Willibald Leo

Die Hovard Isfjordings-Sage
(Hávarðar saga Ísfirðings)

19. und 20. Capitel

 

19. Capitel

 

Thorarin hiess ein Mann, welcher westwärts am Dyrafjord Gode war; und der war ein grosser Häuptling und schon etwas bei Jahren; er war ein Bruder der Thjodreks-Söhne Thorbjörn und Ljotr, aber weitaus klüger und sinnreicher, als jemals Einer von diesen. Es waren zu ihm die Zeitungen gedrungen vom Todtschlag seiner Brüder und Blutsfreunde, und er war der Ansicht, dass ihn das gar nahe angehe, und dass er dabei nicht still bleiben dürfte, da er der Nächste zur Klage und Rachepflicht war. Bevor sie nun zum Thing reiten sollten, entbot er seine Mannen am ganzen Dyrafjord vor sich hin, und ebenso seine andern Freunde und Verwandten.

Dyri hiess ein Mann, welcher da der nächst-grösste Häuptling und Thorarins guter Freund war; er hatte einen Sohn mit Namen Thorgrim, welcher zu der Zeit gerade erwachsen war, als sich diese Geschichten zutrugen: — ein grosser und starker Mann, ganz besonders klug, ja, man erzählt von ihm, er wäre ein Hexenmeister gewesen, und habe gar mancherlei mit Hilfe seiner BeschwörungsformelnIm Norden erschien auch in den heidnischen Zeiten die Zauberei als schlecht, und die Zauberer hielt man für die Verbündeten böser Mächte, die ihren verderblichen Einfluss auf die Menschen ausübten. — Das Mittel zum Zaubern waren gewöhnlich Beschwönmgsformeln. — Im Uebrigen war das Wesen der Zauberei im Norden von dem in Deutschland wenig verschieden. zuwegegebracht.

Thorarin setzte nun seine Sache den Freunden aus einander und sie wurden darüber eins, dass Thorarin und Dyri mit zweihundert Mann zum Thing reiten sollten, und Thorgrim Dyrasson erbot sich, Hovard und all seine Blutsfreunde und sonstigen Kampfbrüder niederzuhauen; er habe erfahren, sagte er zu ihnen, dass sie bei Steinthör auf Eyri für den Winter Unterkunft gefunden hätten, und dass dieser ihnen versprochen habe, ihnen in ihrer Sache Recht zu verschaffen gegen Die, welche Klage erheben und Rechenschaft fordern würden.

Er wüsste, sagte er, dass Steinthor von daheim mit einer grossen Anzahl von Männern fortgeritten sei, und dass sich die Andern nach Otrardal zu Steinthor's Schwager, dem Geizhals Atli, begeben hätten; „und da kann dann weiter Nichts im Wege sein, sie ohne Weiteres niederzuschlagen, Einen nach dem Andern.“

Darüber, wurden sie einig mit einander, und Thorgrim ritt von daheim weg mit achtzehn Mannen. Von ihrer Fahrt ist nun nichts weiter zu erzählen, bis sie zu Atli's Hof nach Otrardal kamen. Sie langten dort zeitlich Morgens an und ritten in eine kleine Thalschlucht hinein, so dass man sie vom Hofe aus nicht sehen konnte. Da gebot ihnen Thorgrim, von den Pferden abzusitzen; er sei so schläfrig, sagte er, dass er nicht mehr im Stande sei, auf dem Pferd sitzen zu bleiben.

Sie thaten, was ihnen geheissen war, und liessen die Pferde grasen; Thorgrim hingegen breitete einen Mantel über sein Haupt und schlief gleich ein, doch schien er da sehr schwer zu träumen.

 

20. Capitel

 

Nun ist zu erzählen, was sich unterdess daheim auf Otrardal begab. Sie schliefen wie gewöhnlich die Nacht hindurch im Vorrathshaus; gegen Morgen jedoch erwachten sie darüber, dass Atli in so schweren TräumenDen Träumen wurde stets eine besondere Wichtigkeit beigelegt; man hielt sie für göttliche Eingebungen und unfehlbare Offenbarungen, und Traumlosigkeit hielt man geradezu für ein Missgeschick.
Fast in allen Sagen wird von wunderbaren Träumen, die natürlich stets in Erfüllung gingen, erzählt.
lag und dabei so schrecklich stöhnte, dass Keiner mehr schlafen konnte; er wälzte sich nämlich voll Angst und Unruhe auf dem Lager hin und her, ächzte und schlug mit Armen und Beinen aus, bis Thorfi Valbrandsson endlich aufsprang, ihn weckte und ihm sagte, dass Keiner von ihnen mehr schlafen könnte vor dem Lärm, den er da machte. Atli setzte sich im Bett auf und fuhr mit der Hand über seine Glatze hin. Hovard fragte ihn, ob er denn einen so schweren Traum gehabt habe?

Das habe er freilich, sagte Atli; „Es kam mir vor,“ hub er an zu erzählen, „als ginge ich hinaus aus dem Vorrathshaus und sähe da achtzehn Wölfe vom Süden her über das Feld laufen, und diesen voran lief ein Fuchs, der war so falsch und bösartig anzuschauen, wie ich noch nie ein anderes Thier gesehen habe; ein Gesicht machte er, so heimtückisch und scheusslich, dass Einem dabei angst und bange ward. Das Unthier sah sich ringsum mit scharfen und stechenden Augen um, und auch die andern Thiere sahen sämmtlich entsetzlich aus. Doch gerade im nämlichen Augenblick, wo sie zum Hofe herkamen, weckte mich Thorfi auf, und das ist einmal gewiss, dass die Thiere Menschengedanken bedeuten, und drum wollen wir jetzt gleich aufstehen.“

Atli that, wie er es zu thun pflegte, sprang auf, zog schnell sein Wamms an und schoss dann davon wie ein Pfeil; die Andern griffen zu Schwert und Streitaxt und rüsteten sich auf das Mordlichste; und als sie fertig waren, kam auch Atli wieder zurück, und nun hatte er einen starken Panzer an und ein blankes Schwert in der Hand.

„Wahrscheinlich ist es,“ sagte er, „dass es nun gehen wird, wie es sich ohnehin schon Mancher gedacht hat; dass es nämlich meinem Schwager Steinthor nicht viel helfen wird, euch hieher gebracht zu haben; doch bitt' ich euch nun, meinem Rath und Befehl zu folgen, wie wir es jetzt anfangen und wie wir uns in Kampfordnung stellen. Erstlich rathe ich dazu, dass wir hinausgehen, und sie mit dem Rücken gegen die Hauswand gekehrt erwarten, und uns nicht da herinnen niedermetzeln lassen; ich glaube auch, das ihr nicht etwa im Sinn habt zu fliehen, was da auch kommen möge.“ — Und Mann für Mann sagten sie, dass es so wäre, wie er sagte.

 

Quelle:
Willibald Leo: Die Hovard Isfjordings-Sage - Hávarðar saga Ísfirðings (1878).

 

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