freund zu trösten, doch sehr überzeugend klingen seine Worte nicht. „Warum soll es nicht dein Vater gewesen sein, der am Mast des zweiten Bootes stand?“

Ingolf wehrt mit der Hand ab.

„Du meinst es gut, ich weiß es“, sagt er mit leiser Stimme. „Aber so wie du deinen Vater, den Seekönig, sofort erkannt hast, als sein Boot um die Felsnase bog, hätte ich auch meinen Vater erkannt. Nein, die Seeschwalbeist noch nicht zurückgekommen.“

Thorleif führt die alte Stute am Zügel, als sie sich schweigend an den Abstieg machen.

„Unten am Fjord wird sich alles aufklären“, sagt Thorleif, und ein Funken Hoffnung schwingt in seinen Worten.

Ingolf schweigt. Er hat den Kopf gesenkt. Den Pfad bergab zur Siedlung sieht er wie durch einen Schleier.

Der anfängliche Jubel am Anlegeplatz verklingt mehr und mehr, je näher die beiden Boote kommen. Nur die jüngsten Kinder lärmen ausgelassen im Angesicht der heransegelnden Schiffe. Die Frauen halten angstvoll Ausschau, und selbst die Mägde und Knechte, die abseits stehen, verharren schweigend. Viele Blicke richten sich auf Hiltrud, Haralds Frau, die erhobenen Hauptes inmitten der Menge steht.

Ingolf und Thorleif kommen in dem Augenblick am Ufer an, als Eriks Schiff anlegt und der Seekönig als erster an Land geht. Gudrun, seine Frau, tritt ihm einen Schritt entgegen, doch Erik geht an ihr vorbei auf die schweigende Menge zu. Mit seinen Augen sucht er Hiltrud. Als er vor ihr steht, legt er ihr beide Hände auf die Schultern.

„Wir kommen ohne Harald“, sagt er mit fester Stimme. „Auf dem Nordmeer, in einem nächtlichen Sturm, haben wir sein Boot verloren.“

Ein Stöhnen geht durch die Versammlung am Ufer, vereinzeltes Schluchzen, halblautes Gemurmel ist zu hören. Für Ingolf und Thorleif, die eben noch kein Durchkommen fanden, öffnet sich plötzlich eine Gasse. Augenblicke später stehen sie neben dem Seekönig und Hiltrud, die dem Überbringer der Unglücksbotschaft fest in die Augen blickt.

„Wie konnte das geschehen?“ erkundigt sie sich ungläubig. „Die Seeschwalbeist nicht schlechter gebaut als dein oder Vilgards Boot. Und dass Harald ein guter Steuermann ist, weißt du besser als ich.“

„Das ist richtig“, nickt Erik. „Doch kann man ein Unglück ungeschehen machen? Es war vor drei Tagen. Wir hatten längst die Küsten der Hjaltland-Inseln passiert und machten gute Fahrt. Steifer Westwind blähte unsere Segel und ließ die Drachen über die Wellen gleiten. Am nächsten Morgen, so rechneten wir uns aus, würde die Felsenküste vor uns liegen, und nach einem weiteren Tag und einer Nacht könnten wir in die stillen Gewässer des Fjordes einfahren. Da fiel uns mitten in der Nacht der Sturm an wie ein wütendes Tier.“

„Ein Sturm vor drei Tagen?“ mischt sich Ragnar ein, der ein paar Schritte entfernt in der Menge steht. „Von einem Sturm vor drei Tagen haben wir hier nichts gemerkt.“

„Es war einer jener Stürme, für die das Nordmeer berüchtigt ist“, sagt Erik. „Die Männer sind meine Zeugen. Ich schwöre euch, dass die Wellen plötzlich turmhoch gingen und die Brecher über die Bordwand schlugen. Wir hatten Mühe, das Drachenboot über Wasser zu halten. Die ganze Nacht mussten wir schöpfen, sogar mit unseren Helmen. Als der Morgen graute, lag die felsige Küste Bömlos vor uns. Der Sturm flaute so plötzlich ab, wie er gekommen war. Doch als wir, ermattet auf den Ruderbänken sitzend, uns das Salzwasser aus den Augen rieben, war nur noch Vilgards Boot in der Nähe. Die Seeschwalbewar verschwunden.“

„Kann es nicht sein, dass Haralds Boot abgetrieben worden ist und er mit seinen Männern vor dem Sturm im Bömlofjord Schutz gesucht hat?“ Hiltruds Stimme klingt hoffnungsvoll, und auch in den Augen der um ihre ausgebliebenen Männer bangenden Frauen, die sich mit ihren Kindern herangedrängt haben, glimmt Hoffnung auf. „Du sagtest selber, dass ihr Mühe hattet, euch über Wasser zu halten. Harald ist ein großartiger Schiffsführer, und die meisten seiner Männer sind erfahrene Seeleute. Ihr Boot ist vielleicht besser mit dem Sturm fertig geworden.“

Die Frauen murmeln Zustimmung, doch Erik schüttelt den Kopf.

„Nein, Hiltrud“, sagt er dann mit leiser Stimme. „Macht euch keine Hoffnungen auf die Rückkehr der Männer. An der Felsenküste haben wir eine Planke aus dem Wasser gefischt, die von der Seeschwalbestammt. Sie ist der Beweis dafür, dass der Drache gesunken ist.“

„Vielleicht haben die Männer sich schwimmend retten können. Du sagtest selber, dass ihr nahe der Küste in den Sturm geraten seid?“

„Wir waren nahe der Küste, als der Sturm am Morgen abflaute, Hiltrud. Das ist ein Unterschied. Nein, diesen gewaltigen Sturm hat niemand lebend überstanden, der nicht in einem festen Boot saß.“

Hiltrud drückt ihre beiden jüngsten Kinder an sich, die zu weinen begonnen haben. Ingolf und Thorleif pressen die Lippen zusammen. Ingolf legt seiner Mutter tröstend den Arm um die Schulter.

Der Seekönig wendet sich jetzt an die beiden Jungen, blickt sie fest an. „Ihr beide seid Freunde seit den ersten Kindheitstagen“, sagt er. „Ihr seid so unzertrennlich, wie Harald und ich es in unserer Jugend waren. Da mein treuester Gefolgsmann nicht heimgekehrt ist vom Nordmeer, will ich mich seines ältesten Sohnes annehmen. Von heute an will ich auch dich, Ingolf, als meinen Sohn betrachten.“

Hiltrud schaut Erik mit erstaunten Augen an und presst ihren Kopf an Ingolfs Schulter. Ragnar, der Schmied, drängt sich humpelnd durch die Menge, stellt sich neben die Schwester und ihre Kinder.

„Du bist der Seekönig, und dein Wort gilt auch hier viel“, sagt er zu Erik. „Doch ich bin Hiltruds Bruder und darf als Sippenältester nach altem norwegischem Recht nicht übergangen werden, wenn über die Zukunft ihrer Kinder entschieden wird.“

„Du, Ragnar, willst Einwände erheben?“ Erik blickt dem Schmied verwundert in die Augen. „Ausgerechnet du, der du meines Vaters erster Gefolgsmann und in vielen Dingen Haralds und mein Lehrmeister warst, willst verhindern, dass ich den vaterlos gewordenen Jungen als meinen Sohn annehme und damit Haralds Sippe vertrete. Du weißt genau, dass von seinen Brüdern niemand mehr lebt.“

„Ich will verhindern, dass übereilt entschieden wird und erinnere dabei nur an Recht und Gesetz. Einstweilen trete ich als Mutterbruder bei Ingolf an seines Vaters Stelle.“

Ragnars Worte lösen unter den Umstehenden beifälliges Gemurmel aus. Der Schmied aber wechselt einen schnellen Blick des Einverständnisses mit seiner Schwester und fährt dann fort:

„Hiltrud und ich haben nichts dagegen, wenn du für den Jungen sorgst. Haralds jüngere Kinder wachsen heran, und es wird eng unter dem Dach in seinem Haus. Du magst ihn deshalb zu dir nehmen, denn dein Haus ist größer. Deinen Sohn nennen sollst du ihn jedoch erst, wenn sicher ist, dass Harald wirklich nicht mehr vom Nordmeer heimkehrt.“

 

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