Eugen Kölbing

Die Saga von Gunnlaug Schlangenzunge
(Gunnlaugs saga ormstungu)

6. Capitel

 

Um diese Zeit regierte über Norwegen der Jarl Eirek Hakonarson und sein Bruder Svein. Eirek hatte da seinen Wohnsitz in Hladir, seinem Vatererbe, und war ein mächtiger Fürst. Bei ihm hielt sich Skuli, der Sohn Thorsteins, auf; er gehörte zum Gefolge des Jarls und nahm eine angesehene Stellung am Hofe ein. Gunnlaug und Audun Kettenhund gingen - so wird uns erzählt - mit fünf anderen Männern hinein nach Hladir, Gunnlaug hatte ein graues Gewand an und weisse Strumpfhosen. Er hatte eine Geschwulst am Fusse, unten am Gelenk; und wenn er ging, quoll Blut und Eiter heraus. So trat er vor den Jarl und ebenso Audun und seine Begleiter und begrüssten ihn anstandsgemäs. Der Jarl kannte Audun und fragte ihn, was es auf Island Neues gebe und jener erzählte was etwa vorgefallen war.

Dann fragte der Jarl Gunnlaug, wer er wäre; und jener sagte seinen Namen und seine Herkunft. Da wendete sich der Jarl zu Skuli, dem Sohne Thorsteins, und fragte ihn, was für eine Stellung jener Mann auf Island hätte.

„Herr,“ versetzte jener, „nehmt ihn freundlich auf! Er ist der Sohn des tüchtigsten Mannes auf Island, Illugi des Schwarzen von, Gilsbakki und mein Pflegebruder.“

Der Jarl sprach: „Was hast du an deinem Fusse, Isländer?“ — „Es ist eine Geschwulst daran, Herr!“ entgegnete jener.

„Aber du gingst doch, nicht lahm!“ sagte der Jarl. — Gunnlaug antwortete: „Ein Mann darf nicht hinken, so lange seine beiden Füsse gleich lang sind!“

Da sprach ein Gefolgsmann des Jarls, Namens Thorir: „Der Isländer da prahlt gehörig und es wäre gut, wenn wir ihn etwas auf die Probe stellen könnten!“

Gunnlaug sah ihn an und sprach:

„Hier im Gefolge ist so ein Wicht,

Gutes vollbringet er sicherlich nicht!

Traut ihm mit grosser Vorsicht nur,

Schlecht und schwarz ist er von Natur!„

Da wollte Thorir zur Axt greifen. Der Jarl sprach: „Lass es gut sein, auf so etwas darf man nicht Acht geben! Wie alt bist du denn, Isländer?“ Gunnlaug versetzte: „18 Jahr bin ich jetzt.“ — „Ich möchte darauf wetten, sprach jener, dass du keine andern 18 Jahre mehr lebst!“

Leise versetzte Gunnlaug: „Wünsche mir nur nichts Böses an, sondern lieber dir selbst etwas!“ — „Was sagtest du da eben, Isländer?“ bemerkte der Jarl.

Gunnlaug antwortete: „Das, was mir das Richtige zu sein schien, dass du mir nichts Böses, sondern lieber dir etwas Gutes anwünschen möchtest!“

„Was denn zum Beispiel?“ sagte der Jarl. — „Dass du nicht ein solches Ende nehmen mögest, wie dein Vater Hakon JarlDiesen hatte nämlich einer von seinen eigenen Dienern gewaltsam ermordet.!“

Da wurde der Jarl blutroth und befahl, den Narren augenblicklich zu greifen. Da ging Skuli zum Jarl und sprach: „Begnadigt den Mann auf mein Wort, Herr, und lasst ihn so schnell als möglich wieder fort!“

Der Jarl entgegnete: „Er mag sich schleunigst entfernen, wenn er sein Leben lieb hat und sich nie wieder in meinem Reiche blicken lassen!“ — Da ging Skuli mit Gunnlaug hinaus nach der Landungsbrücke.

Dort lag ein nach England bestimmtes Fahrzeug bereit zur Abfahrt; auf diesem besorgte Skuli für Gunnlaug und Thorkel, seinen Verwandten, einen Platz; sein Schiff aber und das Geld, das er nicht mit sich nehmen wollte, gab er dem Audun zur Aufbewahrung. Gunnlaug und seine Begleiter segelten nun in das englische Meer und kamen zur Herbstzeit in den Hafen von London und rollten ihr Schiff an's Land.

 

Quelle:
Eugen Kölbing: Die Saga von Gunnlaug Schlangenzunge - Gunnlaugs saga ormstungu (1877).

 

Diesen Artikel weiter empfehlen …. href="http://www.manfrieds-trelleborg.de"

 

Zum Inhaltsverzeichnis der Saga von Gunnlaug Schlangenzunge oder direkt Zum Tor

 

5,621,276 eindeutige Besuche

Top Zum Seitenanfang