Eugen Kölbing

Die Saga von Gunnlaug Schlangenzunge
(Gunnlaugs saga ormstungu)

9. Capitel

 

Um diese Zeit herrschte über Schweden der König Olaf der Schwedische, der Sohn des Königs Eirek des Siegreichen und Sigrid der Herrschsüchtigen, der Tochter Skögul-Tostis. Er war ein mächtiger und ausgezeichneter König und sehr prachtliebend. Gunnlaug kam nach Upsala um die Zeit des Frühlingsthinges der Schweden, und als er den König zu sehen bekam, grüsste er ihn. Jener nahm ihn freundlich auf und fragte ihn, wer er wäre. Er sagte, er sei ein Isländer. — „Hrafn,“ sagte der König, „wie sind seine Verhältnisse auf Island?“

Da stand ein grosser, kräftiger Mann von der niedrigeren Bank auf, ging vor den König und sprach: „Herr, er ist aus sehr guter Familie und selbst ein gar tüchtiger Mann!“ — „Da mag er kommen und sich neben dich setzen!“ sprach der König.

„Ein Gedicht habe ich euch vorzutragen,“ sagte Gunnlaug, „und ich wünschte, es möchte euch gefallen, in Ruhe es anzuhören!“

„Geht zuerst und setzt euch,“ versetzte der König; „es ist jetzt keine Zeit dazu, sich mit Gedichten abzugeben!“ — Das thaten sie nun auch.

Da kamen die beiden, Gunnlaug und Hrafn, mit einander in's Gespräch und jeder erzählte dem Anderen von seinen Fahrten. Hrafn sagte, er sei im Sommer von Island nach Norwegen gereist und dann erst zu Anfang des Winters östlich nach Schweden. Sie schlossen bald gute Freundschaft. Eines Tages, als das Thing vorüber war, waren sie beide beim König, Gunnlaug und Hrafn.

Da sprach Gunnlaug: „Jetzt möchte ich darum bitten, Herr, dass ihr mein Gedicht anhörtet!“ — „Jetzt geht das an,“ sagte der König. „Jetzt will ich mein Gedicht vortragen, Herr!“ sagte Hrafn. — „Auch dagegen habe ich nichts,“ sprach jener.

„Ich will aber mein Gedicht zuerst vortragen, Herr,“ sagte Gunnlaug, „wenn es euch so gefällt!“ — „An mir ist es, zuerst vorzutragen, Herr,“ rief Hrafn, „denn ich kam früher zu euch!“

Gunnlaug sprach: „Wo ist es zwischen unsere Vätern so weit gekommen, dass mein Vater sich deinem hätte fügen müssen? ich dächte doch nirgends, und so soll es zwischen uns auch gehalten werden!“

„Wir wollen die Höflichkeit beobachten,“ versetzte Hrafn, „dass wir uns desshalb nicht in einen Zank einlassen, sondern dem König die Entscheidung übertragen!“

Der König sprach: „Gunnlaug soll zuerst das Wort haben, weil er sich so schwer darein finden kann, wenn er seinen Willen nicht durchsetzt!“

Da trug Gunnlaug eine Drapa vor, die er auf König Olaf gedichtet hatte, und als er geschlossen hatte, sprach der König: „Hrafn, was ist dein Urtheil über das Gedicht?“

„Ja, Herr,“ versetzte jener, „das ist ein schwülstiges, unschönes und rauhes Gedicht, gerade so wie Gunnlaug selbst in seinem Charakter ist!“ — „Nun sollst du dein Gedicht vortragen, Hrafn!“ sprach der König.

Jener that es. Als er fertig war, sagte der König: „Wie gefallt dir dies Gedicht, Gunnlaug?“

Dieser versetzte: „Herr, das ist ein hübsches Gedicht, wie Hrafn selbst anzusehen ist, aber unbedeutend; wie konntest du aber nur einen Flokk auf den König dichten,“ fügte er hinzu, „schien er dir denn einer Drapa nicht werth zu sein?“

Hrafn versetzte: „Lassen wir das jetzt gut sein, später kommen wir wol darauf zurück!“ — Und damit gingen sie auseinander.

Bald darauf liess sich Hrafn in das Gefolge des Königs Olaf aufnehmen und bat ihn um Urlaub zur Abreise. Den gewährte ihm der König. Und als Hrafn sich zur Abfahrt gerüstet hatte, da sprach er zu Gunnlaug: „Mit unserer Freundschaft soll es nun zu Ende sein, weil du mich hier vor den angesehensten Männern hast schmähen wollen; ich will dir aber auch bei Gelegenheit nicht weniger Schande bereiten, als du es bei mir hier im Sinne hattest!“

„Deine Drohungen machen mich nicht ängstlich,“ versetzte Gunnlaug, „und wir werden wol nirgends in die Lage kommen, dassich geringer geachtet würde als du!“ — Der König Olaf gab ihm beim Abschied schöne Geschenke und jener reiste dann ab.

Hrafn reiste im Frühjahr westwärts und kam nach Thrandheim. Hier rüstete er sein Schiff zu und segelte im Sommer nach Island. Er landete in Leiruvag unterhalb Haide. Seine Verwandten und Freunde waren sehr erfreut über seine Rückkehr und er hielt sich nun diesen Winter zu Hause auf bei seinem Vater. Im Sommer beim Allthing trafen sich die Verwandten, der Gesetzsprecher Skapti und der Dichter Hrafn.

Da sprach Hrafn: „Deinen Beistand möchte ich gern haben, um bei Thorstein Egilson um Helga, seine Tochter, anhalten zu können!“ — Skapti versetzte: „Ist sie nicht mit Gunnlaug Schlangenzunge versprochen?“

„Ist nicht schon die bestimmte Zeit vergangen,“ entgegnete Hrafn, „die unter ihnen ausgemacht war? Ueberdies ist sein Uebermuth viel zu gross, als dass er jetzt darauf achten oder das inne halten wird!“

„Thun wir, wie es dir gefällt!“ sagte Skapti. — Da gingen sie mit zahlreichem Gefolge zu dem Zelte Thorsteins und wurden freundlich von ihm aufgenommen.

Skapti begann: „Hrafn, mein Verwandter, will um Helga, deine Tochter, anhalten; dass er aus guter Familie und vermögend ist, weisst du, ebenso dass er selbst ein tüchtiger Mann ist und in der grossen Anzahl seiner Verwandten und Freunde einen mächtigen Schutz besitzt!“

Thorstein versetzte: „Sie ist bereits mit Gunnlaug versprochen und ich will ihm alles das halten, was zwischen ihm und mir ausgemacht worden ist!“

Skapti sprach: „Sind denn die von euch festgesetzten drei Winter noch nicht vergangen?“ — „Ja!“ entgegnete Thorstein; „aber noch ist der Sommer nicht vorüber, und in diesem Sommer kann er noch kommen.“

„Wenn er nun aber während dieses Sommers nicht kommt,“ sprach Skapti, „was für Aussichten machst du uns da in Betreff dieser Sache?“

„Nächsten Sommer kommen wir wieder hierher,“ antwortete Thorstein; „da, wollen wir sehen, was sich thun lässt; denn es hat keinen Nutzen, jetzt weiter über die Sache tu sprechen!“ — Damit trennten sie sich und die Leute ritten nun vom Thing wieder heim.

Das blieb aber nicht verborgen, dass Hrafn um Helga angehalten hatte. Auch kam Gunnlaug in diesem Sommer nicht nach Island. Im folgenden Sommer beim Allthing betrieben Hrafn und Skapti ihre Werbung ernstlich, indem sie sagten, Thorstein sei nun aller Verbindlichkeiten gegen Gunnlaug ledig.

Thorstein versetzte: „Ich habe für wenige Töchter zu sorgen und möchte gern, dass sie für Niemanden Gegenstand des Streites würden; darum will ich jetzt zuerst einmal mit Illugi dem Schwarzen sprechen;“ und das that er auch. — Als er zu Illugi kam, sprach er: „Meinst du nicht, dass ich jetzt aller Verbindlichkeiten gegen deinen Sohn Gunnlaug ledig bin?“

„Sicherlich,“ versetzte Illugi, „wenn du so willst; ich kann übrigens nicht viel dazu sagen, da ich nicht genau weiss, was mein Sohn Gunnlaug vorhat.“

Da ging Thorstein zu Skapti, und sie einigten sich dahin, dass bei Beginn des Winters die Hochzeit in Borg gefeiert werden solle, wenn Gunnlaug im Laufe des Sommers nicht zurückkäme, während, wenn Gunnlaug käme und seine Braut aufsuchte, Thorstein gegen Hrafn keine Verpflichtung mehr haben sollte. Hierauf ritten die Männer heim vom Thing, und die Rückkehr Gunnlaugs verzögerte sich, aber Helga gefiel die neue Verlobung schlecht.

 

Quelle:
Eugen Kölbing: Die Saga von Gunnlaug Schlangenzunge - Gunnlaugs saga ormstungu (1877).

 

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