Willibald Leo

Die Hovard Isfjordings-Sage
(Hávarðar saga Ísfirðings)

9. Capitel

 

Es vergingen nun einige Tage, bis es ihr wahrscheinlich erschien, dass Thorbjörn vom Westen her wieder zurückkommen musste. Da trat sie denn eines Tages wieder vor Hovards Bett hin und fragte ihn, ob er schlafe. Da richtete sich Hovard auf und sang das Lied:

„Nicht schloss sich mir schlummernd

Das Auge im Schlafe,

Es reizte zur Rache

Mich rasender Schmerz.

Seit wild des Wütherichs

Waffen erdröhnten,

Der schändlich erschlagen

Meinen schuldlosen Sohn.“

„Das ist gewiss,“ sagte sie, „dass es eine grosse Lüge ist, dass du schon drei Jahre lang nicht mehr geschlafen hast; aber jetzt ist es Zeit, einmal aufzustehen, und dabei so rasch und hurtig zu sein, als nur möglich, so du anders deinen Sohn noch rächen willst; denn all' deine Lebtage wird er nicht mehr gerächt, wenn er in dieser heutigen Nacht nicht gerächt wird.“

Als er da begriff, was sie zu ihm sagte, sprang er vom Bett auf, und mit einem Satz heraus auf den Boden, und begann das Lied zu singen:

„Rühmliche Runen

Zu singen von Rache,

Das lasset ihr, tauschend.

Dem leidenden Greis.

Des Theueren Todtschlag

Weckt mich zu Thaten;

Doch gestürzt ist mein Stolz nun,

Gefallen mein Stamm.“

Nun war Hovard mit einem Mal ungemein rührig, und es fiel ihm gar nicht-schwer zu gehen. Er schritt auf eine grosse Kiste zu, die voll war von lauter edlen Gewaffen, machte den Deckel davon auf, setzte einen Helm auf den Kopf und zog einen starken Panzer an; er blickte dabei auf und sah eine Möwe am Fenster vorbeifliegen. Da hub er an zu singen:

„Fütterung fordernd,

Folgen uns Möwen;

Sie umkreisen uns krächzend,

Kreischen vor Lust.

So kreischt' auch der graue

Vogel des Grabes,

Wenn Blutgier plagte

Mein blinkendes Schwert.“

Es ging ihm ganz rasch und leicht von der Hand, sich da zu wappnen. Den Thorhall rüstete er ebenfalls mit guten Waffen aus, und als sie fertig waren, wandte er sich zu Bjargey, küsste sie und sagte, dass es nun gar nicht gewiss wäre, ob sie sich im Leben noch einmal sehen würden.

Sie sagte ihm Lebewohl: „Nicht erst zu reizen brauche ich dich, unsern Sohn zu rächen, denn ich weiss, wo du hingehst, da ist Eifer und mannhaft Thun mit im Gefolge.“ — Mit diesen Worten schieden sie von einander.

Hovard und Thorhall gingen nun zum Meer hinunter, setzten sich in ein sechs ruderiges Boot und hoben tüchtig mit den Rudern aus; sie ruhten und rasteten nicht, bis sie zu Valbrands Hofe hinkamen; da landeten sie und legten das Boot an einem kleinen Vorgebirg an, welches schroff in die See hinaushing. Hovard bat Thorhall, auf das Boot Acht zu geben, während er selbst sich auf den Hof hinauf begab; in der Hand trug er einen Speer, eine herrliche Wehr.

Als er auf den Anger hinaufkam, war Valbrand mit seinen Söhnen da. Die Brüder hatten ihre Kleider abgelegt und waren gerade mit der HeuerndteAuf Island beruhte alle Feldwirthschaft auf der Wiesenpflege, so dass man isländisch unter Arbeit (önn) ohne Weiteres Heuerndte, ebenso wie unter Schlag oder Schnitt (slátt) Heuschnitt und unter slátta schneidbares Heu verstand. War das Gras schnittreif, dann zog Alles ohne Ausnahme ins Heu hinaus. Die Männer schnitten und die Weiber schichteten das Heu in grosse Haufen auf, welche dann mit einem Zatme von Torf oder Holz geschützt wurden. Wenn das Heu missrieth, mussten die isländischen Thiere mit Fischen vorlieb nehmen, und wurde ein Arbeiter während der Erndtezeit krank, so musste er seinem Herrn für drei Tage Schadenersatz leisten. beschäftigt; auch ihre Schuhe hatten sie weggethan und neben sich auf die Erde hingestellt; es waren sehr hohe Schuhe. Valbrand ging Hovard entgegen, hiess ihn willkommen und bat ihn, da zu bleiben.

Er antwortete, dass er das nicht könne; „ich komme bloss, um mir die beiden Zugnetze zu holen, welche du deiner Schwester zu leihen versprochen hast.“

Valbrand begab sich hin zu seinen Söhnen und sagte: „Das ist Hovard, euer Ohm, der hieher gekommen ist, und er ist gewappnet, als habe er etwas Grosses vor.“

Als sie das hörten, warfen sie ihre Rechen weg und liefen zu ihren Kleidern hin; als sie ihre Schuhe anziehen wollten, waren diese im heissen Sonnenschein steif geworden wie Bockleder, aber sie schlüpften so rasch in sie hinein, dass sie sich die Haut an den Fersen aufschürften; und als sie heimkamen, waren ihre Schuhe voll Blut.

Valbrand gab seinen Söhnen gute Waffen mit und sagte: „Helft jetzt dem Hovard nur recht tüchtig und denkt mehr an die Rache selbst, als an deren Folgen.“

Von da aus fuhren sie nach Thorbrandsstatt; Odd und Thorir waren ebenfalls sogleich bereit; und zuletzt fuhren sie nach Osbrandsstatt. Hovard fragte nach der Torfaxt, und da machte sich sein Neffe Hallgrim gleich fertig, ihm zu folgen.

Bei Osbrand hatte ein Mann Schutz und Unterkunft gefunden, welcher Onn hiess; er verrichtete die Arbeiten eines Hausknechtes und war Hallgrim's Pflegevater; er machte sich nun auch fertig, mitzugehen. Als sie nun sämmtlich kampfbereit waren, gingen sie zu dem Boot hinunter, wo Thorhall sie freundlich aufnahm; sie waren nun ihrer acht an der Zahl, Einer mordlicher als der Andere.

Hallgrim sagte zu Hovard: „Warum bist du denn von Haus weg, Blutsfreund, sonder Schwert und Axt?“

„Wenn es das Glück will,“ sagte Hovard, „dass wir jetzt mit Thorbjörn Thjodreksson zusammentreffen, dann sollst du mir nicht mehr so fragen, wenn wir wieder auseinandergehen; denn ich hoffe das Schwert Gunnlogi mit nach Haus zu bringen; das ist gar ein gut und trefflich Gewaffen, und für mich das beste.“

Das wünschten sie, dass er das in einem glücklichen Augenblick gesagt haben mögeWie man im Norden nach unsem Begriffen überhaupt abergläubisch war, so hielt man ungemein viel auf ein gutes Vorzeichen, und unternahm man irgend Etwas, so sah man sich sehr vor, dass man es nicht an einem «Unglücks verheissenden» Tag beginne; und so glaubte man denn auch, dass ein Wunsch nur dann in Erfüllung gehen könne, wenn er in einem glücklichen Augenblick ausgesprochen wurde.; „es ist uns sehr viel daran gelegen, dass unsere Fahrt werth ist, dass man mit Stolz davon rede.“

Indessen war es schon spät geworden, und sie stiegen daher ins Boot hinein, stiessen vom Lande ab und griffen wacker aus mit den Rudern. Sie sahen einen ganzen Rabenschwarm vor sich herund über das Vorgebirg hinüberfliegen, das da vor ihnen lag. Und Hovard begann zu singen:

„Nicht spärliche Speise

Versprach ich den Raben,

Wenn Glück uns begleitet,

Der Rachetag glänzt.

Hörst du, o Hallgrim,

Die Hungrigen schreien?

Sieg schon und Sühne

Seh' ich im Geist!“

Sie fuhren über den Sund hinüber, der Wind peitschte mit Sturmesungestüm die Fläche des Fjords, so dass die Wogen hoch über den Steven in das Schiff hineinschlugen; sie ruderten jedoch tüchtig vorwärts und ruhten nicht, bis sie vor Laugabol ankamen. Da war es gut zu landen, denn von Thorbjörn war daselbst ein guter Hafen angelegt, und der Strand überhaupt durch Aushubarbeiten so in Stand gesetzt worden, dass man da nirgends auf Untiefen stiess, und dass kleinere Schiffe da liegen konnten, und grössere ebenfalls; woher es denn auch kam, dass man sich nicht erst nass zu machen brauchte, wenn man zu Schiff, oder von diesem an's Land gehen wollte, es mochte nun ein grosses Segelschiff oder bloss ein Boot sein. Auch waren da grosse Rippknochen von Walfischen mit den Enden fest zwischen die Steine eingepfählt anstatt der Walzen, wenn die Schiffe an's Land gezogen werden sollten. Obenher war ein Hügel von Steingeröll aufgeworfen, und noch eine Strecke weiter hinauf befand sich eine gutgelegene und gutgebaute Schiffshütte mit Thüren daran; auf der andern Seite unterhalb des Hügels lag eine grosse, ringsum eingeschlossene Bucht. Von der Schiffshütte aus konnte man nicht bis hinunter zum Uferrand schauen, von der Höhe des Hügels aus sah man hingegen sowohl die Schiffshütte, als den Uferrand.

Als sie an's Land kamen, sprangen sie aus dem Boot heraus und Hovard sagte: „Nun wollen wir das Boot herauf und über den Steinhügel da hinübertragen bis zur Bucht hin; wir selbst wollen hinter dem Hügel bleiben, damit sie uns nicht gleich sehen; und lasst uns nun nicht allzu hitzig zu Werke gehen; ihr müsst still sein und euch nicht rühren, bis ich es sage.“ — Inzwischen war es schon sehr dunkel geworden.

 

Quelle:
Willibald Leo: Die Hovard Isfjordings-Sage - Hávarðar saga Ísfirðings (1878).

 

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