Eugen Kölbing

Die Saga von Gunnlaug Schlangenzunge
(Gunnlaugs saga ormstungu)

11. Capitel

 

Hrafn sass indessen auf seiner Hochzeit in Borg, und man erzählt sich allgemein, dass die Braut gar traurig ausgesehen habe; mit Recht heisst es ja wol im Sprächwort: Lange gedenkt man dessen, das man jung erfahren; so ging es ihr jetzt auch. Diese Neuigkeit gab es da bei dem Mahle, dass ein Mann, Namens Sverting, um Hungerd, die Tochter Thorodds und der Jofrid, angehalten hatte. Er war der Sohn von Hafrbjörn, und dessen Vater Molda-Gnup; und sollte diese Heirath noch in demselben Winter nach dem Julfeste in Skaney geschlossen werden. Dort wohnte Thorkel, ein Verwandter der Hungerd und ein Sohn von Torfi, dem Sohne Valbrands. Die Mutter Torfis war Thorodda, eine Schwester Tungu-Odds. Hrafn zog heim nach Mosfell mit seiner Gattin Helga; und als sie da kurze Zeit gewesen waren, da geschah es eines Morgens, ehe sie aufstanden, dass Helga wachte, aber Hrafn schlief und unruhige Bewegungen machte. Als er erwachte, fragte Helga ihn, was er geträumt hätte. Da sprach Hrafn die Weise:

„Insel des Schlangenlagers! Venwundet dünkte

ich mich dir liegend im Arm. Dein Bett, o Braut,

schien mich geröthet von meinem Blute; die Göttin

des spendenden Bierschiffes vermochte nicht,

Hrafns Wunden zu verbinden. Tod bedeutet das,

Linde des Lauches!“

„Darüber werde ich sicherlich nicht trauern!“ versetzte Helga; „niederträchtig genug habt ihr mich hintergangen, und Gunnlaug wird wol nach Island gekommen sein!“ — und brach dabei in Thränen aus. Bald darauf verbreitete sich die Kunde von der Rückkehr Gunnlaugs. Da fing Helga an, sich gegen Hrafn so abstossend zu zeigen, dass es dieser aufgab, sie länger da bei sich festzuhalten; sie zogen deshalb wieder nach Borg, und Hrafn hatte wenig Freude von dem Zusammenleben mit ihr.

Indessen rüstete man sich im Winter zum Gastgebote. Thorkel von Skaney lud Illugi den Schwarzen und seine Söhne dazu ein. Als dieser sich nun dazu fertig machte, sass Gunnlaug in der Stube und that nichts dergleichen.

Da ging Illugi zu ihm und sprach: „Warum machst du dich nicht fertig, mein Sohn?“ — „Ich beabsichtige nicht, mit zu reisen,“ entgegnete Gunnlaug.

Da sprach Illugi: „Sicherlich sollst du mit reisen, mein Sohn; nimm dir so etwas nicht so zu Herzen und sehne dich nicht weiter nach dem einen Mädchen; thue lieber so, als ob du von nichts wüsstest; dir wird es doch nie an Frauen fehlen!“

Gunnlaug that, wie sein Vater gesagt hatte, und sie kamen zusammen zur Hochzeit; Illugi und seinem Sohne wurde der Ehrenplatz eingeräumt, Thorstein Egilson und Hrafn, seinem Schwiegersohn, aber und dem Gefolge des Bräutigams wurde der andere Ehrensitz, Illugi gegenüber, angewiesen. Die Frauen sassen auf der Querbank; zunächst der Braut sass die schöne Helga; sie liess oft ihre Augen nach Gunnlaug hinschweifen, und es ging da so, wie es im Sprüchwort heisst, »dass die Augen nicht verbergen, wenn ein Weib in einen Mann verliebt ist«.

Gunnlaug war da fein gekleidet; er trug das schöne Gewand, welches der König Sigtrygg ihm geschenkt hatte, und erschien vor den übrigen Gästen in hohem Grade ausgezeichnet, sowol was seine Stärke, als was seine Schönheit und seinen Wuchs anbetraf. Bei dieser Hochzeit ging es nicht allzu heiter zu. An dem Tage, als die Männer damit beschäftigt waren, sich zur Abreise zu rüsten, und auch die Frauen auseinander gingen und sich zur Heimreise fertig machten, suchte Gunnlaug die Helga auf und begann ein Gespräch mit ihr; nachdem sie sich lange unterhalten, sprach Gunnlaug die Weise:

„Kein voller Tag mehr verlief heiter für

Schlangennzunge unter der Berge Saal, seit die schöne

Helga Hrafns Weib genannt wird! Der blonde

Held des Schwertsturmes, des Mädchens Vater, o

hütete sich wenig vor meiner Zunge. Das junge

Kind wurde um Gold verhandelt.“

Und ferner sprach er:

„Schöne Weinspenderin! Deinem Vater und

deiner Mutter habe ich gar übel zu lohnen; die

Erde des Fluthfeuersd.h. Frau, Mutter nimmt die Freude vom

Skalden, denn beide erzeugten zusammen ein im

Schmuck so strahlendes Mädchen. Hier habt ihr ein

Meisterstück des Mannes und der Frau!“

Damit gab Gunnlaug der Helga jenen Mantel, das Ethelredskleinod, und war das ein gar kostbares Stück. Sie dankte ihm freundlichst für das Geschenk. Hierauf ging Gunnlaug hinaus: da waren Stuten und gesattelte Hengste angekommen, zum Theil sehr schöne, und es waren diese auf dem Platze. vor dem Hause angebunden. Gunnlaug sprang auf einen der Hengste, ritt im Carriere das Gehöfte entlang und gerade an die Stelle, wo Hrafn stand, so dass dieser ausweichen musste.

Gunnlaug sprach: „Du hast nicht nothwendig, mir auszuweichen, Hrafn, denn ich habe dir für diesmal keinen Schrecken einjagen wollen, aber du weisst gar wol, wie du es um mich verdient hast!“ — Hrafn antwortete durch folgende Weise:

„Gott des Wundengluthfeuers! Verherrlicher

der HeerdgöttinHeerdgöttin = Frau; Verherrlicher der Heerdgöttin = Dichter, Skalde! Nicht ziemt es uns, in Streit zu

kommen über die Umarmung der Frau! Mordbaum!

Gar viele solche gute Weiber sind südlich

des Meeres; der Lenker des Meerrosses weiss davon!“

„Das ist möglich,“ versetzte Gunnlaug, „dass es viele gibt, aber mir will es nicht so scheinen!“ — Da eilten Illugi und Thorstein hinzu und wollten nicht, dass die beiden an einander geriethen. Da sprach Gunnlaug die Weise:

„Gegeben wurde die schöngestaltete Göttin des

Schlangenglanzes dem Hrafn seines Reichthums

wegen — die Männer sagen, er sei mir gleich und

nicht geringer — während Ethelred, der Herrscher

der Männer, meine Fahrt westwärts verzögerte im

Getöse des Stahles. Deshalb hat der Gold versch wender

wenig Lust zu sprechen!“

Hierauf ritten beide Parteien heim, und der Winter verlief nun ruhig und ohne Begebenheiten. Aber Hrafn hatte vollends keinen Genuss mehr von seinem Zusammenleben mit Helga, seit diese mit Gunnlaug zusammengetroffen war.

Im Sommer ritten sie beiderseits mit grossem Gefolge zum Thing, Illugi der Schwarze mit seinen Söhnen Gunnlaug und Hermund; Thorstein, der Sohn Egils und sein Sohn Kollsvein; ferner Önund von Mosfell und alle seine Söhne, und Sverting, der Sohn von Hafr-Björn. Skapti war da noch Gesetzsprecher. Eines Tages während des Thinges, als sie mit grossem Gefolge zum Gesetzberg gegangen waren und die für gerichtliche Entscheidungen bestimmte Zeit vorüber war, da bat Gunnlaug sich Stille aus und sprach: „Ist Hrafn, der Sohn Önunds hier?“ — Jener sagte: „Ja!“

Da sagte Gunnlaug Schlangenzunge: „Das weisst du wol, dass du dir meine Braut genommen hast und dadurch in Feindschaft zu mir getreten bist; dafür will ich dich zum Zweikampf fordern hier auf dem Thinge auf dem Axtflussholm; doch soll dir eine Frist von drei Nächten gewahrt sein!“

„Die Forderung gefällt mir, und so hatte ich es auch von dir erwartet,“ entgegnete Hrafn; „auch bin ich ganz bereit, sobald du willst!“ Ihren Verwandten missfiel die Sache sehr, aber es war einmal damals Gesetz, dass man den zum Zweikampfe forderte, von dem man sich in seinem Rechte gekränkt glaubte. Als nun die drei Nächte vorüber waren, rüsteten sich beide zum Zweikampf. Illugi der Schwarze begleitete seinen Sohn nach dem Holm hinaus mit grossem Gefolge, während Hrafn von dem Gesetzsprecher Skapti, seinem Vater und seinen übrigen Verwandten geleitet wurde. Und ehe Gunnlaug hinaus auf den Holm ging, sprach er folgende Weise:

„Nun bin ich bereit, hinaus

zu gehen auf die Allthingsinsel;

Gott gönne dem Dichter, dein Kampfe

ein Ende zu machen mit dem Schwerte! Ich will

in zwei Stücke spalten den Lockensitz des Liebhabers

der Helga; ich werde schliesslich das Haupt

vom Rumpfe lösen mit dem blinkenden Schwerte!“

Hrafn antwortete mit folgender Weise:

„Der Dichter weiss nicht, welchem von uns

Dichtern es bestimmt ist; sich des Gewinnglückes

zu freuen: hier werden die Wundensicheln

geschwungen, das Schwert ist bereit im Arm. Die

spangengeschmückte Frau, einsam und als junge

Witwe wird sie hören von der Tapferkeit des Helden

vom Thinge, selbst wenn wir uns gegenseitig

tödtlich verwunden!“

Hermund hielt den Schild vor Gunnlaug, seinen Bruder, und Sverting, der Sohn Hafr-Björns, vor Hrafn. Man hatte ausgemacht, dass der, welcher verwundet würde, sein Leben mit drei Mark erkaufen sollte. Hrafn hatte den ersten Schlag, weil er gefordert worden war; er hieb von oben in Gunnlaugs Schild, so dass das Schwert sofort unterhalb des Griffes entzwei sprang, da der Schlag mit aller Wucht gefallen war. Die Spitze des Schwertes jedoch prallte von dem Schilde ab und traf Gunnlaug an die eine Backe, so dass er eine ganz leichte Verwundung davon trug. Da eilten die Vater beider sogleich hinzu und viele andere Männer.

Gunnlaug sprach: „Ich erkläre hiermit Hrafn für besiegt, da er keine Waffe mehr hat!“ — „Aber ich erkläre, dass du besiegt bist,“ entgegnete Hrafn, „da du verwundet bist!“

Da wurde Gunnlaug sehr wild und zornig und sagte, die Sache sei noch nicht abgemacht. Sein Vater Illugi aber erklärte, für diesmal solle in dieser Sache nichts mehr geschehen.

„Das wäre mein Wunsch,“ versetzte Gunnlaug, „dass ich mich mit Hrafn ein anderes Mal träfe, wo du, Vater, nicht so nahe bei der Hand wärest, um uns zu trennen!“ — Damit gingen sie auseinander, und die Männer zerstreuten sich in ihre Zelte.

Am anderen Tage in der gesetzgebenden Versammlung wurde das zum Gesetz erhoben, dass von da an aller Zweikampf abgeschafft sein sollte, und zwar geschah das nach dem Vorschlage aller verständigen Männer, die dabei anwesend waren; und in der That waren die weisesten Männer des ganzen Landes da versammelt. — Das ist der letzte Zweikampf, der auf Island stattgefunden hat, als Hrafn und Gunnlaug zusammen kämpften.

Eines Morgens, als die beiden Brüder Hermund und Gunnlaug zum Axtflusse gingen, um sich zu baden, da kamen auf der anderen Seite viele Frauen zum Flusse, und unter ihnen die schöne Helga. Da sprach Hermund: „Siehst du Helga, deine Geliebte, jenseits des Flusses?“ — „Sicherlich sehe ich sie,“ versetzte Gunnlaug und sprach folgende Weise:

„Diese gewaltige Frau wurde zum Streite geboren

für die Söhne der Menschen; der Kampf baum war

daran schuld; ich war begierig darnach, den Baum des

Reichthums zu besitzen; nun hat es gar wenig

Zweck mehr für mich, anzuschauen die schwarzen

Augen der mit den Ringen des Landes steh

schmückenden, schwanenweissen Frau!“

Dann gingen sie über den Fluss, und Helga und Gunnlaug unterhielten sich eine Weile mit einander. Als sie aber wieder zurück nach Osten zu Über den FIuss gingen, da blieb Helga stehen und sah Gunnlaug lange nach. Da blickte dieser zurück über den FIuss und sprach folgende Weise:

„Der habichtgleiche Mond der Augenbrauen

der Göttin des geschmückten Lauches unter dem

strahlenden Himmel des Augenbrauensees schien

auf mich; aber der Strahl des Mondes der Augenlider,

ausgehend von der Göttin des Goldschmuckes,

war dann doch an meinem Unglück und an dem

der Ringgöttin schuld!“

Nach allen diesen Geschichten ritten die Männer heim von dem Thing und Gunnlaug hielt sich nun zu Hause in Gilsbakki auf. Eines Morgens, als er erwachte, da waren schon alle Leute aufgestanden und er allein lag noch und ruhte in einer der Schlafkammern, die von der Bank nach innen zu gelegen sind. Da traten zwölf gewaffnete Männer in das Gemach, und das war Hrafn, der Sohn Önunds, mit seinen Leuten. Gunnlaug sprang sogleich auf und griff zu seinen Waffen.

Da sprach Hrafn: „Dir soll durchaus keine Gefahr drohen: den Zweck meines Herkommens sollst du aber jetzt erfahren: im Sommer auf dem Allthing fordertest du mich zum Zweikampfe heraus, und es schien dir die Sache damals noch nicht ausgemacht zu sein; nun will ich dir den Vorschlag machen, dass wir beide nächsten Sommer Island verlassen und in Norwegen unseren Zweikampf erneuern; da werden unsere Verwandten uns wenigstens nicht hinderlich sein!“

„Da hast du ein herrliches Wort gesprochen,“ entgegnete Gunnlaug, „und diesen Vorschlag will ich gern annehmen; auch soll dir hier alle Gastfreundschaft erwiesen werden, die du wünschest, Hrafn!“

„Das ist ein freundliches Anerbieten,“ sagte Hrafn; „aber wir werden gleich wieder zurück reiten müssen!“ — Damit trennten sie sich.

Ihre Verwandten waren mit der Sache gar nicht einverstanden, konnten aber nichts ausrichten wegen der Heftigkeit beider Männer; ausserdem musste es auch so gehen, wie es vom Schicksal bestimmt war.

 

Quelle:
Eugen Kölbing: Die Saga von Gunnlaug Schlangenzunge - Gunnlaugs saga ormstungu (1877).

 

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