Andreas Heusler

Die Geschichte vom Hühnerthorir
(Hænsna-Þóris saga)

Capitel 4 - 6

 

4. Capitel

 

In diesem Sommer gab es wenig Gras und kein gutes, denn es war selten trockenes Wetter. Die Heuernte der Leute wurde sehr gering. Blund-Ketil zog zur Herbstzeit zu seinen Pächtern und erklärte, er wolle sich die Abgaben von allen seinen Gütern in Heu entrichten lassen: „Wir haben viel Vieh zu füttern, und Heu ist wenig zu haben. Ich will auch selbst bestimmen, wieviel geschlachtet werden soll diesen Herbst auf jedem meiner Pachthöfe; dann wird sich's gut schicken.“

Der Herbst verstrich, und es kam der Winter und war früh schon bitterlich streng dort in der Gegend, und man war wenig auf ihn gerüstet. Es liess sich bedenklich an für die Leute. So ging es bis über Weihnachten hinaus. Und wie der Jänner kam, da packte es die Leute hart an, und Manche waren da schon matt gesetzt. Am Abend eines Tages kam einer der Pächter zu Blund-Ketil und sagte, das Heu sei ihm ausgegangen; der Meister solle ihn aus der Klemme ziehen.

Der Bauer erwiderte: „Wie kommt das? ich glaubte es so zu berechnen im Herbst, dass ich annahm, es würde sich gut schicken.“ — Der Andere bemerkte, es sei weniger geschlachtet worden, als er vorgeschrieben habe.

Blund-Ketil sagte: „Wir wollen eine Uebereinkunft treffen: ich befreie dich aus der Notlage für diesmal, aber du darfst es Niemand sagen. Denn ich will die Leute nicht daran gewöhnen, sich an mich zu hängen, am allerwenigsten jetzt, wo ihr meine Vorschriften nicht befolgt habt.“

Der Mann ging heim und erzälhlte seinem Freund, mit Blund-Ketil könne es doch kein Zweiter aufnehmen, wo man's auch mit ihm zu thun habe, und sagte, ihm habe er aus der Klemme geholfen. Der aber erzählte es seinem Freunde; und so wurde es bekannt in der ganzen Gegend.

Die Zeit ging hin, und es kam der Hornung. Da kamen zwei von Blund-Ketils Pächtern und sagten, sie seien mit ihrem Heu zu Ende.

Blund-Ketil antwortete: „Das war schlecht von euch, dass ihr von meiner Weisung abgegangen seid. Denn die Sache ist die: ich habe wohl noch viel Heu, aber auch eine Menge Vieh; wenn ich nun mit euch teile, so reicht es mir nicht für mein eigenes Vieh; eine andere Wahl habe ich nicht.“

Sie werden dringlich und stellen ihm vor, wie Übel sie daran seien. Ihm aber wurde es betrüblich, ihr Gewinsel anzuhören. Da liess er hundertundsechzig Rosse zum Hofe treiben und die vierzig schlechtesten davon schlachten und gab seinen Pächtern das Futter, das für diese Rosse bestimmt gewesen war. Da zogen sie voll Freude ab.

Der Winter wurde je länger je härter, und bei Manchem schaute die Not zu allen Ecken heraus.

 

5. Capitel

 

Es war im März, da kamen zwei Pächter Blund-Ketils: sie hatten noch am ehesten über einige Habe zu verfugen, und doch war ihnen jetzt das Heu ausgegangen. Sie baten, man möge sie aus der Klemme ziehen. Der Bauer antwortete, er habe nichts vorrätig, und erklärte, noch mehr Vieh wolle er nicht schlachten. Sie fragten nach, ob er vielleicht Leute wisse, die Heu zum Verkauf hatten. Er sagte, er wisse nicht recht. Sie drangen in ihn und sagten, ihr Vieh würde zu Grunde gehen, wenn sie bei ihm keine Hilfe fänden. Er meinte, das sei ihre eigene Schuld: „übrigens hat man mir berichtet, der Hühnerthorir habe wohl Heu zu verkaufen.“

Sie erwiderten: „Von ihm bekommen wir nichts, ausser wenn du mit uns gehst: dann wird er gleich verkaufen, wenn du Bürgschaft für uns Übernimmst.“

Er antwortete: „Das kann ich thun und mit euch gehen; es ist nur billig, dass die verkaufen, die Vorrat haben.“

Sie machen sich früh am Morgen auf den Weg; es blies ein Nordwind, ein recht kalter. Meister Thorir stand gerade draussen vor dem Hause; er sah die Leute an die Hofmauer heranreiten, da ging er hinein, schloss die Thür hinter sich und schob den Riegel vor. Er setzte sich zum Frühstück.

Jetzt wurde an die Thür geklopft. Der kleine Helgi fing an und sagte: „Geh hinaus, Pflegevater! es werden dich Leute besuchen wollen.“ — Thorir sagte, er wolle zuerst essen.

Der Knabe aber lief hinter dem Tisch hervor und ging zur Thür und hiess die draussen freundlich willkommen, Blund-Ketil fragte, ob Thorir drinnen sei. Er bejahte es. — „Dann sag ihm, er möge herauskommen“, sagte jener.

Der Knabe that so und sagte, Blund-Ketil sei draussen gekommen und wolle ihn sprechen. Thorir antwortete: „Wonach hat wohl Blund-Ketil hier zu schnüffeln? Soll mich wundern, wenn er Gutes bringt. Ich habe kein Geschüft mit ihm.“

Der Knabe ging hin und sagte, Thorir wolle nicht herauskommen. — „Ach so“, sagte Blund-Ketil, „da müssen wir eben hineingehen.“

Sie gehen in die Stube; man begrüsst sie, nur Thorir schwieg. „So liegt die Sache“, sagte Blund-Ketil, „wir möchten Heu bei dir kaufen, Thorir!“

Thorir antwortete: „An deinem Vieh liegt mir nicht mehr als an meinem.“ — Blund-Ketil sagte: „Es kann nun wohl einmal so kommen.“ — Thorir antwortete: „Warum hast du reicher Mann Heumangel?“

Blund-Ketil sagte: „Ich habe nicht eigentlich Heumangel, ich möchte für meine Pächter Heu kaufen: sie finden, sie hätten's nötig, dass man ihnen aus der Klemme helfe; ich möchte ihnen gern etwas verschaffen, wenn es zu haben wäre.“

„Das wird dir völlig frei und unverwehrt sein, Anderen aus deinen Mitteln zu helfen, aber nicht aus meinen!“

Blund-Ketil antwortete: „Ich will es nicht als Geschenk von dir erbitten: lass den Odd und den Arngrim den Kaufpreis zu deinen Händen bestimmen, und obendrein will ich dir noch Geschenke geben.“ — Thorir sagte, er habe kein Heu zu verkaufen: „und ich will auch keines verkaufen.“

Da ging Blund-Ketil hinaus und seine Begleiter, und der Knabe mit ihnen. Da fing Blund-Ketil an: „Wie ist's? hat dein Pflegevater kein Heu zu verkaufen, oder will er keines verkaufen?“

Der Knabe erwiderte: „Gewiss hat er, wenn er nur will!“ — Blund-Ketil sagte: „Führ uns einmal zu dem Heu hin.“

Er that so. Nun berechnete Blund-Ketil das Futter für Thorirs Vieh, und es wollte ihm scheinen, auch wenn bis zum Allthing hin im Stalle gefüttert würde, so würden doch fünf Fuder übrig bleiben. Darauf gingen sie wieder hinein.

Blund-Ketil sagte: „Mir will's so scheinen, mit deinen Heuverhaltnissen, Thorir, es wird ein gut Teil übrig bleiben, auch wenn all dein Vieh im Stalle gefüttert wird bis zum Allthing; und diesen Rest mochte ich kaufen.“

Thorir erwiderte: „Was soll ich da im nächsten Winter haben, wenn der ebenso wird oder noch schlimmer?“

Blund-Ketil antwortete: „Ich verspreche dir, ich werde dir Heu verschaffen im Sommer, ebenso viel und genau ebenso gutes wie das hier, und werde es dir in's Haus führen.“

Thorir antwortete: „Wenn euch jetzt die Vorräte nicht reichen, woher sollte da im Sommer der Ueberfluss kommen aber ich weiss, du bist der mächtigere, und da kannst du mir ja das Heu wegnehmen, wenn du willst.“

Blund-Ketil antwortete: „So ist's nicht gemeint. Du weisst, Silber deckt alle Schulden hier zu Land; damit will ich dich bezahlen.“

Thorir antwortete: „Ich begehre dein Silber nicht.“ — „So nimm an Ware, was Odd und Arngrim dir zu Händen berechnen.“

“Es sind wenig Knechte hier im Haus, um die Ware herzubringen“, sagte Thorir, „und ich habe keine Lust zum Hin- und Herziehen und will mir mit so etwas nicht zu schaffen machen.“

Blund-Ketil erwiderte: „So will ich's dir heimbringen lassen.“ — Thorir sagte: „Meine Räume sind nicht darauf eingerichtet, dass man sicher sein könnte, dass es nicht verdorben geht.“

Blund-Ketil antwortete: „Ich will Haute dazu geben und die Ware so einschlagen, dass nichts geschieht.“ — Thorir antwortete: „Ich will nicht das Getrampel von anderen Leuten in meiner Wohnung haben.“

Blund-Ketil entgegnete: „So soll es den Winter über bei mir sein, und ich will's in Verwahrung haben.“ — „Ich weiss, was ich von deinen Redensarten zu halten habe“, sagte Thorir, „und ich lass mich auf kein Geschäft mit dir ein.“

Blund-Ketil sagte: „Dann um so schlimmer, wir werden nichts desto weniger das Heu mitnehmen, magst du's auch verbieten; den Wert legen wir an seine Stelle; wir wollen's uns zu Nutze machen, dass wir in der Mehrheit sind.“ — Da schwieg Thorir, und es wurde ihm bös zu Muthe.

Blund-Ketil liess Stricke holen und das Heu zusammen binden. Darnach luden sie die Lasten auf die Pferde und führten das Heu weg; aber für Thorirs Vieh hatten sie es reichlich berechnet.

 

6. Capitel

 

Jetzt ist zu erzählen, was Thorir anfing. Er machte sich auf den Weg, und sein Pflegesohn Helgi mit ihm. Sie ritten nach Nordtunga und wurden dort aufs Beste aufgenommen. Arngrim fragte, was es neues gebe. Thorir antwortete: „Neueres habe ich nichts gehört als das von dem Raube.“ — „Was war das für ein Raub?“ sagte Arngrim.

Thorir antwortete: „Blund-Ketil hat mir meine ganzen Heuvorräte geraubt; es ist keine Fütterung mehr übrig für die Kühe, glaube ich, wenn das Wetter kalt bleibt.“

„Ist es so, Helgi?“ sagte Arngrim. — „Ganz und gar nicht“, sagte Helgi, „Blund-Ketil hat sich ehrenhaft benommen.“ Und nun erzählte Helgi, wie es zwischen ihnen gegangen sei.

Da sagte Arngrim: „So liess sich's eher erwarten. Das Heu ist in besseren Hunden, wenn er es hat, als wenn es bei dir verfault.“

Thorir antwortete: „Zur bösen Stunde habe ich dir meine Pflege Vaterschaft angeboten! — man mag mir daheim noch so übel mitspielen, ich habe darum doch keine Zuflucht bei dir, und es wird mir doch nicht zu meinem Recht verholfen. Das ist ganz empörend!“

Arngrim antwortete: „Es war von Anfang an unvorsichtig von mir; denn wer dir hilft, hilft keinem wackeren Manne.“

Thorir entgegnete: „Ich bin keiner von den Empfindlichen; aber das kränkt mich doch, dass du mir das, was ich für dich gethan habe, so lohnst, — und nun gar noch, dass mich die Leute berauben! Uebrigens ist das ebenso gut dir weggenommen.“ — Und damit gingen sie auseinander.

Thorir ritt davon, und kam nach Breidabolstad; Odd hiess ihn freundlich willkommen und fragte, was es neues gebe. „Neueres habe ich nicht vernommen, als das von dem Raube.“ — „Was für ein Raub war das?“ sagte Odd.

Thorir erwiderte: „Blund-Ketil hat mir all mein Heu weggenommen, so dass ich jetzt ganzlich entblösst bin. Ich möchte gerne deinen Schutz haben. Die Sache geht dich auch an, denn du bist der Vorsteher hier im Kreise und hast nach dem Rechten zu sehen, wenn es irgendwo fehlt. Auch magst du dich dran erinnern, dass er sich als dein Widerpart gezeigt hat.“

Odd fragte: „War es so, Helgi?“ — Dieser sagte, Thorir mache etwas ganz Anderes daraus; er beschrieb dann, wie es zugegangen war.

Odd antwortete: „Da mische ich mich nicht hinein; ich hätte es auch so gemacht, wenn ich's nötig gehabt hätte.“

Thorir antwortete: „Es ist wahr, wie es im Sprichwort heisst: »Je weiter weg von schlechten Gesellen, um so besser« und »Das wahre Unglück kommt nicht vom Feinde«.“ — Damit ritt Thorir davon und Helgi mit ihm; er kam nach Haus und war gewaltig unzufrieden.

 

Quelle:
Andreas Heusler: Die Geschichte vom Hühnerthorir - Hænsna-Þóris saga (1900).

 

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