Andreas Heusler

Die Geschichte vom Hühnerthorir
(Hænsna-Þóris saga)

Capitel 7 - 8

 

7. Capitel

 

Im Sommer vorher war Thorwald, der Sohn des Odd, nach Island zurückgekehrt und hatte an der Nordküste den Winter über Quartier genommen. Als es gegen den Sommer ging, brach er nach dem Südlande auf, zu seinem Vater. Er war eine Nacht zu Herberge in Nordtunga, in guter Verpflegung. Dort befand sich ein Mann in Quartier, der hiess Widfari. Er war ein Landstreicher; er trieb sich herum von einer Ecke des Landes zur andern. Er war ein naher Verwandter von Thorir und glich ihm auch in seinem Wesen.

An diesem selben Abend packte Widfari sein Bündel und machte sich aus dem Staube; er ruhte nicht, bis er zu Thorir kam. Der nahm ihn mit offenen Armen auf: „Ich weiss, deine Ankunft bringt mir etwas Gutes.“

Er antwortete: „Das kann schon sein! jetzt ist nämlich Thorwald, der Sohn des Odd, nach Nordtunga gekommen und befindet sich dort zu Herberge.“

Thorir antwortete: „Das sah ich gleich mit Bestimmtheit, dass mir irgend etwas Gutes zustossen werde; denn es wurde mir froh zu Mut, als ich dich sah.“

Die Nacht verstrich, und alsbald am Morgen ritt Thorir mit seinem Pflegesohn nach Nordtunga. Da hatten sich eine Menge Leute eingefunden. Dem Knaben wurde ein Platz zum Sitzen gegeben, Thorir aber ging in dem Mittelraum auf und ab. Thorwald wurde darauf aufmerksam, während er auf der Bankbuhne neben Arngrim sass und mit diesem plauderte. — „Wer ist der Mann, der da im Mittelraum auf und ab geht?“ sagte Thorwald.

Arngrim antwortete: „Das ist der Pflegevater meines Sohnes.“ — „Ach so“, sagte Thorwald, „warum soll er keinen Platz bekommen?“ — Arngrim sagte, daran liege dem garnichts.

„Nicht doch“, sagte Thorwald und liess jenen zu sich rufen und machte ihm Platz neben sich zu sitzen. Sie fragten einander nun, was sich die Leute neues erzählten. Thorir sagte: „Das war eine Prüfung, als Blund-Ketil mich beraubte.“

Thorwald fragte: „Hat man die Sache beigelegt?“ — „Weit entfernt davon!“ sagte Thorir.

„Wie kommt das, Arngrim“, sagte Thorwald, „dass ihr Häuptlinge eine solche Schändlichkeit vor sich gehen lasst?“

Arngrim erwiderte: „Das Meiste davon ist gelogen, und Beweise kann er keine bringen.“ — „Aber das ist doch wahr, dass Blund-Ketil das Heu mit sich nahm?“ sagte Thonvald.

„Gewiss that er das“, sagte Arngrim. — „Jeder ist Herr über sein Eigentum“, sagte Thorwald, „und er hat wenig von der Freundschaft mit dir, wenn er sich dennoch muss treten lassen.“

Da sagte Thorir: „Du machst mir einen sehr guten Eindruck, Thorwald; und wenn's dir recht ist, wirst du vielleicht meine Sache in's Geleise bringen.“ — Thorwald sagte: „Ich habe kaum die Macht, Andere zu schützen.“

Thorir sagte: „Ich will dir mein halbes Vermögen geben unter der Bedingung, dass du mir zu meinem Recht verhilfst und es durchsetzest, dass er entweder geachtet werde, oder wir die Strafe nach eigenem Ermessen verhangen können, damit meine Gegner nicht langer mit meinem Eigentum umspringen.“

Da sagte Arngrim: „Thu das nicht, Thorwald! — denn das ist kein wackerer Bursch, dem du da helfen willst, und auf der anderen Seite hast du es mit einem Manne zu thun, der nicht nur verständig ist und ehrenhaft, sondern auch Überall in Gunst steht.“

„Ich sehe“, sagte Thorwald, „bei dir regt sich der Neid, wenn ich sein Geld annehme; du gönnst mir das nicht.“

Thorir sagte: „Du musst bedenken, Thorwald: mein Vermögen wird sich in gutem Stande finden, und die Anderen können's bezeugen, dass ich nicht weit und breit meine Gläubiger sitzen habe.“

Arngrim sagte: „Ich will dir noch einmal abraten, Thorwald; übernimm den Handel nicht. Aber du wirst thun, wie dir beliebt. Mir bangt, dass dies grosse Folgen haben wird.“ — Thorwald erwiderte: „Ich mag dieses Geldangebot nicht abschlagen.“

Darauf sicherte ihm Thorir sein halbes Vermögen mit Handschlag zu und übertrug ihm zugleich die Rechtsklage gegen Blund-Ketil. Da sprach Arngrim noch einmal: „Wie gedenkst du in diesem Handel vorzugehen?“ — Thorwald antwortete: „Ich will zuerst meinen Vater aufsuchen und dort weiter überlegen, was zu thun ist.“

Da sagte Thorir: „Das behagt mir nicht. Ich will keine Halbheiten. Ich hab's mich viel kosten lassen; und ich will, dass man gleich morgen gehe und den Blund-Ketil vorlade.“

Thorwald erwiderte: „Das wird in der That so sein, dass du wohl keiner von denen bist, die Segen bringen. Schlimmes wird von dir ausgehen Aber so muss es nun wohl sein.“ — Und er macht mit Thorir aus, sich am nächsten Morgen an verabredeter Stelle zu treffen.

 

8. Capitel

 

Alsbald am Morgen in der Frühe brach Thorwald zu Pferde auf und mit ihm Arngrim mit dreissig Mann. Sie trafen den Thorir, und der war zu dritt: er hatte den jungen Helgi bei sich und seinen Verwandten Widfari. Da sagte Thorwald: „Warum seid ihr so wenige, Thorir?“ — Er antwortete: „Ich wusste, dass es dir nicht an Mannschaft fehlen wurde.“

Sie ritten nun hinauf der Berghalde entlang. Von den Höfen aus sah man die Schar daherziehen, und es sprengte ein Jeder von seinem Hof; Jeder wollte als erster zu Blund-Ketil kommen, und so fanden sich bei ihm gar Manche zusammen.

Thorwald und seine Begleiter ritten zur Hofmauer und stiegen dort von ihren Pferden und gingen zum Gehöft hin. Sobald Blund-Ketil dies sah, ging er ihnen entgegen und bot ihnen Aufnahme und Bewirtung an.

Thorwald sagte: „Zu anderem Zwecke kommen wir her, als uns hier an's Essen zu setzen. Ich möchte wissen, wie du dich verantworten willst, dafür dass du Thorir's Heu an dich nahmst.“

Blund-Ketil antwortete: „Was ich ihm sagte, soll auch für dich gelten: bestimme du selbst die Summe, wie es dir beliebt. Und obendrein will ich dir noch Geschenke geben, und weil du höher stehst als Thorir, sollen sie auch um so viel grösser und besser sein; ich will deine Stellung so hoch anschlagen, dass Jedermann sagen soll, du gehest wohlgeehrt aus der Sache.“ — Thorwald schwieg und fand, das sei ein gutes Anerbieten.

Da versetzte Thorir: „Darauf kann man nicht eingehen wir brauchen uns das gar nicht erst zu Überlegen; — das hätte ich schon lange haben können! Ich rechne dir das nicht als Hilfeleistung an, wenn du weiter nichts thust. Ich hatte wenig davon, dass ich dir mein Vermögen schenkte!“

Darauf sagte Thorwald zu Blund-Ketil: „Und was willst du für die strafrechtliche Seite der Sache thun?“ — Blund-Ketil sagte: „Ich bleibe bei dem, was ich vorhin angeboten habe.“

Da entgegnete Thorwald: „Dann scheint mir, es ist keine andere Wahl, als die Vorladung ergehen zu lassen.“ — Er lud nun Blund-Ketil vor Gericht wegen Raubes und ernannte sich Zeugen, und wendete solche Worte und Ausdrucke an, die schärfsten, die zu Gebote standen.

Da kehrte sich Blund-Ketil dem Hause zu. Er begegnete dem Norweger Oern, wie der eben zu seiner Ware gehen wollte. Oern fragte: „Bist du verwundet, Meister, dass du so rot bist wie Blut?“

Er erwiderte: „Verwundet bin ich nicht, aber das da ist eben so schlimm; man hat Worte gegen mich gebraucht, wie sie früher nie gebraucht worden sind; ich bin ein Dieb und ein Räuber genannt worden.“

Oern geht nach seinem Bogen und setzt einen Pfeil an die Sehne; er tritt aus dem Haus in dem Augenblick, wo jene aufsitzen. Er schoss ab und es wurde einer getroffen und liess sich vom Pferde herunter gleiten: das war Helgi, der Sohn Arngrims. Die Andern liefen auf ihn zu. Thorir drängte sich vorwärts zwischen den Leuten und stiess die Leute von sich und sagte, man solle ihm Platz machen: „denn mir liegt's am meisten am Herzen.“ — Er beugte sich zu Helgi nieder; da war der schon tot.

Thorir sagte: „Steht's bös mit den Kräften, mein Junge?“ — Dann richtete sich Thorir von ihm auf und sagte: „Der Knabe hat zu mir gesprochen; er sagte zweimal dasselbe, diese Worte:

„Lasst brennen, lasst brennen,

Den Blund-Ketil drinnen!“

Da antwortete Arngrim: „Jetzt ist's gekommen, wie mir schwante, und wie es heisst: ,von bösen Leuten erntet man Böses'; ich sah voraus, dass man viel Böses von dir ernten werde, Thorir. Was der Knabe gesprochen hat, weiss ich nicht, magst du da noch so viel herschwatzen; aber unwahrscheinlich ist's nicht, dass es dazu kommen werde. Die Sache hat Übel begonnen; kann sein, dass sie auch so ausgehen wird.“ — Thorir erwiderte: „Ich glaube, du hast Nötigeres zu thun, als mich auszuzanken.“

Arngrim und seine Schar ritten nun weg, unter einen Waldvorsprung. Dort stiegen sie von den Pferden und blieben da,bis es Nacht wurde. Blund-Ketil aber dankte den Bauern aufs Beste für ihren Zuzug und sagte, es möge sich jetzt jeder auf den Heimweg machen, wie es ihm gerade passe.

 

Quelle:
Andreas Heusler: Die Geschichte vom Hühnerthorir - Hænsna-Þóris saga (1900).

 

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