Andreas Heusler

Die Geschichte vom Hühnerthorir
(Hænsna-Þóris saga)

Capitel 1 - 3

 

1. Capitel

 

Es war ein Mann Namens Odd, Sohn des Oenund. Er wohnte in Breidabolstad im Thale der heissen Quellen, im Borgar-fjordland. Er hatte eine Frau, die hiess Jorun; sie war eine verständige und hochgeachtete Frau. Die Beiden hatten vier Kinder, zwei wohlentwickelte Söhne, Thorwald und Thorodd, und zwei Töchter. Odd galt nicht für einen Mann von Recht und Billigkeit.

Es war ein Mann, Namens Arngrim, Sohn des Helgi. Er wohnte in Nordtunga. Er hatte einen Sohn, der hiess Helgi.

Es war ein Mann, Namens Blund-Ketil, Sohn des reichen Geir. Er wohnte in Oernolfsthal, etwas weiter oben als heute das Gehöft steht; es gab damals noch manche Höfe oberhalb. Er hatte einen Sohn, der hiess Herstein. Blund-Ketil war einer der reichsten Männer und einer der ehrenhaftesten in der Heidenzeit. Er hatte dreissig Pachtgüter. Er war der beliebteste Mann in der ganzen Landschaft.

Es war ein Mann, Namens Thorkel, Sohn des Raudabjörn. Er wohnte in Swignaskard ausserhalb der Nordach. Er war ein verständiger und recht beliebter Mann, reich begütert.

Es war ein Mann, Namens Thorir. Er lebte in kummerlichen Verhältnissen und war nicht besonders beliebt bei den Leuten insgemein. Er warf sich darauf, dass er den Sommer über seinen Handel trieb von Landschaft zu Landschaft und in der einen das verkaufte, was er in der andern gekauft hatte. Es wuchs ihm allmählich ein Vermögen an von diesem Handel. Einmal, wie Thorir über das Hochland nach der Nordküste zog, da führte er Hühner mit sich und verkaufte sie mit der andern Handelsware; davon bekam er den Beinamen Hühnerthorir.

Thorir erwarb so viel, dass er sich ein Grundstück kaufen konnte, da, wo es Zum See heisst, nicht weit von Arngrims Hofe. Wenige Jahre wirtschaftete er da, bis er ein so vermögender Mann wurde, dass er so ziemlich bei Jedermann grosse Summen stehen hatte. Aber mochte er auch zu Reichtum kommen, er blieb doch unbeliebt; und es gab auch kaum einen unangenehmeren Menschen als diesen Hühnerthorir.

 

2. Capitel

 

Eines Tages machte sich Thorir auf den Weg und ritt nach Nordtunga. Er suchte den Arngrim auf und trug sich ihm als Pflegevater seines Sohnes an: „Ich möchte deinen Sohn Helgi zu mir nehmen und Acht auf ihn haben, so gut ich's vermag; aber zum Entgelt will ich deine Freundschaft haben und deinen Schutz, damit ich nicht verkürzt werde von den Leuten.“

Arngrim antwortete: „Es will mir scheinen, viel Ehre würde mir diese Pflegevaterschaft nicht bringen.“

Thorir antwortete: „So will ich dem Knaben die Hälfte meines Vermögens geben, wenn ich nur als Pflegevater angenommen werde. Du aber musst mir zu meinem Recht verhelfen und musst für mich eintreten, mit wem ich's immer zu thun habe.“

Arngrim antwortete: „Das ist wahrhaftigwahr: ein so gutes Angebot soll Niemand ausschlagen.“ — Darauf zog der junge Helgi zu Thorir heim. Arngrim nahm den Thorir unter seinen Schutz, so dass er von Niemand mehr verkürzt wurde, und man merkte gleich, dass jetzt nicht mehr leicht mit ihm auszukommen sei. Sein Vermögen wuchs immer noch an; er wurde einer der reichsten Männer. Unbeliebt blieb er nach wie vor.

Eines Sommers geschah es, dass ein Schiff von der hohen See in den Borgarfjord einlief. Der Schiffsherr war ein Norweger und hiess Oern. Er stand als höchst ehrenhafter Kaufmann bei den Leuten in Gunst. Odd erfuhr die Ankunft des Schiffes. Er war gewohnt, früher als Andere zu den Kaufstellen zu kommen und den Kaufpreis der Waren zu bestimmen; denn er hatte die Leitung des Bezirkes in Händen; keiner fand es gerathen, eher zu kaufen, als bis man wusste, wie Odd es zu halten wünschte.

Odd traf die Kaufleute und erkundigte sich, wie sie es mit ihrer Fahrt vorhätten, und wie bald sie zum Verkauf schreiten wollten; er erklärte, es sei Herkommen, dass er den Kaufpreis der Waren bestimme.

Oern antwortete: „Ueber unser Eigentum gedenken wir selbst zu schalten, denn du hast keinen Pfennig in unserer Ware stecken; über Worte wirst du wohl für diessmal nicht hinauskommen.“

Odd erwiderte: „Mir schwant, dass es für dich schlimmer ablaufen wird als für mich. Gut denn! ich thue hiemit kund, dass ich jedermann untersage, bei euch zu kaufen oder euch und eure Fracht von der Stelle zu bringen. Ich werde von denen eine Geldbusse erheben, die euch irgend welche Hilfe zuwenden. Aber das weiss ich, dass ihr euch vor der nächsten Hochflut beim Neumond nicht aus dem Hafen hinaus schafft.“

Oern antwortete: „Mit deinen Reden kannst du's halten wie du willst, wir lassen uns darum doch nicht vergewaltigen.“

Odd ritt heim, die Norweger aber lagen im Hafen und konnten nicht von der Stelle segeln.

 

3. Capitel

 

Am nächsten Tage ritt Herstein, der Sohn des Blund-Ketil, nach dem Fjord hinaus. Auf dem Rückwege traf er auf die Norweger. Er machte Bekanntschaft mit dem Schiffsherrn, und der gefiel ihm gut. Oern erzählte dem Herstein, wie unbillig sich Odd gegen sie benommen habe: „jetzt wissen wir nicht recht, was wir anfangen sollen.“ Sie unterhalten sich zusammen den Tag über. Gegen Abend reitet Herstein heim und berichtet seinem Vater von den Seeleuten, wie es mit ihrer Sache stehe.

Blund-Ketil antwortete: „Der Mann ist mir bekannt nach deiner Erzählung; ich war nümlich als Kind mit seinem Vater zusammen, und einen trefflicheren Gesellen hab' ich nie gekannt als seinen Vater. Es ist schlimm, dass er in diese Bedrängnis geraten ist, und sein Vater würde gewiss erwarten, dass ich mich seiner ein wenig annähme, wo er's nötig hat. Reite du morgen früh hinaus zum Hafen und lade ihn zu uns ein mit so vielen von seinen Leuten als er will; und möchte er's lieber anders, so schaffen wir ihn wohin er nur wünscht, landauf oder landab; ich will's mir ernstlich angelegen sein lassen, ihm zu helfen, soweit es in meinen Kräften steht.“

Herstein sagte, das sei ein guter und hochherziger Beschluss: „Aber doch sollte mich's nicht wundern, wenn wir uns damit gewisse Andere zu Feinden machen.“

Blund-Ketil erwiderte: „Wir haben das bessere Recht auf unserer Seite, und so brauchen wir auch von Odd nichts zu fürchten.“

Die Nacht verstrich, und gleich am Morgen in der Frühe lässt Blund-Ketil Pferde von der Weide zusammen treiben; man macht sich reisefertig, und es treibt Herstein hundertundzwanzig Pferde zu den Kaufleuten hin, ohne dass man ein einziges aus der Wirtschaft in Anspruch zu nehmen brauchte. Er kam zum Hafen und sagte dem Oern den Vorschlag seines Vaters. Oern erklarte, dieses Anerbieten nehme er gern an, aber er meinte doch, Herstein und sein Vater würden sich damit Andere zu Feinden machen. Herstein meinte, daran kehre man sich dann nicht. Da sagte Oern: „So sollen sich meine Matrosen nach andern Landschaften bugsieren: wir haben schon genug zu verantworten, wenn wir nicht alle in einer Landschaft sind.“

Herstein schaffte nun den Oern und seine Ware zu sich heim und ging nicht eher von der Stelle, als bis die Kaufleute alle fort waren, das Schiff auf dem Lande befestigt und alles in Ordnung gebracht war. Blund-Ketil nahm den Oern aufs beste auf; er sass nun da in guter Verpflegung.

Diese Neuigkeiten kamen vor Odd, und die Leute redeten über das Vorgehen Blund-Ketils und fanden, er habe sich widersetzlich gegen Odd bewiesen. Odd antwortete: „So kann man's nennen. Aber wir haben's hier mit einem Manne zu thun, der bei den Leuten in Gunst steht, und der sich auch selber nicht zu nahe treten lässt; ich will es für diesmal noch so lassen, wie es steht.“

Und so blieb es ruhig.

 

Quelle:
Andreas Heusler: Die Geschichte vom Hühnerthorir - Hænsna-Þóris saga (1900).

 

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