Der Sohn des Seekönig

Eine Wikingergeschichte von Gerd Lobin

 

Prolog

Die Wikinger in der Zeit von 800 bis 1000

 

Sie kamen mit ihren schnellen Booten urplötzlich aus dem Morgendunst über der Nordsee, und sie brachen mit Feuer und Schwert in eine friedliche Welt ein. Mit dem Überfall auf das Inselkloster Lindisfarne an der englischen Ostküste begann am 8. Juni 793 die Wikingerzeit. Anfangs waren es nur einzelne Horden, die in der Morgendämmerung vor den Küsten Englands, Schottlands und Irlands erschienen, ihre Drachenboote an Land zogen, mit Kriegsgebrüll und ihren kurzen Schwertern über die Menschen herfielen, alles niedermachten und fortschleppten, was sich mitzunehmen lohnte, und nach kurzer Zeit mit beuteschweren Schiffen wieder davon segelten. Abenteuerlust, Beutegier, aber auch Bevölkerungswachstum, Landenge und das nordische Recht, das Besitztum unteilbar machte und dem ältesten Sohn den Erbhof zufallen ließ, während sich die nachfolgenden Söhne auf dem Hof des Bruders verdingen oder aber ihr Glück in der Ferne suchen mussten, haben ursprünglich die Wikingerzüge ausgelöst.

Schnell wurden die Wikingerhaufen zu einer Plage, zunächst vor allem für die wehrlosen und leicht zu überwältigenden Niederlassungen der Mönche. 794, ein Jahr nach Lindisfarne, wurden die Klöster Jarrow und Wearmouth an der englischen Ostküste überfallen, 795 das Kloster des Heiligen Columba auf Jona und die Ansiedlungen auf der nordirischen Insel Lambey. Kintyre in Schottland und die Insel Man in der Irischen See waren ihre nächsten Ziele, 799 tauchten sie vor den friesischen Inseln auf, eroberten 800 die Faröer. Brennende Hütten, blutige Spuren niedergemachter Menschen und geschlachteten Viehs, Schreie geschändeter und in die Unfreiheit fortgeschleppter Frauen und Mädchen kennzeichneten ihren Weg. Die Küstenbewohner waren wehrlos gegen diese Art der Piraterie.

Im 9. Jahrhundert breitete sich die Plage so aus, dass die Wikinger, wie die von den dänischen Inseln und aus den norwegischen Tälern stammenden Nordmänner genannt wurden, zu denen sich - vornehmlich an der Ostsee - schnell auch die Schweden gesellten, bald beide Meere beherrschten. Aus den Beutezügen kleiner Häuptlinge wurden, als Könige diese einträgliche Art, schnell zu Geld zu kommen, entdeckten, immer umfassendere Unternehmungen. Während friedliche Nordmänner in Südnorwegen und Ostschweden die Handelsplätze Skiringssal und Birka anlegten und vor den Toren des heutigen Schleswig die Siedlung Sliestorp, Vorgängerin von Haithabu, entstand, fuhren vor allem die Dänen unter ihrem König Göttrik in immer größeren Haufen und mit immer mehr Drachenbooten über das Meer und verbreiteten an den Küsten der Nordsee Angst und Schrecken. 807 häuften sich die Angriffe der Wikinger auf die Siedlungen in Irland, 808 ließ Göttrik die slawische Handelsniederlassung Rerik zerstören und die dort ansässigen Händler nach Haithabu verlegen. Gleichzeitig wurden die Angriffsziele auf Friesland ausgedehnt, und bevor Göttrik 810 ermordet wurde, fühlte er sich so stark, dass er damit prahlen konnte, er werde nach Aachen vorstoßen und die Pfalz Kaiser Karls des Großen in Schutt und Asche legen.

Während der Regierungszeit Kaiser Ludwigs des Frommen (814-840) kam es zu ersten Christianisierungen im Norden. Der Dänenkönig Harald, der bei den Machtkämpfen nach dem Tod Göttriks den Göttrik-Söhnen unterlegen war, ließ sich 826 in Mainz taufen und von Kaiser Ludwig mit der Grafschaft Rüstringen zwischen Jade und Wesermündung belehnen. Ansgar von Corvey trat unter seinem Schutz die erste Missionsreise in den Norden an, Hamburg wurde erster Bischofssitz.

Im Jahre 820 stießen schwedische Wikinger nach Russland vor, wo sie Waräger genannt wurden. Dänen überfielen Niederlassungen in Flandern und an der Seinemündung, heerten an der bretonischen Küste.

Ebenfalls 820 begann sich auf Irland eine Wikinger-Niederlassung in Staatsform zu bilden. Während Machtkämpfe zuerst Dänemark, wo Harald von Horich (827-854) vertrieben wurde, und dann das Frankenreich erschütterten, erreichten die Raubzüge der Wikinger ihren ersten Höhepunkt. 834 wurde der friesische Handelsplatz Dorestad niedergebrannt, 836 Antwerpen zerstört, 837 die Insel Walcheren ausgeraubt. Bei den sich bis 840 wiederholenden Angriffen auf diese Ziele wurden die Männer getötet, Frauen in die Sklaverei verschleppt.

Nach der Dreiteilung des Frankenreiches im Jahre 843 hatten die wikingischen Freibeuter noch leichteres Spiel und starteten immer dreistere Unternehmungen. Im Juni 843 überfielen die Besatzungen von 67 norwegischen Drachenschiffen Nantes und richteten unter der Bevölkerung, die gerade Johannisfest feierte, ein Blutbad an. Im übernächsten Jahr brannten Wikinger Hamburg nieder, und der dänische Seekönig Ragnar Lodbrok fuhr mit vielen Schiffen (die Überlieferung spricht von 120) die Seine hinauf und eroberte Paris. Karl der Kahle erkaufte mit einer Tributzahlung von siebentausend Pfund Silber die Räumung seiner Hauptstadt. Einen Teil dieser Beute zahlte der Dänenkönig Horik später an Ludwig den Deutschen als Sühne für die Zerstörung Hamburgs.

In der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts stießen die ebenso kühnen wie beutegierigen Abenteurer und Eroberer immer weiter vor. Der Norweger Olav der Weiße ließ sich in Dublin zum König ausrufen und herrschte dort zwanzig Jahre. 857 wurde der Waräger Rurik Großfürst von Kiew. 859 umsegelten Wikinger Spanien und stießen ins Mittelmeer vor, wo sie bis 862 Beutezüge unternahmen. 862 waren Waräger in Nowgorod, das sie Holmgard nannten, 865 unternahmen sie einen Feldzug gegen Byzanz. Daneben liefen die erfolgreichen Beutezüge der Dänen und Norweger an den Nordseeküsten: Paris wurde zum wiederholten Male erobert, Xanten zerstört, Dorestad endgültig dem Erdboden gleich gemacht. Die Söhne Ragnars verlegten ihre Tätigkeit auf die britischen Inseln, eroberten York (866) und zwangen die Engländer zu ersten Dänengeldzahlungen. Gleichzeitig setzten sich mächtigere Könige durch. In Irland trat Ivar die Nachfolge seines Bruders Olav an, in England herrschte von 871 bis 901 Alfred der Große, der während eines siebenjährigen Scheinfriedens rüstete und dann seine Macht erfolgreich gegen die Wikinger verteidigte, in Norwegen besiegte Harald Schönhaar (Harfagr) im Jahre 872 die Kleinkönige und einigte die Stämme. Vor ihm geflüchtete Gegner segelten 874 über die Nordsee und begannen mit der Besiedlung Islands, Alfred der Große besiegte bei Edington 878 die dänischen Wikinger und eroberte später London zurück.

Der Sieg Alfreds wirkte sich nachteilig auf das Reich Karls des Kahlen auf dem Festland aus. Dorthin verlegten die Wikinger ihre Tätigkeit nach ihrer Niederlage bei Edington. Am 12. April landeten sie in der Scheldemündung, eroberten und verheerten Gent und zogen unter der Bezeichnung das große Heer dreizehn Jahre lang durch das Land. Einzelne Haufen kamen über Lothringen bis in die Provence. Als in Frankfurt 882 Ludwig der Deutsche starb, hatten die Krieger des großen Heeres soeben Maastricht, Lüttich, Jülich, Neuß, Köln und Bonn niedergebrannt und Göttriks Vorhaben, die Kaiserpfalz in Aachen zu zerstören, verwirklicht. Kirchen und Klöster wurden eingeebnet, und die Pfalzkapelle in Aachen benutzten die Eroberer als Pferdestall.

Ludwigs Tod wurde zum Signal für das weitere Vordringen der Wikinger. Am Ostermontag (9. April) brannten in Trier die Römerbauten, nachdem zuvor Koblenz erobert worden war. Kaiser Karl der Dicke bot ein mächtiges Heer gegen die Wikinger auf, schloss sie an der Maas ein, zögerte jedoch, sie anzugreifen und zu vernichten. Er zahlte ihnen vielmehr für den freiwilligen Rückzug mehr als zweitausend Pfund Gold und Silber. Dem Seekönig Gottfried gab er für den Übertritt zum Christentum Friesland als Lehen. Der auf diese Weise reich und mächtig gewordene Wikingerfürst nahm das Angebot an und setzte von Friesland aus seine Kämpfe gegen das wiedervereinigte Frankenreich fort. 885 belagerten Wikinger Paris. Karl der Dicke kaufte die Stadt frei und verpfändete Burgund. Mit der Politik der Nachgiebigkeit Karls machte nach dessen Tod König Arnulf von Kärnten Schluss. Bei Löwen an der Dyle schloss er 891 ein starkes Wikingerheer ein, griff es entschlossen an und jagte die bis dahin sieggewohnten Normannen in den Fluss, der wegen der vielen Leichen trocken erschien, wie die Fuldaer Chronik zu berichten weiß. Fortan war ihr Nimbus der Unbesiegbarkeit dahin, und die Reste des großen Heeres kehrten, nicht nur durch fränkische Schwerter, sondern noch mehr durch Epidemien geschwächt, nach England zurück, wo sie von König Alfred gleich entschlossen bekriegt wurden. 896 wurden die gefürchteten Drachenboote erstmals auf See bekämpft, als die royal navy sie vor der Insel Wight angriff.

Mit Beginn des 10. Jahrhunderts kam es in den Küstenstaaten von Nordsee und Ostsee zu bedeutsamen Veränderungen. Die Schweden dehnten ihren Herrschaftsbereich auf Süddänemark aus und brachten den Handelsplatz Haithabu in ihre Gewalt. In Irland eroberten die Iren Dublin zurück und vertrieben die Norweger. Im Frankenreich hatten sich Wikingerhaufen an der Kanalküste festgesetzt, als die Reste des großen Heeres nach England übersetzten. Sie pressten dort anfangs noch die fränkische Bevölkerung aus, begannen aber allmählich selbst mit Ackerbau und Viehzucht, wobei sie die Arbeit ihren Sklaven übertrugen, und wurden schließlich sesshaft. Der Stammesfürst Rollo bekämpfte von Rouen aus die Franken, und da ein gewisses Gleichgewicht der Kräfte herrschte, kam es 911 zwischen ihm und dem König Karl dem Einfältigen zu einer folgenschweren Vereinbarung. Der Wikingerhäuptling Rollo wurde als Robert I. Herzog der Normandie, erhielt das Land zwischen Eure und Epte, sowie Bessin und Cotentin, als königliches Lehen, dazu die Hand der westfränkischen Königstochter Gisela, erkannte Karl als Lehnsherrn an und ließ sich im Jahr darauf taufen. Herzog Robert regierte sein Herzogtum nach nordischer Art, hielt seinem König die Treue und machte die Normandie zu einem so starken Bollwerk, dass die beutegierigen Angriffe der Wikinger auf Westeuropa bald aufhörten. Gleichzeitig kamen weitere Zuwanderer aus dem Norden ins Land, die hier genügend Raum fanden, um als freie Bauern zu leben. Sie nahmen einheimische Frauen zum Weibe, verschwägerten sich auf diese Weise mit der ortsansässigen Bevölkerung, und aus ihren Anführern und Häuptlingen wurden fränkische Barone und Grafen, die im weiteren Verlauf der europäischen Geschichte eine bedeutende Rolle spielen sollten.

Während die Wikinger unter Seekönig Hasting das Mittelmeer vom Atlantik aus schon 859 erreicht hatten, fanden die Schweden von der Ostsee her, über den Ladogasee und die russischen Flüsse, den Weg zum Schwarzen Meer und zum Mittelmeer. Archäologen datieren erste Spuren dieser Wikingerzüge auf das 7. Jahrhundert, also lange vor dem Fanal von Lindisfarne. Das Vorgehen der Nordmänner im Osten unterschied sich grundlegend von dem im Westen. Während dort Kriegsgebrüll, Schwert und Blut ihren Weg kennzeichneten, wurde er im Osten von dem umsichtigen und weitblickenden Vorgehen der nordischen Handelsmänner markiert. Sie schufen eine Kette von festen Handelsplätzen an den Ostseeküsten, verlängerten diese zunächst bis zum Ladogasee, schoben sich mit kleineren Booten, auf die sie ihre Waren von den Knorren und Drachenbooten verluden, bis zum Zusammenfluss von Wolga und Kama vor; sie fanden über den Wolchow den Weg zum Dnjepr, kamen 864 nach Kiew, das Mittelpunkt und Hauptstadt eines immer größer werdenden Reiches wurde, und 987 ließ sich der Herrscher der Russ, wie die Nordmänner von den Slawen genannt wurden, WIadimir der Heilige, taufen und öffnete sein Land den griechisch-byzantinischen Missionsmönchen. Der Name Russ ging auf die Unterworfenen über, das Ostreich der Wikinger wurde zur Wiege des christlichen Russland.

Zwischen Kiew und Byzanz kam es zu lebhaften Handelsbeziehungen. Schon 911 wurde ein Handelsvertrag abgeschlossen, der in der Regierungszeit Kaiser Konstantins VIII. (912-950) gefestigt wurde. Die byzanthinischen Kaiser machten sich aber nicht nur den Händlergeist der Nordmänner zunutze, sondern bedienten sich auch deren kriegerischer Fähigkeiten. Sie holten die tapfersten Krieger an ihren Hof, und die Waräger-Garde war fast hundert Jahre lang der feste Kern ihres Heeres, ihr Führer gleichzeitig militärischer Bevollmächtigter des Kaisers mit Schlüsselgewalt über die Stadttore von Byzanz.

Im Norden kam es im 10. Jahrhundert ebenfalls zu bedeutsamen Veränderungen. Der deutsche König Heinrich I. eroberte im Bestreben, die Nordgrenze zu sichern, 934 Haithabu und zwang den schwedischen Kleinkönig Knuba, sich taufen zu lassen. Zwei Jahre später entrissen die Dänen den Schweden Haithabu und damit die Macht auf Jütland. Jelling wurde der neue Königssitz, von wo aus König Gorm der Alte von 940 bis 950 das Land beherrschte. Sein Sohn und Nachfolger Harald Blauzahn (950-986) ließ sich 960 taufen und christianisierte das Land (er machte die Dänen zu Christen). 986 vertrieb ihn sein Sohn Sven Gabelbart.

Die Norweger beendeten 930 die Besiedlung Islands mit der Begründung des dortigen Allthings. Erik Blutaxt herrschte von 940-945 als machtbesessener König, dem Haakon der Gute folgte, unter dem die Kleinkönige wieder zu Einfluss und Ansehen kamen. Harald Graumantel (ca. 960-970) führte einen erbitterten Kampf gegen die macht bewussten Könige und Häuptlinge, in deren Verlauf der Gaukönig Tryggve, Olaf Tryggvasons Vater, Land und Leben verlor. Um 970 begann Einfluss und Macht des Jarl Hakon in Drontheim, Statthalter Harald Blauzahns in Norwegen, so zu wachsen, dass er sich nach Haralds Vertreibung durch seinen Sohn Sven Gabelbart und seinen Sieg im Hjörundfjord (986) als unabhängiger Herrscher fühlen konnte. 974 griff der deutsche König Otto II. Dänemark und Haithabu an, 980 setzten die Wikingerzüge der dänischen und norwegischen Häuptlinge und Seekönige gegen England wieder ein. 985/86 siedelte Erik der Rote auf Grönland.

In dieser Zeit spielt der Roman Der Sohn des Seekönigs

 

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