Eugen Kölbing

Die Saga von Gunnlaug Schlangenzunge
(Gunnlaugs saga ormstungu)

10. Capitel

 

Von Gunnlaug wird erzählt, dass er in demselben Sommer Schweden verliess, wo Hrafn nach Island reiste und von König Olaf beim Abschiede reich beschenkt wurde. Der König Ethelred nahm Gunnlaug freundlich auf, und dieser blieb den Winter über bei ihm und nahm eine ehrenvolle Stellung am Hofe ein. Um diese Zeit herrschte über Dänemark Knut der Mächtige, der Sohn Sveins; er hatte erst seit kurzem die von seinem Vater überkommene Herrschaft angetreten und drohte immer, einen Heerzug gegen England zu unternehmen, deshalb, weil der König Svein, sein Vater, sich ein mächtiges Reich in England erobert hatte, ehe er dort starb. Damals befand sich dort auch ein grosses dänisches Heer; der Anführer desselben war Heming, der Sohn des Jarls Strutharald und der Bruder des Jarls Sigvaldi, und dieser verwaltete das Reich für Knut, welches der König Svein früher erobert hatte.

Im Frühjahr erbat sich Gunnlaug vom König die Erlaubniss zur Abreise. — Jener versetzte: „Das ziemt sich nicht, dass du mich jetzt verlassen willst, bei solchem Krieg, wie er jetzt hier in England bevorzustehen scheint, da du doch mein Gefolgsmann bist!“

„Darüber sollt ihr zu bestimmen haben, Herr!“ entgegnete Gunnlaug; „aber gebt mir wenigstens im Sommer Urlaub zur Abreise, wenn die Dänen nicht kommen!“ — „Das wollen wir dann sehen!“ sagte der König.

Nun verging dieser Sommer und der darauf folgende Winter, und die Dänen kamen nicht. Und nach dem Mittsommer erhielt Gunnlaug vom König die Erlaubniss, zu reisen, begab sich nach Norwegen und fand den Jarl Eirek in Thrandheim, und zwar in Hladir. Dieser nahm ihn wohl auf und forderte ihn auf, bei ihm zu bleiben. Gunnlaug dankte ihm für das Anerbieten, sagte aber, er wolle vorerst nach Island reisen, um seine Braut zu besuchen.

„Jetzt sind alle Schiffe fort, die nach Island bestimmt waren,“ sagte der Jarl. — Da sprach ein Gefolgsmann: „Hallfred, der Schwierigkeitsdichter, lag gestern draussen bei Agdanes.“

Der Jarl versetzte: „Das ist möglich; es ist fünf Nächte her, dass er von hier absegelte.“ — Da liess Eirek Gunnlaug zu Hallfred geleiten, und dieser freute sich sehr, ihn zu sehen. Bei günstigem Winde segelten sie vom Lande ab und waren sehr heiter gestimmt. Das war schon spät im Sommer.

Da sprach Hallfred zu Gunnlaug: „Hast du schon von der Verlobung Hrafns mit der schönen Helga gehört?“ — Gunnlaug versetzte, er habe wol davon gehört, aber nichts Bestirhmtes erfahren können. Hallfred theilte ihm nun mit, was er davon wusste und auch das, dass viele Leute meinten, Hrafn sei nicht weniger tapfer, als Gunnlaug. Da sprach Gunnlaug die Weise:

„Wenig kümmert es mich, ob der Ostwind diese

Woche gewaltsam sein Spiel treibt mit der Sohle des Meeres;

jetzt ist das Wetter noch mild. Mehr fürchte

ich jenes Wort, dass ich nicht für ebenso tüchtig, wie

Hrafn geschützt werde, als dass der Goldbekämpfer

kein graues Haar zu gewärtigen hat!“

Da sagte Hallfred: „Dann wäre wenigstens zu wünschen, Freund, dass dir der Verkehr mit Hrafn besser bekäme, als mir; ich kam vor ein paar Wintern nach Leiruvag unterhalb Haide, und hatte einem Knechte Hrafns eine halbe Mark Silber zu bezahlen, wollte ihm aber das Geld vorenthalten; da ritt Hrafn zu uns mit sechzig Männern und zerhieb die Schiffstaue und trieb das Schiff auf schlammigen Strand, und es fehlte nicht viel, so hätte ich Schiffbruch gelitten; ich musste in Folge davon Hrafn die Entscheidung überlassen und eine Mark bezahlen; so ist es mir mit ihm gegangen! Dann sprachen sie ausschliesslich von Helga, und jener lobte ihre Schönheit sehr.“ — Da sprach Gunnlaug die Weise:

„Nicht wird es dem muthigen Schwinger von

Odins Feuer, zu Heben die leinbekleidete Erde des

Gewandes; denn wir spielten, als wir jünger

waren, auf den verschiedenen Hohen des Feuers

des Armes in dem Lande des Schlangenlagers!“

Das ist hübsch gedichtet! sagte Hallfred. Sie landeten im Norden beim Fuchsfelde, in Hraunhafen, einen halben Monat vor Beginn des Winters und zogen da ihr Schiff an's Land. Dort lebte ein Mann, Namens Thord; er war ein Bondensohn in Fuchsfelde. Er pflegte sich mit den Kaufleuten im Ringkampf zu versuchen, und diese fuhren gewöhnlich übel dabei. So wurde auch hier zwischen ihm und Gunnlaug ein Ringkampf verabredet. Die Nacht vorher flehte Thord den Thor um Sieg an.

Am Tage, als sie zusammentrafen, begannen sie mit Ringen; da schlug Gunnlaug den Thord so auf beide Füsse, dass er hinstürzte; aber der Fuss Gunnlaugs, auf dem er stand, wurde ausgerenkt und Gunnlaug fiel da zugleich mit Thord hin.

Da sprach Thord: „Es kann kommen, dass es dir mit etwas Anderem nicht besser geht!“ — „Womit denn?“ versetzte Gunnlaug.

„Mit deiner Sache gegen Hrafn, wenn er zu Anfang des Winters die schöne Helga bekommt! Ich war im Sommer auf dem Allthing dabei, als das ausgemacht wurde.“

Gunnlaug schwieg dazu. Sein Fuss wurde verbunden und eingerenkt, schwoll aber doch bedeutend an, Hallfred und seine Reisegefährten, zwölf Mann im ganzen, ritten dann weiter in's Land hinein und kamen nach Gilsbakki im Borgarfjörd gerade an dem Sonnabend Abend, als man in Borg bei der Hochzeit sass. Illugi freute sich über die Ankunft seines Sohnes Gunnlaug und seiner Gefährten. Gunnlaug sagte, er wolle gleich nach Borg reiten. Illugi bemerkte, das sei nicht rathsam, und alle Anderen waren derselben Meinung, mit Ausnahme von Gunnlaug; aber dieser konnte nicht gehen, seines Fusses wegen, obwol er sich nichts anmerken liess, und darum wurde nichts aus der Reise. Hallfred ritt am Morgen heim nach Hredawasser im Nordflussthal; da verwaltete Galti, sein Bruder, ihr Besitzthum, und es war das ein ganz tüchtiger Mann.

 

Quelle:
Eugen Kölbing: Die Saga von Gunnlaug Schlangenzunge - Gunnlaugs saga ormstungu (1877).

 

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