Eugen Kölbing

Die Saga von Gunnlaug Schlangenzunge
(Gunnlaugs saga ormstungu)

3. Capitel

 

Im Sommer machte sich Thorstein zur Thingfahrt fertig und sprach zu seiner Gattin Jofrid, ehe er von Hause wegzog: „So steht es“, sprach er, „dass du schwanger bist; wenn du ein Mädchen zur Welt bringst, so soll das ausgesetzt werden; ist es aber ein Knabe, so ziehe ihn auf!“

Das war da etwas ganz Gewöhnliches, als das ganze Land heidnisch war, dass arme Leute, die eine Menge Kinder hatten, sie aussetzen liessen, aber auch damals schon galt es eigentlich nicht für wohlgethan.

Als Thorstein dies gesagt hatte, versetzte Jofrid: „Dies Wort ist deiner nicht würdig, ein solcher Mann, wie du bist; und du wirst doch, als ein so reicher Mann, dazu nicht ernstlich Lust haben!“

Thorstein entgegnete: „Du kennst meinen Charakter, sagte er, und weisst, dass es nicht gut ausfallt, wenn von meinem Gebot abgewichen wird! Dann ritt er zum Thing.“

Aber Jofrid gebar inzwischen ein sehr schönes Mädchen. Die Frauen wollten das Kind zu ihr bringen, aber sie meinte, das sei unnöthig und liess ihren Hirten zu sich rufen, der Thorvard hiess, und sprach: „Nimm mein Pferd und lege den Sattel darauf, und bringe dieses Kind westwärts nach Hjardarholt zur Thorgerd, der Tochter Egils, und bitte sie, es heimlich aufzuziehen, so dass Thorstein es nicht merkt; denn mit solcher Liebe ruht mein Auge auf diesem Kinde, dass ich mich nicht dazu verstehen kann, es aussetzen zu lassen. Hier sind drei Mark Silber, die du zum Lohn haben sollst, und Thorgerd wird für dich im Westen eine Fahrgelegenheit über das Meer und Reisekost besorgen.“

Thorvard that, wie sie geboten. Dann ritt er in westlicher Richtung nach Hjardarhölt mit dem Kinde und übergab es der Thorgerd. Diese aber liess es von einem ihrer Untergebenen aufziehen, der in Leysingjastadir im Hvammsfjörd wohnte. Dem Thorvard aber verschaffte sie eine Fahrgelegenheit im Steingrimsfjörd, in Skeljavik, und Reiseproviant für die Fahrt; und von da aus reiste er ab und wird nun in unserer Geschichte nicht mehr erwähnt.

Als nun Thorstein vom Thing zurückkam, da sagte ihm Jofrid, das Kind sei ausgesetzt worden, wie er geboten, und ausserdem sei der Hirte davongelaufen und habe ihr Pferd gestohlen. Thorstein sagte, es sei gut so, und nahm sich einen anderen Hirten.

Nun gingen sechs Jahre darüber hin, ohne dass etwas davon verlautete. Da ritt Thorstein zu einem Gelage westlich nach Hjardarholt zu Olaf Pfau, seinem Schwager, dem Sohne Höskulds, der von allen vornehmen Männern dort im Westen der angesehenste war. Thorstein wurde dort, wie es sich von selbst verstand, sehr freundlich empfangen. Und eines Tages, beim Essen, so erzählt man sich, sass Thorgerd mit Thorstein, ihrem Bruder, im Gespräch begriffen auf der MittelbankGrössere Häuser erhielten durch, die Doppelreihe von Tragbalken, die zum Dache aufstiegen, eine dreifache Gliederung. In der Mitte der südlichen oder der östlichen Pfeilerreihe erhob sich der Platz des Hausvaters, der Ehrensitz, weil der darauf sitzende das Gesicht gegen die Sonne kehrte. Ihm gegenüber stand, etwas niedriger, der zweite Ehrensitz. Zu beiden Händen dieser Hochsitze zogen sich Bänke hin, und zwar waren die neben dem eigentlichen Hochsitze höher als die gegenüberliegenden, welche desshalb die niedrigere Bank hiessen. — Wo die Bänke endeten, zog sich quer über die ganze Hausbreite ein erhöhtes Getäfel, die Querbank genannt, welche vorzugsweise für die Weiber bestimmt war. — Den Nebenschiffen einer Kirche vergleichen sich die Räume zwischen der Langbank und der Wand, die gewöhnlich von verschliessbaren Verschlagen eingenommen waren, die als Schlafkammein dienten.; aber Olaf unterhielt sich mit anderen Leuten. Aber ihnen gegenüber auf der Bank sassen drei Mädchen.

Da sprach Thorgerd: „Wie gefallen dir diese Mädchen, die uns hier gegenüber sitzen?“

„Sehr gut“, versetzte er; „aber eine ist bei weitem die schönste, sie hat die Anmuth Olafs, aber die weisse Hautfarbe und die Züge von uns, den Myraleuten.“

Thorgerd antwortete: „Sicherlich ist das wahr, was du sagst, Bruder, dass sie die weisse Farbe und die Züge von uns, den Myraleuten, hat; aber mit der Anmuth von Olaf Pfau hat sie nichts gemein, denn sie ist nicht seine Tochter! Wie ist das möglich, sagte Thorstein, dass sie dann doch deine Tochter ist?“

Sie versetzte: „Die Versicherung kann ich dir geben, Bruder, dass dies nicht meine, sondern deine Tochter ist, das hübsche Mädchen!“ — und dann erzählte sie ihm alles, wie es gekommen war und bat ihn, ihr und seiner Gattin diesen Betrug zu verzeihen.

Thorstein sprach: „Darüber kann ich euch keinen Vorwurf machen, denn es geht mit den meisten Dingen so, wie es vom Schicksal bestimmt ist, und ihr habt mein thörichtes Beginnen nun glücklicher Weise unschädlich gemacht; denn mir gefallt dieses Mädchen so wohl, dass es mir ein grosses Glück scheint, ein so schönes Kind zu haben. Wie heisst sie denn?“

„Helga heisst sie“, versetzte Thorgerd. — „Die schöne Helga!“ sagte Thorstein. „Nun mache aber auch alles fertig, dass sie mit mir heim reisen kann!“

So that sie. Dann wurde Thorstein mit reichen Geschenken verabschiedet und Helga ritt mit ihm heim und wuchs dort auf, geachtet und geliebt von Vater und Mutter und allen Verwandten.

 

Quelle:
Eugen Kölbing: Die Saga von Gunnlaug Schlangenzunge - Gunnlaugs saga ormstungu (1877).

 

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