Eugen Kölbing

Die Saga von Gunnlaug Schlangenzunge
(Gunnlaugs saga ormstungu)

7. Capitel

 

Ueber England herrschte damals der König Ethelred, der Sohn Edgars, bekannt als guter Herrscher; er hatte für diesen Winter seine Residenz in London aufgeschlagen. Gunnlaug ging gleich nach seiner Ankunft zum König und grüsste ihn nach höfischer Sitte. Der König fragte ihn, was für ein Landsmann er sei.

Gunnlaug berichtete es der Wahrheit gemäss: „Aber desshalb bin ich zu euch gekommen, Herr, weil ich ein Gedicht auf euch gemacht habe, und ich wünschte, dass ihr dasselbe huldvoll anhören möget!“

Der König sagte das zu und Gunnlaug trug nun sein Gedicht schön und fliessend vor. Folgende Strophen sind ein Kehrreim daraus:

„Das ganze Volk, es fürchtet Englands

freigebigen Herrscher, wie Gott;

der Spross des kriegsmuthigen Fürsten

wie der Sohn des Volkes beugt

sich vor Ethelred!“

Der König dankte ihm für das Gedicht und gab ihm als Sangeslohn einen Scharlachmantel, verbrämt mit dem besten Pelze und bis in den Zipfel hinunter mit Borte besetzt und machte ihn zu seinem Gefolgsmann. — So blieb Gunnlaug den Winter über beim König und erfuhr die ehrenvollste Behandlung.

Eines Tages, früh am Morgen, begegnete Gunnlaug drei Männern auf einer Strasse, deren Anführer sich Thororm nannte. Er war gross und stark und von auffallend abschreckendem Aeusseren. Er sprach: „Normann, gib mir etwas Geld auf Borg!“

Gunnlaug versetzte: „Mir erscheint es nicht rathsam, sein Geld unbekannten Leuten zu geben!“

Jener antwortete: „Ich werde es dir am bestimmten Tage zurückzahlen!“ — „Da will ich das riskiren,“ sagte Gunnlaug, und damit übergab er ihm das Geld.

Kurz darauf besuchte Gunnlaug den König und erzählte ihm von dem Geldausleihen.

Der König versetzte: „Da hast du dir eine böse Sache eingebrockt: das ist der schlimmste Räuber und Vikinger, lasse dich ja nicht mit ihm ein, ich will dir gern jene Geldsumme ersetzen!“

Gunnlaug antwortete: „Da steht es Übel mit uns, euren Gefolgsleuten, wenn wir unschuldige Leute benachtheiligen, aber solche Männer im Besitze unseres Eigenthums lassen sollen, und daraus kann nie etwas werden!“

Bald darauf traf er Thororm und forderte das Geld von ihm; der aber sagte, er werde es nicht bezahlen. — Da sprach Gunnlaug diese Weise:

Gott des Schwertergeklirrsd. h. Krieger.! Übel ist dein

Vorhaben, mir mein Gold vorzuenthalten. Mit List

betrogen habt ihr den Röther des Dolches. Das

magst du wissen, dass ich es wage, hier sehe ich

Gelegenheit dazu; mit Grund gab man mir den

Namen Natterzunge in meiner Jugend!“

„Ich will dir jetzt die Wahl lassen,“ sprach Gunnlaug; „entweder bezahle mir mein Geld oder stelle dich zum Zweikampf mit mir, nach einer Frist von drei Nächten!“

Da lachte der Vikinger und sprach: „Das hat sich vor dir noch Niemand herausgenommen, mich zum Zweikampf zu fordern, da doch so mancher vor mir den kürzeren gezogen hat; ich bin aber ganz einverstanden damit!“

So schied Gunnlaug für diesmal von ihm und sagte dem Könige, was geschehen sei.

Er antwortete: „Nun ist die Sache auf einen ganz schlimmen Standpunkt gekommen, denn dieser Mann macht jede Waffe stumpf. Befolge jetzt wenigstens meinen Rath: hier ist ein Schwert, welches ich dir geben will, und mit dem sollst du kämpfen, aber zeige ihm ein anderes!“

Gunnlaug bedankte sich herzlich beim König. Und als sie zum Zweikampf fertig waren, da fragte Thororm, was das für ein Schwert wäre, das er hätte. Gunnlaug zeigte es ihm und schwang es, hatte aber den Riemen um den Griff des Königskleinodes geschlungen und liess diesen in seine Hand gleiten.

Der Berserker sprach, als er das Schwert sah: „Vor dem Schwert fürchte ich mich nicht!“ — und hieb mit dem seinigen nach Gunnlaug und zerspaltete ihm fast den ganzen Schild.

Gunnlaug gab den Schlag gleich zurück mit dem Königskleinod, und der Berserker schützte sich nicht dagegen, in der Meinung, jener hätte dasselbe Schwert, das er ihm vorher gezeigt hatte; aber Gunnlaug versetzte ihm gleich den Todesstreich. Der König dankte ihm für diese That und er gewann dadurch viel Ruhm in England und sonst weiter herum. Im Frühjahr, als die Schifffahrt wieder im Gange war, bat Gunnlaug den König Ethelred um die Erlaübniss, fortsegeln zu dürfen. Da fragte ihn der König, was er denn thun wollte. Gunnlaug versetzte: „Ich möchte das zur Ausführung bringen, was ich beabsichtigt und versprochen habe“ und sprach diese Weise:

„Sicherlich wird mir zu Theil, zu besuchen das

Reich dreier Könige und zweier Jarle, so habe ich

es den Schenkern des Schiffesd. h. den Schenkem von werthvollen Dingen im Allgemeinen hier = den freigebigen Fürsten. gelobt. Ich kehre

zurück, ehe der Erbe der SchwertgöttinDie Schwertgöttin = die Walkyre. Der Erbe der Walkyre = der kriegerische Fürst. mir ruft;

der Reichthumsspender gibt das rothe Schlangenbettd. h. das Gold, welches in Gestalt von Spangen am Arm getragen wurde.

zum Schmucke der Arme.“

„So soll es auch geschehen, Skalde!“ sagte der König und gab ihm einen Goldring, der sechs Unzen wog. — „Aber das sollst du mir versprechen,“ fügte er hinzu, „im nächsten Herbst wieder zu mir zu kommen, denn wegen deiner Geschicklichkeit möchte ich dich nicht gern ganz von mir lassen!“

 

Quelle:
Eugen Kölbing: Die Saga von Gunnlaug Schlangenzunge - Gunnlaugs saga ormstungu (1877).

 

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