Eugen Kölbing

Die Saga von Gunnlaug Schlangenzunge
(Gunnlaugs saga ormstungu)

Vorwort

 

Als vor drei Jahren Island das tausendjährige Jubiläum seiner Besiedelung feierte, da wandten sich die Blicke der gebildeten Welt mit unverkennbarem Interesse jenem merkwürdigen Inselkoloss zu, man nahm Notiz von der Veranlassung seiner ersten Bebauung im Jahre 874, von seiner Verbindung mit Dänemark, von dem Leben und den Sitten seiner Bewohner. Zu weitergehenden Studien über das geistige Leben auf Island von Einst und Jetzt hat aber wohl auch dieser Anlass nur sehr Wenige angeregt; die Sprache und Literatur dieses Volkes hat in Deutschland ausser in den engsten germanistischen Kreisen so gut wie gar keine Beachtung gefunden. Und doch haben wir es gerade hier mit einem hochinteressanten Forschungsgebiete zu thun.

Noch jetzt wird auf Island fast dieselbe Sprache gesprochen, wie vor tausend Jahren, noch jetzt fluthet ein so frisches geistiges Leben durch die spärlich bevölkerte Insel, dass z. B. Prof. Konrad Maurer, der sie zum wiederholten Malen bereist hat und nach ihm ein Eingeborner umfangreiche Sammlungen isländischer Märchen und Volkssagen haben veranstalten und veröffentlichen können. Der Grund davon mag zum Theil eben in der Vereinsamung des Landes liegen, welche die im Volksgeiste bewahrten Schätze vor der Verflüchtigung behütet, in den langen Winterabenden, die in Ermangelung anderweitiger Zerstreuungen die Bewohner des Hauses veranlassen, ihre Erholung im Erzählen und Zuhören zu suchen, aber die Hauptsache ist eben doch, dass wirklich eine ergiebige Tradition, eine reiche Literatur aus längst vergangener Zeit existirt, welche, im Lande entstanden, Episoden aus dessen Geschichte zum Gegenstande hat, die schon darum nie an Interesse verlieren kann, weil man die Localitäten, wo dieselben spielen, wenn nicht aus eigener Anschauung, so doch vom Hörensagen durchweg mehr oder weniger kennt. Es kommt dazu, dass die Zeit, in welche diese Geschichten fallen, die ist, wo Island noch ein selbständiger Freistaat war, die, welche als die glücklichste und glänzendste Periode seiner Geschichte zu verzeichnen ist. Gerade darin liegf eben wol für die heutigen Bewohner Islands der Hauptreiz dieser schlichten Prosaerzählungen, die man mit dem Namen Sagas benennt.

Welches Interesse können aber solche locale Ueberlieferungen aus der Geschichte eines fernen Landes für uns haben? wird man billig fragen. Darauf hier im Vorwort eine ausführliche Antwort zu geben, liegt nicht in meiner Absicht: ich erwarte mir mehr von dem Eindruck, welchen die Lectüre der hier zum ersten Male in deutscher Uebersetzung gebotenen Saga selbst auf Gemüth und Geschmack hervorbringen soll: das ist auch der Grund, wesshalb ich dem Urtexte so wenig wie möglich durch Weglassungen, Aenderungen oder Hinzufügungen Gewalt anzuthun bemüht war. Erregt der Stoff in dieser Form kein ästhetisches Wolgefallen, vermag sich die Erzählung so, wie sie hier erscheint, keine Freunde zu erwerben, so mögen diese Stoffe wieder in die Vergessenheit zurücksinken oder — es mag jemand Anderes sie durch Zuthaten von pikantem Gewürze schmackhafter machen: ich werde mich dazu aber jedenfalls nicht hergeben. Was ich beizufügen habe, reduciert sich also auf ein paar kurze Bemerkungen, während ich den, welcher eine genauere Charakteristik dieser Literaturgattung wünscht, auf die vortreffliche, populär gehaltene und dabei sehr leicht zugängliche Abhandlung von B. Döring: Bemerkungen über Typus und Styl der isländischen Saga verweise.

Die Hauptzüge der Geschichte von Gunnlaug Schlangenzunge beruhen unzweifelhaft auf historischer Grundlage, und zwar fällt der Beginn der Erzählung, die Geburt der schönen Helga, nach neueren Berechnungen in das Jahr 985. Gunnlaug ist etwa um 983 geboren; seine Reise nach Norwegen fällt um 1001 ; im Winter 1001 auf 1002 ist er bei Ethelred von England, im Sommer 1002 in Irland und Konungahella; im Frühling 1003 kommt er nach Upsala, wo er Hrafn trifft, der dann in demselben Jahre nach Island zurückkehrt und sich mit Helga verlobt. Den Winter 1003 auf 1004 bringt Gunnlaug wieder bei Ethelred zu, ebenso auch den nächsten, und erst im Sommer 1005 gibt ihm der König die Erlaubniss zur Heimkehr. Im Spätherbst 1005 trifft er endlich wieder auf Island ein, gerade als Hrafn seine Hochzeit mit Helga feiert. Im Sommer 1006 findet sein Zweikampf mit Hrafn auf dem Thing statt; da dieser zu keiner Entscheidung führt, gehen beide ausser Landes, um anderswo ihre Streitsache auszufechten. Den folgenden Winter bringt Hrafn in Thrandheim zu, Gunnlaug, der sich an Hallfred angeschlossen hat, auf den Orkneys; erst im Herbst 1007 kommt auch er nach Thrandheim und verbringt da den Winter. Im Frühjahr 1008 fallen beide im Kampfe auf Dinganes.

Anderes, wie der Traum des Normanns, der in seiner Erfüllung eigentlich den Rahmen der ganzen Erzählung bildet, und ähnliche Züge sind natürlich als Zuthaten anzusehen, die dem Ganzen den Charakter der historischen Novelle aufprägen und die man ungern vermissen würde. Höchst eigenthümlich und fremdartig nehmen sich femer die in die Prosa häufig eingeflochtenen Strophen aus, die, meist sehr geringen sachlichen Inhaltes, in einer nach Natur und Sprache sehr künstlichen oder vielmehr gekünstelten Sprache gedichtet sind, für welche namentlich die complicirten Umschreibungen einzelner Begriffe und die schrankenlose Freiheit in der Anordnung der Worte charakteristisch erscheinen. So wenig man aber diese ganze Dichtungsweise an sich schön und ansprechend finden wird, so wird man doch gerade einzelnen dieser Umschreibungen einen poetischen Werth nicht absprechen dürfen. Bei Uebertragung dieser Strophen habe ich auf Beibehaltung des sehr schwierigen, Alliteration und Silbenreim verbindenden Metrums gänzlich verzichtet und dieselben nur in gehobener Prosa wiedergegeben. Erklärungen schwieriger Ausdrücke sind beigefügt.

Möchte dieser bescheidene Versuch, für eine isländische Saga in Deutschland Interesse zu wecken, freundliche und nachsichtige Aufnahme finden, möchte sie dazu beitragen, das kühne Wort eines dänischen Gelehrten zur Wahrheit werden zu lassen, mit welchem ich hier schliessen will:

»Die innere Vollkommenheit der besten isländischen Sagas wird sicherlich, sei es jetzt oder in späterer Zeit, anerkannt werden; ja der Tag wird kommen, wo jene Erzählungen, deren Wiege inmitten der Felsberge Islands gestanden hat, zwischen den Alpen wiederholt werden, wo ihre individuelle Schönheit von allen civilisirten Nationen genossen werden wird.«

Breslau, November 1877.

Eugen Kölbing.

 

Quelle:
Eugen Kölbing: Die Saga von Gunnlaug Schlangenzunge - Gunnlaugs saga ormstungu (1877).

 

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