Gunnarsslagr.
Gunnars Harfenschlag.

Übersetzung von Karl Joseph Simrock

 

 

Gunnarsslagr wird in der Sage von Olaf Tryggwason, in Nornagests Thättir (Nornagests þáttr ist eine Episode in der Óláfs saga Tryggvasonar), mit diesen Worten erwähnt: Gest nahm seine Harfe, und schlug sie schön und lange an diesem Abende, so daß alle sehr erfreut waren zuzuhören, und zwar spielte er Gunnarsslagr sehr gut, welches Gedicht die Anwesenden nie zuvor gehört hatten. (Ludwig Ettmüller: Die Lieder-Edda, 1837)

 

Karl Joseph Simrock schreibt dazu in seinem Kommentar zu den Eddaliedern: An dieses Lied, dem Atlamal, schließt sich Gunnars Harfenschlag an, ein Gedicht, das wir seiner wahrscheinlichen Unechtheit wegen nicht in den Text aufgenommen haben. Daß ein Gedicht dieses Inhalts in alter Zeit vorhanden gewesen sei, bezeugt zwar Nornagests þáttr; das nachstehende, welches Gudmund Magnussen 1780 in Island entdeckte, scheint aber sowohl der Sprache als dem Inhalte nach neuern Ursprungs und hat vermuthlich den 1785 verstorbenen Gelehrten Gunnar Pâlsson, zum Verfaßer, vgl. Germ. XIII. 784. Da aber die Untersuchung über seine Echtheit noch nicht abgeschloßen ist, so theilen wir es, um den Vorwurf der Unvollständigkeit von unserer Übersetzung abzuwenden, hier nachträglich mit.

 

1
Einst wars, daß Gunnar den Tod erwartete,
Giukis Sohn, in Grabaks Saal.
Die Füße waren frei dem fürstlichen Erben,
Die Hände mit hartem Haft gebunden.

2
Die Harfe gab man dem streitkühnen Helden,
Da zeigt’ er die Kunst mit den Zweigen der Füße.
Herlich trat er die Harfenstränge:
Wie der König konnte keiner spielen.

3
Solchen Gesang sang da Gunnar;
Die Harfe spricht mit menschlicher Stimme,
Nicht süßer sänge sie, wär sie ein Schwan;
Der Wurmsaal schallt von der Saiten Gold.

4
Die Schwester sah ich unselig vermählt
Ihm, der den Bund den Niflungen brach.
Her lud Atli Högni und Gunnar,
Seine Schwäger beide, sie zu ermorden.

5
Statt voller Kelche ward ihnen Kampf,
Mordlich Gefecht statt fröhlichen Mals.
So lange Leute nun leben, heißt es:
So falsch an Freunden that Keiner zuvor.

6
Wie ahndest du, Atli, also den Zorn?
Brynhild stach sich selber todt,
Sie die Sigurden erschlagen ließ.
Was willst du Gudrunen drum weinen laßen?

7
Der Rabe schrie heiser vom hohen Baum,
Uns gefährde das Leben des Schwagers Fall.
Auch sagte mir Brynhild, Budlis Tochter,
Uns werde Atli überlisten.

8
Glaumwör wust es wohl zuvor,
Da wir zuletzt beisammen lagen.
Widrige Träume schreckten mein Weib:
»Fahre nicht, Gunnar! falsch ist dir Atli.

9
Deinen Sper geröthet sah ich von Blut,
Den Erben Giukis den Galgen erbaut.
Ich dachte, die Disen lüden dich:
Drum traut nicht, Brüder, man will euch betrügen.«

10
Auch hub Kostbera an, Högnis Vermählte,
Von verritzten Runen, abrathenden Träumen.
Doch kühn war das Herz in der Helden Brust,
Sie bangten beide nicht vor dem bittern Tod.

11
»Uns ist von den Nornen das Alter bestimmt,
Uns Erben Giukis, nach Odhins Willen.
Wider das Schicksal mag Niemand sich setzen,
Noch von Heil verlaßen dem Herzen vertraun.

12
Mich lächert, Atli, daß du laßen must
Die rothen Ringe, die Reidmar besaß.
Ich weiß allein nun wo sie verborgen sind,
Seit ihr dem Högni nach dem Herzen schnittet.

13
Mich lächert, Atli, daß dem lachenden Högni
Dein hunnisch Heer nach dem Herzen schnitt.
Nicht ächzte der Niflung als das Meßer eindrang,
Verzog nicht die Braue bei dem bittern Tod.

14
Mich lächert, Atli, daß du laßen mustest
So Manchen der Mannen, der muthigsten gar,
Durch unsre Schwerter, eh dus vollbrachtest.
Unsre hehre Schwester erschlug dir den Bruder.

15
Kein furchtsam Wort bringt Gunnar vor,
Giukis Sohn, in Grafwitnirs Höhle.
Nicht wird er harmvoll Heervatern nahn,
Längst ist der Fürst der Leiden gewöhnt.

16
Eher soll Goin ans Herz mir graben
Und Nidhöggr die Nieren saugen,
Linn und Langbackr die Leber zehren
Ehe der Gleichmuth Gunnarn verläßt.

17
Doch wird es Gudrun grimmig rächen,
Daß uns Atli also betrogen hat.
Sie wird dir Herscher die Herzen bringen
Deiner Söhne gesotten zum Abendschmaus.

18
Aber mit Meth vermischt ihr Blut
Sollst du aus der Schädel Schalen trinken.
Am härtesten härmt dir aber das Herz,
Wenn dich Gudrun feige und grausam schilt.

19
Kurz währt dein Leben nach der Könige Tod,
Böses bringt dir der Verrath an den Brüdern:
Wohl scheinst du es werth, daß wir durch die Schwester,
Die nothgezwungene, den Treubruch zahlen.

20
Dich wird Gudrun mit dem Geer durchbohren.
Zur Seite soll ihr Niflung stehen.
Hohe Lohe wird deine Halle umspielen,
Und dann in Nastrand dich Nidhöggr saugen.

21
Grabak schläft schon und Grafwitnir,
Goin und Moin und Grafwölludr,
Ofnir und Swafnir, die giftgeschwollenen,
Nadr und Nidhöggr und die Nattern alle,
Hring und Höggwardr, vom Harfenschalle.

22
Alleine wacht noch Atlis Mutter:
Die wendet das Herz mir bis an die Wurzel,
Saugt mir die Leber, frißt mir die Lunge,
Läßt nicht länger den König leben.

23
Verhalle, Harfe, von hinnen muß ich,
Das weite Walhall bewohnen fürderhin;
Mit den Göttern trinken den theuern Meth,
Von Sährimnir speisen in Odhins Saal.«

24
»Gunnars Harfenschlag ist ausgesungen,
Mein Lied erlabt’ euch zum letzten Mal.
Kein Fürst wird hinfort mit der Füße Zweigen
Die hellen Saiten der Harfe schlagen.«

 

 

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