Willibald Leo

Die Hovard Isfjordings-Sage
(Hávarðar saga Ísfirðings)

14. Capitel

 

Auf Raudasand wohnte dazumal ein grosser und starker Mann, welcher Ljotr hiess, mit dem Beinamen Holmgangs-LjotrVon mehr als Einem kann man lesen, welcher gewohnt war, einen Kämpen nach dem andern zu fragen, ob er an Muth und Annkraft seines Gleichen kenne, und bejahte er dieses, ihm sogleich den Zweikampf anbot, um seine Behauptung durch die That zu beweisen. Viele aber ertrotzten sich durch Zweikämpfe Land und Gut, oder sonst etwas, das sie just haben wollten. Zu dieser Gattung scheint auch Ljotr (der Name Ljotr bedeutet soviel als der «Hässliche») gehört zu haben.
Die meisten Zweikämpfe wurden jedoch wegen Beleidigungen ausgefochten, und die beliebteste, gebräuchlichste Art war der Zweikampf auf einer kleinen einsamen Insel (Holm, daher Holmgang genannt), weil sich hier die Gegner in unausweichbarer Nähe gegenüberstanden.
, denn er war gar ein grosser Holmgänger; Thorbjörn Thjodreksson war früher einmal mit einer Schwester von ihm verheirathet gewesen. Es wird erzählt, dass Ljotr ein ungemein Ubermüthiger und gewaltthätiger Mann war; Jedem, der ihm nicht gab, was er von ihm begehrte, schlug er mit der Axt den Schädel ein, so dass auf Raudasand und weit und breit umher kein Mensch war, der vor ihm sicher gewesen wäre und der sich ihm nicht fügen musste.

Auf Eyri wohnte auch ein Mann Namens Thorbjörn; er war schon ziemlich bei Jahren und sehr reich, indess nicht sonderlich hochgemuth; er hatte zwei Söhne, die hiessen Grim und Thorstein.

Ljotr und Thorbjörn besassen zusammen einen Anger, und es war ausgemacht zwischen Beiden, dass ein Jahr Diesem und ein Jahr Jenem die Nutz-niessung davon zukam. Dieser Anger war sehr werthvoll, denn es floss im Frühling ein Bach darüber hin; da waren auch Dämme angebracht und Uberhaupt war für jede einzelne Sache auf das Beste gesorgt. Der Bach floss indessen gerade unterhalb Ljotrs Hof vorbei, und jedes Jahr, wenn Thorbjörn daran gewesen wäre, den Anger anzubauen, hinderte ihn Ljotr, irgendwie Nutzen von dem Bach zu ziehen, und zuletzt sagte er zu den Leuten gar noch, dass Thorbjörn keinerlei Recht auf den Anger habe und sich nicht unterstehen solle, auch nur einen Halm davon abzumähen.

Als Thorbjörn das erfuhr, sah er wohl ein, dass Ljotr der Mann war, seine Drohungen auch wahr zu machen. Es war nur ein kleiner Zwischenraum zwischen den Höfen beider Bauern, und einmal trafen sie darauf zusammen. Thorbjörn fragte Ljotr, ob es wirklich seine Absicht sei, ihm den Anger streitig zu machen. Ljotr antwortete, darüber rede er gar nicht mit ihm und befahl ihm, kein Wort mehr davon zu sagen.

„Es soll dir auch nicht mehr frommen, als den Andern,“ fügte er hinzu, „mir das zu wehren, was ich will; wähle dir nun Eines von Beiden: — entweder du findest dich drein, dass es so geschieht, wie ich es haben will, oder ich jage dich ohne Weiteres von Haus und Hof, so dass du dann weder den Anger, noch sonst was hast.“

Da Thorbjörn nun Ljotrs Ungerechtigkeit zur Genüge kannte, und übrigens Geld genug besass, kaufte er ihm den Anger einfach um den Preis ab, den er von ihm verlangte, und zahlte ihm auf der Stelle 60 HunderterHunderter, d. i. hundert Ellen Vaðmál (ein grobes Wollenzeug) nach welchem der Werth des Grundes und Bodens, sowie der beweglichen Habe auf Island eigenthümlicher-weise allgemein berechnet wurde, und was besonders den Ärmeren zu Gute kam, die Gold und Silber nicht erwerben, wohl aber ihr Vaðmál selbst weben konnten. dafür aus, und damit schieden sie von einander. Als das seine Söhne hörten, waren sie sehr böse darüber und sagten, dass das ein Raub an ihrem Erbe sei, Etwas zu kaufen, was ihm ohnedies schon gehörte.

Diese Geschichte kam nun weit und breit herum bei den Leuten. Die Brüder hüteten die Schafe ihres Vaters, und Thorstein war damals zwölf und Grim zehn Jahre alt. Eines Tages, es war im Beginn des Winters, gingen sie mit einander zum Viehstall, denn es war ein heftiger Sturm gewesen, und sie wollten jetzt nachsehen, ob auch die Schafe sämmtlich in den Stall gekommen wären. Es traf sich nun so, dass Ljotr gerade an den Strand hinab ging, um seinerseits nachzuschauen, ob kein HolzSchon damals, als Island doch noch einige wirkliche, grössere Wälder besass, konnte man das Treibholz, das reichlich ans Land schwamm, nicht entbehren, und Bauholz musste man sich aus Norwegen holen, oder es wurde von Norwegern herübergebracht und verkauft. Auch Hovard bringt am Schluss dieser Geschichte Bauholz zu einer Kirche aus Norwegen mit. Es gehörte daher auch zur täglichen Beschäftigung des Isländers, am Strand nach dem Treibholz zu sehen. ans Gestade getrieben sei, denn er nahm sich sehr um sein Hauswesen an. Als die beiden Buben zum Viehstall kamen, sahen sie Ljotr vom Meer herkommen.

„Siehst du da den Holmgangs-Ljotr?“ fragte Thorstein, „da am Meer steigt er herum.“ — „Freilich sehe ich ihn,“ antwortete Grim.

„Grosses Unrecht hat Ljotr an uns und andern Leuten begangen,“ sagte Thorstein, „und ich habe im Sinn, es zu rächen, wenn ich ihn einmal wo treffe und erwische.“

„Das ist ein thörichtes Gerede da von dir,“ erwiderte Grim, „dass du so einem grimmen Kämpen wie Ljotr etwas anhaben willst; — er ist stärker als vier, ja als fünf Männer, mit dem können Knaben wie wir uns nicht einlassen.“

„Es hilft dir nichts, dass du mich davon zurückzuhalten suchst,“ sagte Thorstein, „ich will im Gegentheil gleich schnurstracks auf ihn los gehen; du bist gerade, so Einer wie der Vater und sagst kein Wort dazu, dass er dich beraubt, wie die meisten Andern.“

„Ja, wenn es dir Ernst ist damit, es zu thun,“ sagte Grim, „so will ich dir nach Kräften beistehen, so wenig es am Ende ist, was ich zu thun vermag.“

„Leider ist es so,“ sagte Thorstein, „indessen kann es doch sein, dass es ihm noch so ergeht, wie er es verdient.“

Sie hatten nur kleine, jedoch sehr schneidige Handäxte in Händen und standen nun da und warteten, bis Ljotr an dem Haus vorbeikam. Er ging an ihnen vorbei und that, als ob er sie gar nicht sähe; in der Hand trug er eine Holzaxt; sowie er indessen nahe genug war, holte Thorstein plötzlich mit Macht aus und versetzte ihm einen Hieb über die Schulter; die Axt schnitt nicht genug ins Fleisch hinein, der Hieb war indess doch so schwer und wuchtig, dass ihm der Arm vollständig aus dem Gelenk ging. Als Ljotr sah, dass die beiden Buben mit ihm anbinden wollten, kehrte er sich mit hochgeschwungener Axt um, und wollte Thorstein damit niederschlagen; jedoch im selben Augenblick, da er die Axt schwang, sprang Grim herzu und hieb ihm die Hand gerade oberhalb des Handgelenks ab, so dass sie zugleich mit der Axt zu Boden flog. Nun liessen sie die Axtschläge, schonungslos auf ihn niederhageln, und kurz gesagt, sie schlugen den Holmgangs-Ljotr nieder und hieben ihn zusammen, ohne dabei selbst auch nur einen einzigen Schlag zu bekommen. Darauf vergruben sie ihn unter einem Schneehaufen und gingen ihrer Wege.

Als sie heimkamen, stand ihr Vater gerade unter der Thüre und fragte, warum sie so spät kämen, und wovon ihre Kleider so blutig wären; da erzählten sie ihm denn der Wahrheit gemäss, was geschehen war und dass Ljotr erschlagen sei. Er fragte weiter, ob er denn schon todt wäre, und das gaben sie zu.

„Weg von meiner Schwelle, ihr bösen Unglücksvögel!“ schrie er da entsetzt, „da habt ihr eine unglückselige That verübt: — den grössten Kämpen und noch dazu unsern Häuptling habt ihr erschlagen. Ihr habt eine solche Gewaltthat begangen, dass ich darüber um Hab und Gut kommen werde, und euch selber werden sie erschlagen, und das geschieht euch' dann gerade recht!“

Darauf stürzte Thorbjörn davon und aus dem Hof hinaus, und Grim sagte: „Ach was, fragen wir nichts nach dem Vater! — Er ist ja ein Narr, dass er so ein Geschrei von der Sache macht; er benimmt sich wahrhaftig wie eine Memme.“

„Nein, suchen wir ihn lieber wieder auf,“ sagte Thorstein, „denn es ahnt mir, dass er gar nicht so zornig und böse ist, wie er thut.“

Da liefen sie ihm denn wieder nach. Er sprach jetzt freundlich mit den beiden Knaben, und bat sie, auf ihn zu warten; dann gingen sie zusammen heim, und nach einer kleinen Weile kam er mit zwei gesattelten und gezäumten Pferden zurück und sagte zu ihnen, sie sollten einmal laufsitzen: „Ich will euch zu meinem Freunde Steinthor nach Eyri schicken; bittet ihn schön, sich eurer anzunehmen; hier ist ein Goldring von hohem Werth, und den gebt ihm; — er hat mich oft darum gebeten, ohne ihn von mir bekommen zu können, jetzt will ich ihm das Kleinod geben euch zulieb.“

Dann küsste er seine Söhne zum Abschied noch einmal, und wünschte ihnen eine recht baldige und glückliche Rückkunft.

Nun ist da weiter Nichts von ihrer Fahrt zu melden, bis sie am andern Morgen frühe auf Eyri ankamen. Sie gingen ohne Weiteres in den Hof und. in die grosse Wohnstube hinein; die letztere war ringsum mit schönen TeppichenBei festlichen Gelegenheiten schmückte man die Wand« mit Teppichen, welche gewöhnlich dunkelblau, bei Reicheren aber aus kostbaren Stoffen mit eingestickten Bildern bestanden, und die man für die gastliche Zurüstung des Hauses für unentbehrlich hielt, weshalb sie auch (nach dem Frostathingsrecht) nicht zum Erbtheil der Töchter, sondern der Söhne gehörten. behängt, und die beiden Bänke waren vollbesetzt mit Leuten, so dass man gleich merkte, wie da Lust und Fröhlichkeit herrschte. Sie traten zu Steinthor vor und begrüssten ihn nach Schick und Brauch. Er nahm den Gruss freundlich auf und fragte sie, wer sie wären.

Das sagten sie; „und da ist ein Ring,“ sagte Thorstein, „den schickt dir mein Vater und seinen Gruss damit, und dafür lasst er dich durch uns ersuchen, uns diesen Winter, und so es noth thut, noch länger bei dir zu behalten, und uns Schutz und Hilfe, zu gewähren.“

Steinthor nahm den Ring an und fragte: „Was bringt ihr mir denn sonst für Neuigkeiten?“ — Da erzählten sie ihm denn den Todtschlag Ljotrs, sowie, dass sie selbst es waren, die ihn erschlugen.

„Da haben wir wieder etwas Neues!“ rief Steinthor aus, „dass zwei Buben eines Kämpen, wie Ljotr war, Herr geworden sind; — doch warum habt ihr, denn das gethan, und was war denn die Ursache davon?“ — Darauf erzählten sie ihm genauer, wie das Ganze zugegangen war.

„Da will ich euch nun rathen,“ sagte Steinthor, „einmal zu Hovard hinzugehen, zu dem Mann dorten mit dem weissen Haar, der mir gerade gegenüber sitzt, und ihn fragt, ob er euch unter sein Gefolge mit aufnehmen mag.“

Das thaten sie; Hovard nahm sie gut auf, fragte sie gleichfalls nach neuen Ereignissen, und that, als ob er noch von gar nichts wüsste, und sie erzählten ihm nun noch einmal den ganzen Hergang der Sache. Als sie damit zu Ende waren, sprang Hovard auf, schritt auf sie zu und sang ein Lied:

„Es reicht euch die Rechte.

Der Rächer des Sohnes;

Von dem Frevelnden, Frechen,

Befreitet ihr uns.

Und Kunde lasst kommen

Zu den Kämpen im Westen,

Dass die Hämischen hören

Von Hovards Hass.“

Hovard wies den Brüdern einen Platz neben sich gegen die Thüre zu an, und nun sassen sie allzumal fröhlich und wohlgemuth beisammen. Diese Zeitungen verbreiteten sich ringsum am ganzen Raudasand und noch viel weiter im Umkreis. Den Leichnam Ljotr's fand man an der Stallwand in einer Blutlache liegen, und man kam zu Thorbjörn und befragte ihn. Er läugnete nicht, dass ihn seine Söhne erschlagen; da indess Ljotr allgemein unbeliebt war und Thorbjörn sagte, er selbst sei darüber sehr zornig gewesen und habe seine Buben von Haus und Hof gejagt desshalb, was ihm seine Hausj genossen und Dienstleute auch bestätigten, so gerieth er in keinen Todtschlags- und Sühnestreit darob, und Thorbjörn sass somit in Ruhe auf seinem Hof Eyri.

 

Quelle:
Willibald Leo: Die Hovard Isfjordings-Sage - Hávarðar saga Ísfirðings (1878).

 

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