Willibald Leo

Die Hovard Isfjordings-Sage
(Hávarðar saga Ísfirðings)

21. Capitel

 

Nun ist zu berichten von Thorgrim, dass ihm, als er erwachte, der kalte Schweiss auf der Stirne stand. „Ich war eine Weile dort, auf dem Hofe,“ sagte er, „und nun ist mir so schwer und schwindlich im Kopfe, dass ich es selber nicht recht sagen kann, wie; indess wollen wir jetzt gleich hingehen. Ich meine, wir zünden ihnen das Haus Über dem Kopf an; auf diese Weise kommen wir am schnellsten zu Ende damit.“

Sie nahmen nun sämmtlich Schild und Wehr und gingen querfeldein auf den Hof zu. Als Atli sie erblickte, sagte er: „Ich glaube gar, die Dyrafjordinger sind daher gekommen, und voran geht Thorgrim Dyrason, der böseste und zauberkundigste Mann ringsum am ganzen Dyrafjord. Es sind die besten Freunde von Thorarin, dem die Klage und die Rachepflicht zusteht wegen seiner Brüder. Obwohl es euch nun vielleicht tollkühn erscheinen mag, so will ich doch auf Thorgrim losgehen; du Hovard hingegen, als ein starker und bewährter Recke, musst mir gleich zwei Mann von den Feinden aufs Kom nehmen; deinem Blutsfreund Hallgrim theile ich die zwei Tapfersten darunter zu; die Valbrands-Söhne sollen auf vier Mann losgehen und ebenso die Thorbrands-Söhne; Grim und Thorstein, die Söhne Thorbjörn's von Eyri können Drei angreifen, und Thorhall und mein Hausknecht jeder Einen.“

Nachdem Atli Alles so angeordnet hatte, wie er es. wollte, rückte Thorgrim mit seinen Mannen gegen das, Haus vor: sie sahen, dass sich die Sache da weitaus anders verhielt, als sie es es sich erwartet hatten; es standen nämlich da lauter wohlgewappnete Kämpen, die bereit waren, sie nach Gebühr zu empfangen. „Wer weiss,“ sagte Thorgrim, „ob der Knirps Atli nicht schlauer ist, als wir geglaubt haben; doch wollen wir nun gleichwohl unentwegt auf sie losgehen.“

Sie stürzten nun der Abrede gemäss wild auf einander los. Den ersten Angriff machte der kleine und unansehnliche Atli; er lief hin und hieb mit beiden Händen auf Thorgrim ein, allein das Schwert war wie lahmgehext und schnitt nicht, und so schlugen sie sich eine Zeitlang mit einander herum, doch das Schwert konnte dem Thorgrim durchaus nichts anhaben.

„Du gleichst mehr einem Troll, als einem Menschen, Thorgrim,“ sagte Atli, „weil dich das Eisen nicht einmal blutig ritzt!“

„Wie unterstehst du dich, mir das zu sagen,“ entgegnete Thorgrim, „ich haue ja bereits mit aller Macht auf dich ein und' kann dir doch deinen haarlosen und ehernen Schädel nicht einschlagen!“

Atli sah nun, dass er auf diese Weise nicht vom Fleck käme; er schleuderte daher das Schwert von sich wegAuch in der Örvarodds-Sage und in der Egils-Sage wird bei Zweikämpfen erzählt, dass Einer die Waffen wegwirft und mit seinem Gegner zu ringen beginnt; dies geschah jedesmal, wenn man den Andern für mit den Waffen unverwundbar hielt. und sprang auf Thorgrim los und warf ihn zu Boden, und da er weder Schwert noch Axt bei der Hand hatte und wusste, dass sie gegen eine solche Uebermacht zu kämpfen hatten, bog er sich schnell über ihn hin und biss ihm die Gurgel durch; hierauf zog er ihn hin, wo sein Schwert lag, und schlug ihm den Kopf ab.

Er sah sich nun um und bemerkte, dass Hovard den Einen von den Beiden, die er auf's Korn genommen, bereits zu Boden gestreckt hatte; er lief nun zuerst dahin, und sie wechselten nur wenig Schwertschläge dem Andern, so lag auch er erschlagen im Grase. Hallgrim war indessen mit den Beiden, gegen die er in den Kampf geschickt worden war, fertig geworden; ebenso Thorfi; Eyjulf hatte den Einen seiner Gegner zu Boden gestreckt, Thorir und Odd hatten Dreie niedergeschlagen, so dass sie nur noch mit dem letzten von ihren vier Gegnern zu kämpfen hatten; Thorhall hatte den niedergemacht, auf welchen er losgestürzt war, der Hausknecht hingegen noch Keinen.

Hovard gebot ihnen, nun innezuhalten, doch Thorstein Thorbjornsson sagte: „Nimmer soll mein Vater im Westen auf Raudasand hören, dass wir Brüder unser Theil an dem Kampf nicht ebenso gut mitgekämpft haben, wie die Andern,“ und damit drang er mit hochgeschwungener Axt auf den letzten Mann von den drei Feinden, die ihm und seinem Bruder zugetheilt waren, ein und versetzte ihm einen solchen Schlag, dass er auf der Stelle des Todes war.

Atli fragte, warum er sie denn nicht sämmtlich ohne Ausnahme niedermachen solle, doch Hovard sagte, dass das für nichts gut wäre. Atli setzte sich jetzt nieder und Hess die drei letzten noch übrigen Mann vor sich herbringen, und nun schor er ihnen das Haar ab, bis sie ganz kahl waren, und salbte sie gehörig mit Theer ein; darauf nahm er sein Messer aus der Scheide heraus und schnitt ihnen die OhrenUeberwundenen schor man zum Hohn gerne das Haar ab und schmierte ihnen dann den Kopf mit Pech ein. Die mehr montenegrinische Sitte des Ohrenabschneidens scheint im Norden seltener vorgekommen zu sein. ab und hiess sie nun so gezeichnet zu Dyri und Thorarin heimgehen; jetzt könnten sie doch daran denken, „dass sie einmal mit dem kleinen Atli zusammengetroffen wären.“ Sie waren also nur noch zu Dritt, als sie jetzt heimgeschickt wurden, und als sie herkamen, waren es ihrer Achtzehn an der Zahl gewesen, sämmtlich wohl gewappnet und mordlich anzuschauen. Hovard hub an zu singen:

„Das wird man im Westen

Und weiter erfahren,

Wie die Schwerter da schwitzten,

Von Kampen geschwungen,

Als die Wölfe uns wollten

Tückisch erwürgen;

Denn furchtsam nicht findet

Uns solche Gefahr.“

Sie machten sich nun darüber, die Gefallenen zu bestattenNur die auf der Walstatt gefallenen Feinde liess man unbeerdigt den wilden Thieren und Vögeln zum Raub liegen ; alle andern Erschlagenen aber begrub man sofort, indem man den Leichnam einfach mit Stein oder Erde beschüttete, da man glaubte, die Todten würden sonst als böse Gespenster umgehen. In Island war es Gesetz, dass man bei Strafe der Landsflüchtigkeit einen Todten nicht unbedeckt lassen durfte; wenigstens mit einem Tuche, einem Schilde oder Mantel musste die Leiche bedeckt werden., und gönnten sich dann die Ruhe und die Rast, deren sie wohl bedürftig waren.

 

Quelle:
Willibald Leo: Die Hovard Isfjordings-Sage - Hávarðar saga Ísfirðings (1878).

 

Diesen Artikel weiter empfehlen …. href="http://www.manfrieds-trelleborg.de"

 

Zum Inhaltsverzeichnis der Hovard Isfjordings-Sage oder direkt Zum Tor

 

5,765,781 eindeutige Besuche

Top Zum Seitenanfang