Willibald Leo

Die Hovard Isfjordings-Sage
(Hávarðar saga Ísfirðings)

16. Capitel

 

Als nun Atli, der unter dem Heuschober versteckt lag, sah, dass sie wieder fort waren, schlüpfte er darunter hervor, und war wie halbtodt am ganzen Körper, so dass er kaum mehr aufrecht auf seinen Füssen zu stehen vermochte; so schleppte er sich denn mit Mühe und Noth heim zu seinem Vorrathshaus, und vor lauter Angst und Kälte klapperten ihm die Zähne im Munde. Er machte grosse Augen, als er in das Vorrathshaus kam und sah, was indessen geschehen war.

„Was waren denn das für Räuber, die da im Haus gestohlen haben?“ fragte er seine Frau.

„Niemand hat hier gestohlen!“ erwiderte Thordis, „sondern mein Bruder Steinthor war da mit seinen Leuten, und dem habe ich geschenkt, was du da für geraubt ansiehst.“

„Das ist es, was ich am bittersten bereue,“ sagte Atli, „dass ich dich zur Frau genommen habe, denn eine unglücklichere Heirath hätt ich nicht machen können, als mit dir. — Ich weiss mir keinen ge-waltthätigeren Menschen, als deinen Bruder Steinthor, und keine ärgeren Räuber, als die, welche er in seinem Gefolge hat. Nun haben sie mir da meinen ganzen Vorrath an Esswaaren genommen: — gestohlen und geraubt haben sie da im Haus, dass wir jetzt selber sehen können, wo wir was bekommen.“

„Niemals werden wir desshalb an etwas Noth leiden müssen,“ sagte Thordia; „gehe jetzt nur ins Bett und wärme dich bei mir, du siehst mir ja aus, wie wenn du schon halb erfroren wärest.“

Da schlüpfte denn Atli zu ihr ins Bett hinein. Steinthor fand, dass sein Schwager nicht sonderlich hübsch aussah: an seinen Beinen trug er gar nichts, und über den Kopf hatte er eine Art grober Kapuze geworfen, welche seine Blosse kaum nothdürftig bedeckte. Als er im Bett war, fing er an gesprächig zu werden und liess seiner Zunge freien Lauf. Er schimpfte eine Zeitlang tüchtig auf Steinthor und schalt ihn einen Räuber.

Dann schwieg er wieder und als er endlich warm geworden war und sich behaglich fühlte, sagte er: „Das muss ich doch sagen, dass ich an dir einen rechten Schatz habe, und das ist auch wahr, dass so ein Mann, wie mein Schwager Steinthor kaum mehr zu finden ist, und gut angebracht ist Das, was er in seinen Händen hat, denn es ist so gut aufgehoben, als hätt ich es selber.“

Er fuhr dann noch in dieser Art fort, ein Langes und Breites von Steinthor zu reden und seine Tugenden herauszustreichen. Da trat mit einem Mal Steinthor vor sein Bett hin, und als ihn Atli erblickte, sprang er auf und bot ihm den Willkommsgruss.

„Was sagst du denn dazu, dass wir dir so Licht und Luft gemacht haben in deinem Vorrathshaus, Schwager Atli?“ fragte Steinthor. „Das ist nun meine Ansicht,“ erwiderte Atli, „dass das am besten angebracht ist, was du in deiner Gewalt hast; ich möchte dir sogar auch noch anbieten, von meinem übrigen Hab und Gut soviel zu nehmen, als dir nur beliebt, denn hier haben wir ohnehin Ueberfluss an Allem und Jedem, und du. hast dich stets aufgeführt, wie es sich für einen Häuptling schickt, und dich jetz um Männer angenommen, welche gerechte Rache ah ihren Feinden geübt haben; du denkst die Sache wohl auch mannhaft zu Ende zu führen, mein' ich, als ein starker und unerschrockener Mann.“

Darauf sagte Steinthor: „Darum will ich dich nur bitten, Atli, dass du dich nicht länger so erbärmlich aufführst wie bisher; nimm dich zusammen, halte dir Knechte, dass sie für dich arbeiten, sei nicht so menschenscheu und sei umgänglich mit den Leuten; ich weiss, du bist kein so armer Schlucker und keine solche Memme, wie du dich gibst, weil du es dir einmal so in den Kopf gesetzt hast.“

Das versprach Atli und Steinthor fuhr dann heim; er verabschiedete sich sehr herzlich von ihm, und kam zurück nach Eyri. Es schien ihm, als habe er eine gute Fahrt gemacht, und sie blieben nun daheim, während der Winter sich seinem Ende nahte, und unterhielten sich mit allerlei Fell-, Kampf- und BallspielenDen Gästen zu Ehien wurden bei Gelagen gewöhnlich Spiele veranstaltet. Unter den Fellspielen (skinn-leikar), die das Original hier erwähnt, dürften kaum andere zu verstehen sein, als die auch bei Saxo Grammaticus erwähnten, am Hof des Königs Frode gebräuchlichen Bocksfellspiele. Knechte warfen nämlich, wenn Jemand kam, ein Bocksfell gerade vor die Thüre hin imd zogen es im selben Augenblick, als der Kommende eintrat, geschwind wieder weg, um ihn dadurch zum Fallen zu bringen.
Im Herbst und Winter waren besonders die Ballspiele (knattleikar) «en vogue». Die Spiellustigen kamen oft in grossen Schaaren zusammen, errichteten sich eigene grosse Buden (leikskálar) und blieben oft vierzehn Tage beim Spiel. Die Art und Weise des Ballspiels scheint im Allgemeinen dem bei uns noch gebräuchlichen ganz ähnlich gewesen zu sein.
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Quelle:
Willibald Leo: Die Hovard Isfjordings-Sage - Hávarðar saga Ísfirðings (1878).

 

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