Andreas Heusler

Die Geschichte vom Hühnerthorir
(Hænsna-Þóris saga)

Capitel 9 - 10

 

9. Capitel

 

So wird berichtet, sobald es Nacht war, ritt Thorwald und seine Schar zum Hofe Oernolfsthal. Dort lagen alle Leute schon im Schlaf. Sie schleppten einen Holzstoss zum Hause und setzten ihn in Brand. Als Blund-Ketil und die Seinen erwachten, da standen schon die Gebäude über ihnen in Flammen. Blund-Ketil fragte, wer diese Gluthitze angerichtet habe. Thorir nannte sich und die Andern. Blund-Ketil wollte wissen, ob irgendwie ein Vergleich zu erlangen sei; Thorir erklärte, es sei keine andere Wahl als zu verbrennen.

Sie gingen nicht eher von der Stelle, als bis jedes lebende Wesen drinnen verbrannt war.

Herstein, der Sohn Blund-Ketils, war am Abend vorher zu seinem Pflegevater gegangen, der Thorbjörn hiess. Man erzählt sich, dass dieser Thorbjörn seine sichtbare Gestalt bisweilen verliess. Herstein erwachte am frühen Morgen und fragte, ob sein Pflegevater wach sei. Er sagte, er sei wach: „was willst du denn?“ — „Mir träumte, und es war mir, als ob mein Vater hier herein trete, und die Kleider an ihm standen alle in Flammen, und es war mir, als sei er von Kopf bis zu Fuss ein Feuer.“

Sie standen auf und traten vor's Haus und sahen gleich in der Ferne die Glut. Da nahmen sie ihre Waffen und ritten scharf. Als sie zu der Stelle kamen, da waren alle schon weg.

Da sagte Herstein: „Hier, haben sich traurige Dinge zugetragen! — Wie ist's, was ist jetzt zu thun?“

Thorbjörn antwortete: „Jetzt wollen wir uns Odds Versprechen zu nutze machen: er hat mir oft gesagt, ich solle zu ihm kommen, wenn ich etwas nötig hatte.“ — Herstein antwortete: „Davon verspreche ich mir nichts.“

Dennoch machten sie sich auf den Weg, kamen nach Breidabolstad und liessen den Odd herausrufen. Er kam heraus, hiess sie willkommen und fragte, was es neues gebe. Sie erzählten, was geschehen war. Er äusserte sich missbilligend darüber.

Da fing der alte Thorbjörn an: „So steht es, Meister Odd“, sagte er; „du hast mir einmal deinen Schutz versprochen; so bitte ich dich denn jetzt, dass du irgend einen guten Rat giebst und ihn ausfuhren hilfst.“ — Odd sagte, das wolle er thun.

Darauf ritten sie nach Oernolfsthal und langten noch vor Tage an. Da waren die Gebäude eingefallen und das Feuer so ziemlich unter der Asche verglommen. Odd ritt zu einem der Gebäude, das nicht ganz verbrannt war. Er streckte sich aus nach einem Birkenbalken und zog ihn mit einem Ruck aus dem Gebäude, ritt alsdann mit dem lohenden Brande um das Haus, dem Sonnenlauf entgegengekehrt, und sprach: „Hier ergreife ich Besitz von Grund und Boden, dieweil hier nun keine bewohnte Heimstätte zu sehen ist. Es sollen's hören, die als Zeugen zugegen sind!“ — Darauf spornte er sein Pferd und ritt davon.

Da sprach Herstein: „Was ist jetzt zu thun? Dies ist nicht gut ausgefallen!“ — Thorbjörn sagte: „Schweige jetzt, wenn's dir möglich ist, was du auch geschehen siehst.“ — Herstein bemerkte, er habe doch gewiss nicht zu viel gesagt.

Eine Vorratskammer, die von den Wohngebäuden getrennt stand, war vom Feuer verschont; da war die Ware des Norwegers darin und viele andere Habe. Auf einmal verschwand der alte Thorbjörn. Herstein schaute nach dem Gehöfte hin; er sah die Vorratskammer offen stehen und die Habe herausgetragen werden, aber Menschen sah er keine. Es werden da die Sattelpacke gebunden. Darauf hört er ein grosses Getrampel in den Hof herein; da sieht er, dass alle Pferde aus dem Besitz seines Vaters heimgetrieben werden, die Schafe und die Rinder aus dem Stalle, der ganze Vichstand. Darnach werden die Lasten auf die Pferde gehoben, alles setzt sich in Bewegung, und alles was Geldwert hat, wird davon geführt. Herstein macht sich dahinter her, und jetzt sieht er, dass der alte Thorbjörn den Zug vor sich her treibt.

Sie nehmen ihre Richtung thalabwarts durch die bewohnte Landschaft hin, in die Gegend von Stufholt und dann hinaus über die Nordach.

 

10. Capitel

 

Der Schafhirte des Thorkel von Swignaskard war diesen Morgen dem Vieh nachgegangen. Er sah jene daher kommen und allerhand Vieh vor sich hertreiben. Er berichtete das dem Thorkel; der aber erwiderte: „Ich weiss, was das zu bedeuten hat: das werden die Örnolfsthaler sein, meine Freunde; sie haben stark unter dem Winter gelitten und werden ihr Vieh hieher treiben wollen. Das soll ihnen freistehen; ich habe reichlich Heu, und es fehlt auch nicht an Platzen für das Weidevieh.“

Er ging hinaus, als jene in den Hof kamen, hiess sie willkommen und bot ihnen Bewirtung an, soviel sie nur wünschten. Sie kamen kaum dazu abzusitzen, so dienstbeflissen war der Bauer gegen sie.

Thorbjörn sagte: „Du hast's ja wichtig mit deiner Gastfreundschaft, und es läge auch viel daran, dass du alles das gut ausfuhrst, was du uns versprichst.“ — „Ich weiss, was euch herführt; das Vieh wird hier zurückbleiben sollen. Es ist hier auch an guten Weideplatzen kein Mangel.“

Thorbjörn sprach: „Das wollen wir annehmen.“ — Dann nahm er den Thorkel bei Seite neben das Haus und sagte: „Es sind grosse Neuigkeiten zu berichten.“

Thorkel fragte, was für welche es seien. — „Meister Blund-Ketil wurde heut Nacht in seinem Hofe verbrannt“, sagte Thorbjörn. — „Wer verübte diese Schurkenthat?“ sagte Thorkel.

Da erzählte Thorbjörn alles, wie es ergangen war: „und jetzt hat Herstein deinen guten Rat nötig. — Thorkel sagte: „Es scheint mir nicht so sicher, ob ich mich so schnell zu dem Versprechen herbeigelassen hätte, wenn ich das im Voraus gewusst hätte! Aber jetzt will ich denn meine Mitwirkung gewähren. Gehen wir jetzt zuerst zum Essen!“ — Sie waren zufrieden.

Thorkel war nun sehr einsilbig und so in Gedanken versunken. Als sie gegessen hatten, liess er ihre Pferde holen; sie nahmen ihre Waffen an sich und sassen auf. Thorkel ritt voraus den Tag über; vorher hatte er noch gesagt, dass man das Vieh auf der Weide gut in Acht haben und das im Stalle gut mit Futter versehen solle.

Sie ritten nun hinaus nach dem Skogarstrande, zu dem Hofe Gunnarsstadir; der liegt im inneren Teile des Strandes. Dort wohnte ein Mann, Namens Gunnar, Sohn des Hlifarson; der war gross, stark und streitbar wie nicht bald ein Zweiter. Er hatte die Schwester des Thord Gellir zur Frau. Gunnar hatte zwei Töchter, die eine hiess Jofrid, die andere Thurid.

Sie langen spät am Tage an und sitzen ab oberhalb der Gebäude. Es ging ein Nordwind und war recht kalt. Thorkel geht zum Eingang und klopft; aber ein Knecht kommt an die Thür, begrüsst den Ankömmling freundlich und fragt, wer er sei. Thorkel meinte, er werde um nichts gescheiter sein, auch wenn er's ihm sagte: „sag dem Gunnar, er möge herauskommen.“ Er bemerkte, Gunnar sei schon zu Bett. Thorkel sagte, er möge melden, es wolle ihn einer sprechen.

Der Knecht' that so; er ging hinein und meldete dem Gunnar, es wolle ihn einer sprechen. Gunnar fragte, wer es sei. Der Knecht bemerkte, das wisse er nicht: „aber ein gross gewachsener Mann ist es.“ — Gunnar sagte: „Geh und sag ihm, er solle hier über Nacht bleiben.“

Der Knecht ging und that, wie Gunnar ihm auftrug; aber Thorkel erklärte, er nehme keine Einladung von einem Leibeigenen an, nur vom Bauer selbst. Der Knecht sagte, das wäre ja zu verlangen: „aber Gunnar hat nicht die Gewohnheit, zur Nachtzeit aufzustehen. Thu eins von beidem“, sagte der Knecht, „geh weiter oder komm herein und bleib hier über Nacht.“ — „Thu du eins von beidem“, sagte Torkel, „richte den Auftrag aus, wie sich's gehört, oder ich setze dir den Schwertknauf auf die Nase.“

Der Knecht lief hinein und schlug die Thür hinter sich zu. Gunnar fragte, warum er's so hitzig habe. Er sagte, er wolle nicht langer mit dem draussen sprechen: „denn der führt eine gar schnelle Zunge!“

Da stand Gunnar auf und ging nach dem Hofplatz hinaus: er war im Hemd und Leinenhosen, den Mantel Übergeworfen und schwarze Schuhe an den Füssen, das Schwert in der Hand. Er heist den Thorkel freundlich willkommen und sagt ihm, er möge eintreten. Der erklart, er sei zu mehreren.

Gunnar tritt auf den Hofplatz heraus, aber Thorkel greift nach dem Thürring und lasst die Thür zufallen. Dann gehen sie hinter's Haus. Gunnar begrüsst die Andern.

Thorkel sagte: „Setzen wir uns nieder; denn wir haben Vieles mit dir zu bereden, Gunnar!“ — So thaten sie; die Zweie setzten sich nieder zu beiden Seiten Gunnars, und so nahe, dass sie auf den Mantel zu sitzen kamen, den Gunnar übergeworfen hatte.

Da sprach Thorkel: „So liegt die Sache, Meister Gunnar! Mein Begleiter hier heisst Herstein, Sohn des Blund-Ketil. Wir wollen mit unserem Anliegen nicht zurückhalten: er möchte um deine Tochter Thurid werben. Ich bin auch desshalb mit ihm gegangen, weil ich nicht möchte, dass du den Mann abwiesest; denn mir scheint das eine überaus günstige Heirat. Ich meine auch, es liegt viel daran, dass diese Werbung samt meiner Fürsprache nicht geringschätzig behandelt werde, und dass die Antwort nicht lange auf sich warten lasse.“

Gunnar sagte: „Der Bescheid in dieser Frage hängt nicht von mir allein ab; ich will mich erst mit der Mutter des Mädchens beraten und auch mit meiner Tochter selbst und ganz besonders mit ihrem Oheim, dem Thord Gellir. Uebrigens ist mir lauter Gutes von dem jungen Manne zu Ohren gekommen und von seinem Vater ebenso, und es ist das eine Sache, die man sich wohl überlegen kann.“

Da antwortete Thorkel: „Bedenke das wohl, wir sind keine Brautwerber, die sich auf die Zukunft vertrösten lassen; auch scheint es uns, wir haben ebenso wohl deine Ehre im Auge wie die unsere. Ich finde es auch sonderbar von einem so gescheidten Mann, wie du bist, dass du dich da erst noch besinnen willst, bei einem so guten Anerbieten. Dazu haben wir auch diese Reise nicht angetreten, dass sie zwecklos verlaufen soll; und ich will dir, Herstein, allen Beistand leisten, den du nur wünschest, damit dies von Statten gehe, wenn er nicht einsehen mag, was ihm ansteht.“

Gunnar antwortete: „Das kann ich nicht verstehen, warum ihr euch so hitzig gebärdet und es bis dicht an Drohungen kommen lasst. Denn mir scheint diese Heirat durchaus angemessen für beide Teile, aber es giebt kaum etwas Böses, dessen ich mich nicht von euch zu versehen hätte. So werde ich mich denn wohl dazu verstehen, die Hand darzureichen.“

Und so that er. Herstein aber ernannte sich Zeugen und verlobte sich das Mädchen. Darnach stehen sie auf und gehen in's Haus. Sie werden gut bewirtet und verpflegt. Nun fragte Gunnar, was es Neues gebe. Thorkel sagte, das Neueste, das sie vernommen hätten, sei der Mordbrand bei Blund-Ketil. Gunnar fragte, von wem das ausging. Thorkel sagte, der Urheber sei Thorwald, der Sohn des Odd, und Arngrim. Gunnar antwonete nicht viel, tadelte es wenig, lobte es aber auch nicht.

 

Quelle:
Andreas Heusler: Die Geschichte vom Hühnerthorir - Hænsna-Þóris saga (1900).

 

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