Andreas Heusler

Die Geschichte vom Hühnerthorir
(Hænsna-Þóris saga)

Capitel 14 - 17

 

14. Capitel

 

Thord ritt nun aufs Thing. Er kam zeitig an; und sobald wieder eine neue Schar anrückte, warb er eifrig um Mannschaft.

Nun sah man den Odd mit seiner Schar heranziehen.

Thord ritt ihm entgegen; denn er wollte ihn nicht den geheiligten Thingbezirk erreichen lassen. Odd ritt an der Spitze von dreihundertsechzig Mann.

Thord und die Seinen verwehrten ihnen das Betreten des Thingfeldes, und da kam es alsbald zum Handgemenge. Nicht lange, so gab es Tote, und sehr viele wurden verwundet. Es fielen sechs Mann auf Seiten des Odd; denn Thord war ihm bei weitem Überlegen.

Da sagten sich friedliebende Manner, wenn jetzt die ganze Landsgemeinde aneinander geriete, so wurden daraus Uebelstände erwachsen, deren Ende nicht abzusehen wäre. Sie legten sich ins Mittel; die Streitenden wurden getrennt; Odd musste nachgeben; denn einmal, fand man, das schwächere Recht in dem ganzen Handel sei auf seiner Seite, und ausserdem zog er mit seinen Streitkräften den Kürzeren.

Es wurde angeordnet, dass Odd ausserhalb des geheiligten Thingbezirkes seine Zelte aufschlagen solle, dass er aber zu den Gerichtssitzungen kommen und seinen Geschäften nachgehen dürfe; nur sollten er und seine Leute sich gesittet verhalten und keine Widerspenstigkeit an den Tag legen.

 

15. Capitel

 

Jetzt aber ist einiges von Herstein zu berichten.

Seine Krankheit liess bald nach, als die Andern zum Thing abgezogen waren. Da ritt er nach Oernolfsthal.

Eines Tages in der Frühe war er in der Schmiede, er verstand sich nämlich auf Eisenarbeit wie nicht bald ein Zweiter. Da kam ein Bauer herein, Namens Oernolf, der sagte: „Meine Kuh ist krank“, sagte er, „ich möchte dich bitten, Herstein, komm doch und sieh sie dir an. Wir haben eine Freude, dass du wieder hier bist; das ist uns ein wenig ein Ersatz für deinen Vater, dem wir gar manche Wohlthat zu verdanken hatten.“

Herstein antwortete: ,,Ich kümmere mich nicht um deine Kuh, und ich könnte auch nicht sehen, was ihr fehlt.“

Der Bauer erwiderte: „Das ist doch ein grosser Unterschied zwischen deinem Vater und dir: er hat mir die Kuh geschenkt, und du willst sie dir nicht einmal ansehen.“

Herstein antwortete: „Ich gebe dir eine andere Kuh, wenn die da stirbt.“ — Der Bauer erwiderte: „Für's erste möchte ich lieber, dass du sie dir einmal ansähest.“

Da sprang Herstein auf, und die Sache verdross ihn; er ging hinaus und der Bauer mit ihm. Sie schlugen den Weg nach dem Walde ein. Da zieht sich der Pfad im Zickzack hinauf, zu beiden Seiten Wald. Und wie nun Herstein den Weg durch die Felsen ging, da machte er Halt, — er war scharfäugig wie nicht leicht ein Anderer.

Er sagte: „Kam nicht da im Walde ein Schild zum Vorschein?“ — Der Bauer schwieg.

Herstein sagte: „Hast du mich verraten, du Hund? Nun, wenn du dich eidlich gebunden hast, nichts zu sagen, so leg dich nieder hier auf dem Wege und sprich kein Wort; thust du das nicht, so bringe ich dich um.“

Da legte sich der Bauer nieder, aber Herstein kehrte um und rief seine Leute zusammen; sie nahmen ihre Waffen und gingen nach dem Walde und fanden den Oernolf an dem Wege. Sie sagten ihm, er solle sie dahin führen, wo es verabredet war, dass sie sich treffen sollten.

So gingen sie, bis sie zu einer Lichtung kamen. Da sagte Herstein zu Oernolf: „Ich will dich nicht zum Reden zwingen; aber geh jetzt, wohin man dich bestellt hatte.“

Der Bauer lief auf einen Hügel hinauf und that einen lauten Pfiff. Da liefen zwölf Männer hervor, an ihrer Spitze der Hühnerthorir. Herstein und die Seinen aber nahmen diese Leute fest und erschlugen sie. Herstein selbst hieb dem Thorir den Kopf ab und nahm ihn mit sich.

Darauf ritten sie zum Thing und erzählten dort das Geschehene. Herstein hatte viel Ruhm und Auszeichnung von dieser That, wie zu erwarten war.

Nun sass man über den Rechtshändeln der Leute, und der Abschluss der Sache war der, dass Arngrim geächtet wurde mit voller Acht und ebenso all die anderen, die bei dem Mordbrande gewesen waren, ausser Thorwald, dem Sohne des Odd; er sollte drei Jahre ausser Landes sein und dann freie Rückkehr haben.

Darnach wurde das Thing aufgelöst, und die Leute fanden, Thord habe dem Handel gut und rühmlich zu Ende geholfen. Man ritt vom Thing nach Hause. Die Geüchteten aber fuhren in diesem selben Sommer noch ausser Landes. Thorwald wurde mit seinem Schiff an der schottischen Küste angetrieben und dort als Knecht gefangen gehalten.

 

16. Capitel

 

Gunnar sass nun in Oernolfsthal; mit dem Neubau des Gehöftes war er gut zum Abschluss gekommen.

Er hatte diesen Herbst die Sennhütten bezogen, und es war immer wenig Volk auf dem Hofe. Seine Tochter Jofrid hatte vor dem Hause ein Zelt für sich; sie fand es darin kurzweiliger. Eines Tages trug es sich zu, dass Thorodd, der Sohn des Odd, in die Gegend geritten kam. Sein Weg führte ihn nach Oernolfsthal, und er trat zu Jofrid in das Zelt ein. Sie hiess ihn freundlich willkommen. Er nahm Platz neben ihr, und sie unterhielten sich zusammen. Nicht lange, so kam ein Knabe von der Sennhütte herunter und sagte, Jofrid möge ihm doch helfen, die Sattellasten von den Pferden zu heben. Thorodd ging heran und hob die Lasten herunter.

Der Knabe ging zurück und kam zu der Sennhütte. Gunnar fragte ihn, warum er es so eilig habe. Er gab keine Antwort. Gunnar fragte: „Hast du irgend etwas gesehen?“ — „Gar nichts“, sagte der Knabe.

„Nein nein“, sagte Gunnar, „du siehst mir so aus, als ob dir etwas über den Weg gelaufen sei, was schon der Mühe wert wäre, zu erzählen! Ist es so, so sag es mir. Ist vielleicht Jemand zum Hofe gekommen?"

„Ich habe Niemand gesehen“, sagte der Knabe. — „Du wirst es jetzt schon sagen“, sprach Gunnar und nahm eine grosse Gerte und schickte sich an, den Jungen zu schlagen; er brachte ebenso wenig aus ihm heraus wie vorher.

Da holte sich Gunnar ein Pferd, schwang sich auf und ritt in einer Eile die Halde hinunter zum Gehöft. Jofrid sah ihren Vater daherkommen und sagte es dem Thorodd und bat ihn, er möge weg reiten: „ich möchte nicht, dass ich schuld würde an etwas Schlimmem!“ — Thorodd sagte, er wolle sogleich reiten.

Aber schon war Gunnar zur Stelle; er sprang ab und trat gleich ins Zelt ein. Thorodd grüsste ihn höflich; Gunnar erwiderte seinen Gruss und fragte dann, was ihn hergeführt habe. Thorodd sagte, es habe ihm gerade so am Wege gelegen: „doch will ich das nicht in feindseliger Absicht gethan haben. Ich möchte wissen, was für eine Antwort du giebst, wenn ich um deine Tochter Jofrid anhalte.“

Gunnar antwortete: „Meine Tochter verheirate ich dir nicht nach einer solchen Handlungsweise. Es hat ohnedies nicht zum besten zwischen uns gestanden die Zeit über.“ — Darnach ritt Thorodd heim.

 

17. Capitel

 

Eines Tages erklärte Odd, es wurde sich nicht Übel schicken, einige Nutzniessung zu haben von dem Lande in Oernolfsthal: „dort, wo sich Andere widerrechtlich auf mein Eigentum gesetzt haben.“ — Die Weiber fanden, das würde ganz gelegen kommen: „das Vieh steht so schlecht in der Milch, und es wird viel mehr hergeben, wenn man's so macht, wie du sagst.“

„So soll man die Herde dorthin treiben“, sagte Odd, „denn dort giebt es gute Weideplätze.“ Da sagte Thorodd: „Ich erbiete mich dazu, die Herde zu begleiten; man wird sich dann weniger an sie heran wagen.“ — Odd sagte, das sei ihm ganz lieb.

So zogen sie mit der Herde ab. Und wie sie ein gutes Stück weit gekommen waren, sagte Thorodd, sie sollten das Vieh dahin treiben, wo sie auf die schlechteste Weide trafen, und am meisten kahle Stellen waren. Die Nacht verging, und am andern Morgen trieben sie das Vieh heim. Und wie die Weiber gemolken hatten, da sagten sie, so schlechte Milch habe es noch nie gegeben wie diesmal. So wurde dies nicht zum zweiten Male versucht. Und es ging wieder einige Zeit hin.

Das war eines Morgens in der Frühe, dass Odd seinen Sohn Thorodd ins Gespräch nahm: „Reite hinunter in die Landschaft und bring Männer zusammen; ich will jetzt die Leute von meinem Eigentum treiben. Wir Andern wollen thalaufwärts gehen und die dort in Kenntnis setzen. Wir treffen uns dann an der Steinfurt.“

So thaten sie und sammelten Mannschaft; Thorodd bekam neunzig Mann zusammen, mit denen ritt er zur Furt, und sie kamen vor den Andern an. Da sagte er, sie wollten gleich weiter reiten. Und wie sie nun gegen die Hofmauer in Oernolfsthal herankamen, war Gunnar eben dabei, eine Karrenfuhre zu laden.

Da bemerkte ein Knabe, der bei Gunnar war: „Da kommen Leute auf den Hof zu, eine recht grosse Zahl.“ — „Ja, ganz recht“, sagte Gunnar; er ging ins Haus und holte seinen Bogen, er war nämlich ein Bogenschütze wie kaum ein Zweiter, und er wird oft dem Gunnar von Hlidarendi an die Seite gestellt. Seinen Hof hatte er damals in guten Stand gebracht; an der äusseren Thür befand sich ein Guckloch, durch dieses konnte man eben den Kopf hinaus stecken. Er stellte sich jetzt mit dem Bogen an die Thür.

Nun kam Thorodd zum Hause und trat an die Thür, und ein paar seiner Leute mit ihm, und fragte, ob Gunnar etwa ein Lösegehl bieten wolle.

Der antwortete: „Ich wüsste nicht, dass ich für irgend etwas zu büssen hatte. Aber das möchte ich vermuten, eh ihr mich in eure Gewalt bekommt, werden meine Dienerinnen den einen und andern von deinen Begleitern mit dem Schlafdorn gestochen haben, eh ich im Staube liege!“

Thorodd antwortete: „Das ist ja wahr, es leben nicht viele, die es mit dir aufnehmen. Aber doch könnte eine so grosse Schar gegen dich anrücken, dass du dich nicht zu halten vermagst; denn mein Vater ist im Anzuge mit starker Mannschaft und hat vor, dich zu erschlagen.“

Gunnar erwiderte: „Gut denn! ich möchte nur wünschen, dass ich meinen Mann finde, ehe ich zur Strecke komme! Ich hab's mir nie anders gedacht, als dass dein Vater den Frieden zwischen uns nicht lange halten werde.

„Im Gegenteil“, sagte Thorodd, „wir wollen gern Frieden schliessen. Reich jetzt deine Hand dar in guten Treuen und sage mir deine Tochter Jofrid zu.“

Gunnar erwiderte: „Du trotzest mir meine Tochter nicht ab. Uebrigens ein unebenes Angebot wäre es nicht, was dich anlangt, denn du bist ein wackerer Bursch.“

Thorodd antwortete: „Ein Abtrotzen werden das rechtliche Männer nicht nennen und du verpflichtest mich dir zu grosser Dankbarkeit, wenn du auf meinen Vorschlag eingehst, unter alten den Bedingungen, wie sie der Sache anstehen.“

Und nun, wie seine Freunde ihm zuredeten, und er ausserdem bedachte, dass sich Thorodd immer ehrenhaft bewiesen habe, da kam es schliesslich dazu, dass Gunnar die Hand darreichte, und die Sache zwischen ihnen beschlossen wurde.

Jetzt eben kam Odd auf den Hofplatz. Thorodd wandte sich gleich seinem Vater entgegen und fragte ihn, was er vor habe. Er erklärte, er habe vor, den Hof zu verbrennen mitsamt den Insassen.

Thorodd entgegnete: „Die Sache hat jetzt einen andern Lauf genommen; Gunnar und ich haben uns verglichen.“ Und er erzählte, wie alles gekommen war.

„Man traut seinen Ohren nicht,“ sagte Odd; „wäre es denn schlimmer für dich, das Mädchen zu haben, wenn Gunnar vorher getödtet wäre er, der unser grösster Gegner war! Es ist uns übel bekommen, dass wir dich mitmachen liessen.“ — Thorodd antwortete: „Mit mir musst du dich jetzt zuerst schlagen, wenn es nicht anders sein kann.“

Jetzt legten sich Leute ins Mittel und brachten's zu einem Vergleich zwischen den Beiden. Die Sache kam zu dem Abschluss, dass Jofrid dem Thorodd verlobt wurde. Odd aber war übel damit zufrieden. Darnach zogen die Leute heim. Nach einiger Zeit fand man sich zur Hochzeit ein; dem Thorodd behagte seine Heirat wohl.

Nach Ablauf des Winters aber zog Thorodd ausser Landes; denn er hatte erfahren, dass sein Bruder Thorwald in Gefangenschaft sitze, und wollte ihn mit Geld loskaufen. Er kam nach Norwegen und kehrte nie wieder nach Island zurück, weder er noch sein Bruder.

Odd begann nun sehr zu altern. Und wie er erfuhr, dass keiner seiner Söhne mehr zurückkommen werde, da befiel ihn eine schwere Krankheit. — Und wie es anfing, ihm zuzusetzen, da sagte er zu seinen Freunden, sie sollten ihn hinauf schaffen auf die Höhe des Skaneyberges, nach seinem Tode; von dort wolle er über das ganze Stromland hinschauen. — So geschah es.

Jofrid aber, die Tochter Gunnars, wurde nachher an Thorstein, den Sohn des Egil in Borg, verheiratet und war eine Frau von guter alter Art.

Und damit schliesst die Geschichte vom Huhnerthorir.

 

Quelle:
Andreas Heusler: Die Geschichte vom Hühnerthorir - Hænsna-Þóris saga (1900).

 

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