Willibald Leo

Die Hovard Isfjordings-Sage
(Hávarðar saga Ísfirðings)

11. Capitel

 

Nun ist weiter von Thorbjörn und Hovard zu erzählen, dass sie eine grosse Strecke vom Land wegschwammen, bis Thorbjörn zu einem Felsenriff hinkam, welches einsam in der See draussen lag. Als er es mit Mühe und Noth erreichte, langte auch Hovard daselbst an. Das sah Thorbjörn, und da er ohne jede Wehr und Waffe war, ergriff er einen grossen Stein und wollte ihm diesen an den Kopf schleudern. Als Hovard dies gewahrte, kam es ihm plötzlich in den Sinn, dass er von Leuten, die aus andern Ländern kamen, vernommen habe, dass dort ein anderer Glaube herrschte, als da in den Nordlanden; und so that er denn schnell ein Gelübde, wenn ihm Jemand die Gewissheit gäbe, dass jener Glaube der wahrere und bessere sei, ihn annehmen zu wollen, so er Sieger bliebe im Kampf mit Thorbjörn, und so drang er denn mit aller Macht auf die Klippe ein.

Im nämlichen Augenblick jedoch, wo Thorbjörn den Stein gegen Hovard erhob, rutschte er mit den Füssen auf dem glatten und schlüpfrigen Felsengrund aus, so dass er rücklings zu Boden stürzte; der Stein dagegen fiel ihm selbst auf die Brust und er verlor sofort das Bewüsstsein. Da schwang sich denn Hovard vollends auf die Klippe hinauf und durchbohrte ihn mit seinem eigenen Schwert Gunnlogi.

Auch Hallgrim war jetzt auf die Klippe hinaufgekommen und sah, dass Hovard dem Thorbjörn noch einen furchtbaren Hieb quer über das Gesicht hin versetzte, so dass ihm die Vorder- und die Backenzähne herausgebrochen wurden, Hallgrim fragte ihn, warum er denn mit einem Todten so böse umgehe.

Hovard antwortete: „Es ist mir wieder in den Sinn gekommen, wie mir Thorbjörn damals das zusammengebundene Tuch ins Gesicht schlug und wie da meines Sohnes Olafs Zähne aus dem Tuch herausfielen, die er ihm mit demselben Schwerte aus dem Mund herausgehauen.“

Darauf schwammen sie wieder ans Land zurück, und wer nur seitdem davon sprach, der war der Ansicht, dass sich Hovard dazumal sehr kühn und mannhaft bewiesen, da er in den Fjord hinausschwamm, ohne zu wissen, ob überhaupt eine Klippe da draussen wäre, und das war gar ein grosses Stück zu schwimmen gewesen. Als sie endlich den Schiffshügel wieder erreichten, kam ihnen ein Mann mit hochgeschwungener Axt entgegengelaufen, er hatte einen langen, blauen Bauernrock an, welcher untenher in einen Knoten zusammengeschürzt war, um ihn beim Gehen weniger zu hindern; sie wandten sich gegen ihn; als sie jedoch zusammentrafen, erkannten sie erst, dass es Thorfi Valbrandsson war, und begrüssten ihn voll Freuden, Thorfi fragte nun, ob Thorbjörn glücklich erschlagen wäre, und Hovard sang das Lied:

„Ich habe dem Helden

Das Haupt nun gespalten,

Da schwitzt er im Tode

Vom Schweisse des Schwertsd. i. Blut.

Doch Gunnlogi's Goldring

Sass mächtig am Griffe,

Als ich rächend zur RanaRan - die tückische Meeresgöttin

Den Räuber gesandt.“

Hovard fragte dann, was sie inzwischen vollführt hätten, und Thorfi antwortete, dass Sturla und die Hausknechte gefallen seien, „doch auch der Onn ist todt!“ fügte er traurig hinzu. Da begann Hovard zu singen:

„Vier mordliche Männer

Machten wir nieder;

So räch' ich an Thorbjörn

Des Theueren Tod.

Von meinen Mannen

Musst' Einer fallen;

Onn wurde mit Walfisch

Walzen gefällt.“

Sie gingen nun zur Schiffshütte hinauf, da waren ihre Kampfbrüder, welche sie freundlich begrüssten. Eyjulf Valbrandsson fragte, ob sie auch die leibeigenen KnechteDass die Sklaverei im alten Norden überhaupt bestanden, wissen wir aus fast allen altnordischen Sagen etc., ja es wurde sogar Handel mit ihnen getrieben. — Die leibeigenen Knechte, Sklaven, waren entweder schon gebome Sklaven oder, was besonders in den kriegerischen Zeiten der Fall war, Gefangene und Besiegte; letztere wurden noch strenger gehalten, als die in Leibeigenschaft Geborenen, da man ihnen stets misstraute und auch allen Grund dazu hatte. Die Sklaven waren eine ganz rechtlose Sache und galten nicht mehr als die Hausthiere; der Besitzer konnte mit ihnen thun, was er wollte, sie sogar verstümmeln und tödten, nur musste dies öffentlich geschehen; wer einen Sklaven heimlich erschlug, wurde in die Acht (Friedlosigkeit) erklärt. umbringen sollten; Hovard antwortete, dass das keine Rache für Olafs Tod wäre, wenn man solches Volk dafür tödtete.

„Lassen wir sie hier bleiben über Nacht und Wache halten, dass Keiner stiehlt, was da in die Bucht hereintreibt.“ Hallgrim fragte, was nun die Andern thun sollten.

„Wir wollen das Schiff nehmen,“ erwiderte Hovard, „und was nur irgendwie von Werth ist, und gen Monaberg hinfahren, um Ljotr den Kämpen zu treffen; das ist ein Mann, bei dem es wenigstens der Mühe werth ist, wenn man Rache an ihm übt und ihn erschlägt, so es geht.“

Sie nahmen nun das Schiff und all die vielen Kleinode, welche Thorbjörn und die Andern im Kampfe zurückgelassen, und ruderten gen Monaberg zu, über den Fjord hinüber.

„Jetzt müssen wir die Sache gar schlau anfangen,“ sagte Hovard, „denn Ljotr ist sehr vorsichtig, da er bestündig in Gefahr schwebt; er lässt sich jede Nacht gut bewachen und schläft in einem mit Schlössern wohlversperrten SchlafgemachZum Schlafen war gewöhnlich ein besonderes Gebäude im Hofe errichtet, nämlich das Schlafhaus, Schlafgelass, welches nichts weiter enthielt als die Betträume. Eine alte, auch im übrigen Norden herrschende Sitte was es, dass die ganze Hausgenossenschaft in demselben Räume zusammenschlief, ohne Unterschied des Geschlechtes und Dienstverhältnisses. Gegen Ungehörigkeiten schützte die strenge Zucht, und als äussere Abwehr brannte gewöhnlich ein Licht.; gerade unter seinem Bett befindet sich ein unterirdischer GangUnter dem Schlafhause war zuweilen ein unterirdisches Gemach angelegt, das sog. Erdhaus (iarðhús), da man nach den damaligen Verhältnissen nie sicher war, dass nicht plötzlich Bluträcher den ganzen Hof umstellten, und Alles, was da war, niederbrannten. In solcher Gefahr war dann allein durch das Erdhaus eine Rettung möglich; deshalb befand sich auch stets ein Vorrath an Kleidern, Nahrungsmitteln u. dgl. unten, und ein unterirdischer Gang führte von da aus in's Freie. Uebrigens war das Erdhaus nur dem Herrn des Hauses selbst bekannt., welcher an seinem andern Ende hinter den Häusern ausmündet; er hat auch beständig eine Menge Mannsvolk als Wacht um sich.“

„Das ist mein Rath,“ sagte Thorfi Valbrandsson, „dass wir ihm einfach das Haus Uber dem Kopf anzünden und ihn mit Mann und Maus niederbrennen.“

Hovard sagte, das halte er nicht für räthlich, — „sondern du musst mit unserm Blutsfreund Hallgrim da droben bei den Häusern bleiben,“ sagte er, „rund das Ausschlupfloch des unterirdischen Ganges bewachen, das glaube ich, wird besser sein... Der Hof hat aber da noch zwei andere Ausgänge, und auch die Wohnstube hat zwei Thüren; nun wollen Eyjulf und ich bei dem einen, Odd und Thorir bei dem andern hinein und dann in die Stube gehen; du Thorhall hingegen musst hier auf das Schiff Acht geben und es tapfer vertheidigen, wenn es nothwendig sein sollte.“

Nachdem er so Alles nach seinem Gutdünken angeordnet hatte, gingen sie zu dem Hof hinauf. Da stand ein grosses Vorrathshaus von den übrigen Gebäuden getrennt auf dem Vorplatz, und darin sass ein bis an die Zähne bewaffneter Mann an der Wand. Als sie näher hinkamen, sah er sie, sprang auf und lief hin, um sie nach Gebühr zu empfangen. Hallgrim ging zuvorderst, er schleuderte seinen Speer nach ihm und durchbohrte ihn da an der Wand, und er hauchte auf der Stelle an dem Speer sein Leben aus. Darauf gingen sie weiter, wie sie es mit einander ausgemacht; Thorfi und Hallgrim bewachten die Ausgänge.

 

Quelle:
Willibald Leo: Die Hovard Isfjordings-Sage - Hávarðar saga Ísfirðings (1878).

 

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