Willibald Leo

Die Hovard Isfjordings-Sage
(Hávarðar saga Ísfirðings)

15. Capitel

 

Jetzt langen wir wieder da an, wo sie mit Lust und Freuden beisammen sassert und es sich Wohlsein Hessen bei Steinthor. — Es begann schon sehr kostspielig zu werden für Steinthor, eine solche Unzahl von Menschen bei sich haben zu müssen, so hoch und gastfreundlich wie es bei ihm herging.

In Otrardal wohnte dazumal ein Mann, welcher Atli hiess und welcher mit Steinthors Schwester Thordis vermählt war. Er war ein unansehnlicher Knirps von einem Mann, und man sagte von ihm, dass es mit seinem Geist und seinem Herzen ebenso wäre, obwohl er von sehr hohem Geschlechte war; er war so reich, dass er selbst nicht genau wusste, wie viel Geld er besass, und das war wohl auch der Hauptgrund, dass er Thordis zur Frau bekommen. Der Hof in Otrardal lag sehr einsam und abseits von der grossen Heerstrasse auf der andern Seite des Fjords, Eyri gerade gegenüber. Atli war nicht dazu zu bewegen, sich Knechte zu seiner Arbeit zu halten; er mühte und plagte sich lieber selbst Tag und Nacht damit ab, so sehr er nur konnte. Auch war er ein solcher Sonderling, dass er nichts mit andern Leuten zu thun haben wollte, weder mit guten noch mit bösen. Ein tüchtiger Haushälter und Wirth war er, und besass auf seinem Hofe ein eigenes VorrathshausFür die Vorräthe an Kleidern, fertigem Gewebe, auch Gold und Silber, Esswaaren und sonstiger Habe war das sogen. Aussenhaus, (útibúr) Yorrathshaus, bestimmt. Für gewöhnlich schlief Niemand darin, was auch bei der Ehrlichkeit der Isländer nicht nothwendig war. Dass Atli im Vorrathshaus sein Bett aufgerichtet, soll nur ein neuer Beweis seines Geizes und seines Misstrauens gegen Jedermann sein., vollgepfropft mit allerlei guten Sachen; es lagen da ungeheuere Massen von Pöckelfleisch, von Fischen und von Käse, und was man nur zum Leben brauchte; es stand dort auch, das Ehebett Atlis, und er selbst und Thordis schliefen da bei der Nacht.

Eines Morgens stand Steinthor zeitig auf und trat vor Hovards Bett hin; er zog ihn am Fusse und bat ihn, er möchte aufstehen. Hovard sprang auf der Stelle aus dem Bett heraus, und gleichzeitig mit ihm standen auch seine Kampbrüder sämmtlich auf, denn sie waren das schon so gewohnt, dass, wenn Einer irgend wohin sollte, auch die Andern jedes Mal mitgingen. Als sie fertig waren, gingen sie sammt und sonders hinaus auf den Wasen vor dem Haus, wo Steinthor bereits mit mehreren anderen Männern stand und auf sie wartete.

„Wir sind bereit, dir überall zu folgen,“ begann Hovard, „wohin du es nur begehrst, wir gehen gerne mit dir durch Dick und Dünn; mein Ansehen als Mann erheischt es indessen, dass ich nirgends hingehe, ohne dass ich weiss, wohin.“ — „Ich will hin zu meinem Schwager Atli“, sagte Steinthor, „und sähe es gerne, dass auch ihr mir dahin folgtet.“

Sie gingen nun hinunter an's Meergestad; da lag das dem Thorbjörn abgenommene Schiff; sie stiessen sogleich ab, griffen tüchtig mit den Rudern aus und fuhren über den Fjord hinüber, wobei es Steinthor schien, dass sie in jeder Hinsicht tüchtige Kämpen wären, es mochte nun sein was es wollte.

Am selben Morgen stand auch Atli zeitig auf; er hatte ein weisses Wamms an, kurz und knapp Beinen und unfreundlich und hässlich anzuschauen, ausserdem auch noch kahlköpfig und hohläugig. Er ging hinaus und sah nach dem Wetter; es war kalt und gefroren draussen. Er sah, dass von jenseits des Fjords ein Schiff herüber kam und dass es schon ziemlich nahe war; auf einmal erkannte er darauf seinen Schwager Steinthor, und darüber fühlte er sich nicht gerade sehr glücklich. Auf dem Grasgarten vor dem Haus war mehr gegen das Feld zu ein eingefriedeter Platz; da befand sich ein Heuschober, der von allen Seiten zusammengetragen war.

Atli wählte nun den Ausweg, dass er eiligst zu diesem Schober hinlief, schnell in das Heu hineinkroch und darin liegen blieb. Steinthor und die Andern kamen nun ans Land und gingen in den Hof hinauf; als sie zu dem erwähnten Vorrathshaus hinkamen, sprang Thordis auf und hiess ihren Bruder willkommen, denn es war schon eine Seltenheit ihn zu sehen, wie sie sagte.

Er fragte hierauf, wo denn sein Schwager Atli hinwäre, und als sie ihm sagte, dass er erst vor Kurzem das Haus verlassen habe, bat er die Andern, ihn einmal zu suchen; und das thaten sie denn auch, konnten ihn jedoch nicht finden. „Was suchst du denn bei uns, Blutsfreund?“ fragte Thordis.

„Ich habe gedacht, ob es nicht möglich wäre, von Atli einen kleinen Vorrath von Esswaaren geschenkt oder auch gegen Geld bekommen zu können,“ sagte Steinthor.

„Nicht weniger habe ich hier zu sagen als Atli,“ erwiderte Thordis; „nimm dir nur, was dir beliebt, ich will es dir geben.“

Er dankte ihr für dieses ihr freundliches Anerbieten, und nun plünderten sie das Vorrathshaus, bis sie es ganz geleert hatten, und trugen sodann, was sie nur fanden, in das Schiff hinunter, bis es bis zum Rand vollgepfropft und beladen war; — es waren da Esswaaren jeder Art, und mehr als genug.

„Nun müsst ihr mir wieder heimrudern mit dem Schiff,“ sagte Steinthor, „ich hingegen will hier bei meiner Schwester bleiben, denn ich möchte jetzt einmal sehen, was Atli dazu sagt, wenn er nach Hause kommt und sieht, wie wir ihm mitgespielt haben.“

„Ich meine, das ist zu gar nichts gut, Blutsfreund,“ sagte Thordis, „denn Annehmlichkeiten kriegst du von ihm sicherlich nicht dafür zu hören; thue indess, was dir gut dünkt; nur musst du mir versprechen, dass du ihm gut Freund bleibst und ihm keinen Groll nachträgst, was er nun auch sagen oder thun möge.“

Das versprach Steinthor; sie versteckte ihn hierauf hinter einen Vorhang, so dass ihn Niemand sehen konnte. Die Anderen dagegen fuhren auf dem Schiff heimwärts und hatten dabei einen heftigen Sturm auf dem Meer zu bestehen, und bekamen viel Wassers in das Boot hinein, ehe sie das Land wieder erreichten.

 

Quelle:
Willibald Leo: Die Hovard Isfjordings-Sage - Hávarðar saga Ísfirðings (1878).

 

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