Eugen Kölbing

Die Saga von Gunnlaug Schlangenzunge
(Gunnlaugs saga ormstungu)

4. Capitel

 

Um diese Zeit wohnte oben im Weissfluss gebiete in Gilsbakki Illugi der Schwarze, der Sohn Hallkels, und dessen Vater hatte Hrosskel geheissen; die Mutter lllugis war Thurid dylla, die Tochter von Gunnlaug Schlangenzunge.

Illugi war der zweitmächtigste Mann im Borgarfjörd nach Thorstein Egilson. Illugi der Schwarze war ein vermögender Mann und sehr rauh in seinem Auftreten, aber seine Freunde behandelte er gut. Seine Gattin hiess Ingibjörg und war die Tochter von Asbjörn Hardarson aus Örnolfsthal. Ingibjörgs Mutter war Thorgerd, eine Tochter von Midfjardarkeggi.

Ingibjörg und Illugi hatten viele Kinder, in dieser Geschichte kommen aber nur wenige vor. Einer ihrer Söhne hiess Hermund, ein anderer Gunnlaug. Beide waren damals schon erwachsen und versprachen tüchtige Männer zu werden. Von Gunnlaug sagt man, er sei sehr frühzeitig entwickelt gewesen, gross und stark; sein Haar war hellbraun und stand ihm gut; sein Auge war schwarz, aber obwol seine Nase ziemlich hässlich war, so lag doch etwas Gefälliges in seinen Gesichtszügen; er war schlank und breitschultrig und von schmuckem Aussehen, aber hochfahrend in seinem ganzen Wesen und früh ehrgeizig, bei allen Dingen eigensinnig und hartnäckig. Dabei war er ein grosser Dichter und machte gern Spottverse; und man nannte ihn Gunnlaug Schlangenzunge. Hermund war beliebter als er und hatte die Art eines vornehmen Mannes an sich.

Und als Gunnlaug 15 Jahre alt war, bat er seinen Vater um Mittel zu einer Reise und sagte, er wolle nach auswärts und die Lebensweise anderer Menschen kennen lernen. Illugi zeigte sich dazu nicht sehr bereitwillig und bemerkte, jener werde im Auslande keinen sonderlich guten Eindruck machen; sei er doch kaum zu Hause im Stande, ihn so, wie er wolle, in Ordnung zu halten.

Da geschah es eines Morgens, ganz kurz darauf, dass Illugi früh ausging und sah, dass sein Vorrathshaus offen stand, und sechs Waarensäcke lagen aussen auf dem Pflaster und ebensoeinige Pferdedecken. Das wunderte ihn nicht wenig.

Da kam ein Mann dazu, der vier Pferde führte und das war sein Sohn Gunnlaug. „Ich habe die Säcke hinausgelegt,“ sagte er.

Illugi fragte, wozu er das thue. — „Das sollen Vorräthe zu meiner Reise sein“, versetzte er.

Illugi sprach: „Keine Unterstützung sollst du von mir bekommen und nirgendshin fahren, ehe ich will!“ — und zog die Waarensäcke wieder hinein.

Da ritt Gunnlaug fort und kam am Abend nach Borg. Thorstein bot ihm ein Nachtquartier an, und jener acceptirte es. Gunnlaug erzählte nun seinem Wirth die Scene zwischen ihm und seinem Vater. Da forderte ihn Thorstein auf so lange bei ihm zubleiben, wie er Lust habe; und so hielt er sich da das Jahr über auf und eignete sich Gesetzkenntniss von Thorstein an; allen Leuten gefiel er sehr gut.

Helga und Gunnlaug unterhielten sich da oft mit Schachspielen und fassten bald Zuneigung zu einander, wie sich später zeigte. Sie waren fast gleichaltrig. Helga war so schön, dass kluge Männer uns berichten, sie sei das schönste Weib auf Island gewesen. Ihr Haar war so üppig dass sie sich ganz darein hüllen konnte, und so schön wie Goldband, und keine Partie erschien da besser, als die schöne Helga, im ganzen Borgarfjörd und weiter herum.

Eines Tages, als die Männer in Borg in der Stube sassen, sprach Gunnlaug zu Thorstein: „Ein Punkt ist noch übrig in den Gesetzen, den du mir nicht gelehrt hast: mich mit einem Mädchen zu verloben.“

„Das ist eine Kleinigkeit!“ versetzte Thorstein, und lehrte ihm das Verfahren.

Da sagte Gunnlaug: „Nun prüfe einmal, ob ich es richtig verstanden habe; ich will dir nun die Hand geben und so thun, als ob ich mich mit Helga, deiner Tochter, verlobte!“ — „Das halte ich für unnütz!“ versetzte Thorstein.

Da ergriff Gunnlaug seine Hand und bat, es ihm dennoch zu erlauben. — „Thue, wie du willst!“ sprach Thorstein; „aber das mögen die wissen, die hier dabei stehen, dass dies so gut wie ungesprochen sein soll und keine Hintergedanken dabei in's Spiel kommen dürfen!“

Dann wählte Gunnlaug sich Zeugen und verlobte sich mit Helga, und fragte dann, ob das so passen könne. Jener stimmte zu, und den Leuten, die dabei standen, machte die ganze Sache viel Spass.

 

Quelle:
Eugen Kölbing: Die Saga von Gunnlaug Schlangenzunge - Gunnlaugs saga ormstungu (1877).

 

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