Andreas Heusler

Die Geschichte vom Hühnerthorir
(Hænsna-Þóris saga)

Capitel 11 - 13

 

11. Capitel

 

Alsbald am Morgen in der Frühe war Gunnar auf den Beinen, ging zu Thorkel und sagte, sie möchten sich ankleiden. Sie thaten so, und gingen dann zum Frühstück. Es waren auch schon ihre Pferde bereit, und sie sassen auf. Gunnar ritt voraus, landeinwärts dem Fjorde entlang. Es war damals noch stark vereist.

Sie rasteten nicht, bis sie nach Hwamm zu Thord Gellir kamen. Der hiess sie freundlich willkommen und fragte, was es Neues gebe; sie erzählten, so viel ihnen gut schien. Gunnar nahm den Thord bei Seite und sagte ihm, seine Begleiter seien Herstein, der Sohn des Blund-Ketil, und Thorkel von Swignaskard: „ihr Anliegen ist diess, dass sich Herstein um die Verschwägerung mit mir bewirbt und um die Hand meiner Tochter Thurid. Was meinst du, scheint es dir ratlich? Der junge Mann ist stattlich und anstellig, es fehlt ihm auch nicht an Vermögen, denn sein Vater hat erklärt, er wolle die Wirtschaft abgeben, und Herstein solle sie übernehmen.“

Thord antwortete: „Mit Blund-Ketil stehe ich gut; denn einmal, als Odd und ich auf dem Allthing einen Streit führten um die Todschlagsbusse für einen Knecht, die ihm auferlegt wurde, da brach ich nachher auf, um sie einzutreiben, bei einem heillosen Wetter, ich selbst ritt, und da kamen wir Nachts zu Blund-Ketil und wurden dort vortrefflich aufgenommen und blieben eine Woche da. Er gab uns frische Pferde zum Wechseln und schenkte mir ein Paar gute Gestütpferde. Dies ist meine Erfahrung mit ihm. Aber doch habe ich den Eindruck, es könne nichts schaden, wenn dieser Handel unterbliebe.“

“Bedenke das aber“, sagte Gunnar, „einem andern Manne wird sie nicht verlobt werden, auch wenn sich einer anbietet; denn ich glaube, dieser junge Mann lässt sich eine Hintansetzung nicht gefallen, und es steht viel auf dem Spiele, wenn wir ihn zurückweisen.“

Darnach suchte Gunnar seine Tochter auf — die war nämlich bei Thord in Erziehung — und forschte bei ihr nach, wie sie sich dazu stelle. Sie antwortete, sie sei nicht so männersüchtig, dass sie nicht ebenso gern daheim bliebe: „denn bei meinem Oheim Thord bin ich gut aufgehoben. Aber was ihr beide wünscht, das will ich thun, in dieser Sache wie in allem übrigen.“

Jetzt wurde Gunnar dringlicher bei Thord und sagte, er finde das eine sehr ehrenvolle Heirat. Thord antwortete: „Nun, warum giebst du ihm dann deine Tochter nicht, wenn es dir denn zusagt?“

Gunnar erwiderte: „Nur unter der Bedingung gebe ich sie ihm, dass es ebenso wohl dein Wille sei wie der meine.“ Thord sagte, der Beschluss solle von ihnen beiden ausgehen.

„Ich möchte“, sagte Gunnar, „dass du, Thord, dem Herstein das Madchen anverlobst.“

Thord antwortete: „Das musst du selber thun, deine eigene Tochter verloben!“ — Gunnar antwortete: „Ich fnde, es liegt mehr Ehre darin, wenn du sie verlobst; so steht es uns besser an.“

Da liess denn Thord der Sache den Kauf, und die Verlobung ging vor sich.

Da sagte Gunnar: „Ich bitte noch darum, dass du die Hochzeit hier in Hwamm stattfinden lassest; dann wird sie besonders ehrenvoll werden.“

Thord sagte, er könne es auch damit halten, wie er wolle, wenn es ihm so lieber sei. — Gunnar sagte: „Lass es uns so verabreden, dass die Hochzeit gleich nach Ablauf einer Woche stattfinde.“

Darnach sassen sie auf und setzten sich in Bewegung; Thord begleitete sie auf den Weg hinaus und fragte noch einmal, ob irgend etwas Neues zu berichten sei.

Gunnar antwortete: „Das Neueste, das wir vernommen haben, ist der Mordbrand bei Meister Blund-Ketil.“ — Thord fragte, was es damit sei; aber Gunnar berichtete alle näheren Umstünde bei dem Brande, wer ihn veranlasst und wer ihn ausgeführt habe.

Thord sprach: „Diese Heirat ware nicht so schnell beschlossen worden, wenn ich das gewusst hätte. Ihr bildet euch jetzt ein, ihr hättet mich weit überholt in der Schlauheit und mich gut in die Falle gelockt. Aber doch, meine ich, ist es nicht so gewiss, ob ihr allein in dem Handel mitzusprechen habt!“

Gunnar sagte: „Von dir darf man sich guten Schutz versprechen; auch ist es jetzt deine Pflicht, deinem Neffen beizustehen; und wir sind verpflichtet, dir beizustehen; denn Viele haben es mit angehört, dass du das Mädchen verlobt hast, und alles dies geschah auf deinen Entscheid hin. Es ist auch ganz recht, wenn ihr einmal erprobt, ihr Häuptlinge, wer von euch die Oberhand behält; denn ihr habt jetzt schon lange auf einander eingebissen wie die Wölfe.“

 

12. Capitel

 

Daraufgehen sie auseinander; und Thord war in grossem Zorn und fand, sie hätten ihn zum Narren gehalten. Sie aber ritten zunächst nach Gunnarsstadir zurück und fanden, sie hatten ihre Sache gut gemacht, dass sie den Thord in den Handel hereinzogen, und waren fröhlich und guter Dinge.

Sie ritten für diesmal nicht weiter dem Süden zu, sondern luden gleich die Leute zur Hochzeit, und zur verabredeten Zeit stellten sie sich alle in Hwamm ein.

Thord hatte schon manche Gäste versammelt. Er wies jetzt den Leuten ihre Sitze an: er selbst sass auf der einen Sitzreihe mit seinem Schwager Gunnar und dessen Leuten, aber auf der andern Sitzreihe sass Torkel und neben ihm der Bräutigam und die von ihnen Eingeladenen; die Brautjungfern nahmen die Sitzreihe an der Schmalwand ein.

Sobald aber die Tische vor den Gästen aufgepflanzt und alle Leute an ihren Sitz gekommen wuren, sprang Herstein, der Bräutigam, hervor über den Tisch und schritt auf einen Steinblock zu, der im Mittelraume lag. Er stieg mit dem einen Fusse auf den Stein und sprach: „Darauf lege ich ein Gelübde ab“, sagte er, „eh das Allthing aus ist diesen Sommer, soll der Gode Arngrim geächtet, oder das Recht, ihm die Strafe zu verhangen, in meinen Hönden sein!“ — Darauf stieg er an seinen Platz zurück.

Jetzt sprang Gunnar hervor und sprach: „Darauf lege ich ein Gelübde ab“, sagte er, „eh das Allthing aus ist diesen Sommer, will ich den Thorwald, Sohn des Odd, des Landes verwiesen sehen oder aber das Recht, ihm die Strafe zu verhängen, in meinen Handen haben!“

Er stieg zurück über den Tisch und sprach zu Thord: „Warum sitzest du da, Thord, und sprichst kein Wort? Wir wissen doch, dass du das Gleiche willst wie wir.“

Thord antwortete: „Lassen wir's für diesmal dabei bewenden.“

Gunnar erwiderte: „Willst du etwas, dass wir für dich das Wort führen, so sind wir bereit; wir wissen ja, dass du's auf den Odd abgesehen hast!“

Thord sagte: „Mit dem, was ihr redet, könnt ihr's halten, wie ihr wollt; was ich rede, ist meine Sache. Führt das nur gut zu Ende, was ihr da gesprochen habt.“

Es trug sich nichts Weiteres von Belang zu an der Hochzeit, aber doch verlief sie glänzend; und wie sie zu Ende war, da zog ein Jeder seine Strasse.

Der Winter verstrich. Und wie es Frühling war, sammelten sie Mannschaft und zogen hinüber an den Borgarfjord, kamen nach Nordtunga und luden den Arngrim vor und den Hühnerthorir, vor das Gericht in Thingnes. Herstein mit dreissig Mann trennte sich von der Schar und zog zu dem Hofe, wo Thorwald, der Sohn des Odd, zuletzt im Quartier gewesen war, und liess dort die Vorladung ergehen.

Jetzt war es unruhig in den Landschaften und ein grosses Hin- und Hergerede und ein Zusammenziehen von Mannschaft bei beiden Parteien.

 

13. Capitel

 

Eines schönen Tages verschwand der Hühnerthorir aus dem Bezirk, sobald er erfuhr, was für Leute die Klage übernommen hatten, und man hörte gar nichts mehr von ihm.

Odd und Arngrim warben ihre Mannschaft an zu beiden Seiten der Weissach. Thord Gellir sammelte Streitkräfte bei sich im Westlande, und brachte nicht sehr viel zusammen.

Als er und die Seinen sich trafen, da waren es im Ganzen zweihundertundvierzig Mann. Sie ritten hinüber zur Weissach und wollten da den Strom überschreiten, wo es Zum Knechtestrudel heisst. Da sahen sie eine grosse Schar südwärts des Flusses heranziehen; das war Odd und hatte an die vierhundertachtzig Mann.

Da beschleunigten sie ihren Ritt und wollten zuerst zu der Furt kommen. Sie trafen am Flusse zusammen; Odd und die Seinen sprangen ab und verwehrten ihnen den Uebergang; dem Thord und seiner Schar ging's mühsam mit dem Vorwärtsdringen, und doch wollten sie gern das Thing erreichen.

Es kam zum Handgemenge und setzte auch gleich Verwundungen. Auf Seiten des Thord fielen vier Mann, darunter Thorolf der Fuchs, ein hochangesehener Mann. Und damit traten sie den Rückweg an. Auf Seiten Odds war einer gefallen und drei schwer verwundet.

Thord machte jetzt die Klage beim Allthing anhängig. Sie ritten heim; und man fand, das Ansehen der Leute aus der Westgegend habe einen argen Stoss bekommen.

Odd ritt auf das Thing. Er schickte seine Knechte mit den Pferden nach Hause. Als sie heimkamen, fragte Jorun, Odds Frau, was es Neues gebe. Die Knechte meinten, sie wüssten keine andere Neuigkeit als die, dass einer aus dem Westlande, von der Breitbucht, gekommen sei, der habe es verstanden, dem Odd Rede zu stehen: „und seine Stimme, die klang so, wie wenn ein Stier brüllte.“

Sie meinte, dass sei keine Neuigkeit, wenn man ihm Rede gestanden habe wie jedem Anderen; aber nach allem dem, was vorgefallen sei, meinte sie, wäre wohl etwas anderes zu erwarten.

„Es war da auch ein Gefecht“, sagten sie, „und es fielen fünf Mann im ganzen, und viele wurden verwundet.“ Aber vorher hatten sie das mit keinem Worte erwähnt!

Das Thing ging vorüber, ohne dass etwas besonderes vorfiel.

Als Gunnar mit seinem Schwiegersohn heim gekommen war, da tauschten sie ihre Wohnstätten aus: Herstein übernahm Gunnarsstadir; Gunnar zog nach Oernolfsthal: er liess all das Bauholz, das dem Norweger Oern gehört hatte, herschaffen, machte sich darauf an die Arbeit und führte die Gebäude des Hofes neu auf. Gunnar war nämlich handfertig wie nicht bald ein zweiter; auch in allem übrigen war er tüchtig und führte seine Waffe wie nur einer und war ein Mann von rechtem Heldensinn.

So verstrich ein Jahr, und es kam die Zeit, wo man zum Allthing reiten sollte. Es wurde eifrig gerüstet in den Landschaften. Beide Parteien ritten mit ungeheuer grossem Gefolge.

Als Thord Gellir mit seiner Schar nach Gunnarsstadir kam, da war Herstein krank und konnte nicht mit zum Thing. Er übertrug die Führung der Klage auf einen Anderen. Es blieben dreissig Mann bei ihm zurück.

 

Quelle:
Andreas Heusler: Die Geschichte vom Hühnerthorir - Hænsna-Þóris saga (1900).

 

Diesen Artikel weiter empfehlen …. href="http://www.manfrieds-trelleborg.de"

 

Zum Inhaltsverzeichnis der Geschichte vom Hühnerthorir oder direkt Zum Tor

 

5,530,187 eindeutige Besuche

Top Zum Seitenanfang