Willibald Leo

Die Hovard Isfjordings-Sage
(Hávarðar saga Ísfirðings)

22. Capitel

 

Nun ist zu erzählen, wie die Leute zum Thing kamen. Eine Menge Menschen waren da, und unter diesen eine grosse Zahl von Häuptlingen und andern angesehenen Männern. Da war Gest Oddleifsson, Steinthor von Eyri, Dyri und Thorarin, und wurden daselbst all ihre Angelegenheiten besprochen. Steinthor nahm das Wort in Sachen Hovards und seiner Kampfbrüder und bot einen Vergleich au, und zwar so, dass er es dem Gest Oddleifsson überliess, das Urtheil zu sprechen, da er die Sache am besten kenne; und da nun die Andern wussten, wie sich die Sache verhielt, gingen sie willig darauf ein.

Darauf sagte Gest: „Da es nun beiden Theilen genehm ist, dass ich in dieser Sache Recht und Urtheil sprechen soll, so will ich auch nicht anstehen, es zu thun. Ich will damit beginnen, was das letzte Mal ausgemacht worden ist, nämlich dass für Olaf Hovardssons Todtschlag eine dreifache Mannsbusse bezahlt werden muss, und damit soll Sturla's, Thjodreks und Ljotrs Todtschlag gerade gesühnt sein, denn sie wurden so ziemlich grundlos erschlagen; Thorbjörn Thjodreksson hingegen soll ungesühnt bleiben wegen seiner masslosen Ungerechtigkeit und wegen der unerhörten Schandthaten, die er an Hovard und vielen Andern verübte; ebenso mögen Vakr und Skarf sühnelos liegen und für ihre Thaten büssen, Brands des Starken Todtschlag jedoch soll mit dem von Hallgrims Pflegevater Onn gleich gegen gleich aufgehen, und für den Mann aus dem Gefolge Ljotr's des Monabergers, den Hovard mit seinen Mannen erschlug, soll eine Mannsbusse gezahlt werden. — Da ist nun noch der Todtschlag des Holmgangs-Ljotr's; für diesen kann ich keine Busse bestimmen, denn wir wissen es ja sämmtlich, wie ungerecht Ljotr war gegen Thorbjörn von Eyri und gegen Jeden, wo es ihm nur gut däuchte und wo es ihm möglich war: — ihm ist einfach Recht geschehen, indem zwei Knaben einen solchen Kämpen wie diesen erschlugen; auch soll der Anger, den Ljotr und Thorbjörn bis jetzt mit einander besassen, nunmehr dem Thorbjörn zufallen; zu einigem Troste für Thorarin sollen jedoch die folgenden Männer: Hallgrim Osbrandsson, Thorfi und Eyjulf, die Söhne Valbrands, Thorir und Odd, die Thorbrandssöhne, sowie Thorstein und Grim, die Söhne Thorbjorns, ausser Landes gehen; und da du, Thorarin, schon ziemlich bei Jahren bist, sollen sie nicht wagen, wieder hieher zurückzukommen, bis sie nicht erfahren, dass du todt bist. Hovard seinerseits soll von diesem Viertel des Landes weg- und anderswo hingehenDiese Verbannung war eigentlich nur ein — allerdings sehr geringer — Grad der sog. Friedlosigkeit; nichtsdestoweniger durfte der Kläger, der die Verbannung veranlasste, den Verbannten nach dem Gesetze (vor Zeugen) tödten, sobald dieser unerlaubt und vor der Zeit zurückkehrte. Gewöhnlich wurde der Schuldige auf Lebenszeit, oder bei geringerer Schuld auf drei Jahre verbannt. An und für sich war die Friedlosigkeit, besonders in den alten Zeiten, eine der furchtbarsten Strafen, die man im Norden kannte. Der zur Friedlosigkeit Verurtheilte («Waldgänger» genannt, weil er nur noch in menschenverlassenen Wäldern nothdürfdge Zuflucht finden konnte) wurde dem reissenden Thiere gleichgestellt; er war rechtlos' und Jedermann durfte ihn (vor Zeugen) tödten, resp. Demjenigen als Gefangenen überbringen, der die Friedlosigkeit über ihn verhängen Hess, der dann mit dem «Waldgänger» nach seinem Gutdünken schalten und walten konnte.; ebenso auch sein Blutsfreund Thorhall. So sei denn der Vergleich zwischen euch unabänderlich geschlossen, und möge nie und von Niemandem je mit Trug und Falschheit gebrochen werden.“

Darauf trat Steinthor vor und schloss den Vergleich im Namen Hovards und seiner sämmtlichen Kampfbrüder unter den von Gest angeführten Bedingungen, und erlegte sogleich baar jene Busse, welche bezahlt werden musste, nämlich einen Hunderter in SilberDas Hundert (hier das sog. grosse Hundert zu 120) Silber betrug ursprünglich 120 Unzen gemünzten Silbers, die Unze zu 30 Pfennigen gerechnet; der Werth blieb sich natürlicherweise nicht gleich. Um das Jahr 1000 n. Chr. ist das Hundert acht Mark reinen Silbers gleichzusetzen. Das allgemeine Zahlungsmittel war jedoch das Vaðmál; 2400 Ellen Vaðmál oder 400 Sechselleneyrir waren gleich einem Hundert Silbers.; Thorarin und Dyri gingen rückhaltslos auf diesen Vergleich ein, und gaben sich zufrieden mit Dem, was festgesetzt worden war.

Und gerade, als die Sache solchermaassen zu Ende gefuhrt war, kamen die Männer daher, welchen Atli die Ohren abgeschnitten hatte, und erzählten vor dem ganzen Thing, und so, dass sie sämmtlich Zeugen davon waren, wie es ihnen auf ihrer Fahrt ergangen war; und allgemein war man der Ansicht, dass das gar erstaunliche Neuigkeiten seien, und dass sie ihr Schicksal ehrlich verdient hätten. Thorgrim, so fand man, habe sich höchst feindselig gezeigt, und es sei ihm nun auch darnach ergangen.

Da nahm Gest das Wort: „Das ist doch wahr und gewiss, dass eine solche Tücke und Niederträchtigkeit in der Welt nicht mehr zu finden ist, wie unter euch Blutsfreunden! — Wie ist es dir nur in den Sinn gekommen, Thorarin, so zu thun, als wenn du dich ehrlich vergleichen wolltest, während du so treulos und schändlich zu Werke gingst? — Nachdem ich jedoch, nun einmal in dieser Sache so mild und schonungsvoll Recht gesprochen habe, so will ich, es auch bei Dem bewenden lassen, was wir unter einander festgesetzt haben; ihr Zwei, Thorarin und Dyri, hättet freilich von Rechtswegen verdient, dass eure Sache vollständig unterlegen wäre wegen eurer Arglist, und soll eure Strafe dafür die sein, dass ich Leuten wie euch nun und nimmermehr Rath und Hilfe in euern Angelegenheiten gewähre. Nun gib dich indess zufrieden, Steinthor; denn von nun an darfst du mit Sicherheit auf meinen Beistand bauen, gegen wen. immer du deine Sache haben magst; du hast dich als ein Ehrenmann erwiesen.“

Steinthor sagte, Gests Rechtspruch sei auch ihm recht; — „es scheint mir,“ fügte er hinzu, „dass es für sie selbst am schlimmsten gegangen ist, nachdem sie eine so grosse Zahl von Männern, verloren und sich selbst noch obendrein in schlechten Ruf dabei gebracht haben.“

Damit schloss das Thing und Gest Oddleifsson und Steinthor schieden in herzlichster Freundschaft von einander, Thorarin und Dyri dagegen waren gar schlecht damit zufrieden und wenig frohgemuth.

Als Steinthor daheim auf Eyri anlangte, sandte er Botschaft zu Denen in Otrardal, und als sie nun wieder mit einander zusammentrafen, erzählten sie sich beiderseits, wie es ihnen inzwischen ergangen war, und sie meinten, dass es für sie sehr gut sei, wie die Sachen standen. Sie dankten Steinthor, dass er es so für sie zu Ende geführt habe, und sagten ihm zugleich, dass sein Schwager Atli sich ihnen gegenüber sehr gut aufgeführt und sich als ein muthiger Mann erwiesen habe. Daraus erwuchs denn die herzlichste Freundschaft zwischen den beiden Schwägern, und Atli stand seitdem überall in dem Ruf und Ansehen eines braven und tüchtigen Mannes, wo er auch hinkam.

 

Quelle:
Willibald Leo: Die Hovard Isfjordings-Sage - Hávarðar saga Ísfirðings (1878).

 

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