Eugen Kölbing

Die Saga von Gunnlaug Schlangenzunge
(Gunnlaugs saga ormstungu)

8. Capitel

 

Hierauf segelte Gunnlaug mit Kaufleuten von England aus nördlich nach Dublin. Damals regierte über Irland der König Sigtrygg Seidenbart, der Sohn von Olaf Kvaran und der Königin Kormlöd, und zwar war er erst kurze Zeit am Ruder. Da ging Gunnlaug vor den König und grüsste ihn in geziemender Weise. Der König nahm ihn freundlich auf.

Gunnlaug sprach: „Ich habe ein Gedicht auf euch gemacht und möchte desshalb um Aufmerksamkeit bitten!“ — „Das hat früher noch Niemand versucht,“ versetzte der König, „mir ein Gedicht zu widmen, und sicherlich will ich es hören!“

Gunnlaug trug da eine DrapaDie Drapas sind lange Skaldengedichte, welche zuweilen 70 bis 80 Strophen zählten, meist zum Lobe von Königen oder Jarlen gedichtet. Der Kehrreim (Refrain) findet sich nicht bei allen Strophen der Drapa, sondern nur bei denen seiner Mitte, und auch hier nur bei einer bestimmten Anzahl. vor und das ist der Kehrreim:

„Es nährt Sigtrygg mit Leichen der Riesin Rossder «Riesin Ross» bedeutet «Wolf» — d.h. Sigtrygg besiegte viele Feinde.

Auch findet sich folgende Stelle darin:

Gar wol weiss ich, welchen Sprössling von

königlichem Stamme ich preisen will: es ist Kvarans

Sohn. Nicht wird der Held Goldringe an mir

sparen; auf Freigebigkeit ist sein Sinn gerichtet;

solches ahnt dem Dichter. Es sage mir der Fürst,

ob er genau hörte auf den herrlichen Sang; das

ist die Weise der Drapa.“

Der König dankte ihm für das Gedicht, rief seinen Schatzmeister zu sich und sprach so: „Wie hoch soll man das Gedicht lohnen?“

Jener versetzte: „Wie hoch wollt ihr, Herr?“ — „Wie findet ihr es belohnt, sprach der König, wenn ich ihm zwei Handelsschiffe gebe?“

„Das ist zu viel, Herr,“ entgegnete der Schatzmeister, „andere Könige geben als Sangeslohn schöne Kleinodien, gute Schwerter oder Goldringe.“

Der König gab ihm sein Gewand von neuem Scharlach, einen mit Borte besetzten Rock, einen mit kostbarem Pelz verbrämten Mantel und einen Goldring, der ein halbes Pfund wog. Gunnlaug sagte ihm den besten Dank, hielt sich da kurze Zeit auf und reiste dann nach den Orkneys.

Ueber die Bewohner dieser Inseln herrschte zu jener Zeit Sigurd, der Sohn Hlödvers, der den Isländern freundlich gesinnt war. Gunnlaug begrüsste den Jarl und sagte, er habe ihm ein Gedicht vorzutragen. Der Jarl sprach, er wolle sein Gedicht hören, schon darum, weil er aus einem so angesehenen Geschlechte auf Island stamme. Gunnlaug trug das Gedicht vor: es war ein FlokkEin Flokk ist ein kürzeres, und darum geringer geachtetes Gedicht. und war schmuck gemacht. — Der Jarl gab ihm eine breite Axt, ganz mit Silber eingelegt, als Sangeslohn, und lud ihn ein, bei ihm zu bleiben.

Gunnlaug dankte ihm für Gabe und Einladung, sagte aber, er müsse nach Schweden reisen und ging dann zu Schiffe mit Kaufleuten, welche nach Norwegen segelten und kam zur Herbstzeit nach Konungahella. Thorkel, sein Verwandter, folgte ihm stets. Von Konungahella aus mietheten sie einen Wegweiser nach dem westlichen Gautland und kamen auf ihrer Reise zu einem Handelsplatz, welcher Skarir hiess. Hier herrschte ein Jarl Namens Sigurd, der schon ziemlich bejahrt war. Gunnlaug trat vor ihn und grüsste ihn geziemend und sagte, er habe ein Gedicht auf ihn gemacht. — Der Jarl lauschte eifrig darauf.

Gunnlaug trug das Gedicht vor; es war ein Flokk. Jener dankte ihm und belohnte ihn reich und lud ihn ein, den Winter über bei ihm zu bleiben. Im Winter pflegte Sigurd einen grossen Julschmauss zu veranstalten. An dem dem Julfest vorausgehenden Tage kamen Boten, zwölf an der Zahl, von Jarl Eirek von Norwegen; die brachten dem Jarl Sigurd Geschenke. Dieser nahm sie freundlich auf und wies ihnen am Julfeste ihre Plätze bei Gunnlaug an.

Da ging es nun beim Gelage sehr fröhlich her. Die Gothländer behaupteten, es gäbe keinen grösseren und berühmteren Fürsten als Sigurd; den Norwegern dagegen schien der Jarl Eirek um vieles bedeutender.

Darüber entstand ein Streit und beide Parteien riefen Gunnlaug zum Schiedsrichter auf. Da sprach Gunnlaug folgende Weise:

„Stab der Schwertfraud. h. Held.! Gesagt ist von diesem Jarl,

er habe gesehen die hohen Wogen des Meeres; das ist

ein Held! Eirek, der Siegesbaum, hat selbst noch mehr

blaue erblickt vor dem Wogenrosse im OstmeerDer Sinn des Ganzen ist: Eirek ist in seinen Eroberungsfahrten weiter gekommen als Sigurd.!“

Beide waren zufrieden mit dieser Entscheidung, aber die Norweger am meisten. Nach dem Julfeste reisten die Boten wieder ab mit reichen Geschenken, welche Sigurd dem Eirek schickte; die erzählten nun dem Jarl Eirek von der Entscheidung Gunnlaugs.

Es schien dem Jarl, Gunnlaug habe ihm bei dieser Gelegenheit Treue und Freundschaft erzeigt, und er gab die Erklärung ab, Gunnlaug solle sich in Frieden in seinem Reiche aufhalten dürfen; von dieser Rede des Jarls erhielt Gunnlaug später Kunde. Sigurd gab ihm einen Wegweiser nach Tiundaland in Schweden, um den jener gebeten hatte.

 

Quelle:
Eugen Kölbing: Die Saga von Gunnlaug Schlangenzunge - Gunnlaugs saga ormstungu (1877).

 

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