Eugen Kölbing

Die Saga von Gunnlaug Schlangenzunge
(Gunnlaugs saga ormstungu)

12. Capitel

 

Hrafn rüstete nun in Leiruvag sein Schiff zu. Zwei Leute sind zu nennen, die mit Hrafn reisten, Schwesterkinder seines Vaters Önund; der eine von ihnen hiess Grim, der andere Olaf, und beides waren treffliche Männer. Alle Verwandten Hrafns empfanden es als einen grossen Verlust, als er fortging; er aber erklärte, er habe nur deshalb den Gunnlaug gefordert, weil er von seiner Ehe mit Helga keinen ruhigen Genuss habe; und einer von ihnen, fügte er hinzu, müsse durch den Anderen fallen.

Dann segelte Hrafn in's Meer hinaus, als er günstigen Wind bekam und landete in Thrandheim. Er hielt sich da den Winter über auf, erfuhr aber während desselben nichts von Gunnlaug und wartete deshalb den Sommer über auf ihn; auch den zweiten Winter über blieb er in Thrandheim, und zwar in Lifangr.

Gunnlaug Schlangenzunge hatte sich indessen mit Hallfred im Norden der Insel, in Fuchsfelde, zur Abreise gerüstet; sie waren jedoch erst ziemlich spät im Jahre fertig geworden und segelten nun sogleich, sobald sie günstigen Wind bekamen, in das Meer hinaus; so langten sie kurz vor Anbruch des Winters bei den Orkneys an. Sigurd, der Sohn Hlödvers, herrschte damals über die Inseln; Gunnlaug begab sich an seinen Hof, hielt sich da den Winter über auf und wurde vom Jarl sehr geschätzt.

Im Frühjahr wollte derselbe einen Vikingerzug unternehmen und Gunnlaug schloss sich ihm dabei an, so durchzogen sie während des Sommers das Meer bei den Hebriden und den schottischen Buchten und hatten viele Kämpfe zu bestehen; überall zeigte sich Gunnlaug als ein tapferer und kühner Geselle und für alle Strapazen abgehärtet. Der Jarl Sigurd kehrte noch vor Mitte des Sommers in sein Land zurück, während Gunnlaug mit Kaufleuten, die nach Norwegen segeln wollten, zu Schiffe ging. Der Jarl. entliess ihn unter den wärmsten Freundschaftsbezeugungen.

Gunnlaug reiste nach Hladir im Bezirk Thrandheim, um hier den Jarl Eirik aufzusuchen; dort langte er bei Beginn des Winters an; der Jarl nahm ihn freundlich auf und lud ihn ein, bei ihm zu bleiben und das nahm jener auch an. Der Jarl hatte schon früher von dem Streit zwischen Gunnlaug und Hrafn gehört und erklärte daraufhin seinem Gaste, er verbiete ausdrücklich, dass in seinem Reiche der Zweikampf zum Austrag komme. Gunnlaug versetzte, jener habe ja das Recht, darüber zu verfügen, und blieb dann den Winter über bei ihm, war aber stets ziemlich einsilbig.

Als es Frühjahr geworden, da ging Gunnlaug eines Tages aus und Thorkel, sein Verwandter, begleitete ihn; nachdem sie den Hof verlassen, sahen sie auf dem freien Felde einen Kreis von Männern, und innerhalb desselben standen zwei bewaffnete und fochten mit einander; der eine nannte sich Hrafn, der andere Gunnlaug, und die Umstehenden liessen Bemerkungen fallen, wie: »die Isländer führten nur schwache Streiche und betrieben die Auslösung des einander gegebenen Wortes nicht allzu eifrig«.

Da merkte Gunnlaug wol, dass das lauter Spott zu bedeuten habe und dass man über seine Angelegenheit so höhnisch abspreche und ging schweigend davon. Bald darauf aber erklärte er dem Jarl, er habe nicht Lust, sich langer den Hohn und Spott seines Gefolges über seinen Streit mit Hrafn anzuhören, und bat ihn, ihm Wegweiser landeinwärts nach Lifangr zu geben. Der Jarl hatte früher erfahren, dass Hrafn schon Lifangr verlassen und weiter ostwärts nach Schweden gereist sei. Desshalb gewährte er dem Gunnlaug die erbetene Erlaubniss zur Reise und gab ihm zwei Wegweiser mit.

Nun zog Gunnlaug mit sechs Mann von Hladir nach Lifangr. Aber gerade an dem Morgen desselben Tages war Hrafn mit vier Mann von da fortgegangen, an dessen Abend Gunnlaug anlangte. Von da zog er nach Verathal und kam immer am Abend dahin, wo Hrafn die Nacht vorher gewesen war. So ging er immer weiter, bis er zum letzten Gehöft in dem Thale kam, das zur Säule hiess; dieses hatte Hrafn am Morgen verlassen. Da hielt sich Gunnlaug gar nicht auf, sondern ging gleich mitten in der Nacht weiter und so bekamen sie sich bei Anbruch des Tages zu Gesicht. Hrafn war da gerade an eine Stelle gekommen, wo zwei Seen waren und in der Mitte zwischen ihnen war eine ebene Flache, die man Gleipniswiese nennt; aber in einen der beiden Seen ragt eine kleine Landspitze, welche Dinganes heisst. Auf dieser Landspitze fassten Hrafn und seine Begleiter, fünf Mann zusammen; u. a. waren da seine Verwandten, Grim und Olaf, bei ihm.

Als hier beide Parteien sich trafen, da sprach Gunnlaug: „Das ist gut, dass wir uns nun endlich einmal getroffen haben!“

Hrafn versetzte, auch ihm sei das ganz recht; „und dir steht jetzt die Wahl zu,“ fügte er hinzu, „ob wir alle kämpfen sollen, das heisst gleich viele von beiden Theilen, oder nur wir beiden.“ — Gunnlaug erwiederte, ihm sei eines so recht wie das andere.

Da erklärten die Verwandten Hrafns, Grim und Olaf, sie wollten nicht dabei stehen, während die beiden kämpften; und derselben Ansicht war Thorkel der Schwarze, der Verwandte Gunnlaugs. Dieser sprach da zu den vom Jarl ihm mitgegebenen Führern: „Ihr sollt hier dabei sitzen und keinem von beiden helfen, damit ihr dann über unsern Kampf berichten könnt!“ — und so geschah es auch.

Dann schritten sie zum Angriff und alle kämpften tapfer. Grim und Olaf gingen beide dem Gunnlaug entgegen und das Resultat ihres Kampfes war, dass er sie beide tödtete, während er selbst keine Wunde erhielt. Dies bestätigt Thord Kolbeinson in dem Gedicht, das er auf Gunnlaug Schlangenzunge gemacht hat:

„Gunnlaug erschlug, ehe er Hrafn nahte, mit

dem scharfen Schwerte die im Sturme der Kriegsgöttin

muthigen, Olaf und Grim. Der beherzte

Mann wurde, mit Blut besprengt, der Mörder von

drei starken Männern; der Held des Wogenrosses

war an dein, Falle der Männer schuld!“

Inzwischen kämpften auch Hrafn und Thorkel der Schwarze, der Verwandte Gunnlaugs, mit einander und Thorkel fiel durch Hrafn und musste sein Leben einbüssen; so waren schliesslich alle Begleiter der beiden erschlagen. Da bekämpften diese sich noch, griffen einander furchtlos an mit gewaltigen Hieben, die einer dem anderen versetzte, und stürmten mit Heftigkeit gegen einander an.

Gunnlaug hatte das Schwert Ethelredskleinod, und das war eine vorzügliche Waffe. Da führte Gunnlaug schliesslich einen wuchtigen Hieb mit dem Schwerte auf Hrafn und hieb ihm einen Fuss ab. Dennoch aber fiel Hrafn nicht hin, sondern neigte sich nach einem Baumstumpf zurück und lehnte sich daran.

Da sprach Gunnlaug: „Nun bist du kampfunfähig und will ich nicht länger gegen einen Krüppel, wie du nun bist, kämpfen!“

„Das ist wahr,“ versetzte Hrafn, „dass mir arg mitgespielt worden ist; aber doch würde es mir gut thun, wenn ich etwas zu trinken bekäme!“

„Betrüge mich aber nicht, entgegnete Gunnlaug, wenn ich dir Wasser in meinem Helm bringe!“ — „Ich werde dich nicht betrügen!“ sagte Hrafn.

Da ging Gunnlaug zu einem Bache und schöpfte im Helme und brachte es Hrafn; dieser aber streckte seine linke Hand danach aus, während er Gunnlaug mit der rechten Hand mit dem Schwerte in's Haupt schlug, und wurde das eine sehr schwere Wunde.

Da sprach Gunnlaug: „In niederträchtiger Weise hast du mich da betrogen und deine gemeine Gesinnung gezeigt, da ich dir so viel Vertrauen schenkte!“

„Darin hast du Recht,“ versetzte Hrafn, „aber den Grund hatte ich dazu, dass ich dir die Umarmung der schönen Helga nicht gönne!“

Da kämpften sie noch einmal mit äusserster Wuth, bis endlich Gunnlaug Hrafn Überwand und dieser sein Leben lassen musste. Da traten die Wegweiser hinzu und verbanden die Kopfwunde Gunnlaugs; dieser hatte sich inzwischen gesetzt und sprach die Weise:

„Der berühmte Hain des Streites, Hrafn, ging

uns immer entgegen im Speergetöse, der Kampfsturmerreger.

Heerverschanzender Ringbaum! Hier

geschah mancher Waffenflug heut morgen um Gunnlaug

auf dem felsigen Dinganes!“

Dann bestatteten sie die Todten, halfen Gunnlaug auf sein Pferd und kamen mit ihm wieder zurück nach Lifangr; dort lag er noch drei Nächte und erhielt vom Priester alle Segnungen der Kirche; dann starb er und wurde bei der Kirche begraben. Allgemein aber empfand man es als einen grossen Verlust, dass die beiden, Gunnlaug und Hrafn, auf diese Weise ihren Tod gefunden hatten.

 

Quelle:
Eugen Kölbing: Die Saga von Gunnlaug Schlangenzunge - Gunnlaugs saga ormstungu (1877).

 

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