Eugen Kölbing

Die Saga von Gunnlaug Schlangenzunge
(Gunnlaugs saga ormstungu)

5. Capitel

 

Im Süden, in Mosfell, wohnte ein Mann, Namens Önund; er war sehr reich und hatte die Godenwürde südlich an den Landspitzen. Er war verheirathet und seine Gattin hiess Geirny; sie war die Tochter Gnups, dessen Vater, Molda-Gnup, Grindavik an der Südküste in Besitz genommen hatte. Ihre Söhne hiessen Hrafn, Thorarin und Eindridi. Alle drei waren tüchtige Männer, aber Hrafn that es doch den anderen in jeder Beziehung zuvor. Er war ein grosser, starker und ansehnlicher Mann und ein guter Dichter. Und als er herangewachsen war, unternahm er Reisen nach verschiedenen Ländern und wurde überall geachtet, wo er hin kam.

Da wohnte im Süden in Hjalli, in Ölfus, Thorodd der Kluge, der Sohn Eyvinds, und Skapti, sein Sohn, der damals Gesetzsprecher auf Island war. Skaptis Mutter hiess Rannveig, ebenfalls eine Tochter Gnups; so waren Skapti und die Söhne Önunds Geschwisterkind, und es herrschte grosse Freundschaft unter diesen Verwandten. In Raudamel wohnte Thorfinn, Selthorirs Sohn; der hatte sieben Söhne, alle tüchtige Männer; die Namen von dreien waren: Thorgils, Eyjolf und Thorir. Das waren die angesehensten Männer in diesem Theile Islands. Und alle die Männer, die wir hier genannt haben, waren Zeitgenossen.

Bald darauf geschah es, dass das ganze Land das Christenthum annahm und dem alten heidnischen Glauben absagte. Gunnlaug Schlangenzunge, von dem wir oben erzählten, hielt sich nun drei Winter über bis zu seinem achtzehnten Jahre bald in Borg bei Thorstein, bald bei seinem Vater Illugi in Gilsbakki auf, und es stellte sich nach und nach wieder ein recht freundschaftliches Verhaltniss zwischen Vater und Sohn her.

Bei Illugi lebte ein Mann, Namens Thorkel der Schwarze, ein Hausgenosse und naher Verwandter von ihm, der auch da aufgewachsen war. Als nördlich in Wasserthal in As eine Erbschaft für ihn zu erheben war, bat er Gunnlaug; ihn zu begleiten; dieser sagte zu und sie ritten nun beide nordwärts nach As; und durch Gunnlaugs Vermittelung zahlten dann die das Geld aus, welche es aufbewahrt hatten.

Als sie nun wieder nach Süden zu ritten, kehrten sie bei einem reichen Bonden ein, welcher da wohnte. Am Morgen hatte der Hirt Gunnlaugs Pferd benutzt, so dass es ganz mit Schweiss bedeckt war, als sie es bekamen. Da schlug Gunnlaug den Hirten so, dass er besinnungslos hinfiel, und als der Bonde sich darüber nicht beruhigen wollte und Bussgeld forderte, erbot sich Gunnlaug, ihm eine Mark zu zahlen. Jenem dünkte das zu wenig. Da sprach Gunnlaug die Weise:

„Eine Mark bot ich dein nicht schwächlichen

Manne - die sollst du, Ausspeier des WogenglanzesWogenglanz = Gold. Der Ausspeier des Wogenglanzes wird ein Mann genannt, welcher das Gold mit Widerwillen ausgibt, d. h. welcher habgierig, geizig ist.
Dass das Bild nach unseren Begriffen unästhetisch ist, weiss ich sehr wol, aber es schien mir zu drastisch an dieser Stelle, um es in der Uebersetzung zu unterdrücken. Das Schlangengeschlechtslager ist das Gold, Sagen von Schätze bewachenden Drachen sind meinen Lesern sicher geläufig. Der Verschwender desselben ist der freigebige Mann. Der Sinn von Gunnlaugs Worten ist also: „Ich rathe dir, mein Bussgeld anzunehmen, denn sonst erhältst du gar nichts.“
!

genau betrachten - eine graue, neue.

Bereuen wirst du es, wenn du den Fluthglanz des

Verschwenders des Schlangengeschlechtslagers aus

deiner Tasche gleiten lassest!“

Schliesslich kam die Sühne doch noch so zu stande, wie Gunnlaug vorgeschlagen hatte, und so ritten sie dann nach Hause.

Bald darauf bat Gunnlaug seinen Vater zum zweiten Mal um eine Reiseausstattung. Illugi sprach: „Nun soll es geschehen wie du willst, du hast dich seit früher vorteilhaft verändert!“

Da ritt Illugi bald von Hause weg und kaufte für Gunnlaug ein Schiff zur Hälfte, welches in Gufaros lag, bei Audun Kettenhund, und als Illugi heim kam, sagte ihm Gunnlaug vielen Dank. Thorkel der Schwarze entschloss sich, die Reise Gunnlaugs mitzumachen, und sie liessen ihren Waarenvorrath auf das Schiff bringen. Aber Gunnlaug war in Borg, während das Schiff ausgerüstet wurde, und es dünkte ihm angenehmer, mit Helga zu plaudern, als sich mit den Kaufleuten bei der Arbeit anzustrengen.

Eines Tages fragte Thorstein Gunnlaug, ob er mit ihm in das Langflussthal nach den Pferden reiten wolle. Gunnlaug sagte ja dazu. Nun ritten sie beide zusammen, bis sie zur Senne Thorsteins kamen, wo es Thorgilsstadir heisst; da waren vier Pferde von rother Farbe eingehegt, die Thorstein hatte. Unter ihnen befand sich ein sehr schöner, aber noch wenig dressirter Hengst. Thorstein befahl, Gunnlaug den Hengst zu geben, aber dieser sagte, er bedürfe keiner Pferde, da er ausser Landes gehen wolle.

Sie ritten nun zu einem anderen Gehege; da war ein grauer Hengst mit vier Stuten, das war der beste im ganzen Borgarfjörd und Thorstein bot ihn dem Gunnlaug an. Er versetzte: „Diesen will ich so wenig wie den vorigen; aber warum bietest du mir nicht das an, wonach ich Verlangen habe?“ — „Was ist das?“ sprach Thorstein.

Gunnlaug entgegnete: „Die schöne Helga, deine Tochter!“ — „Das lässt sich nicht so schnell abmachen!“ sagte Thorstein und lenkte das Gespräch auf etwas anderes, und so ritten sie heimwärts am Langflusse hin.

Da sprach Gunnlaug: „Ich will wissen, wie du mich in Betreff meiner Werbung bescheidest!“

Thorstein antwortete: Ich kümmere mich nicht um dein Geschwätz!“ — „Das ist mein voller Ernst und kein Geschwätz!“ bemerkte Gunnlaug.

Thorstein versetzte: „Da müsstest du doch wohl zuerst wissen, was du eigentlich willst. Hast du dich nicht zur Reise in's Ausland gerüstet? — Und jetzt thust du so, als ob du dich verheirathen wolltest! Das ist keine passende Heirath zwischen dir und Helga, so lange du so unentschlossen bist, und kann man darauf aus diesem Grunde keine Rücksicht nehmen!“

Gunnlaug sprach: „Wie hoch willst du hinaus hinsichtlich der Verheirathung deiner Tochter, wenn du sie nicht dem Sohne von Illugi dem Schwarzen geben willst? Wer geniesst denn im Borgarfjörd mehr Ansehen als er?“

Thorstein entgegnete: „Ich stelle hier keine Vergleiche an, aber wenn du ein solcher Mann wärest, wie er, da würde ich dich nicht abweisen!“ — „Mit wem willst du da lieber deine Tochter verheirathen, als mit mir?“ sagte Gunnlaug.

Thorstein sprach: „Unter vielen trefflichen Männern hat man hier die Auswahl. Thorfinn in Raudamel hat sieben Söhne, die alle ganz tüchtig sind.“

Gunnlaug versetzte: „Keiner von beiden, weder Önund noch Thorfinn, ist meinem Vater an die Seite zu stellen; denn sogar du stehs' ihm offenbar nach! Oder was kannst du dem gegenüber anführen, wie er mit dem Goden Thorgrim, dem Sohne Kjallaks und mit dessen Söhnen auf dem Thorsnesthinge stritt und schliesslich doch sein Recht behauptete?“

Thorstein entgegnete: „Ich habe Steinar vertrieben, den Sohn des Önund Sjoni, und das scheint mir erst eine richtige Grossthat zu sein!“ — „Dabei hat dir Egil, dein Vater geholfen,“ sagte Gunnlaug; „übrigens dürfte es für wenige Bonden gut ablaufen, wenn sie mir die Tochter verweigern wollten!“

Thorstein entgegnete: „Sprich deine Drohungen gegen die aus, die da oben auf den Bergen wohnen, aber bei uns hier unten im Sumpflande wird dir das gar nichts nützen!“

Gegen Abend kamen sie nach Hause. Am Morgen aber ritt Gunnlaug nach Gilsbakki und bat seinen Vater, mit ihm nach Borg zu reiten und für ihn um Helga anzuhalten.

Illugi entgegnete: „Du bist ein ganz unentschlossener Mensch; eben hast du dich zu einer Reise fertig gemacht, und jetzt willst du auf einmal wieder auf die Freierei gehen und ich weiss, dass das nicht nach Thorsteins Sinne ist!“

Gunnlaug sprach: „Ich denke gleichwol zu reisen und es ist mir nicht recht, wenn du mir darin nicht folgst!“

Da ritt Illugi mit elf Männern nach Borg und Thorstein nahm ihn freundlich auf. Am Morgen früh sprach Illugi zu Thorstein: „Ich will mit dir etwas sprechen!“

Thorstein erwiederte: „Lass uns hinauf auf den Hügel gehen und uns dort besprechen!“ — So thaten sie und Gunnlaug ging mit ihnen.

Da sprach Illugi: „Mein Sohn Gunnlaug sagt, er habe bei dir um deine Tochter Helga angehalten, und ich möchte nun wissen, was aus der Sache werden soll; seine Abkunft und unser Vermögen kennst du, und ich will es weder an Grundbesitz, noch an Machtstellung fehlen lassen, wenn das die Sache befördern kann!“

Thorstein entgegnete: „Das eine habe ich an Gunnlaug auszusetzen, dass er mir ein unentschlossener Mensch zu sein scheint; aber wenn er im Charakter dir ähnlich wäre, da würde ich durchaus nicht zögern!“

„Das dürfte den Bruch unserer Freundschaft zur Folge haben,“ antwortete Illugi, „wenn du unser beider Heirathsantrag ausschlägst!“

Thorstein sprach: „Deiner Worte und unserer Freundschaft wegen soll Helga dem Gunnlaug zugesagt, aber noch nicht förmlich verlobt werden und drei Winter warten; aber Gunnlaug soll ausser Landes gehen und sich nach tüchtiger Männer Sitten bilden; ich will jedoch aller Rücksichten enthoben sein, wenn er da nicht zurück kommt, oder sein Charakter mir nicht gefällt!“

Mit dieser Abmachung schieden sie von einander. Illugi ritt heim und Gunnlaug zum Schiffe. Und als sie günstigen Wind bekamen, segelten sie in's Meer hinaus; nachdem sie sich der nordnorwegischen Küste genähert, segelten sie längs Thrandheim bis Nidaros, legten da vor Anker und löschten ihre Waare.

 

Quelle:
Eugen Kölbing: Die Saga von Gunnlaug Schlangenzunge - Gunnlaugs saga ormstungu (1877).

 

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